Am 9. Juni 1918 starb Anna, die Frau von Dostojewski

Juni 9, 2021 admin No comments exist

Die Tochter eines Beamten aus der Ukraine und einer Schwedin lernte in der Schule Stenografie. Als sie zwanzig Jahre alt war und ungewöhnlich firm in dieser Fähigkeit, begann sie im Oktober 1866 für den 24 Jahre älteren Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewski zu arbeiten.

Der hatte zu dieser Zeit haufenweise Probleme. Seit seiner Jugend litt er an epileptischen Anfällen; als er 28 war, verurteilte man ihn aus politischen Gründen zum Tode und richtete ihn fast nahezu beinah hin, aber dann doch nicht, weil in der letzten Achtelsekunde vor dem Erschießen – er stand bereits an einen Pfahl gebunden mit einem Sack über dem Kopf – das Urteil in vier Jahre Zwangsarbeit in (natürlich) Sibirien umgewandelt wurde. Außerdem ’sprach man ihm alle Vermögensrechte ab‘, was bedeutete, der Zar nahm ihm jeden Rubel weg, den er besaß. Dostojewski verbrachte die gesamte Haftzeit in Ketten und unter erbärmlichsten Verhältnissen. Das Schlimmste für ihn war vielleicht, dass er ausdrücklich nicht schreiben durfte. Und seiner Gesamtgesundheit bekam die Sache auch nicht besonders.

Aber er schrieb nach seiner Freilassung großartige Romane und Novellen, und langsam kam er finanziell wieder auf die Beine. Als er Mitte 40 war – und zum ersten Mal verheiratet – ging es ihm wieder so gut, dass er Auslandsreisen unternehmen konnte. Ohne seine Frau.

Es ging unter anderem darum, wegen seiner Epilepsie europäische Ärzte zu konsultieren. Doch er erlebte noch etwas Anderes, das er bisher nicht gekannt hatte. In Russland war Glücksspiel streng verboten. Fjodor Michailowitsch war ein echter Skorpion, getrieben von Leidenschaften und Dämonen. Diesem einen Dämon, der in ihm wohnte, war er noch nicht begegnet. Er verfiel auf der Stelle dem Roulette.

Im Winter dieses Jahres, 1862, traf er auf eine andere unwiderstehliche Versuchung und Sucht: Die junge Schriftstellerin Polina Suslowa, Vorbild für eine ganze Reihe der Frauenfiguren in seinen Werken. Das wurde eine entsetzliche Beziehung, leidenschaftlich, sehnsuchtsvoll, aufwühlend. Polina war schön, intelligent, eigenwillig, launisch und egoistisch. Der große Dichter war auch nicht gerade lammfromm. Sie stritten sich jahrelang, dass die Fetzen flogen.

Dostojewski hielt theoretisch viel von der politischen Idee der Frauenemanzipation. Im praktischen Leben neigte er allerdings zu der Ansicht, seine Gefährtin müsse sich ihm ganz und gar unterwerfen. Dazu neigte die trotzige Polina nicht im geringsten.

Im Jahr darauf begleitete sie den Dichter von Paris aus nach Baden-Baden, um ihm beim Roulette Glück zu bringen. Was nicht so richtig klappte. Inzwischen war seine Frau schwer an Tuberkulose erkrankt und starb im Sommer 1864.

Aus verschiedenen Gründen geriet Dostojewski erneut in finanzielle Engpässe. Zunächst mal konnte er überhaupt nicht mit Geld umgehen und neigte dazu, immer wieder Schulden zu machen. Darüber hinaus fühlte er sich verpflichtet, die Familie seines plötzlich verstorbenen Bruders und andere Familienmitglieder zu unterstützen. Was er brauchte, war ein großer Gewinn!  Also reiste er mit Polina ein weiteres Mal nach Wiesbaden und verspielte 3000 Rubel, die er streng genommen nicht übrig hatte.

Um aus seiner fast ausweglosen Situation heraus zu kommen, schrieb er zwei große Romane der Weltliteratur gleichzeitig: Den Riesenwälzer Schuld und Sühne und das schlankere Werk Der Spieler. Dostojewski benötigte ganz furchtbar dringend die 3000 Rubel, die sich ja nun leider in Wiesbaden befanden. Um sie zurückzubekommen, machte er einen Deal mit dem Verleger Stellowski. Auch das besaß einen Drall von Gücksspiel oder Wette: Im Sommer 1865 verpflichtete der Autor sich, bis zum 1. November einen fertigen Roman von soundsoviel Seiten abzuliefern. Schaffte er das, sollte er  3000 Rubel bekommen. Kam das Manuskript nur einen Tag zu spät an, dann musste er dem Verleger einen höheren Betrag als Schadensersatz zahlen.

Anfang Oktober fiel Dostojewski auf, dass er noch keine  Zeile dieses Romans geschrieben hatte und ihm wurde sehr beklommen zumute. Er vertraute die Problematik einem Freund an, der Anna Snitkina empfahl – indem er meinte, SCHREIBEN können Fjodor das jetzt sowieso nicht mehr in der kurzen Zeit. Wenn er es schnell diktierte, einer Person, die ebenso schnell schreiben konnte – dann hatte er den Hauch einer Chance.

Fjodor und Anna verstanden sich prima, die Arbeit ging wunderbar voran. (Übrigens schrieb Dostojewski einer Bekannten, dass seine Stenografin ein hübsches Ding sei.) Am Abend des 28. Oktober war ‚Der Spieler‘ fertig, ein Meisterwerk, exakt in der richtigen Länge – und konnte abgeliefert werden.

