Am 25. Juni 1906 erschoss Harry Kendall Thaw den berühmten Architekten Stanford White

Juni 25, 2021 admin No comments exist

Er tat das an einem schwül-heißen Abend auf dem Dachgartentheater des Madison Square Garden, mit 32 Stockwerken damals das zweithöchste Gebäude von New York (von White selbst entworfen).

Und er tat es vor den Augen von etwa achtzig Zuschauern – die übrigens zunächst glaubten, es handle sich um einen witzigen Einfall der Theaterleitung.

Thaw schoß aus nächster Nähe dreimal in Whites Gesicht, so dass davon dann auch kaum etwas Erwähnenswertes übrig blieb, richtete die Waffe in den Himmel und rief: „I did it because he ruined my wife!

Das stimmte zwar nicht ganz, schien ihm jedoch ratsam, um bei einer eventuellen Gerichtsverhandlung die Geschworenen von seinen lauteren Absichten zu überzeugen. Allerdings hatte White tatsächlich Thaws Gattin Evelyn, als sie minderjährig war, betäubt und vergewaltigt. Doch das fügte nur einen letzten Tropfen zum Hass des Mörders hinzu, als er es erfuhr. Gewissermaßen den ausschlaggebenden Grund, dem Architekten endlich den Hahn abzudrehen. Diesen Wunsch hegte Thaw seit langem, und er war gewöhnt, sich seine  Wünsche zu erfüllen.

Die drei Personen der Handlung waren also der Ermordete, Stanford White, 52 Jahre alt; sein Mörder, Harry K. Thaw, 35 Jahre alt, und dessen Frau Evelyn Nesbit Thaw, 21.

White war überaus erfolgreich und vermögend, mit rotem Haar und einem rotem Schnauzbart der Extraklasse ausgestattet; verheiratet und Vater, angesehener Bürger, beliebter Gastgeber. Humorvoll, temperamentvoll, ein richtiger Teufelskerl. Evelyn beschrieb ihn in ihren Memoiren als ‚erschreckend riesig‘ und meinte damit vermutlich seine Gesamtkörpergröße.

Damals noch überwiegend unbekannt war seine Vorliebe für unberührte, möglichst junge Mädchen. Er besaß ein geheimes Apartment mit noch geheimerem rückwärtigen Eingang, in dem das geheimste Zimmer lediglich eine blutrote Samtschaukel als Möblierung besaß. Hierhin brachte er seine Opfer, so hübsch wie möglich und aus ärmlichen Verhältnissen. Mit behüteten Mädchen aus gutem Hause wäre so etwas schließlich nicht möglich gewesen. Und so konnte White Gutes tun, indem er die Eltern dafür honorierte, dass sie kein Theater machten.

Er begegnete Evelyn, einer zarten Schönheit mit dunklen Augen und schwarzem Haar, als sie noch nicht ganz fünfzehn war, unterstützte ihre alleinstehende, verarmte Mutter und bezahlte der eine längere Reise: Er wollte sich solange gern um Evelyn kümmern. Das tat er auch. Er tropfte etwas in ihren Champagner, und als sie wieder zu sich kam, war schon alles vorbei.

Evelyn hatte bis dahin ihre Familie (außer der Mutter ein jüngerer Bruder) finanziell unterstützt, indem sie als Maler- oder Fotografenmodell arbeitete.

Die Verbindung mit White brachte deutlich mehr in die Haushaltskasse und dauerte ein paar Jahre. Er besorgte ihrer Familie eine annehmbare Unterkunft und bezahlte ihrem kleinen Bruder eine Ausbildung an einer Militärakademie. Schließlich fand White eine jüngere Freundin, blieb Evelyn jedoch gewogen und warnte sie wohlmeinend, als er erfuhr, dass dieser Harry Kendall Thaw sich an sie heranmachte.

Thaw war ein Millionenerbe mit einem ausgeprägten Sockenschuss von Kindheit an. Er erfreute sich daran, die Dienstboten in der elterlichen Luxusvilla mit Porzellan zu bewerfen – für gesundheitliche und andere Schäden kam seine liebende Mama auf – besaß ein dreckiges Kichern und Sinn für Sadismus. Beispielsweise entkleidete er einen erschrockenen Pagen in einem Luxushotel, zwang ihn in die trockene Badewanne und schlug ihn geraume Zeit mit einer Peitsche, deren Knauf mit Juwelen verziert war. Bis dem armen Jungen dämmerte, dass der Gast eben doch nicht immer recht hat, und er flüchtete. Das kam erst lange nach dem Geschehen heraus (wie ja auch Whites Untaten), denn Mama zahlte für das Schweigen des Pagen.

Harry Kendall Thaw flog wegen ‚Unruhestiftens‘ von einigen Privatschulen und wurde schließlich sogar von der Harvard-Universität verwiesen, an der er ein Jura-Studium begonnen hatte.

Sein bekümmerter Vater kürzte Harry den monatlichen Scheck mit jeder neuen Zügelosigkeit des Jungen, von der er hörte. Nach Vaters Tod verdreifachte Mama sofort die Summe für ihren Sohn. Er war nunmal ihr ein und alles. Vielleicht zwickte sie auch das Gewissen, denn seinen jüngeren Bruder hatte sie, als er noch ein Baby war, versehentlich im Bett mit ihrem Busen erstickt. Nun also erstickte sie zuverlässig mit dem Thaw-Vermögen jeden Skandal um Harry und nahm ihm damit die Erfahrung, dass alles Tun Konsequenzen hat.

