Ein Hund – Napoleon

Oktober 24, 2021 admin No comments exist

Das war Liebe auf den aller- allerersten, flüchtigen Blick. Ich arbeitete in der Stern-Redaktion in Hamburg und lief in der Mittagspause über die Mönckebergstraße. Damals wurden in Tierhandlungen noch Hundewelpen verkauft. Da tobten und spielten in einem großen Glaskasten im Schaufenster drei kleine Hunde – und an der Wand saß still ein Baby, ein Dackelwelpe mit nacktem rosa Bäuchlein, der verträumt in die Ferne blickte. Ich stoppte, blieb stehen und fühlte, wie Amor mich von allen Seiten beschoss, bis ich aussah wie ein Stecknadelkissen.

Ich stürzte in den Laden und rief: „Ich möchte den kleinen Dackel kaufen!“ – ohne auch nur zu fragen, was er kostete. Drei Verkäuferinnen liefen von allen Seiten herbei und riefen bewegt: „Der Lütte! Der Lütte wird verkauft!“ Ich bezahlte, bekam das Hundekind aus dem Fenster geangelt und nahm ihn auf den Arm. Er stopfte sofort seine kleine Schnauze unter meine Achsel und ließ sie dort.

Ich erhielt Papiere, auf denen stand, er hieße ‚Etzel vom Heidesand‘ und sei am 25. Juli geboren. (Also ein Löwe; ich taufte ihn auf der Stelle Napoleon.) Demnach hätte er etwa acht Wochen alt sein müssen. Da er noch so winzig war, nahm ich an, es handle sich um einen Zwergdackel. Ein Tierarzt klärte mich bald darüber auf, dass Napoleon ein richtiger Rauhaardackel war – nur viel zu früh zum Verkauf angeboten, etwa vier Wochen alt, wahrscheinlich jünger. Eigentlich hätte er noch Muttermilch bekommen müssen. Was er dringend brauchte, war jedenfalls eine Mama. Ich tat, was ich konnte.

In den ersten Wochen blieb er praktisch nur auf meinem Arm, meistens die Schnauze in meine Armbeuge oder Achsel gebohrt. Ich nahm ihn sogar mit in die Redaktionskonferenz, einen leichten Schal um den Hals und über meinen Arm mit Hund gebreitet.

In meinem Redaktionsraum legte ich den Teppichboden mit Zeitungen aus. Ein Kollege, der mich besuchte, meinte dazu: „Ach Gottchen, was der hinterlässt, kann man ja noch mit der Pinzette aufheben!“

Bei uns zu Hause – ich war seit kurzer Zeit verheiratet – hatten wir einen langen Schuhkarton in die Ecke gestellt und mit Sand gefüllt, bis der Kleine stubenrein sein würde. Er war intelligent und lernte schnell, aber er unterschätzte seine eigene Länge. So kam es, dass er häufig brav mit den Vorderpfoten im Kartonsand stand, während er hinten auf den Teppich strullerte.

Glücklicherweise hatte mein Mann keine Einwände gegen den plötzlichen Familienzuwachs: Er selbst war mit Pferden, Hunden und Katzen aufgewachsen. Außerdem, dachte ich, muss sich einfach jeder in diesen Welpen verlieben.

Doch kurzer Zeit, nachdem ich Napoleon gekauft hatte, besuchte uns abends ein befreundetes Paar. Ihn mochte ich gern, er studierte zusammen mit meinem Mann, ein humorvoller Schütze. Von ihr weiß ich bezeichnenderweise nicht mehr das Sternzeichen. Ich erinnere mich nur, dass sie sehr schön war und aus sehr reichem Haus stammte. Das Essen war mir gelungen, wir saßen noch lange um den Tisch, tranken Rotwein und plauderten, ich hatte Napoleon auf meinem Schoß. Die schöne junge Frau trank deutlich mehr als wir anderen – manchmal hat man ja großen Durst. Am späten Abend, kurz, bevor die beiden gingen, sagte sie plötzlich mit schwerer Zunge zu mir: „Jetzt nimm doch endlich mal dieses Vieh vom Körper, an dem du deine verirrten Muttergefühle abarbeitetst!“

Aber sie war ja auch vorher schon keine enge Freundin von mir gewesen.

Im Hunderudel gibt es normalerweise einen einzigen Leithund. Die meisten Familienhunde hängen ihr Herz an einen Favoriten im Haus, wenn sie das auch oft taktvoll vertuschen. Napoleon war ganz und gar mein Hund. Als ich mich mal beim Frühstück verschluckt hatte und mein Mann mir hilfreich auf den Rücken klopfte, hatte er beim dritten Schlag den Dackel mit sämtlichen Zähnen in der Hand.

Ich hab in diesem Blog schon öfter über Napoleon geschrieben. Er war der Hund, mit dem ich einen Traum teilte, als wir Stirn an Stirn schliefen. Er war der ironiebegabte Dackel, der über die Straße flitzte, als ob es ums Leben ginge – obwohl weit und breit kein Auto zu sehen war.

Er war ein liebenswerter, gescheiter, verschmitzter Kerl und ich habe ihn jahrelang vermisst, nachdem er nicht mehr da war.

Glücksfaktor: Immerhin fünf gemeinsame Jahre.

 

 

 

 

 

 

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