Indessen hatte Verleger Stellowski sich auch etwas  ausgedacht. Damit dieser Autor auf jeden Fall verhindert sein  würde, ihm den Roman rechtzeitig abzuliefern – verschwand er aus St. Petersburg. Seine Tür war zu und er nicht anwesend. Falls er erst am 2. oder 3. November nach Hause kam – wie sollte Dostojewski beweisen, dass er seinen Teil der Vereinbarung eingehalten hatte? Er würde kein Honorar bekommen, er musste im Gegenteil den Schadensersatz aufbringen!

Anna war nicht nur hübsch und fleißig, sie besaß auch einen praktischen (Jungfrau) Verstand. Ihr fiel ein, dass der Roman ja nur bei einem Notar mit beglaubigtem Datum hinterlegt werden musste. Das geschah – und der Verleger hatte das Honorar zu zahlen.

Dostojewski war gerettet und begeistert. Und er war auch aus den Tragödien mit Polina gerettet. Er machte seiner Stenografin noch im November einen Heiratsantrag, den sie sofort glücklich annahm.  Wie konnte sie das tun? Abgesehen davon, dass der Schriftsteller ihr einen Monat lang diktiert hatte, wie schmerzlich die Leidenschaft des Spielers ist und dabei offensichtlich von sich selbst erzählte, abgesehen davon, dass sie ihn mit allen seinen Launen (er war überwiegend miesepetrig) erlebt hatte, wusste sie inzwischen auch, wie es um seine wirtschaftlichen Verhältnisse stand.

Anna liebte Dostojewski, bevor sie ihn kannte, einfach, indem sie seine Bücher gelesen hatte und uneingeschränkt seine Ansicht teilte, dass er ein Genie war. Das traf sich gut, denn der Meister war nicht übertrieben attraktiv: klein und dünn, mit dünnem Haar, dünnem Bart und dünner Stimme. Anna fand ihn wunderschön. 

Sie heirateten zweieinhalb Monate später. Das war vermutlich  das Klügste, was Fjodor in  seinem ganzen Leben tat, und es gereichte ihm nur zum Segen. Er sagte über sie : „Sie hat Herz und versteht zu lieben.“ Wohl wahr.

Zunächst drohte dem nagelneuen Ehemann allerdings das Schuldnergefängnis. Also machte das junge Paar, um den Gläubigern zu entkommen, eine ausführliche Hochzeitsreise nach Westeuropa – vier Jahre lang. Anna hätte eigentlich gern Paris kennengelernt und freute sich darauf. Aber das wurde nichts. Stattdessen durfte sie fünf Wochen lang Baden-Baden erleben, überwiegend vom Hotelzimmer aus, während sich ihr Mann im Casino den Seelenqualen der Spielsucht hingab.

Sie führte Tagebuch über seine verzweifelten Versuche, ihre Situation durch einen märchenhaften Gewinn zu ändern – während er immer wieder alles, was sie hatten, bis auf den letzten Rest verspielte. Ihre Uhr, ihre Lieblingsohrringe, die er ihr zur Hochzeit geschenkt hatte, ihre Kleider wanderten ins Pfandhaus – um weiter das Hotel und einige Mahlzeiten bezahlen zu können – und um weiter spielen zu können. Manchmal gewann er fatalerweise, was ihm wieder Hoffnung machte. Doch sobald er gewann, verspielte er den Gewinn wieder.

Sie kämpfte inzwischen mit der Übelkeit ihrer ersten Schwangerschaft und stand unter ständiger Nervenanspannung. Eines Abends wollte er in einer Stunde zurück sein, doch er blieb acht Stunden lang aus und sie fürchtete, er hätte im Spielcasino einen epileptischen Anfall erlitten und sei womöglich in irgendein Hospital gebracht worden. Als er endlich im Hotelzimmer landete, kniete er verzweifelt auf dem Teppich vor ihr und gestand weinend, er hätte seinen Ehering versetzt – eigentlich, um das Hotel bezahlen zu können. Aber die Summe dann gern verdoppeln wollen und deshalb – verspielt.

Dostojewski war sich klar über seinen Zustand, er klagte sich selber an, er fürchtete dauernd, Anna würde nicht mehr verstehen und verzeihen. Doch sie verstand und verzieh fortgesetzt. In einer Zeit, die kaum von Psychologie wusste und gern mit Schuldgefühlen arbeitete, machte diese sehr junge Frau ihrem Mann nie Vorwürfe. Sie schrieb später: Wenn ich mich an die in Baden-Baden zugebrachten fünf Wochen erinnere und mein Tagebuch aus dieser Zeit durchlese, dann verstehe ich, wie damals etwas Schreckliches von meinem Mann restlos Besitz ergriffen hatte und ihn nicht aus seinen schweren Fesseln loslassen wollte. Bald begriff ich, dass hier keine gewöhnliche Willensschwäche vorlag, sondern vielmehr eine wirkliche menschliche Leidenschaft, etwas Mächtiges, dem sogar ein starker Charakter nicht gewachsen sein konnte.“

Anna schaffte es, dass diese Leidenschaft in ihm immer schwächer wurde und schließlich ganz und gar verschwand. Sie organisierte sein Leben und vor allem seine Finanzen so klug, dass kein Schuldendruck mehr vorhanden war und deshalb  auch das Bedürfnis geringer wurde, mit einem großen Gewinn alle Geldsorgen los zu sein. Es gab keine Geldsorgen mehr.

Ich denke mir, nahezu jeder Paarberater unserer Zeit hätte Anna Dostojewskaja einfach geraten, sich von diesem Mann zu trennen.

Glücksfaktor: Dem ist nichts hinzuzufügen.

 

 

 

 

 

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