Am 7. Oktober 1910 trat in der Schweiz das Verbot von Absinth in Kraft

Oktober 7, 2022 admin No comments exist

Dabei stammte das Rezept für diesen Schnaps – „WER hat’s erfunden?!“ – ganz genau, aus der biederen Schweiz. Ausgerechnet …

Der berüchtigte Absinth, grünes Gebräu der Sünde, Droge von Bohemiens und Kreativen, geheimnisvoll und gefährlich – ein Schweizer?! Das hätten wir jetzt aber nicht erwartet.

Bekannt ist Absinth dafür, ab Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem in den Künstlerkreisen von Paris Malern wie Vincent van Gogh, Paul Gauguin, Henri de Toulouse-Lautrec und Dichtern wie Charles Baudelaire, Ernest Hemingway und Oscar Wilde die Rübe vernebelt zu haben.

Vincent van Gogh, Cafétisch mit Absinth, 1887

Sie malten sich gegenseitig, Absinth schlürfend, oder gleich den Absinth alleine, sie beschrieben den Schnaps und seine Wirkung in ihren Werken – Absinth war berühmt und verrufen.

Porträt von Vincent van Gogh, gemalt von Henri Toulouse-Lautrec, 1887

(Wenn man scharf hinguckt, entdeckt man auf dem Tisch vor Vincent das Glas mit Absinth.)

Viktor Oliva: Der Absinthtrinker, 1901

Das milchige hellgrüne Zeug – klar grün, bis Wasser und Zucker dazu kommen, dann verschleiert – wurde zum Mythos.

Angefangen hatte es (und das glauben wir der Schweiz schon eher) als Heiltrank. Es besteht in aller Unschuld aus Wehrmutkraut, Anis, Fenchel und natürlich Alkohol, um die guten Kräuter stabil zu halten. Zwischen 45 und 89 Volumenprozent Alkohol, das ist eine Menge Stabilität.

Die Leber freut sich, das wissen wir, über bittere Noten. Also eine Art Magenbitter. Artemisia, das heißt auf Deutsch Beifuß, ist tatsächlich ganz ungewöhnlich gesund. Schon Hildegard von Bingen konnte sich gar nicht beruhigen über die gute Wirkung von Artemisia – wirksam gegen Würmer, Morbus Crohn und überhaupt.

Damit die Sache nicht zu bitter schmeckte, entwickelte sich ein liebes kleines Ritual. Dem Absinth wurde nicht nur Wasser beigemischt, sondern auch langsam durch einen speziellen, breitgetretenen, durchlöcherten Löffel tropfender Zucker, manchmal nur angefeuchtet, manchmal verbrannt. Auch durch diese hübsche Zeremonie wurde Absinth-Trinken zum Kult, wer elegant sein und dazugehören wollte, der nahm ihn zwischen 17 und 19 Uhr zu sich. 

Durch den Zucker milderte sich die Bitterkeit. Eigentlich schmeckt Absinth wie ein freundlicher Lakritzdrops. Da trinkt man gern einen mehr, die Welt wird angenehm verschwommen. Die Leber hört allerdings auf, sich zu freuen, so gesund Artemisia auch sein mag.

Irgendwann betrachtete die menschliche Gesellschaft das grüne Zeug mit Misstrauen. Es machte nicht nur geniale Gedanken, sondern auch anhängig – oder? Es war nämlich überhaupt nicht heilsam, sondern ganz furchtbar schädlich! (Zumindest, wenn man irre Mengen davon konsumierte.) Und es machte mordlustig!

Im August 1905 fiel gewissermaßen der letzte Tropfen flüssigen Zuckers durch den Löffel und brachte das Fass zum Überlaufen. Am Genfer See nämlich aß ein Weinarbeiter, Jean Lanfray, zum Mittag ein Butterbrot, das er mit sieben Gläsern Wein hinunterspülte, trank zwei Liköre zur Verdauung, einen Kaffee mit Weinbrand – und zwei Gläser Absinth. Anschließend ging er nach Hause, fing Streit mit  seiner schwangeren Frau an und schoss ihr mit seinem Vetterli-Gewehr in den Kopf. (An dieser Stelle verließ sein Vater, der zu Besuch weilte, eilig das Haus – wie sich später herausstellte, um tatkräftig Hilfe zu holen.) Inzwischen erschoss Lanfray seine beiden kleinen Töchter, zwei und vier Jahre alt, und ballerte schließlich sich selbst in den Unterkiefer, so ungeschickt, dass er der einzige Überlebende blieb.

Sein Rechtsanwalt plädierte auf Absinth-Wahn (unterstützt von einem führenden Schweizer Psychologen, Dr. Albert Mahaim, der beteuerte, dass Lanfray an einem „klassischen Fall von Absinth-Wahnsinn“ gelitten hatte) und kam damit durch: Lanfray entging dem Todesurteil. Er wurde zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt. Davon saß er jedoch nur drei Tage ab, dann erhängte er sich in seiner Zelle.

In den folgenden Jahren sprachen eine ganze Reihe europäischer Staaten und Amerika ebenfalls Verbote gegen des grüne Gift aus. Ob sich das im Ganzen günstig auf die allgemeine Volksgesundheit auswirkte ist schwer zu sagen, weil 1914 der erste Weltkrieg ausbrach, der ebenfalls ungünstig für die allgemeine Volksgesundheit  war.

Mit dem Ende des 20.Jahrhunderts überdachte die medizinische Wissenschaft die ganze Angelegenheit noch einmal und kam zu dem Schluss, die Gefährlichkeit des Absinth sei hauptsächlich darin zu suchen, dass er gern in unmäßigen Mengen genossen wurde,

Seit 1998 ist der grüne Schnaps in den meisten europäischen Staaten wieder erlaubt, seit 2005 sogar in  der Schweiz …

Glücksfaktor: Nur einen wönzigen Schlock.

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert