Der tödliche Tristan

Juni 10, 2020 admin No comments exist

Am 10. Juni 1865 fand in München die Uraufführung der Oper Tristan und Isolde von Richard Wagner im Königlichen Hof- und Nationaltheater statt.

Der junge Tenor Ludwig Schnorr von Carolsfeld sang denTristan, seine zehn Jahre ältere Gattin, die Sopranistin Malvina Schnorr von Carolsfeld war Isolde. Aussage der Oper übrigens: Liebe macht nichts als Probleme!

1862 hatte das Ehepaar Richard Wagner kennengelernt, der ihnen eigenhändig Passagen aus Tristan und Isolde am Klavier vorspielte und die beiden zur Probe singen ließ. Man war gegenseitig ungemein begeistert voneinander, was auch dazu führte, dass Wagner für seine Münchner Uraufführung auf Ludwig und Malvina bestand.

Die Premiere war ein Riesenspektakel, die Zuschauer und -hörer schwankten zwischen Entzücken und Entrüstung. Wagner polarisierte sein Publikum – das tut er noch heute. Etliche Kritiker nannten das Werk einhellig ‘unanständig’. Womit gemeint war, dass Wagner die uralte Sage ganz schön sexy gestylt hatte.

Die beiden Hauptdarsteller wurden schlagartig international bekannt. Das hätte der Beginn einer Weltkarriere werden können.

Doch nach vier Aufführungen des gewaltigen Werkes war Sense. Drei Wochen später starb der Tenor, eben 29 Jahre alt, ziemlich unerwartet, nach sehr kurzer, mysteriöser Krankheit. (Und seitdem geht das Gerücht, die Rolle sei einfach zu anstrengend für einen Normalsterblichen.) Kurz vor seinem Tod raufte Ludwig sich Haare aus und rief: “Tröstet meinen Richard!”

Das war wohl nötig, denn der war nicht nur seinen Tristan, sondern auch gleich die Isolde los: Malvina Schnorr von Carolsfeld bekam Depressionen und verzichtete darauf, je wieder aufzutreten.

Stattdessen freundete sie sich mit einem Medium an, einer Isodore, die ihr in spiritistischen Séancen ausführlichen Kontakt mit dem Verstorbenen ermöglichte. Tenor Ludwig, nun im Jenseits, bestärkte seine Witwe darin, Richard Wagner zu heiraten. Isodore, das Medium, plante ihrerseits die Hochzeit mit Ludwig, dem König von Bayern. Da beide Frauen ihre Pläne sehr ernst nahmen, kreuzten sie eines Tages bei Wagner auf, um ihn mit den geplanten Hochzeiten vertraut zu machen. Der Künstler hatte allerdings weder Zeit noch Geduld für derartigen Mumpitz und delegierte die Damen an seine derzeitige Sekretärin, Cosima von Bülow.

Und diese Cosima, immer noch mit Hans von Bülow verheiratet (der übrigens die Uraufführung des Tristan dirigiert hatte), war hochschwanger und trat hier nicht wie eine Sekretärin, sondern wie die Hausfrau auf!

Tatsächlich erwartete Cosima gerade die zweite Tochter von Richard. Nachdem sie ihm später auch noch einen kleinen Siegfried geschenkt hatte, ließ sie sich übrigens scheiden, heiratete den Vater ihrer drei Kinder und wurde Cosima Wagner, völlig unbeeindruckt von der Tatsache, dass sie fünfzehn Zentimeter größer war als er. Für sie war er ein Geistesgigant und Genie, für ihn war sie die ideale, vergötternde Gefährtin.

Das alles war offenbar dem Tenor im Jenseits entgangen, als er seine Frau ermutigte, Wagner zu seinem Nachfolger zu machen. Malvina, im Diesseits, erkannte dagegen mit dem Auge der liebenden Frau sofort sämtliche Zusammenhänge.

Statt also die Doppelhochzeit weiter zu planen, verließen die beiden Damen pikiert Wagners Haus und schrieben an König Ludwig. In diesem Fall nicht, um ihm einen Heiratsantrag zu machen, sondern um zu petzen, dass sein geliebter Künstler ehebrecherisch unterwegs war. Wagner hatte eine Weile alle Hände voll zu tun, um diese Delle in der Zuneigung zwischen sich und dem König wieder auszubügeln …

Glücksfaktor: Die Liebe als solche. Wie langweilig und konfliktlos wäre das Leben ohne sie!

 

 

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