FRIEDENSNACHT 5. Teil

Dezember 15, 2017 admin No comments exist

Ich lag nahezu die gesamte Nacht wach und dachte nach. Es war eine Sache, Papa nicht mit irgendwelchen geschmacklosen Flirts seiner Frau zu beunruhigen.

Es war eine andere Sache, wenn diese Frau den Heiligen Abend und seine Abwesenheit nutzte, um mit einem anderen Mann durchzubrennen. Das konnte ich Papa nicht ein für alle Mal verheimlichen – spätestens bei seinem nächsten Heimaturlaub wäre ihm aufgefallen, dass Gerda fehlte.

Und wenn ich ihm das alles schrieb – was dann?

Würde er am Ende, von leidenschaftlicher Eifersucht erfüllt, seine Pflicht und seinen Platz im Leben aufgeben, um herbei zu eilen und sich mit Leutnant Herder zu duellieren?

Ich musste Gerda davon abhalten, Heiligabend in die Ottersbekallee zu fahren!

Weil die Nacht lang war – sogar die längste des Jahres, mehr oder weniger – fiel mir schließlich auch ein, wie ich das bewerkstelligen könnte.

Ganz, wie Fräulein Rahm gesagt hatte, würde ich die Gelegenheit nutzen, um mich selbst auf dem Altar des Vaterlandes aufzuopfern.

 

Mittwoch erfuhr ich von Erna, wie Gerda sie tatsächlich weggeschickt hatte, kaum, dass ich aus dem Hause war: Sie sollte doch ihre Schwester besuchen, es sei nichts mehr zu tun. Dazu gab sie ihr auch noch Fahrgeld in die Hand und half ihr nahezu in den Mantel. Erna kam das gleich alles sehr merkwürdig vor. Andererseits freute sie sich über den unerwarteten freien Abend. Nachdem mein Vater nicht kommen würde, war ja auch weniger für Weihnachten vorzubereiten.

Ich erzählte Erna von Curd Herder und weihte sie in meine Pläne ein. Sie bewunderte meine Idee und sagte, sie hätte nicht den Mut dazu. Und sie würde mir morgen Nachmittag noch Locken brennen für meinen Opfergang.

Zunächst kauften wir gemeinsam eine magere Gans, die für Gerda und mich zwei Tage lang reichen würde.

Ich hackte eigenhändig eine kleine Tanne hinten im Garten um, ohne mir besonders weh zu tun. Erna und ich steckten sie in den Baumfuß, schmückten sie mit roten Äpfeln und Goldpapierketten, klemmten Kerzenhalter auf die Zweige und sangen ein paar Weihnachtslieder.

Gerda, die etwas nervös und blass wirkte und die viel in ihrem Zimmer herumrumpelte und Schubladen auf und zu zog – ich nehme an, sie packte bereits für ihre Flucht nach Pommern – Gerda kam ins Wohnzimmer und fragte spöttisch: »Ich dachte, wir sind erschüttert, weil unsere Männer Weihnachten nicht bei uns sein können?«

»Natürlich sind wir das!«, erwiderte ich. »Und deshalb zeigen wir uns trotzdem tapfer. Was willst du morgen anziehen?«

»Heiligabend nehme ich das Mattgrüne«, sagte Gerda zufrieden.

Das ist wirklich ihr schönstes Kleid, aus besticktem Stoff, eine Art Tunika über dem knöchellangen Rock, der seitlich fast bis zum Knie geschlitzt ist und mit ebenfalls geschlitzten Ärmeln. Dazu gehört ein Käppchen aus demselben Stoff mit einer wippenden blaugrünen Straußenfeder und sie wollte bestimmt ihr Cape aus dunkelgrünem Wollstoff mit Pelzkragen darüber tragen.

Am Morgen des 24. brachte ich Gerda den Malzkaffee ans Bett. Das hatte ich noch nie gemacht, sie wurde ganz misstrauisch. Ich setzte mich auf ihre Bettkante und plauderte über den Krieg und das Fest und Papa und wie schön Leutnant Herder Klavier gespielt hatte, bis sie vor Nervosität mit einem Augenlid zuckte. Dann nahm ich ihr die Tasse ab, ging damit zum Fenster, um nach dem Wetter zu sehen, stolperte und goss etwas Kaffee auf das bestickte Mattgrüne, das außen am Schrank hing.

