Der Nahesteig, ganz vorsichtig …

September 8, 2019 admin No comments exist

2. Tag, Montag

Bevor es losging, als wir noch zu Hause gepackt haben, hat der Löwe gefragt: „Katze, besitzt du vernünftige Wanderschuhe?“

Woher soll ich so was wissen? Hab ihm alle gezeigt, die irgendwie so aussahen. Und er meinte, diese hellen, die könnten geeignet sein. Also durften die Hellen mit auf unsere Reise …

Am Montagvormittag zog ich die Hellen an, gegen halb Zwölf. Irgendwie hab ich mir eingebildet, Wandern beginnt früher. So kann man sich täuschen. Na ja, es dauerte eben, bis wir gefrühstückt und mit den Pferden geredet hatten, die im Stall unter uns schliefen und schnaubten und jetzt aus dem Stall kamen und gesattelt wurden für ihre Reiterinnen.

Dann fanden wir in Neubrücke, wo der Startpunkt lag, lange keinen vernünftigen Parkplatz für Berbel. Weder was Schattiges noch was Erlaubtes. Wie kann man entspannt die Natur genießen, wenn die Drohung über einem schwebt, das Auto würde gerade ‚kostenpflichtig abgeschleppt‘?

Und als wir endlich Berbel gut versorgt wussten, fanden wir den Anfang nicht. Man kann beim Wandern nicht einfach in die Gegend marschieren, auch nicht, wenn man anders wandert. Man hat sich danach zu richten, wo der Anfang ist und wo das Ende, und dann muss man gucken, wo all die kleinen Zwischen-Hinweisschildchen kleben.

Übrigens konnten wir uns über Traumwetter freuen, sonnig und warm, aber nicht heiß.

Dies sollte eine neue Route werden: Nahesteig. Sie war noch nicht eröffnet, und der Löwe wollte schon mal ein bisschen drin herumlaufen, probeweise. Der Plan war, einige Stunden zu wandern und dann mit der Bahn zurückzufahren nach Neubrücke. Folgerichtig suchten wir beim Bahnhof nach dem Anfangsschild. Das hat der Löwe schließlich wirklich entdeckt. Ich hätte es ganz bestimmt nicht erkannt, und ich brauchte lange, bis ich die kleinen, Blau-Weiß-Roten Dinger identifizieren konnte, die häufig ziemlich schüchtern und verborgen irgendwo klebten.

Die Wanderung begann sehr symbolisch, indem wir durch ein steinernes Tor schritten. Dahinter wuchsen Haselbüsche voller Nüsse, weshalb ich das Wandern unterbrach, um Nüsse zu ernten.

Danach knirschten wir lange über eine frisch geschotterte Strecke. Möglicherweise ist dieser Schotter angenehm, wenn man richtige Wanderschuhe trägt. In den falschen – und an dieser Stelle entlarvten sich die Hellen bereits – tut es bloß weh. So hüpfte ich nach Möglichkeit immer von Grassode zu Grassode. Das ist lustig, aber erschöpfend.

Übrigens war es inzwischen halb eins, und mein Magen begann, zu knurren. Das tut er ziemlich zuverlässig alle zwei Stunden, sofern es nichts gibt: Mein Blutzuckerspiegel ist ein bisschen zimperlich. Ich zerbiss die Schalen von einigen der gesammelten Nüsse, um die Kerne zu essen und wir fanden vier zierliche Brombeeren. Die Frage nach der nächsten Mahlzeit hielt ich für verfrüht – wir waren vielleicht seit einer Viertelstunde unterwegs.

Um mich abzulenken vom Hunger und von den schmerzenden Füßen, pflückte ich Blumen und flocht mir einen Kranz.

