Am 8. Mai 1842 endete der große Brand von Hamburg

Mai 7, 2020 admin No comments exist

Bürgertreue heißt ein Schauspiel, das 1828 im Hamburger Stadttheater aufgeführt wird und das niemanden besonders begeistert.  Mit einer Ausnahme: Am Ende des patriotischen (und etwas drögen) Stücks gibt es ein mitreißendes Lied, das alle aus vollem Herzen und voller Kehle mitsingen!

“Stadt Hamburg an der Elbe Auen

Wie bist du stattlich anzuschauen

Mit deiner Türme Hochgestalt

Und deiner Schiffe Mastenwald!

Heil über dir, Heil über dir, Hammonia, Hammonia! O wie so herrlich stehst du da!”

Oh, wie so herrlich stehst du da, allerdings.  Im Biedermeier ist Hamburg eine bildhübsche, anmutige, liebenswerte Stadt.

Kann man sich etwas Malerischeres denken als das Mastengewirr im Hafen?  Etwas Romantischeres als die eng stehenden Fachwerkhäuser?

Etwas Idyllischeres als die alten Wohnviertel, die schmalen, hohen Häuser dicht an dicht, nebeneinander und übereinander und aufeinander?

Die meisten Straßen werden noch, funzelig, aber heimelig, von Öllampen beleuchtet.  Viele Gassen sind so eng, dass zwei Wagen nicht aneinander vorbei fahren können. – Bezaubernd pittoresk.

Und brandgefährlich.

Obwohl die Befestigungen und Wälle längst abgetragen und zu Parkanlagen umgewandelt worden sind, quetschen sie die Stadt nach wie vor ein. Anfang der 40er Jahre gibt es immer noch eine nächtliche Torsperre, seit 1836 müssen saftige Abgaben von den Passierenden bezahlt werden, das freut zum einen die Stadtkasse und ist darüber hinaus so schön altmodisch.  Mit dem Wort modern sind die Franzosen den Hamburgern lange genug auf den Zeiger gegangen, das hat überhaupt keinen guten Klang in der Stadt.

Die alten Häuser sanieren?  Och nö.  

Ein unterirdisches Sielsystem bauen oder die Wasserversorgung modernisieren? Wozu denn?  

Das sieht man ja gar nicht. Viel wichtiger sind das elegante neue Stadttheater in der Dammtorstraße, das imponierende Johanneum mit der Stadtbibliothek am Speersort und vor allem der traumhafte Palast der Neuen Börse im Renaissance-Stil am Adolphsplatz.

Immer noch, trotz dieser Renommiergebäude, duftet die Stadt nicht gerade nach Rosen.  Wasser für den Privatgebrauch gibt es vor allem aus den Fleeten und in die wird nach guter alter Sitte alles gekippt, was Unrat heißt. Zweimal täglich, bei Ebbe, waten die Fleetenkieker in hohen Stiefeln hier umher und stochern im widerlich stinkenden Schlamm: Sie achten darauf, dass die Frachtkähne, trotz Müll und Dreck, immer noch eine ausreichende Wassertiefe behalten und suchen nebenbei nach noch verwertbarem Abfall.

1842 war das Frühjahr besonders trocken gewesen, schon im April herrschte Sommerhitze. Wochenlang schien die Sonne vom wolkenlosen Himmel, in den Fleeten gab es immer weniger Wasser: Schuten konnten hier kaum mehr fahren. Anfang Mai kam dann  jedenfalls ein frischer Wind auf, der die Haare fliegen und die Wäsche an der Leine tanzen ließ. Er trocknete das Holz der Fachwerkhäuser noch mehr aus.

In der Nacht von Mittwoch, dem 4., auf Donnerstag, den 5.  Mai (und, nebenbei bemerkt, in der Nacht auf Himmelfahrt) gegen ein Uhr, ertönten die Rassel und die Rufe eines Nachtwächters, der in einem Haus beim Nikolaifleet ein paar Flammen entdeckt hatte. Gleich darauf läuteten die Feuerglocken. Der schläfrige Hamburger Bürger zog sich daraufhin wahrscheinlich zunächst mal die Decke über die Ohren. Kleine Brände flackerten dauernd auf, dafür war die Feuerwehr zuständig, die Spritzenleute in ihren weißen Kitteln, die würden es schon machen.

Vielleicht waren die schnell auftauchenden Wittkittel zunächst ebenfalls optimistisch. Bald jedoch wurde ihnen klar, dass es sich hier eher nicht um einen kleinen Routinefall handelte.

Wie der Brand in der Deichstraße 44, beim Cigarrenmacher Cohen, eigentlich entstehen konnte, wurde nie genau aufgeklärt. Weshalb er bereits kurz nach seiner Geburt zu einer brüllenden Bestie entartete, war schon verständlicher. Vier Faktoren arbeiteten Hand in Hand.

1.  die ungewöhnliche Trockenheit; Hamburg war ein Zunderkissen.

2. der kräftige, andauernde Wind. Er trieb die Flammen immer höher.

