Die Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November …

Oktober 31, 2019 admin No comments exist

… ist Halloween. Und hat es überhaupt in sich. Ein magisches Datum. In dieser Nacht ist mein Vater gestorben.

Ungefähr zwei Jahre vorher hatte ich einen Mann kennengelernt, einen Journalisten. Hardy besaß sehr langes blondes Haar und intensive schwarze Augen. Er war zweifellos faszinierend, aber irgendwie immer ein wenig ‘zu’, zu groß, zu breit, zu dominant. Und, falls das möglich ist: zu interessant. Er war Journalist, wir hatten auch beruflich miteinander zu tun, wir flirteten zunächst heftig. Dann sagte er etwas, am Telefon: “Ich will, dass du mir gehörst, mit Haut und Haaren und mit jeder Faser deiner Seele.”

Vielleicht war das nur eine romantische Floskel? Bei mir ging das Alarmlicht an. Ich hab viel übrig für besitzergreifende Männer, aber man kann alles übertreiben. Ich sagte mir selber: “Stop!” und zog mich liebenswürdig zurück. Hardy rief noch eine Weile an und versuchte, sich zu verabreden. Dann war Ruhe. Etwa ein Jahr später hörte ich von Bekannten, dass er gestorben war, ganz plötzlich, völlig unerwartet während einer Feier, das Herz. Er war nur 26 geworden!

Als ich meinen Vater an seinem ersten Todestag, also am 1. 11., auf dem Friedhof Ohlsdorf besuchte, hatte ich zwei Blumensträuße dabei, eigentlich durch einen Zufall: Ich konnte mich im Blumenladen nicht entscheiden zwischen den beiden, Astern und weiße Rosen und Herbstlaub, einer schöner als der andere. Also sollte mein Vater eben beide bekommen.

Das war ein sonderbarer Nachmittag, später schon, als ich beabsichtigt hatte. Außer mir schien sich niemand auf diesem Teil des großen Friedhofs zu befinden. Violette Dämmerung zwischen den hohen alten Bäume, hier und da etwas Bodennebel und Lichter auf vielen Gräbern – denn Ohlsdorf ist ein überkonfessioneller Friedhof und der 1. November schließlich Allerheiligen. Manchmal wirbelten kleine, tiefe Windstöße das nasse Laub in Spiralen hoch, dabei war es eigentlich windstill.

Plötzlich fiel mir zweierlei ein: dass Hardys Grab auch ganz in der Nähe dieser Kapelle liegen musste, nach allem, was man mir erzählt hatte. Und dann erinnerte ich mich, dass er am 1. November Geburtstag gehabt hatte.

Ich entschloß mich also, ihm einen der beiden Blumensträuße zu spendieren und begann, sein Grab zu suchen. Nach einigen Minuten geschah etwas Seltsames: Ich fühlte mich deutlich, ganz körperlich, in eine bestimmte Richtung gezogen. Als ob mich ein Magnet erwischt hätte. Ich musste nicht mehr suchen, ich wurde gezogen.

Wie damals, am Telefon, sagte ich: “Stop!” und wollte stehen bleiben. Das ging bloß nicht. Es zog mich weiter in eine bestimmte Richtung, immer stärker. Ich warf den Blumenstrauß weg, hielt mich an größeren Grabsteinen fest und zog mich auf diese Art, Hand für Hand, buchstäblich aus dem saugenden Bereich, bis es schwächer wurde und ich wieder normal gehen konnte. Dann lief ich zu meinem Auto, setzte mich hinein und knallte die Wagentür hinter mir zu. Mein Herz schlug rasend schnell und meine Hände flogen. Hier kam ich dann endlich auf die gute Idee, zu beten.

Ich hab Hardys Grab nie wieder gesucht. Bin nur noch am hellen Tag, möglichst vormittags und möglichst in Begleitung, zum Grab meines Vaters gegangen …

Glücksfaktor: Gute Instinkte.

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