Der Löwe fotografierte die Landschaft und alle möglichen Hinweistafeln und mich mit Kranz und sagte nach einer Weile, nun hätten wir einen Kilometer geschafft. Das warf einen Schatten auf meine gute Laune, denn mir war undeutlich so, als sollte die Strecke aus sechzehn oder siebzehn Kilometern bestehen …

Doch gleich darauf wurde es amüsant. Wir wandten uns nach rechts (beim Wandern muss man immer sagen, ob man nach rechts oder nach links geht) und hüpften auf Steinen über ein munteres Flüsschen, höchstwahrscheinlich die Nahe, da wir uns schließlich auf dem Nahesteig bewegten. Übrigens waren wir vorher schon auf ähnliche Art über einen Bach gehopst. Ich opferte meinen Blumenkranz den Wassern. Rechts oben befand sich eine reizende kleine Kirche, die vorher schon durch träumerisches Läuten auf sich aufmerksam gemacht hatte. Hinter der Kirche gab es noch einige Häuser mit einem bellenden Hund und neugierigen Katzen – dann leiteten uns die kleinen Hinweisschnipsel nach links unten, mehr und mehr in den Wald. Hier hörte endlich, nach und nach, der Schotterbelag auf.

Eine Weile konnte man links unten ein klares Wasser sehen (immer noch die Nahe?), in dem sich Bäume, Himmel und Wolken spiegelten.

Endlich führte der Weg recht steil nach oben – und da lag etwas ganz Zauberhaftes, nämlich der ‚Keltische Baumkreis‘. In großer Runde (350 Meter Umfang) um eine Wiese herum sind 36 Bäume gepflanzt, 17 verschiedene Arten, die das Jahr aufteilen. Vor jedem Baum befindet sich ein Stein mit einem Schild, auf dem man lesen kann, wofür er steht, welches Datum er markiert und was beispielsweise ein ‚Kastanien-Mensch‘ oder ein ‚Zeder-Mensch‘ für Eigenschaften hat. Da kann man lange im Kreis herumlaufen.

Das tat vor allem der Löwe, denn der trug die richtigen Schuhe. Ich setzte mich solange auf eine Bank. Da kam ein zartes, schlankes Windspiel des Weges, so was Ähnliches wie die Hunde, die dem alten Fritz um die Füße gewuselt sind.

Das Tier – mit Namen Bachus –  hatte einen alten Herrn im Schlepptau, der eine Plauderei mit uns anfing. Leider jedoch erhielten wir von ihm nur schlechte Nachrichten! Zum Beispiel, dass wir kaum, wie geplant, mit dem Zug zurückfahren könnten – der ginge neuerdings nicht mehr. Oder dass in irgendeinem (zu Fuß) erreichbaren Umkreis keine Nahrungsmittel wären. Gasthäuser? Bestimmt nicht. Bäcker? Da gab’s zwar einen, doch der hätte montags geschlossen. Ein anderer machte um 12:00 den Laden dicht.

Der Hundebesitzer wünschte uns trotzdem alles Gute, blickte uns allerdings nach, als hätte er wenig Hoffnung für unser Überleben. An dieser Stelle hielt ich seine Sorge noch für übertrieben. Mir tat der Magen vor Hunger weh und meine Füße schmerzten auf sehr fantasievolle Art an unterschiedlichen Stellen, doch das erschien mir einstweilen nicht lebensbedrohlich.

Also verließen wir den Keltischen Baumkreis, gewissermaßen nach hinten. (Das ist sicher kein professioneller wandertechnischer Ausdruck.) Wir marschierten über eine riesige, von bewaldeten Hügeln umgebene Wiese, die eigentlich sehr idyllisch aussah. Leider wurde dieser Eindruck durch das bedrohliche Geheul von ungefähr zehn Düsenjägern verpatzt, die im regelmäßigen Abstand über den Himmel zischten, immer dann ein neuer, wenn man dachte, nun hätte man es hinter sich. In dieser Gegend sind immer noch jede Menge amerikanische Streitkräfte stationiert …

Wir tauchten wieder in ein Waldgebiet ein, ja, nach links. Links bedeutete, weit unten strömte die Nahe herum. Sehr weit unten übrigens. Ich freute mich an dieser Stelle, nicht an Höhenangst zu leiden.

