Am 12. Mai 1932 wurde in einem Wäldchen in der Nachbarschaft des berühmten Piloten Charles Lindbergh ein totes Baby gefunden …

Mai 12, 2021 admin No comments exist

Ein Lieferwagenfahrer, den es dazu drängte, hatte kurz angehalten, um sich in besagtem Wäldchen diskret an einem Baumstamm zu erleichtern – als er den kleinen Körper bemerkte. Das war zweieinhalb Monate nach der Entführung des Lindbergh-Babys.

Es wurde keine Obduktion vorgenommen. Charles Lindbergh veranlasste, die kleine Leiche sofort einzuäschern. Er gab an, dass es sich selbstverständlich um seinen Sohn handele. Das Kindermädchen der Familie glaubte, die Reste eines Hemdchens zu erkennen, dass sie dem Baby genäht hatte.

Der kleine Charles Augustus Jr., ältestes und bis dahin einziges Kind der Lindberghs, war am 1. März aus seinem Kinderzimmer entführt worden, offenbar über eine wackelige, unprofessionelle Leiter, außen an die Hauswand gelehnt. Der oder die Entführer ließen einen Brief zurück, in dem (in etwas holpriger Sprache, von der Polizei als das typisch schadhafte Englisch deutscher Einwanderer identifiziert) die Summe von 50.000 Dollar verlangt wurde plus der üblichen Forderung, nicht die Polizei zu informieren.

Der junge Pilot Charles Lindbergh war zu dieser Zeit in seiner Heimat so etwas wie ein Nationalheld. Man dachte öffentlich darüber nach, ob er nicht eines Tages einen akzeptablen Präsidenten abgegen würde.

Er war ein Bilderbuch-Amerikaner (nicht unähnlich den späteren Kennedys), blond, blauäugig und leicht sommersprossig, offen, intelligent und vertrauenerweckend. Mit über 1.90 für damalige Verhältnisse ein Riese, stand er gern etwas gebeugt, mit einer sympathischen, ganz leichten Unbeholfenheit neben seinen kleineren Mitmenschen. Eine Lichtgestalt.

Lindbergh war 1927 durch den erste Nonstop-Flug von New York nach Paris (und bei dieser Gelegenheit auch die erste Alleinüberquerung des Atlantiks) in seiner kleinen Maschine Spirit of St. Louis berühmt geworden. 

Zwei Jahre nach dieser Tat heiratete er Anne Morrow, die bildhübsche, gescheite und begabte Tochter eines US-Senators.

Er brachte ihr Fliegen bei und sie nahm nun oft als Funkerin, Navigatorin und Kopilotin an seinen Forschungsflügen teil. Außerdem schrieb sie viele Bücher, die zum Teil Bestseller wurden.

Mit einem Wort: Die Lindberghs waren ein Traumpaar. Als die schreckliche Geschichte mit ihrem Söhnchen passierte, war er 30 und sie 26 – und erneut schwanger. Die Presse überschlug sich vor Mitgefühl und verlangte immer noch ein Interview mit den strapazierten Eltern. 

Schließlich verhaftete man im Herbst 1934 den illegal aus Deutschland eingewanderten Tischler und Kleinkriminellen Bruno Richard Hauptmann.

In seinem Schuppen fand sich dieselbe Art Holz, aus dem die beim Kiddnapping ans Haus der Lindberghs gelehnte Leiter angefertigt war, und er hatte beim Tanken mit einer Banknote aus dem Lösegeld bezahlt.

Obwohl Hauptmann vor allem zutiefst beleidigt dagegen protestierte, dass man ihm unterstellte, er, als Tischler! hätte eine derart dilletantische und unbrauchbare Leiter gebaut – konnte Charles Lindbergh seine Stimme als die des Lösegeld-Einsammlers identifizieren.

Hauptmanns Anwalt meinte zwar, das sei eine gewagte Behauptung, weil Lindberg sich im Moment der Geldübergabe etwa 70 Meter entfernt in einem Auto befunden hatte und weil das Ereignis inzwischen fast drei Jahre zurück lag. Doch die Presse und die öffentliche Meinung hatten den Deutschen längst verurteilt. Er wurde im April 1936 auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Seine Witwe kämpfte jahrzehntelang vergeblich um Rehabilitierung und es gibt eine ganze Reihe von Büchern, die sich über die Ungerechtigkeit der damaligen Justiz aufregen und bezweifeln, dass Hauptmann der Täter – oder zumindest der Alleintäter war.

Während der Ermittlungen zum Kidnapping-Fall wurde übrigens ein Hausmädchen von der Polizei so schroff und hartnäckig der Mittäterschaft verdächtigt, dass die Ärmste sich das Leben nahm. Dieser Strang der Handlung interessierte die Krimi-Autorin Agatha Christie außerordentlich. Sie strickte daraus ihren Roman ‚Mord im Orient-Express‘.

