4. Das Schreiben

Januar 11, 2019 admin No comments exist

Wenn ich ein neues Buch anfange, dann träume ich kurz vorher fast immer von einem Baby. Ich recherchiere dann noch und ich arbeite am Exposé und am Kapitelraster und an den Persönlichkeiten meiner Helden, ich kann noch sagen: DEMNÄCHST fange ich an … Aber es kommt näher. Ich kann es bereits galoppieren hören.

Man sollte eine Menge Zeit einkalkulieren und sich auch nehmen. Sonst bleibt es bei: Ich würde gern – ich hab sogar schon mal angefangen – aber ich komme nie dazu. Das hört sich übrigens sehr vernünftig an und ist auch gesellschaftlich anerkannt.

Aber ein angefangener Roman, der aus Zeitgründen liegenbleibt und an dem lange nicht  weitergeschrieben wird, erreicht häufig nach einiger Zeit das Verfallsdatum und kann – wie mein Freund Dekades sich ausdrücken würde – unter ständigem Rühren in den Ausguß geschüttet werden.

Die “Ich-komme-jetzt-nicht-dazu”-Attitüde bedeutet leider auch in den meisten Fällen, dass der Schreibende keinen Appetit mehr auf seinen Stoff hat. Was zu lange gekaut wird, verliert den Geschmack.

Es mag einige wenige Menschen geben, die tatsächlich in der Lage sind, indem sie einen anderen Beruf ausfüllen, gesellschaftlichen Verpflichtungen nachkommen, mehrere Kinder erziehen und prachtvolle Rüschenschwanzguppys züchten, nach Feierabend einen Roman zu schreiben. Die meisten können das nicht. Meiner Erfahrung nach erwartet ein gesunder, vitaler Roman von seinem Autor die komplette Aufmerksamkeit.

Dann schnaubt Pegasus vor der Tür und will, dass man aufspringt.

Wer vor einem leeren Blatt Papier oder einem weißen Computer-Dokument sitzt und nicht weiß, wie die beiden ersten Sätze lauten sollen, der lässt sie erst mal weg und macht mit dem dritten Satz weiter. Alles, was man sich vorstellen kann, lässt sich auch schildern. Also ist es sinnvoll, jetzt das Kopfkino einzuschalten und einfach zu beschreiben, was man sieht.

Mir ist es immer so gegangen, dass ich in den ersten Tagen nur wenige Seiten verfasste und an denen lange herumtüftelte. Aber irgendwann bekommt der Stoff Eigendynamik und reißt mit, dass einem die Haare fliegen. Manchmal ist es kaum möglich, so schnell zu schreiben, wie die Sätze kommen. Dann hat der Roman die Kontrolle übernommen und verlangt täglich mehr Zeit. Nachts, das ist schon wahr, geht es besonders gut. Niemand stört, keiner ruft an, Konzentration fällt leicht im Kreis der Lampe, rundherum alles dunkel und still. 

Schreiben ist ein Rausch und entsprechend gesundheitsschädlich. Frische Luft und Leibesübungen bleiben auf der Strecke, gesunde Ernährung ist nur möglich, wenn eine liebende Seele sich erbarmt und solange den Küchendienst übernimmt – und auch dann kaut der Schreiber geistesabwesend, gerne auf die Tastatur krümelnd. Sozialkontakte schlafen ein und im Garten übernimmt das Unkraut. Abends sind die Augen rotgeädert und viereckig. Im Traum findet sich eine langgesuchte Lösung, die sofort aufgeschrieben werden muss, bevor sie am Morgen vergessen ist.

Zum Ende hin hat der Autor nur noch den Wunsch, so lange zu leben, bis der letzte Punkt gesetzt ist, um dann, wie einige Fliegenarten, gleich nach der Geburt zu verenden. 

Ist der Roman wirklich fertig – dann auch der Schriftsteller. Er hängt mit leerem Blick im Sessel und  tut nichts von dem, was er alles machen wollte, wenn das Ding endlich beendet ist. Die Welt, die er wochen- und monatelang produziert hat, war für ihn inzwischen wirklicher als die wirkliche Welt. Die Figuren, die er erschaffen hat, fehlen ihm so schmerzlich, als wären liebe Freunde und Verwandte gestorben.

Wenn es irgend geht, sollte jetzt eine kleine Pause folgen. Idealerweise ein Kurzurlaub, wenigstens ein freies Wochenende. Nicht mehr an den Roman denken. Das geht nicht? Es ist wie das Kunststück, nicht an einen blauen Elefanten zu denken. Der Trick besteht darin, sich einfach eine rosa Giraffe vorzustellen.

Wenn der Autor nach all dem heil in der Realität ankommt – dann gehen wir ans Überarbeiten.

Glücksfaktor: Dieser Rausch …

 

 

 

 

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