Das war klug von mir, denn es bildete für eine Weile den letzten Anlass zur Freude.

Der Waldweg wurde zunehmend schmaler. Und schmaler. Und steiler zur Seite gekippt. Ich fragte den Löwen, der munter voranschritt, ob das so rechtens sei? Würde so etwas immer noch als Wanderweg bezeichnet oder bereits als Abenteuerpfad? 

Der Löwe erklärte, gerade solche Herausforderungen wünschten sich viele Wanderer. Ich wollte fragen, ob er auch dazu gehörte – aber dann stellte ich das Reden für eine Weile ein und beschäftigte mich mit dem Überleben. Dieser interessante Weg wurde noch schmaler – und noch gekippter, schräg leider immer nach unten links, in Richtung Abgrund. Es schien von Vorteil, nicht allzu breite Füße zu besitzen. Es wäre außerdem von Vorteil gewesen, Schuhe zu tragen, die Halt gaben, statt weh zu tun, weniger Schwindelgefühle durch einen leeren Magen zu haben und am liebsten irgendwo ein Haltetau. Auf dem Weg lagen massenhaft Steine, Steinchen sowie runde Äste zum Ausrutschen oder Drauf-wegrollen.

Dieser herausfordernde Pfad nahm kein Ende. Ich biss mir auf die Zunge, um im Gleichgewicht zu bleiben und bloß nicht aus Versehen zu jammern. Schließlich wollte ich das nächste Mal wieder mitgenommen werden! Aber ich begann, zu zittern wie manche großen Staatsoberhäupter.

Irgendwann machte der Löwe seinen Gürtel ab, schnallte ihn mir ums linke Handgelenk und hielt mich daran, beim Weitergehen, fest. Zwar dachte ich, nun sterben wir vermutlich gemeinsam, denn wenn ich abrutsche, reiße ich ihn mit – aber es gab doch moralischen Halt.

An einem Knick in diesem gefährlichen Weg stand ein überaus brünetter, schwarzbärtiger Herr mit einem Handy am Ohr, der in entgegengesetzter Richtung unterwegs war. Er musterte mit einer gewissen Verblüffung den Gürtel, an dem der Löwe mich hinter sich herzog. Vielleicht machte er sich Gedanken darüber, ob die Urbevölkerung dieses Landes respektvoll genug mit ihren Frauen umgeht.

Und siehe, nach kaum acht, neun Stunden (gefühlt; tatsächlich etwa 45 Minuten und eine der längeren Dreiviertelstunden meines Lebens) war dieser Horrorsteig schon vorbei. Noch ein wenig geradeaus und hopp! nach oben, da hatten wir die Wanderung beinah hinter uns.  Wir mussten nur noch in Heimbach nach der Bahnstation suchen – erfahren, dass kein Zug fuhr, sondern ein Bus – dann nach der Busstation forschen, auf den Bus warten und schließlich mit ihm zurück nach Neubrücke und zu unserer Berbel. Mit der fuhren wir zum nächsten Eiscafé in Birkenfeld und der Löwe fütterte mich mit ziemlich viel Vanilleeis und Sahne, mal völlig ungeachtet des schädlichen Zuckers.

Und er sagte so oft, ich wäre eine sehr tapfere Katze gewesen, bis ich mich entschloss, es zu glauben. Schließlich ist er Experte.

Den Nachmittag verbrachte ich im Bett, schlafend, ziemlich große Blasen unter beiden Fersen, eine davon blutend.

Der Löwe aber wanderte inzwischen, Stunde um Stunde, in seiner alten Heimat herum …

(Um das anzumerken: diese Schuhe, die vorgegeben hatten, sie wären zum Wandern geeignet, ließ ich bei unserer Abreise unter dem Bett zurück!)

Glücksfaktor: Ein versierter Schutzengel!

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