Am 30. Juni 1827 kam eine Giraffe nach Paris

Juni 30, 2021 admin No comments exist

Sie war ein Geschenk des Gouverneurs von Ägypten, Muhammad Ali Pascha, für den französischen König. Die Giraffenkuh war ungefähr zwei Jahre alt und trug den schönen Namen Zarafa, das bedeutet auf Arabisch ‚die Liebliche‘ und wurde später in europäischen Sprachen, leicht abgewandelt, für alle ihresgleichen gebräuchlich. Was nicht verkehrt ist nach einem Blick in die großen, dunklen, langbewimperten Augen dieser Tiere.

Zarafa war, als sie in Paris ankam, den größten Teil ihres Lebens gereist, beinah zwei Jahre lang. Als Kälbchen hatte man sie am Blauen Nil eingefangen, dort, wo heute der Sudan liegt. Ganz am Anfang der Reise wurde das Jungtier von einem Kamel getragen, bis nach Khartum. Von dort begann Zarafas erste Schiffsreise, 2500 Kilometer, ging über sechs Kattarakte den Nil flußabwärts nach Norden bis nach Kairo und von dort nach Alexandria. Im Herbst 1826 begann eine noch ausgedehntere Schiffsreise über das Mittelmeer nach Marseille. Der große Segler, der Zarafa transportierte, besaß im Oberdeck ein sauber rund gesägtes Loch, durch das die Giraffe ihren Hals strecken und Eindrücke der Seereise gewinnen konnte.

Im April 1827, nach 7000 Kilometern, erreichte das exotische Tier Frankreich und wurde sofort bestaunt wie ein Märchenwesen. Was folgte, war ein Fußmarsch über 41 Tage nach Paris, umringt von Bewunderern. Ach, wenn die Menschen damals Handys gehabt hätten! 

Am 30. Juni, vor den Toren der Hauptstadt, begleiteten Zarafa rund 60.000 Fans bis zum Jardin des Plantes, dem großen Botanischen Garten, in dem auch Tiere ausgestellt wurden. Hier sollte sie bleiben, gefüttert überwiegend mit Kuhmilch und Salaten. Offenbar fühlte sie sich alles in allem recht wohl, denn sie lebte 18 Jahre lang und wurde damit ungefähr 21 Jahre alt – das entspricht der Lebenserwartung einer Giraffe in freier Wildbahn. 

Da Zarafa von klein an vermutlich kaum ihre Mutter und sicher keine Herde erlebt hatte, konnte sie sich auch nicht darum grämen, praktisch eingesperrt zu sein und nur Menschen zur Gesellschaft zu haben. Sie kannte es ja nicht anders und war wohl zufrieden damit. (Anders als ihr Kollege, der Panther, den Rainer Maria Rilke 1903 bedichtet hat und der ebenfalls im Jardin des Plantes wohnte, unglücklich hinter den Gitterstäben hin und her panthernd.)

Zarafa war Sensation und Hipe, sie inspirierte die Menschen einige Jahre lang europaweit zur Mode à la girafe, entsprechend gefleckte Stoffe, auch für Herrenwesten oder Krawatten, wüstensand- gelb oder steppen-hellbraun mit Pünktchen. Die Damen bemühten sich, ihr Haar auf dem Oberkopf zu zwei steifen, hochstehenden Hörnchen zu formen …

Glücksfaktor: Dass dieses arme Tier all den Stress gut überstanden hat!

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