Das erste Wildwest-Duell

Juli 21, 2020 admin No comments exist

das überliefert ist, fand am 21. Juli 1865 statt.

Sowas passierte übrigens keineswegs besonders häufig, obwohl jeder Kinogänger glauben muss, sich gegenseitig auf der Hauptstraße zu erschießen sei im Wilden Westen eine verbreitete Sitte gewesen, der man regelmäßig nachging.

Der Anlass war in diesem Fall dramatisch genug. Zwei Männer im (damals kleinen) Wildwest-Städtchen Springfield in Missouri duellierten sich um eine Taschenuhr. Aber eigentlich ging es nicht um die Uhr, sondern um die Ehre.

Das Utensil hatte James Butler Hickok gehört – bekannt unter dem Namen ‘Wild Bill’ Hickok, ein Mann mit ruhigen, etwas traurigen grünbraunen Augen, einigen weichen Stellen im stahlharten Gemüt und immer mein Lieblings Wildwest-Held.

Bevor er zwanzig war, schlug er seinen Boss zusammen, weil der brutal auf ein Pferd eingeprügelt hatte, und verließ anschließend, Repressionen fürchtend, seine Heimat.

Er war Spurenleser, Kundschafter und Spion, arbeitete im Lauf seines Lebens jedoch auch als Sheriff und Marshall und manchmal, wie in Springfield, als Berufsspieler. Sein langes Haar, erklärte er, trüge er, um gegebenenfalls für Indianer einen hübschen Skalp abzugeben. Er hatte einen Ruf zu verteidigen als bester Schütze des Westens.

Das wusste sein Kontrahent, Little Dave Tutt, ebenfalls ein Spieler und ungefähr gleichaltrig, sehr wohl. Der hieß, nebenbei bemerkt, nicht ‘little’, weil er klein war, sondern weil er denselben Namen trug wie sein Vater. Little stand also für junior.

Ursprünglich waren die beiden Freunde gewesen. Aber Dave wurde bald frech. Er hatte Bill mal etwas Geld geliehen und machte nun am Pokertisch neben seinem spielenden Exfreund hämische Bemerkungen über diese Schulden.

Wild Bill, der gerade am Gewinnen war, reichte Dave schweigend die entsprechende Summe (es handelte sich um 25 Dollar). Damit war der allerdings immer noch nicht zufrieden. Er griff sich Wild Bills Uhr, die jeder im Städtchen kannte und von der jeder wusste, dass sie Bill viel bedeutete und meinte, da seien eigentlich noch andere Schulden, die von dieser Uhr wohl gedeckt würden.

Wild Bill war zu diesem Zeitpunkt unbewaffnet. Zudem fühlte sich Dave Tutt wohl besonders stark, weil er sich von Freunden umgeben wusste, während Bill alleine am Tisch saß.

Hickok sagte so ruhig wie möglich, Dave möge die Uhr behalten – solange er sie nicht öffentlich herumzeige. Worauf Little Dave nichts Besseres zu tun hatte, als die Uhr am nächsten Tag jedem unter die Nase zu halten und sich damit zu brüsten, er hätte sie dem wilden Bill abgeknöpft.

Das ging zu weit und darauf folgte einige Stunden später das Showdown.

Am frühen Abend trafen sich die beiden Männer in einem Saloon und kippten ein Glas miteinander. Wild Bill verlangte, Dave möge ihm entweder die Uhr zurückgeben – er war übrigens bereit, nochmal dafür zu zahlen – oder aus der Stadt verschwinden.

Dave mochte ihm weder den eine noch den anderen Gefallen tun, denn beides hätte so ausgesehen, als ob er sich vor Hickok fürchtete. Für ihn ging es darum, sein Gesicht zu wahren und nicht feige zu wirken. Weil sie so nicht weiterkamen, beschlossen sie das Duell.

Bill verließ die Kneipe, baute sich etwa sechzig Meter von deren Eingang entfernt auf, seinen Colt in der Hand, und rief: “Dave, ich bin hier!” (Was die erschrockenen Bürger rundum veranlasste, schleunigst Deckung zu suchen.)

Tutt kam aus dem Salon, ebenfalls die Waffe in der Hand, und blieb stehen. Einen Augenblick herrschte Stille, die Protagonisten und die versteckten Zuschauer warteten ab. Dann spannte Wild Bill den Hahn seiner Pistole, legte sie über seinen linken Unterarm als Stütze und rief als letzte Warnung – und vielleicht letztes Friedensangebot: “Komm nicht hier rüber mit dieser Uhr!”

Little Dave antwortete nicht, zog jedoch ebenfalls seine Pistole und richtete sie auf Hickok. Einen Moment zögerten beide, dann schossen sie praktisch gleichzeitig, so dass es klang wie ein einziger Schuss. Die Kugel aus Daves Revolver pfiff über den Kopf von Wild Bill. Die von ihm abgefeuerte traf Tutt an der linken Seite zwischen der fünften und der sechsten Rippe. Dave schrie: “Jungs, ich bin getötet!”, polterte unsicher auf eine naheliegende Veranda, torkelte die Stufen wieder hinunter und brach sterbend auf der Straße zusammen.

