FRIEDENSNACHT 2. Teil

Dezember 12, 2017 admin No comments exist

Am vorletzten Abend von Harros Heimaturlaub lag ich im Bett und wartete darauf, dass er nach oben ging, aber diesmal hörte ich ihn nicht. Ich stand auf, zog meinen Morgenrock über und schlich die Treppe hinunter. Ein wenig Licht kam durch das große Dielenfenster von der Laterne vor unserem Haus.

Im Wintergarten war die kleine Stehlampe an. Harro lag auf dem Boden neben dem roten Korbsessel und schlief. Als ich ihn leise an der Schulter fasste, kam er mit einem Ruck hoch und fuhr mit beiden Händen fest um meinen Hals. Ich konnte noch seinen Namen keuchen, da ließ er los.

Wir saßen beide schwer atmend auf dem Boden.

Er musste sich anstrengen, um seinen Blick auf mein Gesicht zu halten, der wollte immer wieder nach oben rollen.

»Harro – du darfst nicht so viel trinken, du schadest dir!«, sagte ich.

Darüber hechelte er sein komisches neues Lachen. Er konnte sich gar nicht beruhigen. Ab und zu flüsterte er: »Ich schade mir! Ich schade mir!« – und lachte weiter – als wäre das sehr komisch.

»Sicherlich hast du schlimme Sachen erlebt . . .«, fuhr ich fort.

»Ach, du hast doch keine Ahnung!«, sagte mein Bruder mit schwerer Zunge. »Ihr habt alle keinen blassen Schimmer. Armes Kind, du weißt doch nichts.«

»Du erzählst ja auch nichts. Wenn du was sagen würdest, dann wüsste ich . . .«

»Wenn ich was sagen würde? Was soll ich dir denn sagen? Soll ich dir erzählen, wie das im Graben zugeht? Willst du das wissen? Das willst du nicht wissen!«

»Ich weiß ja, dass die Front verhärtet ist. Dass sich alle Soldaten ständig nur in gebuddelten Gängen gegenüberliegen und so lange versuchen, sich gegenseitig totzuschießen, bis die Munition zu Ende geht und es keine neuen Soldaten mehr gibt. Das hast du uns ja schon in deinem letzten Brief geschrieben. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass dieser Stellungskrieg ein Alptraum ist.«

Harro griff nach oben, suchte auf dem Tischchen die Streichhölzer sowie seine Zigaretten und zündete sich eine an. »Du kannst dir gar nichts vorstellen. Ihr könnt euch gar nichts vorstellen. Schlimme Sachen, sagst du. Ich hab schlimme Sachen erlebt . . .« Jetzt ließ er seine Augen einfach nach oben rollen, legte den Kopf zurück und sagte zur Zimmerdecke: »Das Schlimmste ist der Regen. Die Nässe. Ich hab immer gedacht, in Hamburg regnets viel. Das stimmt nicht. Hamburg ist ’ne Wüste, Hamburg ist knochentrocken gegen Flandern. Flandern ist Regen und Moder und Matsch. Die Erde ist aus Ton oder so was . . . nichts sickert weg, es steht und steigt, du stehst bis an die Knie in Wasser und Matsch und von oben regnet es und von unten steigt das Wasser und du verfaulst bei lebendigem Leib. Die Haut geht kaputt dabei, wird schwammig und juckt und pellt ab… Sie haben entdeckt, dass eine besondere Krankheit daraus entsteht, mir fällt jetzt nicht ein, wie die heißt . . . Ja, aber noch viel schlimmer sind die Läuse. Fressen dich auf, überall juckt es und die Stiche entzünden sich und du bleibst sechs Tage am Stück in Klamotten, weil keine Ablösung durchkommt bei Dauerbeschuss. Dabei sind die Läuse nichts gegen die Ratten. Flandern ist ’ne Rattenzucht, gemästete Viecher, dick und rund durch die vielen Soldatenleichen – Rattenparadies – groß wie die Bieber, du glaubst nicht, dass das Ratten sind. Fressen Katzen und beißen Hunde tot. Greifen Verwundete an. Grässlich. Wenn du im Graben schläfst, und wachst auf, weil dich so ‘n Rattenvieh zwickt . . . Oder du guckst im Dunkeln und siehst ihre Augen glühen . . . Ich hab viele mit ‘nem Spaten erlegt. Und mein guter Kamerad Ulrich Dirring, der konnte sie totschießen, der war Scharfschütze . . .«

Harro nahm einen tiefen Zug aus seiner Zigarette, leckte sich über die Unterlippe und legte den Kopf schief, um die Wintergartendecke auch links genauer zu betrachten.