3. die enge Bebauung. In nächster Nähe des ursprünglichen Brandherdes befanden sich mehrere Speicher, die mit Arrak und Gummi gefüllt waren, wunderbare Nahrung für ein junges, hungriges Feuer.

4. die traurige Tatsache der nahezu ausgetrockneten Fleete.  Woher sollten die Spritzenleute ihr Wasser nehmen? Da gab es keinen Hahn, den man aufdrehen konnte.

Als das Feuer mit einem leichten, mühelosen Sprung über den sieben Meter breiten Deichstraßenfleet setzte,  anfing, sich die Speicher in der Steintwiete schmecken zu lassen und Kurs auf den Rödingsmarkt nahm, dämmerte dem Brandmeister, mit wem er es zu tun hatte.  Er begriff: Im Wirrwarr der aneinander klebenden Häuserzeilen mussten Schneisen entstehen, mussten reihenweise Gebäude gesprengt werden. Und so etwas durfte er nicht selbst verantworten.

Es wurden also so schnell wie möglich einige Herren des Senats geweckt. Die rieben sich die Augen, hörten missmutig, was man ihnen da so früh am Morgen zumuten wollte und winkten erst mal ab.

Häuser sprengen? Ja, vielen Dank, und dann dufte man den Besitzern Schadensersatz bezahlen. Die Feuerwehr sollte doch nicht zerstören, sie sollte erhalten! Das würde ja wohl auch so gehen.

Einige Stunden später, als die Senatoren den Kragen umgewürgt, den Zylinder aufgestülpt und sich selbst ein Bild von der Katastrophe gemacht hatten, wurde dann doch – das sah in der Tat nicht so gut aus – die Erlaubnis zum Sprengen erteilt.  Doch inzwischen nützte das nichts mehr. Der rote Krake steckte bereits mit sämtlichen Armen fest in der Stadt. Und er wuchs und wuchs…

Am sonnigen, stürmischen, wolkenlosen Himmelfahrtstag brannte bereits das Nikolaiviertel.  Zwar hielt man in der Kirche noch den Gottesdienst.  Doch am Mittag fing der Kirchturm Feuer.  Er stürzte abends, nachdem noch einmal, durch die Hitze verursacht, das Glockenspiel wie zum Abschied geklungen hatte, auf das Kirchenschiff. Das brannte sofort auf.

Am Abend trieb der Südwind die Flammen zum Gänsemarkt.  Nachdem es gelungen war, den größten Teil aller Akten in Sicherheit zu bringen, wurden nicht nur mehrere Häuserblocks, sondern auch das alte Rathaus an der Trostbrücke gesprengt. Da die Weißkittel jedoch noch nicht so viel Erfahrung mit dieser Methode der Brandbekämpfung besaßen, gelang die Sprengung nur unvollkommen; das Feuer fraß die Trümmer, wuchs weiter, streckte seine heißen Arme Richtung Petrikirche aus.

Die Feuerwehr arbeitete unermüdlich, beeinträchtigt nicht nur durch den Wind und die unzureichenden Löschmöglichkeiten, auch durch die aufgeschreckten Hamburger Bürger.

Da so gut wie jede Organisation fehlte, steigerte sich die Panik zum Riesenchaos.  Viele flüchteten blindlings vor den Detonationen der Sprengungen, vielleicht ahnten sie nicht einmal, was da geschah. Die Löschkarren, mit ein wenig Wasser gefüllt, blieben in den schmalen Gassen stecken.  Hier wimmelten und wuselten Hunderte schreiender Menschen herum, teilweise bepackt mit dem, was sie eben retten konnten, Karren, Bündel, Möbel.

Leerstehende Häuser wurden bald geplündert, vor allem den Inhalt der Weinkeller retteten umsichtige Menschen, die anschließend alles viel heiterer sahen: nach dem Brand stellte man fest, dass etliche Betrunkene in den Flammen gestorben sein mussten.

Es geschah aber auch, dass Schnaps aus durch die Hitze gesprungenen Flaschen in die Fleete sickerte. Nun taugte das letzte Wasser darin überhaupt nicht mehr zum Löschen, es entzündete sich vielmehr, steckte Pfähle, Boote und Brückenpfeiler an.

Wer nicht mit ansehen konnte, wie manch Flüchtender sich mit seiner letzten Habe abschleppte, der nahm sie ihm fort; tatsächlich bildeten sich spontan kleine Räuberbanden, die sich bemühten, aus dem Unglück ein bisschen Glück zu pressen. Gegen Ende des Brandes ging die Obrigkeit mit Waffengewalt gegen Plünderer vor.

Am Freitag, dem  6.  Mai,  trocken, mit wolkenlosem Himmel (sofern man den Himmel durch rote Funken und schwarzen Qualm noch sehen konnte) trieb der Wind das Feuer nach Norden, auf die neue Börse zu.

