Der Glücksfaktor

Oktober 6, 2018 admin No comments exist

Das Leben ist schrecklich. Düster. Gefährlich.

Die Welt, unsere Welt, bewegt sich unaufhaltsam auf den Abgrund zu.

Es ist gewissermaßen politisch korrekt, das Schlimmste zu erwarten. Sollte es mal irgendwo etwas besser aussehen, dann ist das die Raffinesse der Bösen oder ein Irrtum.

Happy-Ends sind höchst unwahrscheinlich und sowieso kitschig.

Dass meine Geschichten und Romane praktisch immer gut oder jedenfalls nie richtig schlecht ausgehen, wurde mir häufig angekreidet. Ich pflege einzuwenden, meine persönliche Geschichte sei auch stets gut ausgegangen. Oder jedenfalls, und das scheint das Bezeichnende zu sein, kam es mir immer so vor.

Aber es ist noch viel schlimmer: ich bin glücklich. Nicht über Irgendwas, sondern so als Allgemeinzustand. Das ist schon durch unangenehme Geschehnisse  aus dem Gleichgewicht zu bringen, pendelt  jedoch meist schnell wieder auf diesen Zustand zurück. 

Doch, ich weiß. Absolut unzeitgemäß, vielleicht verantwortungslos. Gibt sogar Anlass zur Sorge.

Ich hab auch schon Schaden damit angerichtet, indem ich es pädagogisch weitergab an mein Kind. Eines Tages, als Arne ungefähr 12 war,  bat man mich zu einem Schulgespräch und teilte mir in ernstem Ton mit, er hätte eine ‘Störung’. Er sei ununterbrochen gut gelaunt.

Das war mir schon bewusst, ich hatte mir nur bis dahin keine Sorgen drum gemacht.

Arne bekam ein Jahr lang psychologische Betreuung in einer Kindertagesstätte der AWO, zweimal in der Woche. Da unterhielt er sich mit einer korrekt sorgenvollen, düsteren Person in dunklen Strickpullovern, die sich bemühte, ihm zu vermitteln, das Leben sei eine bittere Angelegenheit.

Weil mein Sohn Menschen liebt, hatte er sogar für diese alte Spinne etwas übrig. Es tat ihm leid, dass er  sie durch seine Einstellung traurig machte. Schließlich erzählte er mir, er schildere ihr neuerdings finstere Albträume und male gruselige Bilder mit viel Schwarz. Das muntere sie auf.

Aber im Prinzip leidet er an derselben positiven Lebenseinstellung wie ich. Er findet in der unangenehmsten Sache immer noch einen Glücksfaktor

 

 

 

 

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