4. 12. 1829: Verbot der Witwenverbrennung

Dezember 4, 2022 admin No comments exist

Indien – geheimnisvoll, farbig, exotisch. Ein faszinierendes Land. Einmal im Leben bekam ich die Chance, dorthin zu reisen – und ich wehrte mich mit Händen und Füßen. Bei aller geheimnisvollen farbigen Exotik vermittelte es mir vor allem das Gefühl von Frauenfeindlichkeit. 

Ich bin weiß der Himmel keine Emanze, aber ich möchte kein Land bereisen, in dem Frauen noch mehr gehasst und verachtet und mies behandelt werden als in China oder dem Iran. Vor einigen Jahren besagte eine Studie, dass in Indien alle zwanzig Minuten eine Frau vergewaltigt würde. Das war allerdings eine Schätzung, weil die wenigsten dieser Straftaten jemals zur Anzeige kommen, da es sich einfach nicht empfiehlt. Das einzige, was meistens dabei herauskommt, sind Demütigung oder sogar Vergeltung.  

Als ich noch ganz neu in Facebook war, war etwa sieben Jahren, nahm ich aus Versehen einen indischen Freund an: Seine Nationalität war auf den ersten Blick für mich nicht ersichtlich, zumal er sich in Deutschland aufhielt. Er drängte sehr schnell auf eine Begegnung, und als ich das – zunächst nett und höflich – abschlug, krempelte sich sein Charme innerhalb kürzester Zeit in geballte negative Emotionen um. In dieser Form und Heftigkeit habe ich so etwas noch nie erlebt: Das war, plötzlich, blanker Hass. Er drohte damit, mich mit Säure zu begießen, er erklärte, er wüsste, wo ich wohne (was ich bezweifelte, aber es war unkomfortabel) und teilte mir seine Absicht mit, meine Eltern  abzuknipsen. In diesem Zusammenhang empfand ich es beruhigend, dass die bereits beide nicht mehr lebten. 

Natürlich habe ich ihn blockiert und von da ab, immer bemüht, nicht rassistisch zu sein, keinen indischen Facebookfreund mehr angenommen. Ich wusste ja auch vorher – ohne rassistisch zu sein – eigentlich genug über indische Männer. Wieso ausgerechnet diese Nation in knallbunten, extralangen, von Tanz und Musik durchmischten Filmen die romantische Liebe (ganz ohne Küsse und andere Ferkeleien) zwischen Mann und Frau feiert, ist etwas rätselhaft. Ohne rassistisch zu sein.

Es scheint unklug, in Indien als Frau zur Welt zu kommen. Sofern man es über die Schwelle schafft. In keinem anderen Land werden mehr weibliche Föten abgetrieben oder weibliche Säuglinge entsorgt. Eine Frau, die ein Mädchen zur Welt bringt, macht sich damit nicht besonders beliebt. Und obwohl inzwischen ein deutlicher Männerüberschuss herrscht, werden weibliche Personen dadurch keineswegs höher eingeschätzt.

Traditionell ist in Indien die Sitte der Witwenverbrennung. Nun herrschte in einigen Kulturen, von Indigenen bis zu den Wikingern, der beliebte Brauch, einem geschätzten Verstorbenen lebendes Material hinterher zu schicken – doch meistens in ziemlich grauer Vorzeit.

Im malerischen Indien findet dergleichen noch im 21.Jahrhundert statt, wenn auch viel vereinzelter als früher. (Was allerdings jeder vereinzelt verbrannten Witwe kein Trost sein dürfte.) Da es offiziell verboten ist, hält man das Ritual inzwischen oft ohne großen Pomp ab, stattdessen wird es gern, mithilfe von etwas Benzin und einem Streichholz, als Küchenunfall getarnt. Dadurch verwandelt sich die Hinterbliebene zur Sati, das ist beinah heillig.

Was ist das Schöne an einer Witwenverbrennung? Wieso hängt ein nicht geringer Teil der Hindu noch daran?

Zunächst mal, heißt es, macht eine Sati glücklich. Eventuell nicht sich selbst – falls ihr die rechte Motivation fehlt, helfen Brüder oder Väter gern etwas nach – aber die Zuschauer und die Dorfgemeinschaft ziehen Nutzen aus der Tat, fühlen sich durch die verkohlte Witwe beschützt und gesegnet. Außerdem beweist sie durch ihren Sprung oder Sturz in die Flammen, dass sie nicht am Tod ihres Gatten Schuld ist.- was schließlich immer naheliegen würde. Da sie jedoch ihr Ende mit dem seinen engverbunden sehen muss, wird sie hübsch aufpassen, dass der Hausherr am Leben und bei Gesundheit bleibt.

Zweitens ist eine Sati wirtschaftlich vorteilhaft. Theoretisch könnte eine Witwe nämlich ihre Mitgift zurückverlangen und sich damit ein vergnügtes Leben gestalten. Das liegt nicht im Interesse der restlichen Familie. Die findet es im Prinzip sinnvoller, die Aussteuer zu behalten. 

Drittens ist Sati – zumindest in traditioneller dörflicher Gemeinschaft – das einzig Ehrenwerte, was die Frau eines Verstorbenen werden kann. Falls es also nicht gelingt, sie am toten Gatten festzubinden, von etwas erhöhter Stelle hineinzuschubsen oder in eine kleine Holzhütte einzusperren, die sich mitten im Scheiterhaufen befindet, dann gilt die Lebendige als ehrloses, böses Weib: sehr wahrscheinlich sogar als Mörderin. Falls sie darauf besteht, mit dem Leben davonzukommen, hat sie sich unverzüglich den Kopf zu rasieren, darf nur noch grobe weiße Baumwollkleider tragen, an keinem Fest mehr teilnehmen und nie mehr Fleisch essen. Natürlich wird sie von der Familie verstoßen und keiner grüßt sie jemals wieder.

In dieser Verfassung pilgern viele Witwen in die Stadt Vrindavan, die dem Gott Krishna geweiht ist. Falls der ihnen vergibt, können sie eventuell aus einem Dasein erlöst werden, das ihnen selbst und anderen Unheil bringt. Die weißgekleideten Witwen in Vrindavan ernähren sich vom Betteln. Was dafür spricht, dass es den hinterbliebenen Familien gelungen ist, die Mitgift nicht herauszurücken.

Nun war Indien ja eine Weile englische Kolonie. Und einer der Generalgouverneure, Lord William Bentinck, hatte kaum das Sagen im Land, als er auch schon, am Sonntagmorgen des 4. Dezember 1829, respektlos und ohne Achtung vor der Tradition solche Sachen wie Kinderehen, das Töten weiblicher Babys und Witwenverbrennungen verbot.

Die Einheimischen entwarfen daraufhin eine von mehreren Tausend Hindu unterschriebene Petition, in der sie verlangten, ihnen ihre Sitten gefälligst zu belassen. Der Fall ging 1832 an den Privy Council in London. Dieses Gericht stimmte jedoch der Ansicht des Generalgouverneurs zu. Die Witwenverbrennung blieb verboten. 

Tratitionalisten sahen sich von da ab gezwungen, ihre ehrwürdigen Rituale im Geheimen abzuhalten. Kein Wunder, dass die Inder wütend auf Lord Bentinck waren. Es verbreitete sich das Gerücht, er (dem offenbar nichts heilig war) sei in Begriff, das Taj Mahal abzureißen, um den Marmor zu verkaufen …

Glücksfaktor, eigentlich nicht allzuoft: Alte Sitten und Gebräuche.

 

 

 

 

 

 

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