7. September 1950: Premiere des Films ‚Schwarzwaldmädel‘

September 7, 2021 admin No comments exist

Im Mai 1945 war für Deutschland der zweite Weltkrieg zu Ende. Das mit dem Endsieg hatte nicht so richtig geklappt, viele Städte lagen fast komplett in Trümmern. Alles mögliche ging nicht, funktionierte nicht, war nicht möglich. Ein verwöhnter Wohlstandsmensch unserer Zeit wäre von morgens bis abends beleidigt gewesen.

Trümmerfrauen sortierten heile und kaputte Ziegelsteine. Nach und nach kamen (teilweise auch sehr zertrümmerte, körperlich und seelisch) Kriegsheimkehrer nach Hause. Nahezu jeder – auch der später so gutgepolsterte Schauspieler Gert Fröbe – war spindeldürr. Andererseits gellte kein Fliegeralarm mehr, keine Front  dröhnte, keine Erschießungskommandos machten Angst.  

Lebensmittelkarten wurden ausgegeben, auf denen genau stand, wieviel Brot oder Fleisch jemand kaufen durfte. Hier ist eine von 1950 aus Niedersachsen:

Die Besatzungsmächte zeigten dem besiegten Volk Filme aus Konzentrationslagern und erwarteten, dass die Leute sich schämten. Viele wurden nur wütend. Nicht wenige deutsche  Bürger verlangten (1945!), nun müsse aber mal endlich ein Schlussstrich gezogen werden, andere Länder hätten schließlich auch Kriegsverbrechen begangen.

Die ersten Spielfilme, die in diesem gebeutelten Land entstanden, waren ernst, bitter, oft sehr intelligent und sehr politisch, passenderweise Schwarzweiß. Wie die Dokumentarfilme der Siegermächte waren auch sie dazu geeignet, die Leute am Gewissen zu zwicken und zum Nachdenken zu bringen. Bloß – viele wollten bei dem, was hinter ihnen und vor ihnen lag, nicht nachdenken. Sie waren mit Überleben beschäftigt – und jetzt sollten sie sich auch noch  schämen!

Und dann kam, im Herbst 1950, etwas ganz Herrliches in die Kinos, der erste deutsche Farbfilm: ‚Schwarzwaldmädel‚. Knallbunte Frühlingslandschaft in zauberhaft schöner Gegend. So eine Natur sollten die im Ausland uns erst mal nachmachen! Eine nette, für den größten Holzkopf noch verständliche Verwechslungs- oder Irrtumsgeschichte, simple Scherze, klischeehafte Figuren, Happyend für mehrere Paare, Gesang und Tanz. Keine Art von Nachkriegselend, im Gegenteil, alles heil, alle Personen wohlgenährt und nett gekleidet, ein Hauch von Wirtschaftswunder bereits, hübsche Menschen, die Banalitäten von sich gaben, zu denen man mit dem Kopf nicken konnte. Über nichts brauchte man nachzudenken, man durfte sich einfach freuen. Und die Hauptdarsteller, Sonja Ziemann und Rudolf Prack, musste man schlichtweg lieb haben.

https://www.imdb.com/title/tt0042932/mediaviewer/rm2083860480

Der Film wurde ein überwältigender Erfolg und zog, wie eine Nadel den langen Faden, Heimatfilme hinter sich her. Berge, Täler und Almwiesen oder gern mal die Heide, wie sie blühte – 1951 wurde ‚Grün ist die Heide‚, (ganz zufällig wieder mit Sonja Ziemann und Rudolf Prack), ein noch größerer Erfolg.  In zehn Jahren entstanden mehr als 300 Heimatfilme. Alles, was deutschsprachig war, machte mit, Österreich warf ab 1955 die Sissi in die sonnige Landschaft, das war auch was heimatlich Heiles. Die Schweiz knöpfte sich Johanna Spyris Heidi vor.

Ab 1960 hatten die Zuschauer allmählich den Hals voll von Deutschlands heiterer Seite in grüner Natur. Inzwischen gabs ja schon eine neue Generation mit anderen Bedürfnissen – und zwei Jahre später so was wie die Beatles …

Glücksfaktor: Dass jede Generation mehr oder weniger die Kultur bekommt, die sie verdient.

 

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