Die junge Familie Lindbergh schaffte es offenbar, mit ihrem Unglück fertig zu werden. Sie bekam fünf weitere Kinder, denn für Lindberg war es wesentlich, dass ein Mann sich umsichtig vermehrte. Vor allem sei es von Bedeutung (schrieb er in seiner Autobiographie), dafür eine Frau zu finden, die intelligent, gesund und mit guten Genen ausgestattet sei, das habe ihn die Zuchterfahrung mit den Tieren auf der elterlichen Farm gelehrt.

Charles Lindbergh war ein Befürworter der Eugenetik oder Rassenhygiene; im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts eine recht verbreitete Ansicht. Er gehörte zur Organisation des America First Committees und hielt 1940 und 1941 Reden und Rundfunkansprachen, in denen er sich vor allem dafür einsetzte, dass die Vereinigten Staaten sich nicht in den Weltkrieg einmischen sollten.

Seiner Ansicht nach war Hitler, solange er Europa beherrschte, ein Bollwerk gegen Stalins barbarischen Kommunismus. Außerdem befürchtete Lindbergh, dass die Juden in Amerika zu viel Besitz sowie einen zu großen Anteil an Filmindustrie, Presse und Regierung besäßen.

1938 hatte ‚der Führer‘ ihm das Großkreuz des Deutschen Adlerordens verliehen, überreicht mit jovialem Schmunzeln vom dicken Göring, dem Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe.

Damals tauchte kurz das Gerücht auf, Lindberghs erstgeborener Sohn hätte eine Behinderung gehabt und sein Vater habe ihn deshalb selbst entführen lassen.

Doch als der berühmte Pilot 1974 starb, war er immer noch ein makelloser Volksheld, überhäuft von Ehrungen. (Für die selbst geschriebene Schilderung seines Pionierflugs, die 1954 erschien, hatte er beispielsweise den begehrten Pulitzer-Preis erhalten.) Ehrende Werke und bewundernde Biografien folgten, die ihn als integer und moralisch einwandfrei schilderten.

Seine Frau überlebte ihn um 27 Jahre. Es heißt, sie starb ‚ruhig im Schlaf‘. Ihr Gatte war als Familienvater streng, aber gerecht gewesen. Seinen Kindern erlaubte er nicht einmal das Gummikauen, und Anne musste ein Haushaltsbuch führen, es ihm regelmäßig vorzeigen und über den letzten Cent Rechenschaft ablegen. Das war vielleicht nicht angenehm, aber bewies es nicht auch ein weiteres Mal sein unerhört sauberes, diszipliniertes Wesen? 

Ebenfalls einen Pulitzer-Preis bekam A.Scott Berg Ende der 90er für noch eine Biografie, eine abermalige Verklärung  Lindberghs, nach wie vor eine Lichtgestalt.

Andererseits: Wo viel Licht ist, da fällt unweigerlich hier und da ein bisschen Schatten. Mit dem Anfang des 21. Jahrhunderts meldeten sich drei deutsche Bürger, zwei Brüder und eine Schwester, die behaupteten, sie wären uneheliche Kinder von Charles Lindbergh. Prompte Reaktion des aktuellen Biografen: Völlig unmöglich und total unvereinbar mit dem Charakter des verehrten Verstorbenen!

Ein Vaterschaftstest bewies allerdings, dass die attraktiven blonden Menschen tatsächlich Lindbergh-Nachkommen sein mussten. Und es kam noch schlimmer. Nachdem dieser Faden einmal gefunden und daran gezogen worden war, ribbelte ein ganzes Gespinst von Heimlichkeiten auf.

In den folgenden Jahren stellte sich heraus: Lindbergh hatte neben seiner bekannten noch drei heimliche Familien besessen. 

Seit mindestens 1957 war eine seiner Nebenfrauen eine  Münchnerin, die Mutter der besagten drei Geschwister. Zwei weitere Söhne bekam die Lichtgestalt von deren Schwester – und von seiner ebenfalls deutschstämmigen Sekretärin jeweils einen Sohn und eine Tochter. (Macht, zusammen mit seinen ehelichen Kindern, zwölf Stück – den armen kleinen Charles jr. nicht gerechnet, das wäre Nr. 13 gewesen.)

Es war für Lindbergh schließlich erklärtermaßen wesentlich, dass ein Mann sich umsichtig vermehrte. Offenbar hielt er eine Menge von germanischen Genen.

Er sorgte zuverlässig für alle seine heimlichen Familien, brachte sie in angemessenen Häusern unter und kümmerte sich um gute Ausbildungsmöglichkeiten für den Nachwuchs. Es ist anzunehmen, dass auch die unehelichen sieben Sprösslinge keinen Kaugummi kauen durften.

Glücksfaktor, ohne jeden Zweifel: gesunde Kinder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.