»Aber das Schlimmste überhaupt ist der Gestank. Du selbst stinkst und die Latrine stinkt und die verdammten Leichen überall, die stinken am meisten. Leichen neben dir und über dir und unter dir. Und Leichen zwischen den Gräben. Fürs Vaterland, weißt du. Erst fürs Vaterland verwundet und dreivierteltaglang gebrüllt, nach Mutter gebrüllt oder nach Gott oder Kamerad erschieß mich! Und dann endlich, endlich Ruhe und fürs Vaterland vergammelt. Alles können die Ratten ja auch nicht auffressen, die armen Tiere, es sind zu viele Leichen, viel zu viele. Liegen Tage und Wochen da und stinken. Kommen immer neue dazu und stinken mit. Liegt da eines Tages mein guter Kamerad Ulrich Dirring und guckt in den Himmel, Hinterkopf im Wasser, die Granatlöcher laufen ja immer voll, alles voller Wasserlöcher . . .«

Harro sprach noch undeutlicher, weil er jetzt weinte. Er weinte ganz nebenbei, er schien es selbst nicht zu merken, aus seinen Augenwinkeln liefen Tränen über seine Schläfen. Zuletzt hatte ich ihn weinen gesehen bei Mamas Beerdigung, da war er zwölf.

»Dann Riesenkrachbumm wieder mal ’ne Granate und dir fliegt alles um die Ohren, die halbe Latrine und Rattenteile und . . .« – Harro stöhnte und wischte sich die Tränen vom Hals, wobei er Gefahr lief, sich mit seiner Zigarette das Ohr zu verbrennen – »… und mich trifft was auf die Schulter, verstehst du, wie ’ne tote Ratte oder so, und ich will‘s wegtun und da ist es der Arm von meinem guten Kameraden Ulrich Dirring. Ich kenn seine Hand genau, er hatte so‘n kleines Schach dabei, zum Stecken, das haben wir oft gespielt. Ich kenn seine Finger und den grünen Siegelring. Das war ganz gewiss seine Hand. Hat er mir noch mal die Hand auf die Schulter gelegt, der Kerl…«

Harro zog die Nase hoch.

Dann senkte er den Kopf und rollte langsam seine Augen zurück zu mir. »Flandern war schön, als ich kam«, sagte er leise und ziemlich klar. »Alles voller Mohn. Bildhübsch, Mohn und Schmetterlinge. Da wächst nichts mehr jetzt. Löcher voll Dreckwasser und schwarze, kaputte Baumstümpfe . . .«

Mein Bruder rutschte langsam mit dem Oberkörper auf den Boden und schloss die Augen.

Ich nahm ihm vorsichtig die Zigarette weg und drückte sie im Aschenbecher aus. Dann holte ich die schwere Webdecke vom Wohnzimmersofa und deckte ihn zu, knipste die kleine Stehlampe aus und huschte die Treppe rauf und zurück ins Bett. Ich hatte ganz kalte Füße bekommen und ich musste lange weinen, bis ich einschlief.

Als Harro wieder abgereist war sah ich, dass im Keller vier leere Cognacflaschen lagen. Vier Flaschen in fünf Tagen!

Der gute, alte, französische Cognac, von dem Papa immer gesagt hatte, der ist für besondere Gelegenheiten.

Aber andererseits war dies hier ja eine besondere Gelegenheit.

 

Anfang Dezember schrieben wir in der Schule einen Aufsatz darüber, was eine Frau oder ein Mädchen tun kann, um das Ihre beizutragen. Natürlich Strümpfe stricken – ich hab seit Kriegsbeginn ungefähr dreißig Paar gestrickt, alle ganz akkurat und perfekt. Ich bin geradezu eine Strickmaschine.

