Die inneren Werte

August 30, 2019 admin No comments exist

sind, das ist Konsens, ungemein wichtig.

Ich sah vor langer Zeit eine Karikatur, die zwei Angler zeigte. Sie trugen hohe Wasserstiefel, Angelruten und Kescher. Der eine hielt eine erstaunlich hässliche Frau im Arm, schielend und mit Raffgebiss, und erklärte gerade seinem Kumpel: “ABER sie hat innere Werte. Sie hat Würmer.”

Das ist drastisch und so ist das natürlich nicht gemeint. Trotzdem, der Akzent liegt auf diesem ‘Aber’. Ent- oder weder. In sozialen Medien wird das Thema rauf und runter beackert, in allen Variationen und stets mit derselben Aussage: Du kannst platterdings nur eins sein, entweder schön oder eine edle Seele. Beides scheint höchst unwahrscheinlich, wenn nicht unmöglich. Es gilt demnach, sich zu entscheiden.

Ich zeigte kürzlich in geselliger Runde ein Foto von meinem Löwen und eine Betrachterin zog eine Augenbraue hoch und bemerkte: “Ja. Ich sag meiner Tochter ja immer, sie soll nicht so auf’s Äußere gucken. Es kommt doch vor allem auf die inneren Werte an.”

Damit machte sie einen Knicks vor der erfreulichen Fassade meines Liebsten. Aber einen Knicks mit Widerhaken. Denn der unausgesprochene, dazugehörige Text lautet: Jemand, der derart gut aussieht, hat bekanntlich weder Grips noch Charakter. Der zweite Teil der Kritik traf mich: Jemand, der einen so hübschen Partner auswählt, ist oberflächlich und ohne tiefere Menschenkenntnis. Um das zu wissen, braucht man weder meinen Mann noch mich näher zu kennen. Das geht ganz schlicht aus seinem Foto hervor.

Das erinnerte mich an eine weit im vergangenen Jahrhundert zurückliegende Episode meines Lebens. Als ich ein Weilchen in einer Zeitschriftenredaktion arbeitete, nahm ich gerade eine höher dosierte Antibaby-Pille, die mir schlagartig Körbchengröße D verpasste. Ich musste mich sehr gerade halten, um nicht vornüber zu kippen und mir fiel auf, dass die Menschen, die mit mir sprachen, mir sehr mühsam immer nur ins Gesicht schauten, solange ich sie ansah. Ich konnte gewissermaßen ihre Pupillen knarren hören.

Am Schreibtisch mir gegenüber saß in dieser Zeit ein (ringverlobter) Kollege, der weder von äußeren noch von inneren Werten beschwert war. Wenn eine Fliege gegen seinen Kopf flog, gab es ein hohles Geräusch. Immerhin konnte er recht gut Gitarre spielen, und das tat er vor allem nachts, indem er mich anrief und ebenso wortlos wie wild in die Saiten griff. Nachdem er das einige Nächte lang geboten hatte, fasste er eines Vormittags seine Emotionen in Worte: “Sie könnten meine Verlobung beinah zum Platzen bringen, so wie Sie aussehn. Aber eben doch wieder nicht. Weil – ich finde, mit ner Frau muss man sich auch unterhalten können!”

Da hatte er schließlich absolut recht.

Ich bin übrigens ebenfalls nicht abgeneigt, mit meinem Partner Unterhaltungen zu führen. Ich fühle mich von Intelligenz angezogen, von Wortgewandtheit, von Witz. Ich liebe Humor und ich hab viel übrig für Warmherzigkeit. Aber – und jetzt kommt das Eigentümliche in meinem Wesen – ich kann mich an Schönheit aufrichtig erfreuen. Ich finde sie nicht verwerflich oder verdächtig, einen bösen Kern zu vertuschen. So wie ich mit Wonne durch eine schöne Landschaft wandle, mit Vergnügen schöne Bauwerke oder Gärten betrachte, so kann ich mich an der Schönheit meiner Mitmenschen ergötzen.

In der Zeit nach meiner Scheidung vor einigen Jahren begegnete ich einem stattlichen Herrn im richtigen Alter, der sich sehr für mich interessierte und gern von einer gemeinsamen Zukunft sprach. Er besaß derart viel innere Werte, dass er wahrscheinlich beim Gehen leise klöterte. Es war ein Vergnügen, stundenlang mit ihm zu reden. Er hätte gerne lebenslang mein guter Freund sein können, ich hätte ihm eine Niere gespendet und wäre für ihn in den Kampf gezogen. Heiraten wollte ich ihn nicht, und das lag, pfui, einfach daran, dass mir sein Aussehen nunmal nicht gefiel. Ich will gar nicht sagen, dass er schlecht aussah. Womöglich fanden viele andere Frauen ihn höchst ansehnlich. Denn schließlich liegt ja gerade Schönheit im Auge des Beschauers. In meinem Auge lag sie, was ihn anging, nunmal nicht. Ich versuchte es redlich – ich konnte mich nicht in ihn verlieben. Ich bewunderte ihn, ich schätzte ihn, ich fand ihn sympathisch. Was den Rest anging, winkten meine Hormone müde ab. Die benötigen einfach mehr Optik, um auf Touren zu kommen.

Glücksfaktor: Die Sache mit dem Geschmack, über den sich nicht streiten lässt.

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