7. April 1831: der fünfjährige Pedro wird Kaiser von Brasilien

April 7, 2021 admin No comments exist

Hier sehen wir ihn auf dem Schoß seiner Mama, der Kaiserin Maria Leopoldine. Da war er neun Monate alt.

Ein Vierteljahr später starb sie dann übrigens, neun Tage nach Pedros erstem Geburtstag. Sie war erneut schwanger gewesen, und sein Papa, der Kaiser, hatte einen seiner schrecklichen Wutanfälle bekommen und seine Frau nicht nur geschlagen, sondern ihr auch mehrfach heftig in den Bauch getreten. Deshalb gab es kein neues Geschwisterchen, sondern drei Jahre später eine neue Stiefmutter.

Dass Lateinamerika im 19. Jahrhundert von verschiedenen Kaisern regiert wurde, ist nicht sehr bekannt. Vielleicht weiß man noch am ehesten vom mexikanischen Kaiser Maximilian, einer von den Österreichern, der erschossen wurde, während sein armes Weib in Europa an den verschiedenen Fürstenhöfen um Hilfe bettelte und schließlich durchdrehte.

Also auch Brasilien wurde überraschend zu einem (zunächst) Königreich und später zum Kaiserreich gemacht, 1815, von Wien aus. Da tagte der Wiener Kongress und entschied, was zu geschehen hatte. Nachdem Napoleon die Welt in die eine Richtung umgekrempelt hatte, krempelte Metternich sie nun zurück und hier- und dahin, wie es ihm nützlich erschien. Im Zuge dessen zog ein Zweig der portugiesischen Königsfamilie Braganza und Bourbon nach Südamerika. Zu dieser Familie gehörte auch Peter (später der 1. Kaiser von Brasilien, der Vater von Pedro II., also der Bauchtreter.) 

Er war ein schwieriger Charakter. Er hasste seine Mutter, nicht ganz zu Unrecht, denn sie betrog und demütigte seinen Vater. Peter fühlte sich stellvertretend mitgedemütigt und nannte seine Mama öffentlich ‚die Hündin‘. Er war impulsiv, unüberlegt, launisch und ein Schürzenjäger erster Ordnung. Obwohl er Frauen eigentlich nicht leiden konnte, zogen sie ihn an. Und das war gegenseitig: Seine erste Frau Maria Leopoldine, die arme Seele, eine österreichische Prinzessin, wusste sich vor Glück über die Verlobung mit dem kaiserlichen Prinzen gar nicht zu lassen.

Sie schrieb ihrer Schwester, wie sehr sie sich freue; dass Brasilien ein gesegnetes Land sei, und dass das Portrait ihres Verlobten sie ‚halb narrisch‘ mache: Er sei so schön wie  Adonis.

Was auch immer für ein Portrait das gewesen sein mag, Maria Leopoldine fühlte sich nicht enttäuscht, als sie dem Adonis 1817 in Rio de Janeiro begegnete und ihn heiratete. Für einige Jahre  war sie sehr verliebt und glücklich, denn Pedro achtete sorgfältig darauf, dass sie von seinen verschiedenen Liebesabenteuern nichts erfuhr. 

Das Jahr 1822 (in dem Pedro I. auch zum Kaiser gekrönt wurde) änderte alles. Auf einer Reise begegnete er Domitília, einer selbstbewussten, geschiedenen Frau aus der guten Gesellschaft Brasiliens.

Das war mehr als eine kurze Affäre, es wurde eine große Liebe. Und weil Domitia ihm so wichtig war, nahm Pedro I. jetzt keine Rücksicht mehr auf seine Frau, im Gegenteil. Sein Verhalten war gar nicht so ungewöhnlich und einzigartig: Weil er ein schlechtes Gewissen Maria Leopoldine gegenüber hatte, war er wütend auf sie. Weil er wütend auf sie war, behandelte er sie gemein. Er demütigte sie wo er konnte, verspottete sie, schrie sie öffentlich an und begann, sie zu schlagen, auch, wenn  sie dabei gesehen wurden.

Er machte Domitia zu einer der Hofdamen seiner Frau und ließ ihre gemeinsamen Kinder zusammen mit seinen ehelichen Kindern erziehen. Aparterweise bekam seine Geliebte am 7. Dezember 1825 einen Sohn, der Pedro genannt wurde – genau fünf Tage, nachdem Maria Leopoldine ihren kaiserlichen kleinen Pedro zur Welt brachte. (Domitias Baby starb allerdings nach drei Wochen.)

Maria Leopoldine war verzweifelt. Sie schrieb an ihre Schwester, sie verlange keine Rache, aber Mitleid für den Notschrei eines Opfers.

