FRIEDENSNACHT 6. Teil

Dezember 15, 2017 admin No comments exist

Leutnant Herder trank auch Punsch. Zuerst aßen wir Pfefferkuchen dazu, später Brot und Schinken aus der Speisekammer. Dann machte er noch mehr Punsch.

Und dann spielte er mir im Wohnzimmer auf dem Klavier vor, weil ich darum bat. Weihnachtslieder und wieder Schumann, den konnte er am besten.

Ich legte mich mit gekreuzten Füßen auf das Sofa, blickte in eine brennende Kerze und rauchte ganz manierlich eine Zigarette, die ich ihm abgebettelt hatte.

Ich fand es bemerkenswert, dass ich nicht nur in Gerdas Kleid, sondern geradezu in ihre Rolle geschlüpft war.

Als wir bei der dritten Punschschüssel angelangt waren, gingen wir zu vertraulicheren Gesprächen über.

Curd erzählte mir von einer Wanda, mit der er verlobt gewesen war und die ihn im Stich gelassen hatte.

Er fürchtete, ein für alle Mal von Frauen im Stich gelassen zu werden. »Ich scheine dafür prädestiniert. Dabei war ich in Begriff – ich hätte beinah an einen Freund in Pommern depeschiert, ob er Ihre Frau Mutter – Ihre Stiefmutter – aufnehmen möchte. Weil sie behauptet hat, sie will mit mir durchbrennen, und weil ich nicht wusste, wohin mit ihr«, vertraute er mir an.

»Ich glaube nicht, dass Gerda aus unserer schönen Villa an der Elbe weg will«, sagte ich. »Ihr liegt viel an Geld, und Papa hat eine Menge davon, das muss man sich einfach klar machen.«

»So? Ich hab wenig davon«, sagte er düster. »Ich bin nur ein kleiner Pauker im zivilen Leben. Das hab ich ihr vielleicht nicht klar genug gemacht.«

»Vielleicht doch. Sonst wäre sie jetzt hier und nicht ich.«

Curd stützte den Arm neben meinen Kopf auf das Sofa. Er hatte gehörig mehr Punsch getrunken als ich und wurde jetzt etwas leger.

»Ihnen liegt also nicht so viel an Geld?«

»Nicht so viel«, beteuerte ich und gab ihm einen schnellen kleinen Kuss auf die Wange. Den gab er gleich zurück.

Ich dachte, jetzt würde es leidenschaftlich, da setzte er sich plötzlich zurück und fing an, vom Krieg zu sprechen.

Krach und Blut und tote Pferde.

Und die Birken! Curd liebte Birken, zu Hause bei Hannover waren die im elterlichen Hof und ihm ans Herz gewachsen. An der Front flogen sie ihm um die Ohren, weil die französischen Mörser, die eigentlich deutsche Soldaten töten sollten, aus Versehen Bäume erwischten.

Außerdem fühlte er sich einsam und ausgestoßen unter seinen bayrischen Kameraden, die hassten die Preußen und behandelten sie gemein.

»Au, aua, mein Knie tut wieder weh!«, sagte ich und zeigte es vor. Eigentlich zeigte ich nur mein Bein, das schwarze Pflaster konnte man ja nicht sehen unter  meinem Strumpf.

Das lenkte Curd zurück zur Romantik.

Ich holte meine kunstvollen Korkenzieherlocken nach vorn über die Schultern und er meinte, dass ich wie ein Weihnachtsengel aussähe. Und wie gut ich ihm gleich beim ersten Anblick gefallen hätte mit der Mütze auf den Locken – unwiderstehlich!

Er lief in den Flur und holte seine Offiziersmütze, um sie mir aufzusetzen, den glänzenden Schirm tief ins Gesicht gezogen.

»Das ist übrigens streng verboten«, murmelte er dabei.

»Etwas Verbotenes wollen wir auf keinen Fall tun!«, meinte ich und nahm die Mütze ab.

Da fragte er natürlich, wie alt ich sei.

»Am neunten Januar werde ich achtzehn«, antwortete ich.

Ich sprach die reine Wahrheit – ich ließ nur weg, in welchem Jahr das sein würde.

Nun blickte Curd nachdenklich.

