Bonjour, Tristesse!

Oktober 18, 2020 admin No comments exist

Wenn man fast den ganzen Tag am Schreibtisch hockt, lechzt man irgendwann nach frischer Luft, oder? Dann muss man nur noch den Löwen überreden, mitzukommen.

Der Löwe sagt, die herbstliche Landschaft macht ihn traurig.

Mich auch. Das ist ja das Schöne daran.

Ich mag furchtbar gern süße Sachen (obwohl ich Zucker nicht über den Weg traue), Buttercremetorte und Karamellpudding, Schokolade und gebrannte Mandeln. Aber immer nur Süßes? Och nö.

Ich liebe auch salzige Sachen, sehr gern saure, scharfe (in Maßen, aber immerhin) und sogar bittere; von Chicorée über Artischocken und Spargel – da kaufe ich lieber blau getönten als weißen – bis zu Kräuterschnaps.

Ich kann mich über Kommödien begeistern, solange sie nicht zu albern sind, ob im Kino oder auf der Bühne. Aber ich mag auch Dramen oder tragische Geschichten. Das ist genau so mit Büchern und natürlich mit Musik. Wer will denn immer nur Polka oder ‘Musik, die gute Laune macht’? Es gibt herrliche, unvergleichlich schöne Lieder, die geradezu Tränen in die Augen treiben können und genau deshalb so schön sind, etwa das pompöse Adagio for Strings von Samuel Barber, die Pavane für eine tote Prinzessin von Maurice Ravel oder Michael Jacksons ‘Stranger in Moscow’.

Gerade in der Kunst hat die Traurigkeit ihren festen Platz. So, wie wir gern in die Spannung steigen, warm und geborgen auf dem Sofa, und mit klopfendem Herzen und gesträubten Haaren beobachten, wie ein armes Wesen beinah oder tatsächlich abgemurkst wird, so genehmigen wir uns auch Melancholie; Schließlich kann man, gerade, wenn man glücklich ist, doch hin und wieder ein wenig an der Schwermut nippen? Sei es, um den Kontrast zu genießen.

Es ist – Gott sei Dank – nicht immer Frühling, rosa und weiße Schleifchen an den Bäumen, Tirili im Sound, Heiterkeit im Herzen. Dann stünden wir ewig auf Anfang. Der Frühling hat etwas von erwartungsvollem Gekicher, der satte, sinnliche Sommer ein träges Lächeln. Und dann kommt, mit einem Seufzen, der Herbst, der Abschied. Herrliche Farben, wie eine Frau, die sich noch einmal heftig schminkt, bevor das Alter alles verwischt. Fallende Blätter, Nebel, überhaupt Feuchtigkeit in der Luft, dadurch sanfte, verschwommene Konturen. Eine Zeit zum Grübeln – denn alles hat seine Zeit, auch das Grübeln. Und man weiß, dass der Winter folgen wird, mit völlig kahlen Bäumen und Büschen und mit viel Dunkelheit … Das Ende des Jahres. Ende jedoch ist an sich nichts Böses. Ende kann immer Happy-end sein. Und ohne Ende kein Neuanfang.

Das Alles leuchtet dem klugen Löwen ein, und wir begeben uns in die Wälder und Wiesen, um nach Herzenslust melancholisch zu sein.

Aber, wie das manchmal so ist: Wir haben das mit der Tristesse irgendwie verpasst. Wir sind zum Beispiel sehr putzigen halbwüchsigen Kühen begegnet, wir haben uns besonders witzige Erlebnisse  erzählt, uns lebhaft unterhalten und ungewöhnlich viel gelacht.

Glücksfaktor: geschmeidiges Umdisponieren …

 

 

 

 

 

 

 

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