Aber es geht auch um persönliche Aufopferung, hat Fräulein Rahm gesagt.

Da fühlte ich in mir die starke Bereitschaft zur Aufopferung.

Gerade jetzt zu Weihnachten würde ich ohne Zögern fürs Vaterland auf den Altar klettern, egal, wie es sich ergeben mochte. Ich war bereit.

Für den Aufsatz bekam ich eine glatte Eins.

 

Das Leid und Elend, von dem Johnny im Sommer gesprochen hatte, war schon näher gekommen. Durch die britische Seeblockade gab es nur noch wenig zu kaufen und alles war entsetzlich teuer geworden.

Anfang November hatten die Briten die gesamte Nordsee zum Kriegsgebiet erklärt, seitdem war es überhaupt ganz aus. Wir aßen überwiegend scheußliche Sachen, getrocknete Erbsen und Kohl und Graupen wie ganz arme Leute. Im Brot war eine Menge Kartoffelmehl. Dabei kosteten solche Leckerbissen mehr als vor dem Krieg Ente oder Hummer.

Die Diät eignete sich allerdings gut dafür, eine schlanke Taille zu bewahren. Hätte ich mich jetzt noch schnüren können, wäre ich eine Eieruhr gewesen.

Aber Korsetts waren nicht mehr in Mode, außer bei älteren Damen, man trug weich fallende Kleider, was nützte mir da meine Taille?

Ich mochte die neue Mode nicht. Wie reizend hatte Mama ausgesehen mit ihrer Wespentaille und dem Stehkragen aus zarter Spitze! Jetzt redeten alle von Bequemlichkeit, als wäre das eine Tugend.

Hatten unsere Herren in ihren Uniformen es vielleicht bequem?

Im Sommer war meine Stiefmutter in lange Schals gehüllt durchs Haus geschleift wie Isadora Duncan und hatte uns ständig den Anblick ihrer dicken rosa Füße zugemutet. Papa hatte gelacht und sogar Harro schien es zu gefallen.

Manchmal meinte Gerda jetzt, sie wollte sich das Haar abschneiden. Das konnte ich gut verstehen; es war so dünn, dass ihre Ohren durchschimmerten oder der kleine Muff, den sie als Polster für ihren Nackenknoten benutzte und der aussah wie Matratzenfüllung.

Mein Haar hätte ich nie abgeschnitten. Es bekam bei Feuchtigkeit Locken und war so lang, dass ich darauf sitzen konnte, wenn ich den Kopf zurücklegte.

Trotzdem pries alle Welt Gerdas Haar, bloß wegen der Farbe.

Frau Degenhardt sagte mal zu mir: »Na, Lene, deine schöne Stiefmutter ist ja goldblond…«

»Nicht im geringsten. Das ist nicht Gold, das ist Buttergelb. . .«, hab ich gesagt und Frau Degenhardt, schelmisch mit dem Finger drohend: »I, Mädel, bist du am Ende eifersüchtig?«

Worauf ich protestierte: »Eifersüchtig? Ich? Gott bewahre . . .«

Ich nahm mir wieder mal vor, besser aufzupassen.

 

Gerda hatte keine Lust, den Haushalt zu leiten. Sie malte merkwürdige Bilder, solange noch Ölfarbe da war. Ich wollte aufpassen, dass keine neue gekauft wurde, soweit käme es gerade noch! Sie malte also, erkennen konnte man nicht viel, weil sie aus dem Herzen malte.

Guckte ich mir die Gemälde an, konnte ich nur zustimmen: genau so musste es in ihrem Herzen aussehen, drunter und drüber und wirre Farben!

Bilder brauchen ja keine Perspektiven mehr und keine klaren Linien, die sind auch bequem geworden. Gerda ließ sich gehen mit ihrem Pinsel und ihren Farben, als ob sie sich auf die Leinwand schnäuzte. Zum Schluss schrieb sie unter die Bilder, was das sein sollte.

Unter eins mit viel Rot und Schwarz und dazwischen hellbraunen Bergen wie ungemachte Betten oder verdorbenes Kartoffelmus schrieb sie: Versuchung.

