Die Niagarafälle hinunter!

Oktober 24, 2018 admin No comments exist

Annie Taylor, Lehrerin, alleinstehend, benötigte im Herbst 1901 dringend Bares. Sie hatte bis dahin als Lehrerin oder Tanzlehrerin gearbeitet, mal hier, mal dort, quer durch die Vereinigten Staaten. Außerdem knabberte sie langsam eine kleine Erbschaft auf.

Seit ihrem 25. Lebensjahr Witwe (nach sehr kurzer Ehe war ihr Gatte im Bürgerkrieg gefallen), gefiel es ihr offenbar gut, alleinstehend und selbstbestimmt zu sein. Wenn nur die wirtschaftliche Knappheit nicht gewesen wäre!

Anni beschloss, als erster Mensch die Niagarafälle in einem Fass zu bereisen. Von oben nach unten – ein anderer Kurs war nicht gegeben.

Just an ihrem Geburtstag, dem 24. Oktober, ließ sie sich eintonnen. Das Fass wurde mit einem Korken zugestopft, dem wilden Gewässer übergeben und von der Strömung Richtung Wasserfall gerissen. Für die 53 Meter in die Tiefe brauchte Annie eine Minute. Etwa zwanzig Minuten später barg man das Fass und öffnete es. Zur allgemeinen Verwunderung entstieg die Lady aus eigener Kraft ihrem Behälter. Sie war ein wenig am Hinterkopf verletzt und litt nach ärztlicher Ansicht an einem Schock, war jedoch in der Lage, sofort Interviews zu geben. 

Eine kurze Weile wurde sie als Berühmtheit  gefeiert, doch dann kam ihr wahres Alter heraus: dreiundsechzig! (Sie hatte nämlich vorsichtshalber behauptet, erst 43 zu sein, und offenbar schien das zunächst ganz glaubhaft.)

Anstatt jedoch nun erst recht in Bewunderung auszubrechen, weil eine so betagte und gleichzeitig so rüstige Person noch ein derartiges Wagnis eingegangen war – anstatt zu preisen, wie jung Annie doch ‘für ihr Alter’ noch aussah – rümpfte das Publikum die Nase. Ach, eine Omi war das?! Du lieber Himmel …

Man empfand nicht, dass sie ihrem wahren Alter entsprechend gehandelt hatte. Man sah nur ihr wirkliches Alter, die Fakten, die Zahlen. Sie war plötzlich nicht mehr attraktiv, sondern grotesk.

Vorbei war der kurze Ruhm. Annie schlug sich noch eine Weile als Hellseherin durch und starb schließlich, 83jährig, im Armenhaus.

Glücksfaktor: wenn Alter ganz unwichtig ist. Aber davon sind wir weit entfernt …

 

 

 

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