Eine Sache der Ehre

Dezember 1, 2019 admin No comments exist

war der Tod des 43jährigen Emil Hartwich am 1. Dezember 1886. Sein Duellgegner, Armande Baron von Ardenne, hatte ihm vier Tage zuvor in den Bauch geschossen: ein unschönes und qualvolles Sterben.

Baron von Ardenne sah sich zu dieser Tat gezwungen, seine Reputation als Offizier verlangte es so. Zwar waren Duelle, einerseits, gesetzlich verboten; doch andererseits hatte er seinen Ruf als ganzer Mann zu verteidigen, nachdem er herausfand, dass seine Frau ihn betrog.

Diese Frau hatte ihm seit langem und schon immer zu schaffen gemacht. Er lernte sie kennen, als er selbst neunzehn und sie kaum vierzehn war. Sie hieß Elisabeth, Freiin von Plotho, wurde aber in der Familie und überhaupt ihr Leben lang Else genannt, hübsch, wild, bockig und unkonventionell, sehr zur Verzweiflung ihrer verwitweten Mama.

Der schüchterne und etwas unbeholfene Rittmeister von Ardenne langweilte Else. Immer, wenn er Visite machte und auf dem Klavier spielte, rief man sie zu ihrem Missvergnügen herein, um zu lauschen; erschien er zum Essen, musste sie seine Tischdame mimen und er guckte sie über dem rotblonden Schnauzbart mit anbetenden Äuglein an. Else wurde schnippisch. Den Menschen würde sie niemals heiraten!

Doch ihre Mama hatte den längeren Atem, sie wurde nicht müde, zu kuppeln. Vier Jahre später war Else mürbe genug, sich mit Baron von Ardenne zu verloben, noch zwei Jahre später wurde sie seine Frau.

Sie bekamen einen Jungen und ein Mädchen, sie zogen nach Metz, nach Düsseldorf, nach Berlin, Armand machte Karriere. Die Familie lebte sorglos und luxuriös und fand Anschluss an kulturell gehobene Kreise: Sie lernten beispielsweise den Dichter Theodor Fontane kennen!

Else von Ardenne lebte in beneidenswerter Geborgenheit. Aber sie sehnte sich nach Leidenschaft – die Sicherheit konnte ihr gestohlen bleiben.

Und dann lernte sie Emil Hartwich kennen, Jurist und Sportpädagoge, geistreich, strahlend, charismatisch, heißblütig. Ebenfalls verheiratet: Die Hartwichs und die Ardennes waren miteinander befreundet.

Emil und Else planten, sich scheiden zu lassen und miteinander ein neues Leben zu beginnen. Leider zu früh findet Baron Ardenne ganz zufällig, als er den Schrank seiner Frau aufbricht, ihren Briefwechsel mit Richter Hartwich. Er schickt seinen Sekundanten los und überlässt Freund Emil die Wahl der Waffen …

Theodor Fontane hörte später von dem Drama einiger Menschen, die er flüchtig kannte und machte daraus den Roman, der sein erfolgreichster werden sollte, ‘Effi Briest’. Die arme Effi stirbt nach dem Duelltod – der im Buch erst Jahre nach der Sünde erfolgt – einsam und geächtet und noch keine 30 Jahre alt.

Else, das lebende Vorbild, dachte gar nicht daran, früh ins Gras zu beißen. Sie saß auch keineswegs seufzend herum und bereute ihre Sünden. Sie wurde Krankenschwester und Betreuerin psychisch kranker Menschen, überlebte die beiden Weltkriege, bestieg als erste Frau der Welt den 2970 Meter hohen Scesaplana in den Alpen, lernte mit 60 Jahren Skilaufen und mit 80 Radfahren. Sie heiratete nie wieder, nahm jedoch Kontakt zu ihren Kindern auf, nachdem die erwachsen waren (vorher durfte sie sich ihnen nicht nähern) – und starb im Alter von immerhin 98 Jahren, 1952. Ihrem Lieblingsenkel, dem Physiker und Forscher Manfred von Ardenne, schrieb sie noch in ihren letzten Lebensjahren in einem Brief, was für ein wunderbarer, lebensvoller Mann ihr Geliebter gewesen war, der erschossene Emil Hartwich …

Glücksfaktor: Dass es in unserer Zeit so viel leichter ist, sich sein Leben einzurichten, wie man will.

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