FRIEDENSNACHT 3. Teil

Dezember 13, 2017 admin No comments exist

 

Der 22. Dezember war ein Dienstag.

Ich kam von der Schule nach Hause und nahm die Briefe aus dem Postkasten am Gartenweg mit rein. Ein Brief von meinem Vater, einer von unseren Verwandten aus Niedersachsen und einer der länglichen dunkelgrünen Umschläge, die Gerda seit Kriegsbeginn bekommt, von einer Freundin sagt sie, Absender C. Herder.

Ich riss Papas Brief sofort mit einer Hutnadel auf. Warum schrieb er noch, wenn er doch am nächsten Tag bei uns sein wollte?

Aber da stand, dass sein Heimaturlaub im letzten Moment gestrichen worden wäre. Wir sollen tapfer sein und fest aneinander denken.

Papa war Weihnachten nicht einmal mit meinem Bruder zusammen, er saß im Hauptquartier in Spa und Harro lag wieder an der Front im Graben.

Ich wurde sehr traurig, als ich das las.

Ich brachte Gerda den Brief – er war an unsere ganze Familie adressiert und fing an mit: Meine geliebte Frau, meine gute Tochter. Also hatte ich ihn öffnen dürfen.

Gerda las und nickte gefasst und ernst, wie es sich für eine enttäuschte Offiziersfrau gehört. Dann verschwand sie mit dem grünen Umschlag in ihrem Schlafzimmer.

Ich öffnete den Brief meiner Verwandten und erfuhr, dass Reinhold von der Lohe gefallen ist!

Reinhold ist der Sohn von Mamas Cousine gewesen, also mein Cousin zweiten Grades.

Wir besuchten Familie von der Lohe in den Kartoffelferien 1913 auf ihrem Gut bei Verden. Reinhold war der jüngste Sohn, er brachte mir ein wenig Reiten bei auf einem braunen Wallach, der Sausewind hieß. Ich stellte mich recht geschickt an und Reinhold meinte, ich wäre ein patentes Mädel. Nachdem ich einmal von Sausewind gefallen war, hat mein Cousin mich aufgehoben und gefragt, ob mir was weh tut – und mich dann geküsst. Beim ersten Mal zu zackig und etwas verrutscht, später wurde es dann geringfügig besser. Alles in allem hatte ich geglaubt, Küssen wäre schöner.

Ich hatte mal gehört, wie meine große Schwester Wilhelmine zu ihrer Freundin Ottilie sagte, beim Küssen stirbt man vor Wonne.

Vielleicht war das keine Erfahrung, sondern eine Vermutung.

Auf jeden Fall begann ich damals, darüber nachzudenken, wie das klang, Helene von der Lohe – gar nicht übel.

Reinhold war stämmig, mit viereckigem Kinn, kleinen schwarzen Augen und sehr wenig Hinterkopf, doch er war nett zu mir und schon Oberprimaner und außerdem sehr reich und adelig. Die Hamburger verachten zwar den Adel – doch Blankenese gehört ja überhaupt nicht zu Hamburg.

Reinhold hatte mir von der Front mehrmals Postkarten geschickt, keineswegs romantisch, eher kameradschaftlich, aber trotzdem. Und nun also die Benachrichtigung, dass es ihn nicht mehr gab.

Ich fühlte mich etwas witwenhaft und ich weinte.

Nach dem Mittagessen, als ich mit Erna in der Küche saß und ihr noch mal alles von Reinhold erzählte, hörten wir meine Stiefmutter flöten wie eine Drossel.

Ich warf das Kartoffelmesser auf den Tisch und marschierte ins Wohnzimmer. Da stand Gerda an ihrer Staffelei, streichelte einen verklebten Pinsel und strahlte und funkelte wie ein geschruppter Kessel.

»Was macht dich denn so froh?«, fragte ich. »Ich hab geglaubt, wir sind alle ganz erschüttert, dass unsere Männer Weihnachten nicht bei uns sein können und dass einer unserer Verwandten gefallen ist?«

»Ja… Natürlich!«, sagte Gerda. Sie versuchte sofort, mit ihren dicken rosigen Wangen tragisch auszusehen.

