Am 18. September feiern wir den Tag der ersten Liebe

September 18, 2022 admin No comments exist

Und wir sind uns hoffentlich alle einig, dass dies der Feiertag einer bezaubernden Angelegenheit sein muss.

Erste Liebe! Das ist doch nur positiv besetzt. Frühling wahrscheinlich, Blütenduft, Vogelgezwitscher am Morgen und am Abend, weil die Amseln nun auch alle zum ersten Mal verliebt sind.

Erste Liebe, das ist zart und etwas schüchtern, das ist rein und irgendwie heilig. Die Beteiligten sind jung und beeindruckbar, keine Gewöhnung, kein Zynismus trübt ihre starken Gefühle.

Erste Liebe besteht aus Herzklopfen und Träumen. Weil wir gern in Klischees baden sagen wir, wir hätten ‚Schmetterlinge im Bauch‘ (und formulieren hoffentlich nicht aus Versehen, es befänden sich Flugzeuge in demselben. Das hat Grönemeyer nämlich anders gemeint).

Manchmal hält die erste Liebe lebenslang. Das gilt generell als ausgeprägter Glücksfaktor, selbst, wenn die handelnden Personen womöglich Jahrzehnte später überhaupt nichts mehr miteinander anfangen können und nur doch beisammenbleiben, weil partout keiner von beiden die Besitztümer loslassen möchte oder weil es ihnen davor graut, nach soviel gemeinsamer Zeit plötzlich alleine zu sein. So viel gemeinsame Zeit kann ganz sicher auch ein Beweis von besonders gelungener Zweisamkeit sein. Muss es aber nicht. Trotzdem ist jeder gerührt und preist die Lebensweisheit und Liebesreife der beiden. Eins dieser Missverständnisse, das ‚Glück‘ mit ‚Dauer‘ gleichsetzt.

(Würden wir jemandem gratulieren, der sein gesamtes Leben immer nur an einem Ort gewohnt hat, nie umzog und nie verreist ist, mit der Begründung, er sei doch glücklich dort, was Anderes muss er überhaupt nicht kennenlernen?)

Vielleicht öfter jedoch liegt die erste Liebe so weit zurück, dass ihre eigentlich nur vergilbten Ränder inzwischen golden schimmern. Die Zeit hat viele Ecken abgeschliffen, was damals wehtat, ist durch das Erinnerungssieb gerutscht.

Meine erste Liebe war grauenhaft, die schlimmste Phase meines Lebens – abgesehen von der Schulzeit natürlich.

Wenn sein Vater mich nicht so gehasst hätte … Der erfuhr von meinem Zigeunerblut und war entsetzt. In seiner Familie waren nur reinrassige Arier erwünscht –

Wenn meine Mutter ihn nicht so missbilligt hätten … Einen Sohn von Nazi-Eltern konnte sie nicht akzeptieren –

… dann wäre die Romanze vielleicht schneller vorbei gewesen. Druck von außen lässt innen klammern.

Wir liebten uns leidenschaftlich, verstanden uns jedoch nicht im geringsten und schafften es fast nie, uns zu einigen. So trennten wir uns alle paar Monate für immer, bis wir wieder zusammenkamen und das Elend von vorn anfing – eine Zumutung auch für Freunde und Bekannte. Ich versuchte sogar, nach England zu entkommen, war für ihn nicht mehr erreichbar, kündigte fristlos meinen Job, löste meinen Haushalt auf, fand eine Nachmieterin, verschaffte mir in kürzester Zeit eine Au-Pair-Stelle – und war dumm genug, im letzten Moment, den Koffer in der Hand, ans Telefon zu gehen … Weshalb ich ziemlich bald aus England zurück kam.

Nein, nein, nein, es war ganz und gar nicht seine Schuld. Wir waren beide ungefähr gleich schwierig, er mehr stur, ich mehr jähzornig. Unsere Charaktereigenschaften passten denkbar ungünstig zusammen, ergaben kaum jemals Harmonie. Trotzdem, leider, blieb die Anziehung zwischen uns enorm.