Nach seinem gescheiterten Studium bemühte sich Harry um Aufnahme in die New Yorker Gesellschaft. Vor allem wollte er Mitglied eines der exklusiven Clubs werden. Die lehnten ihn jedoch alle ab. Diese Demütigung, glaubte Harry, würde er nur dem alten Widerling, Stararchitekt White, verdanken. 

Eigentlich hätten sich die beiden reichen Männer, die sich völlig rücksichtslos dank ihres Geldes auf Kosten anderer amüsierten, ganz gut verstehen müssen. Sie teilten einige Vorlieben und Unarten. Doch sie konnten sich nicht ausstehen. White hielt Thaw, seinen Mörder, für einen albernen, unwichtigen Clown und nannte ihn öffentlich ‚Mopsgesicht‘; Thaw bildete sich ein, der Architekt plane nicht nur sein Verderben, sondern sogar seinen Tod und habe bereits Pläne, ihn umbringen zu lassen.

Vielleicht interessierte Harry sich besonders für Evelyn, weil er gehört hatte, dass sie etwas mit White zu tun hatte. Sie spielte inzwischen Theater und trat in einem erfolgreichen Stück auf, das er sich mehr als vierzig Mal ansah. Schließlich umwarb er sie, machte kostspielige Geschenke und nahm sie mit auf eine Europareise. Er fragte alles über ihre Beziehung zu White aus ihr heraus und erfuhr so von der roten Samtschaukel.

Obwohl Evelyn inzwischen auch Bekanntschaft mit der juwelenbesetzten Peitsche gemacht hatte, nahm sie Thaws Heiratsantrag an. Es war wahrscheinlich nicht einfach für ein alleinstehendes Mädchen Anfang des 20. Jahrhunderts, rund vierzig Millionen Dollar in Bausch und Bogen abzulehnen. Sie heirateten im April 1905. Ungefähr ein Jahr später schoß ihr Gatte Stanford White das verhasste Gesicht in Trümmer.

Die Presse, die immer gern den Tag vor dem Abend beschreit, schrieb vom ‚Trial of the Century‘, dem Prozess des Jahrhunderts. Viele Menschen lobten und feierten Thaw als Rächer der schutzlosen Weiblichkeit. Plötzlich meldeten sich etliche weibliche Wesen (Me too!) und berichteten von ihren Erlebnissen auf der roten Samtschaukel. 

Thaw wurde wohlwollend von den Geschworenen für nicht so ganz zurechnungsfähig erklärt und zu lebenslänglicher Haft verurteilt, nicht im Knast, sondern in einem Hospital für seelisch gestörte Kriminelle. Dort erhielt er eine überaus bevorzugte Behandlung. Er durfte seine eigenen Anzüge tragen, in seiner geräumigen ‚Zelle‘ standen schöne Möbel und er konnte sich an viel Besuch erfreuen, natürlich auch dem seiner lieben Frau. So kam es, dass Evelyn im Oktober 1910 ihren Sohn Russel bekam. Zumindest erklärte sie, Harry sein der Vater. Doch Familie Thaw, an der Spitze Mama, lehnten das ab und wollten Russel nicht als familienzugehörig anerkennen.

1915 wurde die Ehe von Harry und Evelyn geschieden – sie erhielt keine finanzielle Zuwendung mehr. Drei Jahre später verließ Harry Kendall Thaw in aller Ruhe zu Fuß die Klappse und flüchtete mit Mamas Hilfe nach Kanada. Er erreichte ein neues Verfahren, in dem es nur noch darum ging, wie verrückt er eigentlich sei und ob er wirklich noch in die Anstalt gehöre. Er durfte sie im Sommer 1915 als freier Mann verlassen.

(Leider, das muss gesagt werden, klagte ein Jahr später ein junger Mann Harry Kendall Thaw an, ihn entführt und stundenlang mit einer Peitsche gezüchtigt zu haben. Dadurch  geriet der Millionenerbe noch einmal kurzfristig – denn natürlich war er wieder schuldunfähig, weil plemplem – in eine Klinik-Haftanstalt. Doch Mamas unermüdliche Hilfe erreichte, dass man ihn 1924 als gesund entließ. Von da ab sündigte er nicht mehr. Oder er ließ sich nicht mehr dabei  erwischen.)

Und Evelyn und der kleine Russel? Die machten zusammen Karriere beim Stummfilm. Sie spielten in acht Filmen miteinander viele schöne Rollen und blieben gute Freunde bis zu ihrem Tod. Sie heiratete ein weiteres Mal, doch auch das ging schnell kaputt; mit Männern hatte sie wenig  Glück.

Evelyn Nesbit schrieb ihre bemerkenswerten Erinnerungen in zwei Büchern auf. 1955 wurde ihre Geschichte (sehr fantasievoll abgewandelt) mit der jungen Joan Collins verfilmt unter dem Titel ‚The Girl in the Red Velvet Swing‘. Eveline gehörte als Beraterin zum Filmset.

Sie starb mit 82 Jahren in einem Pflegeheim in Kalifornien, betrauert von ihrem Sohn Russel und drei Enkeln …

Glücksfaktor: Jedenfalls weder Geld noch Schönheit per se.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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