»Schreibt Frau Herder denn etwas Erfreuliches?«

Gerda zuckte mit den Schultern und murmelte nebenhin, als wär’s ganz unwichtig: »Sie kommt Weihnachten nach Hamburg. Sie besucht ihre alte Tante. Sie wird nur kurz hier sein, verstehst du, deshalb werde ich am Heiligen Abend … Ich geh dann ein paar Stunden aus. Du bist ja kein Kind mehr, du wirst das einsehen!«

Ich starrte sie ganz verblüfft an. Dass Erna, wenn für uns alles vorbereitet war, am Heiligen Abend zu ihrer Familie fuhr, war so Sitte. Was bedeutete, ich würde hier im Haus völlig alleine zurückbleiben. Absolut einsam am Weihnachtsabend!

War das nicht wahrhaft stiefmütterlich und herzensroh?

Bei Licht betrachtet wäre Weihnachten ohne Gerda allerdings vielleicht sogar erfreulicher als mit ihr. Aber darum ging es nicht.

»Natürlich, wen kümmert das denn schon? Geh nur, amüsiere dich …«, antwortete ich leise. »Ich kann gut unter dem Baum sitzen und nachdenken. Ich kann an Reinhold denken und an meinen geliebten Vater und meinen lieben Bruder . . .« Und ich holte schnell mein Taschentuch aus meiner Schürzentasche und wischte mir die Tränen ab.

Man muss nicht erwarten, dass Gerda in irgendeiner Weise erschüttert war über mein Leid. Sie sah nur nervös und ungeduldig aus.

»Ach, jetzt sei nicht so theatralisch!« sagte sie. »Und, was ich sagen wollte, ist heute Nachmittag nicht die Geburtstagsfeier bei Hedwig Degenhardt?«

»Sicher. Ich wollte mich gerade umziehen«, antwortete ich.

Ich bürstete noch einmal mein Haar und flocht zwei Zöpfe von den Schläfen über die Ohren zum Nacken und von da einen einzigen dicken Zopf, was mir gut steht. Ich suchte noch nach meiner schönen schwarzen Samtschleife, um sie unten um den Zopf zu binden – das letzte Stück Haar kringelt dann in einer dicken Locke auf meinen Rücken – als Erna mich aus der Küche rief und mir die Graupen zeigte, in denen kleine Käfer saßen. Wir beschlossen, die Graupen wegzuwerfen und Erna machte sich daran, in der Vorratskammer in allen Behältern zu suchen, ob die Käfer sonst noch irgendwo steckten.

Gleich darauf polterte Gerda in die Küche und fragte schon wieder, ob ich denn nicht los müsste. »Hast du Kopfweh? Du siehst so aus, als hättest du Kopfweh!«, rief sie.

Vor Schreck sagte ich: »Aber nur etwas …«

Dabei tat mir durchaus nichts weh. Schon gar nicht der Kopf.

»Dann solltest du zu Fuß zu Hedwig gehen. Die frische Luft wird dir gut tun!«, empfahl meine Stiefmutter.

Ich packte schnell mein Geburtstagsgeschenk für Hedi ein: Glacéhandschuhe von Mama, kaum getragen und beinah überhaupt nicht vergilbt. Wie neu.

Eine Viertelstunde später ging ich in meinem dunkelroten, gesmokten Samtkleid mit dem schwarzen Mantel drüber und mit meinem schwarzen Plüsch-Hut hinaus in den milchigen Nebel. Sehr fraglich, ob diese dicke, bedrückende Luft irgendwem gut tat. Frisch war sie jedenfalls mal nicht.

 

Ich war zu früh dran, aber als beste Freundin des Geburtstagskindes konnte ich mir das erlauben.

Bei Degenhardts sollten ja eigentlich Gäste sein und Kuchen und Kaffee (na, Malzkaffee) – aber alles, was ich fand, war Hedi, ganz verquollen und verheult, und Frau Degenhardt, verlegen und böse.

Sie hatten den anderen Mädchen abgesagt und bloß mich nicht mehr über den Fernsprecher erreicht, da der dauernd besetzt gewesen war.

Es fand keine Feier statt, weil riesiges Theater herrschte. Nun erfuhr ich, dass Hedi sich heimlich mit Monty Haskins verlobt hatte. Monty, mit dem wir im Sommer in Altona die Internationale Gartenbauausstellung besuchten. Er hatte uns beigebracht, Rule, Britannia! Britannia, rule the waves! zu singen und er besaß rötliche Wimpern, eine reizende kurze Nase, Sommersprossen und sehr schöne lange weiße Zähne.

