Ab 14. August 1892 machte die Cholera es sich in Hamburg bequem

August 14, 2018 admin No comments exist

Der Sommer war ungewöhnlich heiß und trocken gewesen, das Wasser der Elbe ungewöhnlich warm, ihr Pegel ungewöhnlich niedrig. Gleichwohl stammte von hier das Trinkwasser, leider noch ungefiltert. Bürgerschaft und Senat hatten sich im Rathaus seit Langem um eine Filteranlage gefetzt; es ging natürlich um die Kosten. Die Wasserqualität der Stadt war haarsträubend.

Ein Lübecker Ingenieur, Ernst Reiche, machte dazu ein nettes kleines Gedicht:

Dem Reinen ist Alles rein

Vom Thier in Hamburg’s Wasserrohr
Da kommen 16 Arten vor:
Ein Neunaug‘, Stichling und ein Aal,
Drei Würmer leben in dem Strahl,
Drei Muscheln und drei träge Schnecken
Sich mit der munter’n Assel necken;
Ein Schwamm, ein Moosthier, ein Polyp,
Die dringen lustig durch das Sieb; –
An todten Thieren kommen ‘raus
Der Hund, die Katze und die Maus.
Noch nicht gefunden sind im Röhr
Der Architekt, der Ingenieur.

Die Cholera hatte es, so gesehen, leicht. Sie wurde vor allem zur Krankheit der Armen.Der Senat verbot so lange wie möglich, den Ausdruck Seuche zu benutzen, um die geschäftlichen Interessen zu wahren. Mit anderen Worten: Damit der Handel weitergehen konnte, erfolgte keinerlei Warnung vor der Ansteckungsgefahr. Trotzdem wisperte sich was herum. Wer es sich leisten konnte, verließ hastig die Stadt.

Die potenziellen Opfer mussten bleiben: Menschen, die zusammengeknüllt rund um St. Jacobi und den Michel und am Hafen wohnten. Man nannte diesen Bezirk Gängeviertel, weil es hier zwischen den Häusern keine Straßen gab, nur schmale Spalten und hängende hölzerne Verbindungen. Oft ohne Tageslicht wohnten bis zu zehn Personen in einem Zimmer. Auf kleinen Höfen gab es die Toiletten, meistens zwei für acht Familien, vorsichtig gesagt nicht sehr sauber …

Nachdem nichts mehr zu verheimlichen war, lag über der Stadt der Duft von Chlorkalk und Karbol.

Die Stadt verteilte Zettel vor allem an die Bewohner der Elendsviertel. Darauf stand, es sollte nur abgekochtes Wasser genossen werden. Das war gut gemeint, hatte jedoch wenig Zweck, weil nur wenige lesen konnten.

Der zu Hilfe gerufene bekannte Bakteriologe Robert Koch schrieb entsetzt an seine Majestät, den Kaiser: „Ich habe noch nie solche Brutstätten für Ansteckungskeime gesehen wie in den sogenannten Gängevierteln, die man mir gezeigt hat, am Hafen, an der Steinstraße, an der Spitalerstraße oder an der Niedernstraße. Ich vergesse, daß ich mich in Europa befinde.“

Es gab zwei Methoden der Behandlung. Zunächst hatten die Erkrankten dreimal täglich acht Tropfen verdünnte Salzsäure zu schlucken. Darüber hinaus verabreichten die Ärzte gegen den Durchfall Rizinusöl und Klistiere.

Die Seuche forderte mehr als 8500 Leben. Es gab bald keine Särge mehr, Massengräber mussten geschaufelt werden.

Geiz und Profitgier der Pfeffersäcke wurde bestraft, indem für mehrere Wochen nahezu jeder Handel zum Erliegen kam: Man mied die verseuchte Stadt. Das ergab, neben den Menschenleben, empfindliche finanzielle Verluste …

Damit so etwas Schreckliches (wie diese  finanziellen Verluste) so bald nicht wieder passierte, begann der Senat im Herbst 1892 Teile des Gängeviertels einzureißen. Wohin die plötzlich obdachlosen Mieter hinterher zogen – das war dann ihre Sache …

 

 

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