Eine italienische Scheidung

Oktober 16, 2022 admin No comments exist

war über lange, lange Jahrhunderte unmöglich. Es ist eine erstaunliche Tatsache, dass es in diesem Land erst seit 1970 (!!) juristisch möglich ist, eine geschlossene Ehe wieder zu trennen – ohne den Tod dazu bemühen zu müssen.

Da gab es unter anderem 1961 den sehr amüsanten Film „Scheidung auf Italienisch“ mit Marcello Mastroianni, der sich voller Verzweilflung immer neue Todesarten für seine Gattin ausdenkt, um sie endlich loszuwerden und als Witwer neu anzufangen.

Vielleicht, weil in Rom nunmal der Papst wohnt, vielleicht, weil im Altertum gerade hier die Christen ganz besonders gepiesakt wurden: Italien schleppte seit Jahrtausenden besonders schwer an Segen und Fluch des Katholizismus, einschließlich der Unauflösbarkeit der Ehe.Vielleicht verdankt die wunderschöne, romantische Gegend es unter anderem dieser Tatsache, dass hier die tödlichsten, geheimnisvollsten, schwer aufzustöbernden Gifte angefertigt wurden.

(c) National Trust, Polesden Lacey; Supplied by The Public Catalogue Foundation[/caption]

Als die junge Caterina di Medici, Großnichte des damaligen Papstes, 1533 aus Italien nach Frankreich anreiste, um dort den König zu heiraten, da wusste Jeder: Die hat Ahnung vom Giftmischen! Zwar war das im 16.Jahrhundert sowieso eine gebräuchliche Art, sich lästige Mitmenschen aus dem Weg zu schaffen, doch speziell Italienerinnen verfügten über entsprechende  Rezepte. (Im Film ‚Die Bartholomäusnacht‘ ist sehr schön dargestellt, wie auch die Söhne Caterinas, die verschiedenen Prinzen und Könige, gelehrige Schüler der Mama, rundherum Gift verabreichen, etwa durchs Präparieren von Buchseiten oder Lippenpomade.) Trotzdem, dies sei Caterina zu Ehren gesagt, starb ihr Mann, der König, nachweislich an einer Turnierverletzung.

Knapp ein Jahrhundert später gab es in Neapel eine (oder mehrere) tüchtige Damen, bei denen ein scheidungswilliger Mensch erhielt, was ihn frei machte, nämlich Aqua Tofana. Das war eine klare, geruchs- und geschmacklose Flüssigkeit, von der wenige Tropfen genügten, um viele Probleme zu beseitigen.

Aqua Tofana, hieß es, sei der Geifer zu Tode gekitzelter, an den Füßen aufgehängter Menschen. Es bestand jedoch wahrscheinlich eher aus ziemlich viel Arsenlösung, etwas Bleizucker sowie einem Zusatz von Belladonna. 

Dem Brockhaus von 1837 konnte man entnehmen, dass ein Opfer, dem einige Topfen beigebracht wurde, je nach Dosierung, in aller Gemächlichkeit monatelang dahinsiechen oder am selben Nachmittag zu den Ahnen schweben konnte. Die Symptome zeigten sich durch großen Durst und zunehmende Melancholie. Sehr angenehm für die mordende Person dürfte die Tatsache gewesen  sein, dass der Vergiftete keine Schmerzen verspürte und deshalb nicht herumjammerte. Vielmehr verlor er außer dem Appetit auch die Lust am Leben, wurde immer schwächer und hinfälliger und  fiel schließlich in ‚Abzehrung‘. Sodann konnte er beerdigt werden und es war Zeit, in ein hübsches schwarzes Kleid zu schlüpfen.

Nachweisen ließ sich mit damaligen Mitteln überhaupt nichts. Die Richter waren auf Verrat, plötzliches Beichtbedürfnis oder durch Folter herausgequetschte Aussagen angewiesen.

Mehrere miteinander bekannte oder verwandte italienische Giftmischerinnen gaben sich das Rezept gegenseitig weiter oder vererbten es. Rund 600 Todesfälle (alle Opfer männlich) verursachte das klare Zeug im Fläschchen. Dadurch halfen sich ebensoviele zwangsverheiratete, häufig misshandelte, zu Unterordnung und Gehorsam verurteilte Frauen aus der hoffnungslosen Patsche.

Es gab einige Giftmord-Prozesse in Bezug auf Aqua Tofana sowie Hinrichtungen in der Mitte des 17. Jahrhunderts in Palermo und Neapel, später auch in Rom. Eine Dame namens Teofania di Adamo, offenbar Schöpferin des genialen Mittels, wurde 1697 durch Hängen (nur ein wenig, bis kurz vor dem Ersticken), Ausweiden (Öffnen des Leibes und Verteilen der Eingeweide auf dem Oberkörper) sowie Vierteilen (nach Durchtrennen der hindernden Sehnen ein Auseinanderreißen des Körpers durch vier Pferde)  hingerichtet. Teofania durfte stolz darauf sein, dass diese grausame Tötungssart sonst durchaus männlichen Schwerverbrechern vorbehalten blieb.

Trotzdem ging das geniale Rezept nicht verloren. Ebenfalls aus dem 1837-Brockhaus erfuhr der interessierte Leser, in Umbrien sei dergleichen noch zu erwerben.

Übrigens glaubte Wolfgang Amadeus Mozart am Ende seines Lebens felsenfest, jemand hätte ihn mit Aqua Tofana umgelegt …

 

Glücksfaktor: Dass man sich heutzutage nach Herzenslust scheiden lassen kann, sooft  man will! Und wer dazu keine Lust hat: Der Internet-Händler Etsy bietet in seinem Sortiment (Wir haben alles!) entsprechende Fläschchen an.

 

 

 

 

 

 

 

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