So, nun war er ein verhasster Erbfeind. Frau Degenhardt hatte seine durch irgendwelche Freunde geschmuggelten Briefe an Hedi gefunden und weinte und sprach von Spionage und Vaterland.

Da hatte sie ja einerseits recht. Aber ich dachte, Hedi und Monty wollen bestimmt nicht spionieren. Frau Degenhardt verstand einfach nicht sehr viel Englisch. Außerdem regte sie das Politische gerade mehr auf als das Unsittliche.

Hedi schrie, sie würde nie einen anderen lieben und Frau Degenhardt schüttelte ununterbrochen den Kopf – eigentlich neigte sie ihn hin und her wie ein Metronom.

Ich versuchte, zu schlichten und ihnen klar zu machen, dass es keinen Grund für sie gab, zu streiten. Ich sprach sehr ruhig und ganz neutral.

Da begannen sie, mich anzugreifen.

Zwar hatte ich erreicht, dass sie sich gegenseitig im Moment nicht mehr böse waren, sondern nur noch gemeinsam böse auf mich. Aber das hatte ich auch nicht gewollt. Sie waren sich ungemein einig, dass mich alles überhaupt nichts anginge.

Sie boten mir keineswegs Malzkaffee an und nichts von dem Kuchen, obwohl er auf dem Tisch stand und einladend duftete.

»Wie kannst du so mit mir reden, Lene, was fällt dir ein!«, schrie Hedi mich an.

Das Geschenk für sie, die schönen Handschuhe, hatte sie auch nicht ausgepackt.

Da rannte ich mit offenem Mantel aus ihrem Haus. Inzwischen fühlte ich mich wahrhaftig aufgewühlt.

Es dämmerte schon, ich stieg die paar Stufen zur Elbe hinunter, obwohl meine Schuhe sich nicht zum Laufen im weichen Sand eigneten. Nun fing es sachte zu regnen an und Wind kam auf, da merkte ich erst, dass ich meinen Hut bei Degenhardts vergessen hatte. Noch dazu löste sich mein Zopf jetzt auf und wurde vom Wind zerzaust – ich hatte ihn ja mit nichts zugebunden, weil ich die schwarze Schleife über dem Ungeziefer in den Graupen ganz vergessen hatte und weil Gerda mich anschließend so aus dem Haus hetzte.

Überall wurde ich verjagt und vertrieben.

Niemand befand sich außer mir am Strand, es war richtig unheimlich und ich graulte mich etwas. Plötzlich hörte ich hinter mir knirschende Schritte, das war noch viel unheimlicher!

Ich fuhr herum – und da stand Johnny Behrens.

Eigentlich gingen wir ja in dasselbe Schulgebäude, oben drin ist die höhere Mädchenschule und unten, streng getrennt natürlich, das Knabengymnasium. Seit unserem Streit im August über den Krieg und den Kaiser hatten wir nicht mehr miteinander geredet, ich war immer gleich stracks nach Hause gelaufen.

Johnny trug seine Mütze tief über die Augen gezogen, beide Hände in den Jackentaschen. Er sah nicht viel heiterer aus als ich.

Beinah wäre ich ihm um den Hals gefallen, aber doch nicht ganz.

Zum einen hätte ich mich augenblicklich fast über jeden gefreut, so einsam fühlte ich mich. Und dann empfand ich ja, ich hätte Johnny Unrecht getan, als er auf den Krieg schimpfte und ich darüber böse wurde. Inzwischen hielt ich selbst nicht mehr so viel vom Krieg.

Ich erzählte ihm, dass Papas Heimaturlaub gestrichen war, dass Gerda mich Heiligabend ganz allein lassen wollte, vom Heldentod meines Cousins, von der gescheiterten Geburtstagsfeier und dem Krach bei Hedi.

Wir gingen nebeneinander her wie früher, und wie früher blickte Johnny mit stark zusammengekniffenen Augen über den grauen, dunklen Fluss, als ob ihn die Sonne blendete.

