Der Tod der Brüder de Witt am 20. August 1672

August 20, 2022 admin No comments exist

wirft ein weiteres grelles Licht auf die Krone der Schöpfung, wenn sie sich so richtig emotional im Recht wähnt. Der Mensch neigt dazu, genau zu wissen, was gut und böse ist. Und um das Böse zu bekämpfen darf man dann ruhig auch mal richtig böse sein, das schadet gar nichts.

In gewissem Sinn war der Mord an den Witt-Brüdern der Anfang vom Ende des ‚Goldenen Zeitalters‘ der Niederlande.

In diesen nicht ganz hundert Jahre stieg das kleine flache Land zu einer Weltmacht auf. New York hat in seinen Baby-Tagen als New-Amsterdam angefangen.

Die Niederländische Ostindien-Kompanie, gegründet 1602, wurde schnell zum größten Handelsunternehmen des 17. Jahrhunderts. Die Holländer waren berühmt für ihren genialen Bootsbau, und sie erfanden die ‚Fleute‘ ein Frachtschiff mit rundem Po (na ja, beim Schiff heißt  das Heck), womit sie eine  Revolution im Schiffbau auslösten.. Fleuten waren Dreimaster mit enormer Ladekapazität und geringem Tiefgang, sehr flink und sicher.

1670 verfügte man über ungefähr 15.000 Schiffe. Das war ein Transportmonopol auf den Meeren und übertraf  die britische Flotte um das Fünffache. 

Eine Reihe glücklicher Umstände förderte das Land. So zeichnete man sich hier –  in den schlimmen Zeiten der europäischen Religionskriege – durch Religionsfreiheit aus. Das zog Macht und Reichtum an sowie Bildung: Weil religiös Verfolgte haufenweise Unterschlupf suchten, darunter vor allem Gelehrte, Schriftsteller, Forscher, wiesen die Niederlande in dieser Zeit die höchste Alphabetisierungsrate in Europa auf. Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Kunst erblühten wie die immer teurer werdenden Tulpen.

Die Malerei nahm im Land einen ungeheuren Aufschwung. In vergangenen Jahrhunderten hatte es eigentlich nur religiöse Motive oder Porträts von Herrschern und dem Adel gegeben. Nun entstanden durch niederländische Maler Landschaftsbilder, Stillleben, Abbildungen bestimmter Berufsausübung und immer wieder die bürgerliche Familie oder der einzelnde, ganz normale Mensch im Porträt.

Nachdem Kaiser Maximilian Maria von Burgund geheiratet hatte, herrschte auch hier, wie nahezu überall, das Haus Habsburg. Andererseits herrschte es eben nicht: Die Niederländer bestimmten über sich selbst. Es gab keinen König oder Herzog, die Kirche hielt sich hübsch zurück. Das Sagen hatten Bürger der Oberschicht, Reeder und Bankiers, wohlhabende Kaufleute, unterstützt von Handwerkern, Seefahrern und kleineren Beamten, die in ihren Städten und Gemeinden die Entscheidungen trafen.Von Weitem betrachtet hätte man es fast  für eine Art Demokratie halten können – Kapitalismus, versteht  sich.

Das Land war reich, so reich, dass jeder etwas abbekam. Die Bürger konnten es sich nicht nur leisten, zu spenden – sie taten es auch und ermöglichten Waisenhäuser, Altenheime und Armenküchen. Zum ersten Mal in der Zivilisationsgeschichte entstand etwas wie ein soziales Netz. Arme, Schwache, Kranke wurden aufgefangen, und für lange Zeit konnten die Niederlande – sehr im Gegensatz zum restlichen Europa – auf soziale Unruhen verzichten.

Klingt es nicht idyllisch? Scheint es nicht dem nahe zu kommen, was John Lennon sich in seinem ‚Imagine‘ erträumte? Hätte man nicht davon ausgehen können, dass so priviligierte und sorgenfreie Menschen sich auch geistig und moralisch weiterentwickelten?

Man darf natürlich nicht darüber nachdenken, dass Etliches von diesem gesegneten Wohlstand durch Ausbeutung der Kolonien bis hin zum Sklavenhandel kam. Sehr viel Geld entsteht ausgesprochen selten auf saubere Art.

1672 wird als Katastrophenjahr für die Niederländer bezeichnet.

Der englische König hatte mit dem französischen König ein Bündnis geschlossen, nun erklärten sie gemeinsam diesem unangenehm erfolgreichen Land den Krieg und packten die Sache auch gleich an. Die niederländische Armee wurde, bevor sie richtig begriff, was los war, von 120000 Franzosen, die gleich bis Utrecht vorstießen, plattgemacht. Den Rest des Landes rettete der junge Wilhelm, Neffe des englischen Königs und Prinz von Oranien, indem er Schleusen und Deiche öffnen ließ und  dadurch gewissermaßen das Land flutete. So bekamen die Franzosen nasse Füße und verloren den schlimmsten Eroberungswillen. Die Ernte war allerdings im Eimer und das salzwasserdurchtränkte Land konnte erst mal nicht weiter bebaut werden. Alles in Allem wars ein Riesendesaster.