Es sah aber nicht aus wie etwas, das den Menschen versuchen könnte, nur wie etwas, das man gern aufräumen und saubermachen möchte.

 

Weil Gerda also malte, leitete ich inzwischen unseren Haushalt beinah allein. Und das ging tadellos. Ich sparte, wo es nur ging. Als Harro die fünf Tage bei uns war, hab ich allerdings das Spargeld mobil gemacht, um etwas Fleisch zu beschaffen, Eisbein und gepökeltes Rindfleisch für Labskaus.

Das wusste ich aus Erfahrung: Männer kann man nicht fleischlos aufziehen, da werden sie ganz missvergnügt.

Den armen Willem, unseren uralten Gärtner, hatte ich im Oktober entlassen, den musste jetzt seine Schwester ernähren. Wir konnten ihn einfach nicht mehr durchfüttern für das bisschen Arbeit, das er geleistet hat, oft auch noch verkehrt, weil er völlig taub war und nicht begriff, was er tun sollte. Dazu war man noch ständig in Gefahr, ihn unzüchtig zu betrachten, weil er eine schwache Blase hatte und sich alle paar Augenblicke in jede Ecke erleichtern musste.

Dann hab ich Rieke rausgesetzt, das Hausmädchen.

Die wollte sowieso heiraten. Dass ihr Bräutigam kurz darauf gefallen ist, konnte ja niemand ahnen. Jedenfalls machte ich seitdem – vor der Schule – die Betten selber und ich wischte Staub – nach der Schule – und klopfte die Teppiche im Hof. Das machte sogar Spaß, ich dachte immer an Gerda dabei.

Den Einkaufszettel schrieb ich zusammen mit Erna. Die war jetzt unser einziges Personal. Ich hatte ihren Lohn etwas erhöht, das war immer noch günstiger als vorher mit Rieke und Willem. Erna bereitete aus den ärmlichsten Zutaten etwas Erträgliches und natürlich konnte sie prima waschen und plätten und so weiter, vieles machten wir zusammen und sangen manchmal dabei.

 

Vielleicht war es unpassend, aber Erna war ebenso meine Freundin wie unsere Angestellte. Wir kannten uns, seit wir klein waren. Ihre Mutter war meine Amme.

In vielen Romanen steht, dass Ammen die Kinder lieben, die sie genährt haben. Ernas Mutter konnte mich nie leiden und ich sie auch nicht. Ihre ältere Tochter Ida, Ernas große Schwester, war auch Amme geworden.

Die hatte mir mal erzählt, was Männer unterm Bauch haben, sei hässlich, und was die Menschen miteinander täten, wäre ekliger Schweinkram. Ich hab so getan, als ob ich nicht hingehört hätte, so macht man das, wenn man gut erzogen ist.

Aber gedacht hab ich: wie kann sie als Amme so reden?

Wenn die Männer das nicht hätten und die Menschen das nicht täten, dann wäre sie doch arbeitslos.

Ich wusste über all das viel mehr als andere Mädchen aus gutem Haus in meinem Alter – durch Erna. Die wusste alles.

Sie hat Mama ja noch gekannt und sehr verehrt. Mit Gerda redete sie möglichst nur Plattdeutsch, weil die das nicht verstand.

Nachdem Willem nun mal weg war, schnitt ich selbst den Tannenschmuck im Garten, mit einer Rosenschere, das ging sehr gut. Ich hab alle Fensterbänke im Haus mit Tanne ausgelegt und mit kleinen goldenen Papiersternchen bestreut.

Es sah weihnachtlich aus, es duftete und es würde den Zug abhalten, wenn welcher wäre. Eigenartigerweise war es viel zu warm dieses Jahr und oft ganz windstill, hier, an der Elbe! An weiße Weihnacht war nicht zu denken. Dafür nebelte und nieselte es.

Papa schrieb von der Front, sie hätten seit Wochen abscheuliches Wetter, fortgesetzten, eisigen Dauerregen.

Dann lieber warmer Nebel. Wir freuten uns auf Papa, er sollte Weihnachten Heimaturlaub bekommen…

 

Die Novelle ist im Kadera-Verlag, Hamburg, erschienen

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