Am 18. Juli 1918 wurde eine Großfürstin ermordet

Juli 18, 2020 admin No comments exist

Nämlich Prinzessin Elisabeth Alexandra Luise Alice von Hessen-Darmstadt Doch eigentlich hieß sie da schon längst Jelisaweta Fjodorowna – oder Äbtissin Jelisaweta.

Sie galt als eine der hübschesten Prinzessinnen ihrer Zeit mit dem feingeschnittenen Gesicht und der Wespentaille und sie war sehr umschwärmt. Wilhelm, unser späterer letzter Kaiser, war enorm verknallt in Elisabeth und einer von vielen, die sie gern geheiratet hätten.

Das stieß sie jedoch ab. Heißblütige Männer, die sie für ihr Empfinden bedrängten, machten ihr Angst. Sie verliebte sich stattdessen in den russischen Großfürsten Sergei Alexandrowitsch Romanow, sieben Jahre älter als sie, attraktiv, kühl und fast unhöflich zurückhaltend.

Elisabeth wurde von allen Seiten vor diesem Mann gewarnt. Er würde sie unglücklich machen! Keiner konnte (oder wollte) allerdings so recht zum Ausdruck bringen, WAS denn nun an Sergei verkehrt war. Das begriff Elisabeth auch erst nach und nach, als sie bereits mit ihm verheiratet war. Denn sie setzte mit aller ihr zur Verfügung stehenden Dickköpfigkeit diese Ehe durch. Sie wollte nicht auf gute Ratschläge hören.

Der Großfürst, Bruder eines Zaren, Onkel eines weiteren, nämlich des letzten Zaren, benahm sich nicht nur ihr gegenüber so kühl und zurückhaltend. Er schätzte Frauen an sich nicht. Das mochte, für sich genommen, ja völlig in Ordnung sein. Es war jedoch ziemlich ungünstig für das Mitglied einer Herrscherfamilie, von dem erwartet wurde, dass er nun viele kleine Blaublüter produzierte.

Möglicherweise, das weiß niemand genau, hat der Großfürst es gar nicht erst versucht. Zumindest ging aus der Ehe mit Elisabeth nicht der geringste kleine Blaublüter hervor.

Elisabeth verarbeitete das, indem sie immer frommer und frömmer wurde. Sie trat einige Jahre nach der Hochzeit dem russisch-orthodoxen Glauben ihres Gatten und der Zarenfamilie bei und nannte sich nun Großfürstin Jelisaweta Fjodorowna.

1905, nachdem sie einundzwanzig Jahre lang verheiratet waren, wurde Großfürst Sergei Alexandrowitsch durch ein Bombenattentat getötet. Seine Witwe betete fünf Tage lang, nahezu ohne zu schlafen und zu essen. Kurze Zeit später teilte sie ihren Besitz vollständig auf; einen Teil gab sie an die Krone zurück, einen Teil an Verwandte. Sie behielt nicht einmal ihren Ehering. Der größte Teil ihres Vermögens floss in Wohltätigkeiten: Sie gründete in Moskau das Martha-Maria-Kloster der Schwestern der Liebe und Barmherzigkeit. Sie selbst war die Äbtissin. In einem Krankenhaus innerhalb des Klosters wurden Bedürftige kostenlos behandelt, erhielten Medikamente und eine regelmäßige Speisung.

Mit der Februarrevolution im ersten Weltkrieg endete die Zarenherrschaft. Die siegreichen Revolutionäre, die Bolschewiki, hielten ebensowenig von Klöstern wie von kaiserlichen Herrschern. Elisabeth und ihre Nonnen wurden bald immer schlimmer schikaniert. Kaiser Wilhelm, vor langer Zeit so verliebt, bot ihr an, ihr zur Flucht aus Russland zu verhelfen. (Einige Monate später, nachdem der 1. Weltkrieg deutlich für Deutschland verloren war, stieg er energisch vom Thron und flüchtete seinerseits in die Niederlande.) Doch Elisabeth lehnte so etwas ab. Sie wollte nicht auf gute Ratschläge hören.

Einen Tag, nachdem die Zarenfamilie erschossen worden war, holte man Elisabeth mit einigen Begleitern aus dem Kloster, brachte sie zu einem stillgelegten Bergwerk in Westsibirien und stieß sie an einem stillgelegten Schacht in die Tiefe. An den Schreien von unten hörten die Bolschewiki, dass einige ihrer Opfer noch lebten. Da warfen sie Handgranaten und brennende Fackeln hinterher.

Bauern in der Umgebung hörten jedoch Äbtissin Jelisaweta, die ehemalige deutsche Prinzessin und russische Großfürstin, noch drei Tage lang laut beten und Psalmen singen. Dann wurde der Schacht zugeschüttet. Danach war es still.

In der russisch-orthodoxen Kirche und in der anglikanischen Staatskirche Englands wird Elisabeth als Heilige verehrt. Die Westminster Abbey in London trägt ihr Steinbildnis im Westportal.

Glücksfaktor: Hin und wieder auf gute Ratschläge hören. Was natürlich wiederum verhindert, dass man heilig wird …

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