Gerda kreischte, als hätte ich sie verbrüht.

Ich entschuldigte mich und nahm sofort das Kleid mit ins Bad, wo Erna und ich es mit warmem Wasser bearbeiteten. Der Fleck ging wirklich raus, nur nass war das Kleid.

»Wir hängen es auf den Boden, bis heute Abend ist es trocken!«, sagte ich.

Auf unserem Dachboden trockneten wir Wäsche, wenn es draußen zu nass war. Etliche Schnüre waren hier gespannt. Oft hing alles voller Laken und sah dann aus wie ein Zeltlager.

Natürlich hatten Erna und ich dafür gesorgt, dass vor dem Fest alle Schmutzwäsche aufgewaschen ist; hängt zwischen Weihnachten und Neujahr etwas auf der Leine, dann ist das ein Totenlaken und im neuen Jahr stirbt jemand aus der Familie. Aber noch war es ja vor Weihnachten, deswegen baumelte Erna das Mattgrüne ganz unbesorgt auf einem Holzbügel mitten auf eine der Wäscheleinen.

 

Nachmittags erhitzten wir unsere eiserne Lockenschere auf dem Küchenherd, um mir lauter Korkenzieherlocken zu brennen.

Eigentlich hätte Gerda sich wundern müssen, dass ich mich schön mache, um allein unter dem Baum zu sitzen, aber sie hatte wohl ganz andere Sorgen. Außerdem ist Denken sowieso nicht ihre Stärke.

 

 

Sie kämmte und werkelte auch an ihrem Haar herum, erst wollte sie wieder das Polster einbauen, dann fiel ihr wohl ein, dass es im Zuge der Romantik zu Boden rutschen könnte und sie drehte sich ebenfalls Locken mit dem Brenneisen, das lag ja auf dem Herd und war noch heiß.

Im Haus roch es nach Tanne, nach dem Stollen und den braunen Kuchen, die Erna aus Restmehl gebacken hatte und nach leicht angesengtem Haar.

Erna und ich umarmten uns im Flur, sie rief auf Platt einen Weihnachtsgruß für Gerda, flüsterte mir zu, dass sie die Daumen drückte, zog ihren Mantel an und verließ das Haus. Um halb vier begann es, zu dämmern.

 

»Ich hole mir eben mein Kleid vom Hängeboden, Helene«, rief meine Stiefmutter.

Sobald ich sie auf der Treppe hörte, schlüpfte ich aus den Schuhen und folgte ihr ganz lautlos. So, sie öffnete die Bodentür, sie ging hinein – Licht gab es da keins, der Wäscheboden war für Tageslicht gedacht.

Nun suchte sie nach dem grünen Kleid.

Eigentlich hätte sie es leicht finden müssen, es hing ja sonst durchaus keine Wäsche auf dem Boden. Allerdings hatte ich das Grüne eine halbe Stunde vorher von der Leine genommen und in meinen Kleiderschrank gehängt.

In der Bodentür steckte ein Schlüssel, neuerdings auf der Außenseite. Ich schloss schnell und leise die Tür hinter Gerda und drehte den Schlüssel zweimal um.

Es blieb zunächst noch still. Dann hörte ich sie hastig zur Tür kommen. Die Klinke wurde auf und ab bewegt.

Erst noch leise, dann lauter schrie sie meinen Namen: »Helene? Helene, hast du mich eingesperrt? Was soll denn das – mach sofort die Tür auf! Das ist nicht amüsant!«

Ich sagte nichts und hörte zu, wie ihr Geschrei und das Gerüttel an der Tür sich steigerten.

Als sie einmal Luft holte, rief ich schnell: »Hör zu, Gerda, wenn dir nachts kalt wird, dann nimm dir Decken, ich hab einige in die Ecke beim Fenster gelegt. Ach ja, und eine Wasserkaraffe und ein Glas sind auch da. Oh, und falls du andere Bedürfnisse hast – hier rechts neben der Tür steht ein Eimer …«

Jetzt kreischte sie wie eine Wahnsinnige. Sie hörte nicht mehr, dass ich ihr eine gute Nacht wünschte.

