Der hundertjährige Autofahrer

August 2, 2020 admin No comments exist

Wenn wer ein Verbrechen oder eine ungute Tat begeht, dann wird in den Medien drüber berichtet. Es wird geschildert, was er getan hat und wie er das getan hat (soweit es sich rekonstruieren lässt) und vielleicht auch warum. Es wird jedoch möglichst nicht berichtet, dass er ein himmelblaues Männchen vom Planeten Vega war, kurz auf der Erde zu Besuch. (Oder ein Viertelveganer, blassblau.) Das würde ihn diskriminieren und in uns allen das falsche Gefühl erwecken, die Blauhäutigen sind die Schlimmen. So sollen wir nicht denken und das hat ja alles seine Richtigkeit.

Daraus ergibt sich eventuell die Situation, dass ein lavendelblaues Kleinkind (auch so ein außerirdischer kleiner Besucher) abhanden gekommen ist, und dann wird, wieder über die Medien, nach dem Kerlchen gesucht. Man beschreibt ihn als einen Meter zehn groß, bekleidet mit einem rosa Overall, bunten Turnschuhen und ausgestattet mit einer goldenen Zahnspange. Verschwiegen wird, dass er lavendelblau ist. Da fehlt eine Information, aber sie fehlt absichtlich. So findet man den Kleinen zwar vielleicht nie – dafür ist es jedenfalls nicht diskriminierend.

Ähnlich ist das inzwischen mit weiblich und männlich oder irgendwo so zwischendrin. Das war früher mal wichtig – neuerdings hat es eigentlich egal zu sein. Wir sind alle einfach nur Menschen, ob weiß, braun, schwarz, rot oder blau, ob Mensch oder Menschin.

Aber – da gibt es eine Ausnahme.

Autounfälle passieren täglich in diesem Land (obwohl es weniger werden, nicht nur wegen Corona), immer noch knapp 2 Millionen pro Jahr. Auch hier wird über einzelne, besonders verlustreiche, besonders verwegene, besonders absurde Unfälle berichtet. Sehr selten, indem das Alter der Verursacher genannt wird. Mit einer auffallenden Ausnahme: handelt es sich um einen betagten Fahrer, dann steht da auf jeden Fall sein Alter!

Dann schüttelt der Leser den Kopf, seufzt und fragt sich, wieso Opa eigentlich noch ans Steuer gelassen wird. Oder warum es ihm keiner aus der Hand ringt.

Ich empfinde das zunehmend als Altersdiskriminierung. Und es gibt noch einige weitere Bereiche, wo drauf rumgehackt wird, wie alt jemand schon ist, der irgendwas tut. Jüngere Leute tun auch alles mögliche und darüber wird ebenfalls geredet. Nur über ihr Alter nicht.

Jemand wird mit 80 noch mal Vater. Die Welt liegt sich weinend in den Armen. Die Welt kommt aus dem Kopfschütteln nicht heraus. Erstens, wie kann man nur. Zweitens, das arme Kind! Wieso das arme Kind? Weil der Vater 86 ist, wenn es zur Schule kommt. Dann ist dem armen Kind das bestimmt furchtbar peinlich. Oder der Vater kann nicht mehr humpeln. Oder er ist schon tot! Liegt ja nahe in dem Alter. Das arme Kind, dann hat es keinen Vater mehr – wie kann man nur?

Bitte, es gibt in unserer unkonventionellen Zeit haufenweise vaterlose Kinder. Scheidungskinder. Kinder alleinerziehender Mütter. Kinder alleinerziehender Mütter, deren Vater noch nicht mal ahnt, dass er Vater ist. Wieso ist das weniger schlimm, bloß, weil diese ganzen abwesenden Väter noch nicht 80 sind???

Wenn wir schon nichtdiskriminierend unterwegs sind, dann sollten wir doch ruhig auch die Altersangaben weglassen.

Glücksfaktor: Toleranz, umfassende.

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