Wir haben uns sogar mit goldenen Ringen und einer kleinen Feier verlobt, ja, wir haben ernsthaft nach einer Wohnung gesucht, um zusammenzuziehen! Glücklicherweise fanden wir keine.

Ich bin ein großer Fahrradketten-Anhänger – ich meine: Ich denke gern über WennDann – und Hätte nach. Wären wir tatsächlich in einem unserer wenigen guten Momente zusammengezogen – hätten wir wirklich geheiratet und womöglich Kinder bekommen – wie sehr hätten wir dann erst in unserer Falle festgesessen! Wie schwierig wäre es dann geworden, sich aus dieser unglücklichen Konstellation zu befreien! Vielleicht hätten wir uns an das Unglücklichsein gewöhnt und gedacht, es ginge nicht anders.

Als wir uns eben kennengelernt hatten, gingen wir an einer Kirche vorbei, der Eppendorfer Hochzeitskirche. Ich erzählte ihm, dass ich darin getauft und konfirmiert worden war und bestimmt eines Tages auch darin heiraten würde. Er sagte kühl: „Wie kitschig. Wie spießig. Wissen Sie, wenn ich überhaupt jemals heirate, dann im Rollkragenpullover auf dem Standesamt.“

Das ärgerte mich (er ärgerte mich ja von Anfang an) und ich erwiderte schnippisch: „Na, also ich werde eines Tages in dieser Kirche heiraten. Das werden Sie sehen!“

Ungefähr zweieinhalb Jahre später rettete ich mich praktisch von einem Tag auf den anderen in eine Ehe mit einem Mann, der mich auf der Stelle heiraten wollte, egal, wie und wo. Den sprang ich an wie eine ersaufende Katze einen warmen Felsen. Es schien mir die einzige Möglichkeit, von meiner ‚ersten Liebe‘ loszukommen.

Mein neuer Bräutigam, der nicht nur sehr attraktiv und charmant war, sondern auch alles perfekt konnte, einschließlich Gitarre spielen und Cessnas fliegen, nähte mir eigenhändig ein bezauberndes langes weißes Kleid im Biedermeier-Stil. (Das Hamburger Abendblatt brachte darüber ein Artikelchen.) Das Kleid trug ich, als ich aus einer Limousine mit blumenbekränzter Schnauze stieg, am Arm meines Vaters, vor mir die blumenstreuenden kleinen Nichten meines Zukünftigen.

Bevor ich die Kirche betrat, zischelte mir meine Mutter zu: „Dreh dich bloß nicht um! Da auf der anderen Straßenseite an der Ecke steht er …“

(Ich hab mich natürlich umgedreht, obwohl das der Braut, vor der Kirche, Pech bringen soll.) Und da stand er wirklich, bleich, in einem Trenchcoat mit hochgeschlagenem Kragen.

Meine Prophezeiung war eingetreten. Er sah, wie ich in der Eppendorfer Kirche heiratete.

Doch, diese Ehe ist gut geworden, paradiesisch geradezu gegen das erste Fiasko. Sie hat hinlänglich gedauert und einen wunderbaren Sohn gebracht. Wir haben uns mit Anstand getrennt.

Glücksfaktor: Nichts, keine andere Beziehung meines Lebens, war jemals wieder auch nur annährend so strapaziös und voller Verzweiflung. Wenn ich also diesen Feiertag begehe, dann mit dem Gedanken: Erste Liebe? Hab ich Gott-sei-Dank überlebt…

 

Übrigens habe ich darüber vor vielen Jahren eine Geschichte geschrieben – etwas verfremdet, aber von vielen Fakten durchwebt … Die  werde ich morgen hier mal posten, für alle, die es interessiert.

 

 

 

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