Ein Hund: Mollie

Oktober 16, 2021 admin No comments exist

Mein Großvater brachte sie eines Tages mit nach Hause, eine wohlgerundete, dackelartige Hundedame. Das war im Jahr 1920, zwei Jahre nach dem Ende des ersten großen Krieges und eigentlich eine karge Zeit. Als streunender Hund nicht abgemagert, sondern ‚mollig‘ zu sein, sprach für einige Raffinesse. Vielleicht war sie überhaupt kein Streuner?

Doch mein Großvater beteuerte, sie sei ihm nachgelaufen. Und sie wirkte ganz so, als wollte sie bleiben.

Die Familie in der Etagenwohnung in Berlin-Charlottenburg bestand aus diesem Familienvater, seiner elf Jahre älteren, sehr zierlichen, sehr temperamentvollen, sehr gescheiten Frau Maria (als Romni geboren) und ihren drei Töchtern Vera, Erika und Ursula. Letztere war meine Mutter, die Jüngste, die Niedlichste, die Charmanteste und Frechste.

Ich glaube, ich brauche nicht zu sagen, an welcher Stelle sie sitzt. Als Mollie die überwiegend weibliche Familie vervollständigte, war die kleine Ursi fünf Jahre alt.

Wenn man zwei komplizierte große Schwestern hat, die meistens zusammenhalten und die neidisch darauf sind, wenn Mama die Jüngste bevorzugt – wenn Mama Schneidermeisterin ist mit zwei angestellten Näherinnen und alles praktisch allein wuppen muss: die Firma, den Haushalt und den Mann, der schlecht damit klar kommt, dass seine Frau der Boss ist – dann braucht man eine Freundin. Ursi und Mollie konnten viel miteinander anfangen. 

Ich hab diesen Hund natürlich nie selber kennengelernt. Aber meine Mutter hat so häufig von ihm erzählt, dass Mollie mir irgendwie immer vorkam wie eine alte Bekannte.

Auf dem Foto sitzt der Hund zwar auf Veras Schoß – aber die musste ganz schön festhalten, damit Mollie ihr nicht entflutschte. Das Tier galt offziell als ‚Hund der Familie‘, doch eigentlich war sie Ursis Hund. Ursi ging einstweilen noch nicht zur Schule und bot sich gern an, ‚den Hund auszuführen‘. Später war das dann eine Selbstverständlichkeit, dazu hatte sowieso kein anderer Lust. 

Wenn die großen Schwestern es jetzt allerdings wagten, ‚die Kleene‘, weil sie frech war, wie gewohnt zu schubsen, dann begann Mollie ein schrilles, nervtötendes Gekläff, um Ursi zu verteidigen. Sie wollte auch gern bei ihr im Bett  schlafen, doch das war verboten. Weshalb meine Mutter sich in den ersten drei Schuljahren, solange sie noch klein genug war, nachts oft mit in den (zu großen, weil von Nachbarn geerbten) Hundekorb quetschte, um da zu übernachten.

Acht Jahre später war Mollie grau um die Schnauze, hatte Probleme mit den Treppenstufen bis zum dritten Stock und sollte ‚eingeschläfert‘  werden. Da packte meine Mutter nachts ihre Sachen, knipste die alte Hundedame an die Leine und verschwand in der stockfinsteren, neonflackernden Berliner Großstadtnacht, Richtung Bahnhof Zoo.

Ihre Mutter hatte ein merkwürdiges Gefühl, als sie gegen drei aufwachte. Sie erhob sich leise, entdeckte das zertrümmerte Porzellan-Sparschwein und das fehlende Köfferchen, zog sich hastig an und fand instinktsicher den richtigen Bahnhof. Da saßen Ursi und Mollie auf einer Bank in der großen Halle, zitterten im Gleichtakt und überlegten, wohin in der Welt sie für 17 Mark und fuffzig Pfennje ausrücken sollten.

Meine Großmutter versprach Begnadigung, schimpfte beinah gar nicht und holte die beiden  Mädchen, das sehr junge und das ziemlich alte, nach Hause zurück. Sie erklärte der Familie, das Sparschwein sei aus Versehen von der Kommode gefallen. Und sie telefonierte den Tierarzt ab. Da hatten sich alle zu fügen: Sie maß zwar nur einen Meter fünfundfünfzig, aber sie war der Boss.

Mollie lebte noch drei weitere Jahre. Meine Mutter trug sie von da ab einfach die Treppe hinauf und hinunter, dankbar dafür, dass es sich um eine Art Dackel und keinen  Neufundländer handelte.

Glücksfaktor: Das ist ja ganz praktisch mit dem ‚Einschläfern‘ – sollte jedoch wirklich gründlich erwogen werden.

P.S. Und wenn ich jetzt die Geschichten all dieser Hunde erzähle, dann werde ich bitte jedes  Mal den Schluss weglassen. Es ist traurig genug, dass sie normalerweise so viel kürzer leben als wir. Ich möchte den Schmerz nicht extra schildern …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.