Jede Katastrophe verlangt nach einem Schuldigen. Wenn Schlimmes passiert, dann benötigt der Mensch jemanden, den er verantwortlich machen und hassen kann. Gern auch mehrere, darauf kommt  es nicht an.

In diesem Fall boten sich die Brüder de Witt an. Jan de Witt, der ältere, war der Regierungschef von Holland und damit praktisch der gesamten Niederlande. Ihm warf man vor, sich zu sehr auf die Seepolitik konzentriert zu haben, wodurch die Landarmee vernachlässigt worden sei. Prinz Wilhelm und Jan waren sich sowieso nicht grün, das verstärkte sich jetzt. De Witt wurde ‚wegen erfolglos‘ aus dem Amt geschmissen, der Oranierprinz zum Statthalter und General der Republik erklärt.

Das reichte jedoch nicht, um die Menschen zu besänftigen. Sie waren ja nicht nur wütend, sondern viel schlimmer: Sie hatten Angst. Das ist die gefährlichste Emotion von allen, sie äußert sich am mörderischsten. Die Angst hat  der Teufel erfunden.

Zunächst verhaftete man de Witts Bruder Cornelis in Den Haag, weil er angeblich ein Attentat auf 

Prinz Wilhelm geplant hatte.Trotz angewandter schwerer Folter blieb der tapfere Cornelis dabei: Das sei der reinste Blödsinn. Mitte August hatte er sich so weit von  der Folter erholt, dass er wieder laufen konnte. Am Morgen des 20.8., einem sehr heißen Tag, bekam Jan eine (fingierte) Nachricht, er möge seinen Buder aus dem Gefängnis abholen, und er machte sich mit seinem kleinen Hund auf den Weg. Inzwischen versammelte sich die Meute vor dem Knast, mehr als tausend Menschen, durch Alkohol in Stimmung gebracht. Sie ließen ihr ehemaliges Staatsoberhaupt noch durch, wirkten allerdings nicht so, als wollten sie ihn auch wieder nach Hause gehen lassen.

Die de Witt-Brüder erkundigten sich, ob es nicht einen Hinterausgang gäbe. Nein, logen die Gefängnisbeamten, leider nicht. Also blieben Jan und Cornelis erst mal im Gebäude. Mittags  erschien am Horizont die Stadtwache samt dreier Kavalleriekompanien, um ‚das Schlimmste‘ zu verhindern. Es gelang ihnen keineswegs, die Menge zu zerstreuen, und sie wurden gegen 16:00 Uhr wieder abgezogen, weil man ihnen (fälschlich) meldete, aufständische Bauern bewegten sich auf die Stadt zu, denen müssten sie entgegentreten. 

Bald darauf drangen einige Männer ins Gefängnis ein. Jan de Witt saß auf einem Stuhl und las in einem Buch, seinen Hund zu Füßen, Cornelis, immer noch etwas angeschlagen von der Folter, lag in einer Art dünnen Hausrock auf einem Bett.

Die Brüder wurden aus dem Gebäude und auf den Platz gezerrt, wo man sie durch Hiebe und Stiche verschiedener Waffen zerstückelte, Jan erhielt zusätzlich einen Schuß in den Hinterkopf. Auch sein kleiner Hund wurde erschlagen.

Die toten de Witts hängte man überkopf an der nahen Richtstätte auf und begann, sie auszuweiden und in Einzelteile zu zerlegen. Ihnen wurden die Herzen entnommen, Leber und Nieren, ihnen wurden Finger und Zehen abgeschnitten, Ohren und Nasen, Zungen und Geschlechtsteile. (Im Historischen Museum von Den Haag sind noch eine Zunge und ein Finger zu bewundern,) Später wurde sogar von Kanibalismus berichtet – woraus sich die im Internet häufiger gestellte Frage ergibt: ‚Wieso haben die Holländer ihren Premierminister aufgegessen?‘. Es ist jedoch anzunehmen, dass höchstens wenige Einzelteile, roh oder zubereitet, genossen wurden. Außerdem lautet eine Erklärung, bei den Menschenfressern habe es sich durchweg um Friesen gehandelt, die offenbar traditionell eine Neigung zeigten, ihre Feinde zu verspeisen; weniger aus kulinarischen als aus symbolischen  Gründen.

Es gab eine Reihe von Herren, die das alles organisiert haben sollen, meist dem Haus Oranien verbunden. Sie alle erhielten großzügige Pensionen von Prinz Wilhelm.

Wenn Menschen sich im Recht glauben, ist ihrer Grausamkeit keine Grenze gesetzt. Denn wenn sie Recht haben, sind sie die Guten und die anderen die Bösen. Und wenn man denen Böses antut, geschieht es ihnen ganz recht. 

Glücksfaktor? Nein.

 

 

 

 

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