Essen hatte ich keins hingelegt. So schnell verhungert man nicht. Und sie war ohnehin viel zu mollig.

Ich zog das mattgrüne Kleid an, es passte mir fabelhaft, wenn ich den Gürtel eng schnallte. Die dazugehörigen grünen Lackstiefelchen nur, weil ich Papier in die Spitze knüllte – meine Füße waren kleiner als Gerdas.

Eigentlich sah das Grün an mir sogar besser aus als an meiner Stiefmutter, ihre Haut wurde dadurch immer etwas fahl und sie wirkte dann wie eine Wasserleiche.

Ich probierte das Käppchen mit der Feder auf, doch das gefiel mir nicht. Mein schwarzer Hut war noch bei Degenhardts, und er hätte auch nicht zu dem Kleid und dem Cape mit dem braunen Pelzkragen gepasst. Also schlang ich mir einen breiten weißen Schal um den Kopf und ließ die beiden Enden über meinen Rücken fallen, links und rechts neben dem Busch von Korkenzieherlocken.

Über den Fernsprecher rief ich mir eine Autodroschke und ich fragte vorher, was es kosten würde. Die Summe nahm ich vom Wirtschaftsgeld. Manchmal muss man investieren. Wir konnten uns im Januar etwas einschränken.

Als der Chauffeur vor dem Haus auf sein Signalhorn drückte, warf ich die Tür hinter mir ins Schloss. Auf dem Gartenweg schaute ich mich noch einmal um.

Dunkel lag unsere Villa da, wenig weihnachtlich. So hatte es an Heiligabend noch nie ausgesehen. Ganz schwach vernahm ich Gerdas Gebrüll, dabei hatte sie sogar die Bodenluke aufgestoßen! Aber es war immer noch zu stürmisch und die Nachbarhäuser lagen zu weit entfernt, um sie zu hören. Der Chauffeur schien auch nichts zu bemerken.

Mir fiel ein, dass wir alle überhaupt noch keine Geschenke ausgetauscht hatten, Gerda, Erna und ich. Ein ungewöhnliches Fest war das in diesem Jahr.

 

Als ich bei Irmtraut Stapelfeld in der Ottersbekallee klingelte, verspürte ich doch starkes Herzklopfen.

Curd Herder kam nach unten, um die Tür aufzuschließen. Er trug ein graues Samtjackett mit schwarzem Kragen und sein Haar fiel ihm weich ein wenig in die Stirn.

Er schaute mich sehr überrascht an – und suchend  an mir vorbei. Dann trat er aus der Haustür, um auf die dunkle Straße zu blicken. »Meine Stiefmutter lässt grüßen, sie konnte doch nicht kommen, da hat sie mich geschickt«, erklärte ich.

 

Ach?«, sagte Leutnant Herder. »Nun – dann … Darf ich Sie hinauf bitten, gnädiges Fräulein?«

Einen Aufzug gab es nicht. Wir stiegen die Treppen hoch, an vielen Türen vorbei. Man konnte Weihnachtslieder hören und Kinderstimmen.

Im dritten Stock stand eine Wohnungstür an der rechten Seite offen, da bat er mich hinein und nahm mir den weißen Schal und das Cape ab.

Es wirkte etwas düster und altmodisch, die Wohnung einer allein lebenden Tante – allein mit Mops, erzählte er, da stand auch das Mopskörbchen und in der Küche ein silberner Wassernapf. Aber der Mops war mit der Tante zur anderen Tante verreist.

»Was darf ich ihnen anbieten?«, fragte der Gastgeber.

Er sah immer noch verdutzt aus und so, als fühle er sich unbehaglich.

»Was hätte Gerda bekommen?«

Er zeigte mir, dass er in der Küche Rotweinpunsch vorbereitet hatte, Nelken und Gewürze schwammen darin und es duftete himmlisch.

»Darf ich davon trinken?«

»Wenn Sie möchten. Wir können ihn ja etwas verdünnen«, schlug er besorgt vor.

»Das ist doch Sünde«, sagte ich. (Wenn es darum ging, Wein zu verdünnen, meint Papa immer, das sei Sünde.)

Also wurde mir sündhaft starker Punsch eingegossen.