Es gab eine ordentliche Gerichtsverhandlung und Wild Bill Hickok wurde freigesprochen, weil er in Notwehr gehandelt hatte. Zwar hatten alle Zeugen nur einen Schuss gehört, doch schließlich fehlte in Daves Revolver eine Kugel …

Im März 1876 heiratete Bill seine große Liebe, eine offenbar ausgesprochen faszinierende brünette Französin namens Agnes. Sie war mit ihrem Vater nach Amerika ausgewandert, aber bereits als Sechzehnjährige mit einem vorbeikommenden Wanderzirkus – oder vielmehr mit dessen Clown – durchgebrannt. Inzwischen war der Clown tot und Agnes gehörte ein Zirkus, mit dem sie bereits auf Europa-Tournee gewesen war und der aus 35 Transportwaggons bestand. Sie war wohl eine ebenso begabte Drahtseiltänzerin wie tüchtige Geschäftsfrau. Als sie Mrs. Hickhok wurde, kannte das Paar sich seit vier Jahren, traf sich nur manchmal, befand sich jedoch in einem regen Briefwechsel. Agnes hatte kein zweites Mal heiraten wollen, bis ihre Tochter Emma aus dem Haus war. Nachdem das geschah – und nachdem Agnes übrigens gerade restlos pleite war durch Aktiengeschäfte – fand die Hochzeit statt.

Wild Bill und Agnes waren vom Schicksal kaum zwei Monate miteinander gegönnt. Im Dakota-Territorum hatte man Gold entdeckt, und Hickok machte sich dorthin auf den Weg, um das Vermögen zu erringen, das Agnes und ihm einen netten Lebensabend bescheren sollte. Was leider nicht so schnell klappte, so dass sie wieder Briefe wechseln mussten.

Seit er als Neunzehnjähriger seine Heimat verließ, hatte Wild Bill nach einem lebenslangen Prinzip gehandelt: Er setzte sich überall nur mit dem Rücken zur Wand, um nie von hinten überrumpelt zu werden. Am 2. August 1876 ließ er das ausnahmsweise außer acht. Er saß in einem Saloon mit dem Rücken zur Tür, als ein Mann, dem er tags zuvor Geld für ein Frühstück angeboten hatte (und der sich, statt dankbar zu sein, dadurch beleidigt fühlte), betrunken hereinstürmte und Hickok fluchend in den Hinterkopf schoss. Bill war auf der Stelle tot, neun Monate vor seinem vierzigsten Geburtstag.

Eine Woche zuvor hatte er an seine Frau geschrieben: “Agnes Darling, wenn es sein sollte, dass wir uns nie wieder begegnen, während ich meinen letzten Schuß abfeuere, will ich sanft deinen Namen flüstern und mit Wünschen sogar für meine Feinde den Sturz machen und versuchen, ans andere Ufer zu schwimmen …”

Merkwürdigerweise liegt jedoch nicht etwa Agnes neben ihm im Grab – sondern Calamity Jane, eine sonderbare Western-Lady. Sie hatte Hickok auf einem Planwagenzug kennengelernt und sich anscheinend sehr in ihn verguckt. Das Interesse war nicht gegenseitig: Er klagte Freunden, dass dieses Weib ihm furchtbar auf die Nerven ging und nicht aufhören wollte, ihm nachzustellen. Jane rauchte Zigarren, kaute Tabak, soff wie ein Kosake, trug fast ausschließlich Männerkleidung und fluchte, sobald sie den Mund aufmachte.

Außerdem neigte sie dazu, die Herren ihrer Nachbarschaft zu befummeln wenn sie betrunken war, und das Schlimmste: Sie hörte nicht auf, zu quasseln. Wild Bill, anfangs noch um Höflichkeit bemüht, verdrückte sich schließlich, sobald sie am Horizont auftauchte.

Aber Calamity Jane behauptete in ihren Memoiren, sie sei die rechtmäßige Mrs. Hickok! Sie phantasierte sogar etwas von einer gemeinsamen Tochter. Weder für die eine noch für die andere Behauptung fand sich jemals ein Nachweis.

Und doch liegt sie an seiner Seite?

Die Männer, die das verursacht haben, gaben später zu, sie wollten sich einen letzten grimmigen Spaß mit Wild Bill erlauben. Nun müsse er Jane für immer im Grab ertragen. Ha ha.

Glücksfaktor: Er hat es hoffentlich ans andere Ufer geschafft und ist in der Ewigkeit seiner Agnes begegnet, unbelästigt von irgendwelchen aufdringlichen Stalkerinnen …

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