 

Zuerst dachte ich, er hätte Skrupel wegen meiner Jugend, aber es stellte sich heraus, dass er sich gerade wieder von Gerda beleidigt fühlte. Ein wenig bekam ich das Gefühl, dass er gern beleidigt wurde, um sich darüber beklagen zu können. Eigentlich passte er in dieser Beziehung doch sehr gut zu Gerda, die fühlt sich auch so gern verfolgt und gehasst.

»Sie hat mit mir gespielt!«, sagte er. »Dafür bin ich gut geeignet. Möchten Sie wissen, wie dumm ich gewesen bin? Wie ein grüner Junge. Hier, sehen Sie mal, was ich ihr zu Weihnachten schenken wollte …« Er riss das Geschenkband und das Papier von dem kleinen Päckchen und öffnete es. Da war ein Ring drin, ein schlichter silberner Reif. Ich nahm ihn vorsichtig heraus und sah, dass Curd ihn sogar hatte gravieren lassen: Sein Vorname stand darin in Schnörkelschrift.

Ich steckte den Ring wieder in das Schächtelchen.

»Wollten Sie sich mit Gerda verloben?«

Er machte eine verlegene Grimasse. »Schon irgendwie. Ich dachte, wenn sie allein nach Pommern geht, und muss dann die Scheidung von Ihrem Vater durchstehen, und ich fahre wieder an die Front, da braucht sie etwas, woran sie sich halten kann … Ich bin so ein Kind!«, urteilte er und schüttelte den Kopf über sich. »Und sie fährt zu einem Wasserschloss, Heiligabend, während ihr Mann im Felde ist!« Er kniff missbilligend den Mund zusammen.

Dann bereitete er weiteren Punsch zu, er schien unerschöpflich viel Rotwein zu haben. Vielleicht würde seine alte Tante sich sehr wundern, wenn sie mit dem Mops zurückkam und ihre Vorräte waren weggetrunken.

Kaum hatte er den neuen Punsch fertig und goss mir aus der dampfenden Schüssel ein, da fragte er wieder, wann ich denn gehen müsste.

»Wenn Sie wollen auf der Stelle.«

»Nein, wie kommen Sie darauf? Ich freue mich, dass Sie hier sind.«

Die kleine Pendeluhr an der Wand zeigte schon halb elf. Ich trank mein Glas schnell leer, denn jetzt wurde es wirklich Zeit, mich zu opfern fürs Vaterland oder für den Seelenfrieden meines armen Vaters. Außerdem fürchtete ich, Curd könnten gleich wieder andere Ideen durch den Kopf schießen, er kam so schnell aus der Stimmung.

»Ich kann lange bleiben. Auf mich wartet ja niemand. Und nebenbei fühle ich mich sehr wohl in Ihrer Gesellschaft …«,  sagte ich mit einem schelmischen Lächeln.

Das riss ihn endlich hin, er nahm mir das leere Glas weg, fing an, mich zu küssen – wobei ich schlagartig begriff, wie wenig Reinhold von der Lohe, Gott hab ihn selig, von der Sache verstanden hatte – und knöpfte am Mattgrünen herum.

Ganz sicher, um ehrlich zu sein, war ich mir nicht; ich wusste immer noch nicht genau, wie weit ich gehen sollte. Ich überlegte sogar, wie weit Gerda wohl gegangen wäre – bis ich plötzlich merkte, dass ich nun sowieso nicht mehr zurück konnte.

Hier handelte es sich um den Moment der Opferung, da war nichts zu machen. Ich musste gewissermaßen der Ehre unserer Familie meine eigene Ehre darbringen.

Von Erna und auch von Ida wusste ich ja, dass es unangenehm werden würde, und hatte mich mit Tapferkeit gewappnet. Und dann stellte sich heraus: Die ganze Sache war ein einziges Vergnügen.

Über die Liebe, die erotische, hatte ich viel nachgedacht und war sehr neugierig darauf. Schließlich ist die der Angelpunkt für die meisten Dramen, so wie Macht und Reichtum und es wird furchtbar viel drum hergemacht.

Meine arme Schwester Wilhelmine glaubte, bereits beim Küssen stirbt man vor Wonne. Ich fürchte, sie ist nie geküsst worden. Sie war ja so krank und so behütet, sie schrieb nur in ihr Tagebuch und keine Liebesbriefe, weil es nie einen jungen Mann für sie gab.

Meine Stiefmutter wünschte sich, die Liebe würde nur aus Küssen bestehen.