Leutnant Herder trug die Punsch-Schüssel und sein eigenes Glas und führte mich in den Salon. Im Kachelofen rumpelte und knisterte ein Feuer, auf dem Tisch standen in einer Vase einige Tannenzweige mit Lametta und silbernen Kugeln. Davor brannte eine goldene Kerze. Ein kleines Päckchen mit Schleife lag daneben.

»Das ist für Ihre Frau Mut … Für Gerda. Vielleicht geben Sie es ihr, wenn Sie nach Hause kommen. Wie lange …« Er räusperte sich verlegen, »Wie lange können Sie denn bleiben?«

Ich nippte am Punsch. »Gerda hat mir gar kein Geschenk für Sie mitgegeben.«

»Das macht nichts. Damit hatte ich auch nicht gerechnet. Warum war Frau Dalbrok denn verhindert?«, fragte er.

»Nun, sehen Sie, wir hatten heute Vormittag unerwarteten Besuch. Ein Jugendfreund meiner Stiefmutter, ein alter Verehrer. Ich glaube sogar, sie waren mal verlobt. Er schreibt ihr häufig.«

»Ach. Er schreibt ihr häufig – ?«

»Ja. Sie hat eine rege Korrespondenz mit vielen Bekannten. Papa war früher sehr böse deswegen. Aber seit er im Felde ist … Jetzt achtet ja niemand darauf. Nur ich.«

Er drehte das kleine Päckchen immer hin und her.

»So, und dieser alte Freund kam also heute. Und da …?«

»Er besitzt ein eigenes Automobil. Ludwig heißt er. Und er hat einen sehr schönen blonden Vollbart«, fabulierte ich. »Er hat Gerda eingeladen, mit ihm einen Ausflug zu machen auf sein Schloss …«

»Der Mann hat ein Schloss?«

»Oh ja. Ein Wasserschloss. In Schleswig-Holstein. Dort wohnt seine Familie seit dem Dreißigjährigen Krieg. Und Gerda meinte, ich hätte mich ja sowieso darauf eingestellt, dass ich abends allein sein würde …«

Curd Herder zog seine Augenbrauen zusammen. »Sie wären allein gewesen …? Ich hatte doch gefragt – und Gerda sagte, eine befreundete Familie hätte Sie eingeladen. Deshalb kam ich ja meinerseits überhaupt nur auf die Idee, Ihre Frau Mutter – Ihre Stiefmutter einzuladen. Sie hatte mir erzählt, sie selbst wäre deshalb am Heiligen Abend ganz einsam zu Hause!« Er blickte mich anklagend an.

Da sieht man, wie Gerda lügen kann.

»Oh nein. Ich wäre allein gewesen. Oder besser, ich war allein, heute Abend. Gerda hatte zum Abschied, als sie in Ludwigs Auto stieg, noch gesagt, ich könnte ja zu Ihnen fahren, wenn ich wollte und sie bei Ihnen entschuldigen. Sie gab mir dann noch Ihre Adresse …«

Er strich sich über die Stirn und schüttelte den Kopf. »Das ist stark!«, sagte er zu sich selbst.

Ich nickte. »Ja, so ist sie nun mal. Ganz impulsiv. Oh, sie kann auch sehr nett sein. Wir lachen viel miteinander. Aber sie ist eben leichtsinnig. Und ihre vielen Verehrer …«

»Viele?«

»Schrecklich viele. Weil sie ja viel jünger ist als Papa – und so schön mit ihrem goldblonden Haar.«

»Jaaaa«, sagte er und zupfte an seinem Schnurrbart. »So schön ist sie auch wieder nicht.« Und nachdem er das gesagt hatte, lächelte er schuldbewusst.

Dann verfiel er wieder ins Grübeln. »Sie kam mir doch weniger leichtsinnig als melancholisch vor – ?«

Ich nickte. »Manchmal ist sie plötzlich ganz schwermütig. Dann weint sie und sagt, wir hassen sie alle und sie hat keine Seele, die sie versteht. Aber das dauert eigentlich immer nur ein paar Stunden, dann ist es wieder gut. Darf ich noch etwas Punsch haben?«

 

 
Die Novelle ist im Kadera-Verlag, Hamburg, erschienen

 

 

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