»Ja, da siehst du, was du von deinem schönen Krieg hast, Lenchen. Er ist einfach zum Heulen. Hedi heult, weil sie ihren Engländer nicht haben darf, du heulst, weil dein Cousin totgeschossen worden ist und deine Familie Weihnachten an der Front bleibt. Meine Mutter heult übrigens auch, weil sie die halbe Nacht im Schlachthof um Abfälle angestanden hat – und hat keine mehr abgekriegt. Ich möchte selbst am liebsten heulen, weil meine Zukunft in die Binsen geht.«

Er fragte, ob mir aufgefallen sei, dass er nicht mehr zur Schule ging – nein, das hatte ich nicht gemerkt, denn ich wollte ihn ja nicht mehr zur Kenntnis nehmen.

Nun, sie konnten ihren Anteil an Schulgeld nicht mehr erschwingen. Alles allein konnte der Pastor, der ihn unterstützt hatte, nicht aufbringen und übrigens befand der sich sowieso an der Front.

Jetzt fiel mir erst auf, dass Johnny gar nicht seine Schülermütze trug, sondern etwas wie eine Fischermütze, flacher und in Schwarz.

 

Sein Vater war arbeitslos geworden. »Im Hafen, in den Werften arbeitet höchstens noch ein Fünftel der Männer. Geisterhaft still ist es da im Vergleich zu früher«, sagte Johnny. Er half für Bezahlung in einer Mechaniker- Werkstatt oder machte Botengänge und seine Mutter arbeitete  wieder als Flickschneiderin. »Das geht schon, Vater kümmert sich um die Kleinen, er ist ja Zuhause… «, sagte Johnny mit ganz trockener, trostloser Stimme.

Dass er jetzt nicht Ingenieur werden konnte, tat mir sehr leid.

Ich hatte immer noch das Bedürfnis, mich zu entschuldigen und sagte: »Vielleicht hast du ja ein bisschen recht gehabt. Ich finde den Krieg auch nicht mehr so nötig. Jedenfalls könnte er ruhig bald vorbei sein.«

»Na, soviel ich weiß, dauert er nur noch zwei bis drei Tage. Jemand, der sehr viel davon versteht, hat mir versichert, Weihnachten feiern wir den Sieg«, sagte er und grinste. »Dann schäme ich mich, weil ich Manschetten hatte und nicht mitmarschiert bin.«

Ich schwieg, weil er immer noch darauf herumhackte, statt meine Entschuldigung anzunehmen.

Er fuhr fort: »Aber keine Sorge, aus mir wird auch noch ein Held. Sie werden mich ganz gewiss bald einziehen – ulkig nur, dass es noch nicht passiert ist. Und wenn sie mich umgebracht haben, dann komme ich nach Blankenese und erscheine dir zur Strafe jede Nacht als Geist mit Helm und Bajonett, das hast du dann davon …«

Da merkte ich, wie ich diesen düsteren, trostlosen Dienstag vor Weihnachten hasste. Ich hasste den Krieg und mein nasses Haar und meine Stiefmutter und meinen knurrenden Magen und den knirschenden Sand und den mützetragenden Rüpel neben mir, der es auch noch darauf anlegte, mich zu ärgern, als hätte ich nicht genug auszustehen.

Ich drehte mich um und rannte zu einer der Treppen – es lief sich furchtbar schwer im nassen Sand und wurde sowieso immer dunkler – hastete die Stufen hinauf und fiel mit dem rechten Knie genau auf eine Stufenkante.

Das tat sehr weh und ich kreischte.

Johnny zog mich hoch, schob mich zu einer Laterne und wollte meinen Rock heben. Ich riss den Rock runter, er hob ihn wieder hoch und guckte mein Knie an.

»Ach Lene, das hätte nicht Not getan. Jetzt bist du auch verwundet und bleibst entstellt bis an dein Lebensende, jedenfalls im Badeanzug. Höre doch bloß mal auf zu flennen, ich hab auch kein Schnupftuch, um dich zu verbinden oder dir die Nase zu putzen  … Kind, du musst nach Hause und zwar schnell. Du blutest dir dein Kleid schmutzig und nass wirst du auch, am Ende erkältest du dich …«

»Das Kleid ist sowieso dunkelrot«, schluchzte ich…

 

Die Novelle ist im Kadera-Verlag, Hamburg, erschienen

 

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