Uetersener Adventsgeschichte, 2. Teil

Dezember 17, 2018 admin No comments exist

Malte schaute nicht in den Garderobenspiegel, bevor er  das Haus verließ. Deshalb wusste er nicht, dass sein Haarwusch zu Berge stand, dass er stoppelbärtiger als gewöhnlich aussah und dass seine großen blauen Augen geschwollen und rot geädert zwinkerten.

Nele Peters allerdings, eine Schülerin seiner achten Klasse, bemerkte sofort, dass Herr Jansen ganz anders aussah als gewöhnlich.

Nele gehörte zu den Mädchen, die Malte einfach süß fanden. Sie war auf dem Weg zur Seminarstraße, in der das Ludwig-Meyn-Gymnasium liegt, zur zweiten Stunde: Biologie, als sie ihren Lehrer, ganz ungewohnt, mit dem Hund statt mit der Aktentasche des Weges kommen sah. Dazu in einem langsamen, unsicheren Gang und bei näherem Hingucken recht derangiert.

Natürlich hatte Nele auch schon davon gehört, dass Tonja Jansen gestern mit zwei riesigen Koffern auf dem Bookstedter Bahnhof in den Zug gestiegen war. Sie hatte sich zunächst spontan darüber gefreut, denn für ihren Geschmack war diese aufgedonnerte Zicke für einen feinen Kerl wie Herrn Jansen noch nie gut genug gewesen. Aber wenn sie ihn jetzt so ansah – Au!

Nele lächelte Malte taktvoll an, grüßte höflich und streichelte Baldur die lockigen Schlappohren. Der wedelte erfreut. Dies war ein nettes Mädchen. Sie hatte ihn einige Male Gassi führen dürfen und ihm bei dieser Gelegenheit Kotelettknochen verehrt.

Malte musterte die hüb­sche kleine Nele nachdenk­lich, ihre großen schwarzen Augen und die lustige Stups­nase. Sie verstand sich auf Tie­re.

„Magst du Hunde?”, fragte er. Das war eine dumme Frage, denn Nele und Baldur schmusten gerade ganz herz­lich miteinander. Aber Nele fand Herrn Jansen niemals dumm. Also nickte sie freundlich.

,,Dürftest du einen Hund haben? Würden deine Eltern das erlauben?”, fuhr er fort.

Nele nickte wieder. ,,Ja, sie meinen, jetzt wäre ich groß genug. Wir haben erst neulich drüber gesprochen.”

Malte reichte dem Mädchen hastig die Lederschlaufe der Hundeleine. ,,Dann schenke ich dir Baldur. Zu Weihnachten. Sei lieb zu ihm.”

Damit wandte er sich um und ging schnell, aber unsicher davon.

Nele blickte ihm mit offenem Mund hinter­her. Dann schaute sie Baldur an, der etwa ebenso verdutzt aussah.

Und dann rannte sie, den großen Hund mit fliegenden Ohren neben sich, zu­rück nach Hause. Sie muss­te Baldur ja hier abliefern, bevor sie zur Schule ging.

Inzwischen suchte Malte im Badezimmerschränkchen nach Tabletten. Tonja hatte oft Einschlafprobleme gehabt, da gab es eine Menge verschiede­ner Pillen. Er schaute grimmig in den sonnigen, funkelnden Wintermorgen hinter dem Ba:dezimmerfenster hinaus, als er die aufgelösten Mittel mit großen Schlucken trank. Nun war er neugierig auf das Jen­seits. Wie es da wohl sein mochte?

 

Malte erwachte mit Kopf­schmerzen. Etwas Übel­keit verspürte er auch und sein Hals schmerzte. Das fand er spontan enttäuschend – er hatte gedacht, mit so et­was würde man nach dem Tod nicht mehr belästigt. Er lag auf einem harten Bett, vor ihm war eine weiße, schmucklose Wand.

Wenn dies das Jenseits sein sollte, dann wirkte es erschre­ckend phantasielos.