Die war für eine Art sicheren Bunker angesehen worden, erstens, weil sie von einem weiten Platz umgeben war, zweitens, weil sie aus Backstein bestand, von dem man glaubte, er würde nicht brennen.  Deshalb hatten sich viele Menschen hier hinein geflüchtet.  Doch dann stellte sich heraus, dass durch Öffnungen im Dach Glut ins Innere des Gebäudes fiel, und noch schlimmer: Das flache, mit Kupfer gedeckte Dach selbst begann, durch die Hitze zu schmelzen.

Während hilfreiche Bürger noch wichtige Papiere retteten und die kostbaren Bücher der Bibliothek aus dem Erdgeschoss in den Keller trugen, befahl der Leutnant der Garnison, die Börse zu räumen. Es war höchste Zeit; die Gerberstraße brannte bereits und die Große Johannisstraße auch, damit war das Haus von allen Seiten eingekesselt.

Der kleine Kaufmann Theodor Dill, seit Neuestem obdachlos (er hatte sein Kontor für den Kolonialwarenhandel mit Gewürzen und Kakao samt seiner Privatwohnung in der Deichstraße gehabt, nicht weit vom Ursprung des Feuers entfernt) packte gerade Bücher in den Keller, als er den Befehl zum Rückzug hörte. Er weigerte sich empört, der Anordnung nachzukommen. Wie bitte – die herrliche Neue Börse, kaum ein Jahr alt, den Stolz der Stadt, wollte man aufgeben? Nun, er seinerseits würde sie nicht im Stich lassen!

Neun weitere Kaufleute beschlossen, ebenfalls da zu bleiben und ihn zu unterstützen. Sie verfügten über sehr viel Mut und über erstaunlich wenig Wasser, nur einige Karaffen voll hatten in der Küche gestanden. Die glorreichen Zehn schleppten alles aus dem Gebäude, was schon brannte: Vorhänge, Papiere, Landkarten. Dann tunkten sie ihre Schnupftücher in die Karaffen und banden sie sich vor Mund und Nase. So liefen sie im Gebäude herum, wild auf jeden Funken einschlagend. 

Einige wickelten ihre angefeuchteten Jacken um ihre Füße und turnten damit auf dem schmelzenden Kupferdach umher, um anfliegende Brände fort zu stoßen. Sie arbeiteten 24 Stunden lang, den 6. und den 7. Mai durch, ohne zu Essen und vor allem, trotz der entsetzlichen Hitze, ohne zu Trinken, denn dazu war ihr Wasser zu kostbar. Sie tupften sich nur hin und wieder die geschwollenen, aufgesprungenen Lippen nass.  Und sie schafften es, die Neue Börse komplett zu retten! Am 13. Mai nahm man in ihr die Geschäfte wieder auf.

Inzwischen tobte die Tragödie weiter.  Alles in allem wurden sieben Kirchen verschlungen, mehr als ein Viertel der Stadt (1100 Häuser) zerstört, über 20 000 Menschen obdachlos, 51 getötet.  Nach mehr als drei Tagen, am frühen Morgen des 8. Mai 1842, gönnten sich die Elemente dann Sonntagsruhe. Der Wind legte sich ganz friedlich und nahm dem Feuer seine Kraft. Der Himmel bezog sich, es fing sachte an, zu regnen. Gerade, als der Brand wirklich zu Ende war, wölbte sich ein großer Regenbogen über Hamburg.

Es sollte fast genau hundert Jahre dauern bis zum nächsten Feuersturm in der Stadt.

Der böse Kaiser Nero mag es geplant haben, die Hamburger bestimmt nicht.  Doch auch sie erkannten, nachdem sie sich die Asche aus den Augenbrauen geklopft hatten, die Chance, die darin liegt, eine alte, verbaute, unpraktische City schlagartig los zu sein. Da die Kosten durch das Unglück sowieso immens waren (man schätzte den Schaden auf 135.000.000 Mark) kam’s schon nicht mehr drauf an; Hamburg nahm weitere finanzielle Belastungen auf und war Ende 1850 mal eben der höchstverschuldete Staat des Deutschen Bundes.  Dafür entstand ein imponierend modernes Stadtzentrum. Das gruppierte sich nicht mehr um die Trostbrücke, sondern um den Bezirk zwischen Binnenalster und Börse.

Nach den gemachten Erfahrungen verzichtete man auf den romantischen Look.  Bloß nichts Pittoreskes! Gerade, breite Straßen, gerade, hohe Häuser. Streng verboten: Fachwerk. Wenn man überhaupt noch was Rundes sehen konnte, dann war es der italienische Rundbogenstil wie an den Alsterarkaden. Sogar die kleine Alster, vorher wie ein Teich geformt, stutzte man zum strengen Rechteck.  Beleuchtet wurde das Ganze hell und gleichmäßig(wenn auch nicht ZU hell) durch Gaslaternen, denn die Stadt besaß nun auch ein eigenes Gaswerk.

Bald meldeten sich Kritiker, die bemängelten, Hamburg sähe so kalt aus.  Das störte die Verantwortlichen im Rathaus wenig. Sie fanden, sie hätten es vier Tage lang heiß genug gehabt …

Glücksfaktor: Eine Stadt mit Geschichte!

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