Am 15. Dezember 1676 …

Dezember 15, 2019 admin No comments exist

… wurde die Mutter des spanischen Königs vom Hof gejagt …

Maria Anna von Habsburg war vierzehn Jahre alt, als man sie zwang, ihren Onkel, Philipp IV. von Spanien (rund 30 Jahre älter), zu heiraten. Das war 1649.

Ihr Gemahl und das spanische Hofzeremoniell zeigten sich finster und streng, von den fünf Kindern des Königspaars starben drei (oder kamen gleich tot zur Welt) und Philipp widmete sich pausenlos seinen Mätressen. Durch diese betrüblichen Lebensumstände wurde aus der ursprünglich fröhlichen östereichischen Prinzessin eine verbitterte, verbiesterte Königin.

Immerhin war eins ihrer überlebender Kinder ein Sohn: Carlos, der Infant.

Er sah, zugegebenermaßen, etwas merkwürdig aus. In seinem Gesicht tobte die Habsburger Inzucht mit vorgebautem Kinn, polsterartiger Unterlippe und Hängenase.

Und doch – er besaß melancholische schwarze Augen und vor allem eine unglaubliche Flut seidiger, bronzefarbener Locken über Schultern und Rücken. Also ich wäre auf jeden Fall mal mit ihm kaffetrinken gegangen …

Carlos lernte erst mit vier Jahren Sprechen und noch später Laufen. Das war insofern etwas unpraktisch, als er bereits im Alter von drei Jahren – durch den Tod seines Vaters – König von Spanien wurde und damit auch Herrscher über die Kolonialreiche Amerika, Afrika, Asien und Ozeanien. Darüber hinaus regierte er die Königreiche Neapel, Sizilien und Sardinien. Ein bisschen viel für ein zartes, schwächliches Kerlchen, das weder körperlich noch geistig jemals richtig auf die Beine kam. Seine Untertanen nannten ihn ‘El Hechizado’, das bedeutet ‘Der Verhexte’, denn es herrschte die allgemeine Ansicht, dass böse Magie im Spiel sein musste, wenn ein junger König derart wenig auf die Reihe bekam.

Zunächst übernahm die sowieso frustrierte Frau Mutter, Witwe Maria Anna, die Regentschaft für ihr kaputtes Söhnchen. Unterstützt wurde sie dabei von Kardinal Neidhardt, Östereicher wie sie selbst. Der vertrat sehr entschiedene Ansichten, wo es mit dem spanischen Weltreich hingehen sollte.

Bald gerieten die regierende Königin und ihr geistlicher Berater immer häufiger in Kollision mit einem äußerst energischen und charismatischem Mann: Juan José de Austria (oder Hans Josef von Österreich), Vizekönig von Aragonien.

Das war ein Halbbruder von Carlos II., rund dreißig Jahre älter und kein bisschen kaputt, da er keiner Inzucht entstammte; seine Mama war eine hübsche spanische Schauspielerin gewesen, eine dieser Mätressen von Philipp, die Maria Anna so geärgert hatten.

Zu ihrem Verdruss verstand sich auch Carlos II., der verhexte König, mit seinem älterer Bruder großartig. Von Juan José lernte Carlos endlich Lesen, Schreiben und noch eine Menge mehr. Übrigens scheint er trotz allem ein freundliches Wesen gehabt zu haben, er war zweimal recht glücklich verheiratet und tat, verhext oder nicht, keiner Seele etwas zuleide.

So rangelte also Maria Anna, unterstützt vom Kardinal, mit Juan José de Austria – bis zu diesem schicksalhaften 15. Dezember. Da bäumte sich der spanische Adel, ernsthaft genervt, auf. Man erreichte ein Manifest, mit dem die Königinmutter aus der Umgebung ihres gerade fünfzehnjährigen Sohnes entfernt wurde, während man Don Juan José offiziell zum engsten Ratgeber und leitenden Minister ernannte.

Er schaffte es nicht nur, den Staatshaushalt eingermaßen zu sanieren, er kümmerte sich auch mit persönlicher Sympathie um die Entwicklung des jungen Königs, vermittelte dessen erste Heirat mit einer französischen Prinzessin, bekämpfte die Korruption am Hof und tat Spanien, alles in allem, richtig gut. (Und wahrscheinlich war es nicht seine Schuld, dass anlässlich der Hochzeit des junges Paares in Madrid als besonderes unterhaltsames Schauspiel zweiundzwanzig Personen, die der Inquisition missfielen, lebendig verbrannt und sechzig weitere auf andere Art öffentlich gepiesakt wurden.)

Carlos II. wurde älter als mancher erwartet hatte. Er starb einige Tage vor seinem vierzigsten Geburtstag ohne Nachkommen und übergab deshalb sein Riesenreich testamentarisch einem französischen Prinzen, Philipp von Anjou – was er lieber hätte bleiben lassen sollen. Er löste damit den spanischen Erbfolgekrieg aus …

Glücksfaktor, manchmal: Familienbande.

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