Dann allerdings beugte sich ein Engel über ihn. Ein Engel mit großen dunklen Augen und in der Mitte gescheitel­tem schwarzem Haar. Den hatte er schon einmal gese­hen … Richtig: gestern Abend in der Kirche.

,,Das könnte· Ihnen so pas­sen, Herr Jansen!”, sagte der Engel. Er hatte eine tiefe, leicht heisere Stimme und klang recht ir­disch. ,,Ihren armen Hund ei­nem kleinen Mädchen andre­hen, ganz Pottschrapels in Trauer stürzen und abhauen. Und das auch noch kurz vor Weihnachten! Schämen Sie sich gar nicht?”

„Wer sind Sie”, flüsterte Malte mit schmerzender Keh­le. ,,Ihre Stimme kommt mir so bekannt vor. Haben wir uns schon mal – ?”

,,An meine Stimme erin­nern Sie sich? Na, immerhin. Ich bin Maike Peters; die Schwester von Nele Peters. Ich war mal Ihre Schülerin, et­wa ein halbes Jahr lang bis zum Abitur, das ist fast neun Jahre her, wir waren damals gerade nach Pottschrapels ge­zogen. Nele geht in Ihre achte Klasse.”

Maike Peters? Undeutlich erinnerte er sich. ,,Damals bist du … sind Sie aber viel dünner gewesen, nicht? Und Sie hat­ten so eine Pinselfrisur, ganz kurz und wie ein Papagei…”

,,Ja, das war meine Trotz­.Phase. Sie erinnern sich ja wirklich an mich! Ich dachte immer, Sie würden mich überhaupt nicht bemerken. Also so bemerken, wie ich’s mir ge­wünscht hätte. Gestern Abend in der Kirche haben Sie mich auch nicht wahrgenommen.”

,,Doch! Doch, das hab ich!”, widersprach Malte krächzend.

Die schöne Maike blickte zweifelnd. Übrigens trug sie einen weißen Kittel.

„Was machen Sie eigentlich hier?”, wollte er wissen.

„Ich rette Sie. Ich hab Ihnen den Magen ausgepumpt, des­wegen tut Ihr Hals sicher et­was weh. Ich bin inzwischen Ärztin und seit einigen Tagen am Bleekerstift. Ich hatte Nachtdienst und bin todmüde und gehöre eigentlich ins Bett. Aber als ich nach Hause kam, war da Ihr Hund. Meine Eltern erzählten mir, dass Nele ihn\ gebracht hat und wie sie dazu kam. Und da hab ich sofort ge­sagt: Wir müssen bei Herrn Jansen die Tür aufbrechen las­sen!”

,,Die Tür aufbrechen … ?”, wiederholte Malte mühsam.

„Allerdings. Ich komme gerne für den Schaden auf, Herr Jansen. Aber mir war so­fort klar: Sie können nur einen Grund haben, plötzlich Ihren Hund wegzugeben  – ja, und  das halte ich nicht aus. Wissen Sie, ich hab jahrelang für Sie geschwärmt, jetzt kann ich das ja ruhig mal sagen, Sie waren irgendwie so meine erste gro­ße. Liebe. Und ich will nicht, dass Sie sterben, verdammt noch mal! Ich will, dass Sie le­ben!”

,,Sie wollen, dass ich lebe … ” krächzte Malte.

.,,Na klar doch. Sie sind ein Super-Lehrer, das findet mei­ne Schwester genau wie ich, mal ganz zu schweigen von Ihren Wimpern und dieser Schüttellocke über Ihrem Au­ge – und es ist eine Zumutung, auch noch genau im Ad­vent, hier groß und breit zu sterben und alle Leute zu be­kümmern, die Sie verehren und bewundern und lieb ha­ben … ” schimpfte Maike mit dieser dunklen, etwas heise­ren Stimme.

Malte lächelte. Sein Kopf und sein Hals taten immer noch weh und übel war ihm nach wie vor. Aber er merkte, dass er sich offenbar doch noch freuen konnte.

Das Leben schien eigent­lich gar nicht so hoffnungslos düster.

Und letztendlich war bald Weihnachten …

 

 

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