Nachdem sie also den letzten, tödlichen Streit mit ihrem Mann gehabt hatte und an der Fehlgeburt starb, war Pedro I. betroffen. Er meinte, Maria Leopoldine erschiene ihm als trauriger Geist. Jetzt begann er, mit Domitia zu streiten und sie aus seinem Bett zu jagen – denn nun bereitete sie ihm ein schlechtes Gewissen. Er kümmerte sich plötzlich viel um seine ehelichen Kinder, vor allem um das Baby Pedro, das er oft mit sich herumtrug und ihm erzählte: „Armes Kind, du bist der unglücklichste Prinz der Welt …“

Schließlich schickte der reumütige Kaiser Domitia ganz und gar vom Hof, samt ihrer Kinder, er schrieb seinem Schwiegervater einen langen Brief, in dem er sich selbst anklagte und versicherte, er würde ein Besserer werden, das habe er Gott versprochen. 

Sodann bemühte er sich, wieder zu heiraten. Das war schwierig, denn sein Ruf war grauenhaft und alle königlichen Prinzessinnen Europas, denen er einen Antrag machte, sagten höflich Nein danke. Bis auf eine: Amélie von Leuchtenberg. Die heiratete den Kaiser 1829. Pedro war beeindruckt von ihrer Schönheit und ihrem klugen Wesen – und er hielt tatsächlich Wort. Er war und blieb treu wie ein Schäferhund, milde und nett.

Amélie ihrerseits  erwies sich als gute Stiefmutter für die kleinen Prinzessinnen und Prinz Pedro, inzwischen vier Jahre alt.

Und dann stellte sich heraus, dass politische Gründe erforderten, Kaiser Pedro I. von Brasilien müsse abdankten, mit seiner Familie nach Portugal gehen und seinem Sohn (5 Jahre alt) die Sache mit dem Kaiserthron Brasiliens überlassen. Zunächst hatte der kleine Kerl natürlich ‚Regenten‘, doch mit 14 Jahren wurde er für volljährig erklärt und im Jahr darauf tatsächlich gekrönt.

Ein einsamer kleiner Junge, der vielleicht wusste, wie die Ehe seiner Eltern ausgegangen war – der sich alleine einer riesigen Aufgabe gegenübersah – was konnte aus dem werden? War der nicht, auch noch begabt mit dem Erbgut seines Vaters, seelisch bereits zermanscht, dazu verurteilt, von oben bis unten zu scheitern, sehr unglücklich zu werden und das Land unglücklich zu machen?

Eigenartigerweise war das nicht der Fall. Pedro II., mit der Weisheit der Schützen begabt, wurde einer der besten Regenten aller Zeiten und war fünfzig Jahre lang ein Segen für sein Land.

Wirtschaft und Bevölkerung wuchsen enorm, Kaffee und Kautschuk wurden zu Nationalprodukten, der Kaiser ließ ein Netz von Eisenbahnstrecken, Telefonleitungen und Verkehrswegen bauen, die ersten bepflasterten Straßen, weil er voraussah, wie wichtig Infrastruktur war.

Er selbst galt fast mehr als Gelehrter denn als Politiker und er förderte die Kultur, Künste und wissenschaftlichen Fortschritt. Er sprach mehrere Sprachen fließend, er besaß eine eigene kleine Sternwarte, er ließ im Palast eine Schule für Waisenkinder einrichten, er machte weite Reisen und seine dabei gesammelten Dokumente sind inzwischen von Der UNESCO als Welterbedokumente anerkannt. Der Kaiser von  Brasilien gehörte zu den Mitbegründern des Instituts Louis Pasteur in Paris. Seine Regierungsjahre gelten zu Recht als die gesündesten und stabilsten in der Geschichte Brasiliens.

Nebenbei führte er eine zufriedenstellende, skandalfreie Ehe mit einer sizilianischen Prinzessin. Am Ende musste er trotzdem abdanken. Zum Teil, weil die Brasilianer eine Republik sein wollten. Zum Teil, weil Pedro ein leidenschaftlicher Gegner der Sklaverei war – und da stimmten seine Untertanen nicht überein; sogar der Besitz eines einzigen Sklaven galt in Brasilien als Statussymbol. Pedro II. machte sich hier durch seine Einstellung unbeliebt. Also ging er mit seiner Familie 1889 nach Frankreich ins Exil.

Übrigens  ernannten ihn dann noch einige sehr ehrenwerte Akademien der Wissenschaften, sogar die russische, zum Ehrenmitglied.

Glücksfaktor: Es ist anzunehmen, dass der zweite Kaiser von Brasilien am Ende seines Lebens zufrieden mit sich war …

 

 

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