Die Pocken

April 2, 2020 admin No comments exist

Es scheint sie schon immer gegeben zu haben. Jedenfalls fand man Pharaonenmumien mit Pockennarben und die Krankheit taucht verschiedentlich im Alten Testament auf : Beispielsweise wurde Hiob, der eigentlich sowieso genug auszustehen hatte, auch noch mit den Pocken gestraft. Außerdem handelte es sich bei der sechsten der ägyptischen Plagen um ‘schwarze Blattern’.

Eine allgegenwärtige Krankheit durch die Jahrhunderte, hochansteckend, oft entstellend, zur Erblindung oder Taubheit führend. Nicht immer tödlich. Friedrich der Große hat sie überstanden, Schiller, Beethoven und Mozart sind von den Pocken genesen. Geheimrat Goethe ebenso.

Ab und zu jedoch wuchsen sie an zur Epidemie. Dann töteten sie Tausende. Im 16. und im 17. Jahrhundert lösten sie die amtierende schlimmste Seuche, die Pest, ab, im 18. Jahrhundert wütete sie in ganz Europa. Vor allem Kinder erkrankten und starben massenhaft. Es wird vermutet, das jedes Jahr ungefähr 400.000 Infizierte Menschen den Pocken erlagen.

Die spanischen Eroberer brachten die Seuche mit in die Neue Welt und erledigten das Problem mit den Inkas und Azteken, vielleicht nicht geplant, aber höchst effektiv, in kürzester Zeit. Etwa 90 % der Ureinwohner Süd- und Mittelamerikas wurden weggepockt, sie schienen nicht die geringste Widerstandkraft gegen das Virus zu besitzen.

Später folgte der Weiße Mann in Nordamerika dieser Idee. Es gab wiederholt Versuche, mit infizierten Wolldecken auch hier die Urbevölkerung zu entfernen. Aus irgendeinem Grund funktionierte das nicht ganz so gründlich.

Die Krankheit verlief folgendermaßen: Nach der Ansteckung vergingen ungefähr zwei Wochen, dann begann es mit Schüttelfrost und grippeähnlichen Symptomen, Kopf- und Rückenschmerzen sowie Halsschmerzen. Das Fieber stieg, sank und stieg wieder. Nach einigen Tagen zeigten sich überall auf der Haut Flecken, die zu Eiterpusteln wurden und schließlich verkrusteten. Die Narben konnten unterschiedlich schlimm ausfallen – manchmal war Jahre später kaum noch etwas zu sehen. Manchmal entstellten sie einen Menschen für sein ganzes Leben.

Das geschah der Erzherzogin Maria Elisabeth, der schönsten aller Töchter der österreichischen Kaiserin Maria Theresia. Weil sie so ein bezauberndes Gesicht hatte, hoffte man, sie politisch besonders günstig zu verheiraten, am liebsten mit dem verwitweten Ludwig XV. von Frankreich. Die Verhandlungen waren bereits im Gange.

Der König war zwar rund dreißig Jahre älter als die Prinzessin, doch das störte keinen großen Geist. Die Habsburger hielten immer mehr vom Heiraten als vom Kriegführen.

Dann steckte sich die reizende Maria Elisabeth mit den Pocken an, überlebte – und konnte sämtliche Heiratspläne beerdigen, ein für alle Mal. Ihr Gesicht, der Hals und das Dekolleté sahen aus wie mit Raufasertapete bespannt. Sie hatte möglicherweise innere Werte. Sie hätte gewiss eine gute Mitgift eingebracht. Politisch hätte es gut gepasst. Aber das half alles nichts. Die Prinzessin blieb unverheiratet. Im Alter wurde sie dick, bösartig und unglücklich.

In Deutschland gab es die letzte große Pockenepidemie 1873. Sie forderte ungefähr 180.000 Leben.

Aber inzwischen hatte es sich ein englischer Arzt, Dr. Edward Jenner, zur Lebensaufgabe gemacht, die Krankheit zu besiegen. (Er war selbst als Kind beinah daran gestorben.)

1796 impfte Jenner einen kleinen Jungen mit einem selbstgemachten Serum aus Kuhpockenpusteln und stellte später zufrieden fest, dass dieses Kind nun gegen den Pokenerreger immun geworden war.

 

Jenner war ein unerschrockener Mann. Als nächstes impfte er seinen eigenen, 11 Monate alten Sohn. Was seine Frau dazu sagte, ist nicht überliefert. Er verbreitete die positiven Ergebnisse seiner Forschungen und erklärte, dass er durch seine Impfung eine lebenslange Immunität erreicht hätte. (Später sollte sich zeigen, dass dies so nicht stimmte; es war eine zweite Impfung nötig, um Immunität zu erreichen.)

Napoleon Bonaparte, der sich eigentlich gerade mit England im Krieg befand, war begeistert von Jenners Forschungen, spendierte ihm, Feind hin, Feind her, eine Medaille und ließ seine Grande Arme, alle 162.000 Mann, gegen Pocken impfen.

Bald setzte sich die doppelte Pockenimpfung – einmal im Babyalter und einmal mit etwa zwölf Jahren – überall durch. Ab 1967 wurde sie weltweit Pflicht. Alle Menschen trugen die beiden fingerabdruckgroßen Narben auf dem Oberarm. Am 8. Mai 1980 stellte die WHO fest, das sei ab jetzt überflüssig.

Glücksfaktor: Es sieht so aus, als sei diese Seuche tatsächlich ausgerottet. Der letzte Mensch, weltweit, erkrankte 1977 in Somalia. Allerdings existiert das Virus in einem Hochsicherheitslabor in Amerika sowie in einem in Russland. Man kann schließlich nie wissen, wann man die Pocken vielleicht noch mal benötigt …

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