Jungfer Erna, die Kinder liebte, erwartete sich nicht viel davon, meinte aber, es lohne sich, weil »seute Gören« dabei rauskämen.

Und Ida, die Amme, fand Männer und was Menschen miteinander tun eklig.

Ist Liebe eklig?

Etwas glibschig, vor allem zum Schluss hin. Aber ich bin da nicht empfindlich. Was übrigens praktisch ist; ich konnte immer gut vom Teppich entfernen, wenn unseren Terriern schlecht geworden war. (Das passiert oft. Terrier fressen so viel verkehrtes Zeug wie Ziegen, halbe Socken und ganze Gummibälle. Unser damaliges Mädchen brachte es nicht über sich, das zu putzen, ihr wurde dabei selber übel.)

Ein pieksiger Schmerz, milder als erwartet. Etwa so, als wäre zu viel Pfeffer in der Sauce, das kann ja sogar angenehm berühren und manche Leute würzen gern sehr scharf.

Alles in allem: Wohlbehagen und Genuss. Vielleicht wird das noch gesteigert, wenn Leidenschaft hinzukommt.

Ich werde unbedingt sehr jung heiraten.

 

Als Curd mich am ersten Weihnachtsfeiertag weckte, war es immer noch stockfinster draußen. Er brachte mir Milchkaffee und Pfefferkuchen ans Bett. Den Boiler im düsteren, fensterlosen Tantenbadezimmer hatte er auch schon geheizt und mir ein kratziges, großes Badetuch über einen Stuhl gelegt.

Ich fand es angenehm, den Tag mit einem heißen Bad zu beginnen. Wenn wir endlich gesiegt haben und die Armut vorbei ist und man wieder im Überfluss lebt, möchte ich mir das gern angewöhnen.

Ich litt etwas an Kopfweh. Curd sagte, das käme vom Zucker im Rotwein.

Er bestand darauf, mich zu unserer Villa zu bringen.

Ich bestand darauf, dass er das bleiben ließ.

Wer ahnte denn, wie es inzwischen Gerda ging? Ob sie versucht hatte, die Decken, die sie warmhalten sollten, zusammenzuknoten und damit übers Dach zu fliehen oder das Haus anzuzünden?

Wenn Curd so etwas miterlebte, würde es meine ganze taktische Aktion zerstören und ich wäre völlig umsonst entehrt.

Dabei fiel mir ein, was Erna über Mädchen sagte, die sich vermalheurt hatten. Da bekam ich einen Moment der Reue! Ich fing an, laut loszuheulen.

Curd war furchtbar erschrocken, er umarmte mich und fragte dauernd, was ich hätte.

»Du bist ab heute Nachmittag wieder im Feld …«, schluchzte ich.

Er nickte ernst und hielt mich ganz fest.

»Und wenn du nun fällst …«

Er nickte noch ernster.

»Und wenn ich nun aber – wenn ich guter Hoffnung bin – ?«

Curd schien zwar etwas enttäuscht, weil ich nicht reineweg darüber klagte, dass er fallen könnte, sondern auch noch eigene Sorgen dran heftete. Doch dann stand er schnell auf, holte das Schächtelchen, klappte es auf und schob mir den silbernen Ring an die linke Hand.

Er passte sogar.

»Wenn ich fallen sollte – ich schreibe Tante noch einen Brief, dass du meine Braut bist und wir in meinem nächsten Urlaub heiraten. Und falls mir wirklich was passiert … und wenn du tatsächlich … dann wird meine Tante dich und das Kind behandeln, als wärst du bereits meine Frau gewesen. Meine Tante Irmtraut ist eine gute Frau. Du wirst sie lieb haben!«

Ich hatte ihr Portrait gesehen, da wirkte sie zum Fürchten. Na, vielleicht war sie ja tatsächlich eine große Seele, wer ahnte das?

»Und jetzt nehmen wir eine Autodroschke«, fing Curd wieder an.

Ich bat ihn: »Bitte, setz mich nur hinein und lass mich allein nach Hause fahren. Wenn unsere Nachbarn das sehen, kann ich bei einer Freundin gewesen sein. Aber mit einem fremden Leutnant, da ist mein guter Ruf ruiniert.«

Das sah er ein.

 

Gegen viertel neun war ich vor unserem Haus, es wurde gerade hell. Ich sah, dass es weder gebrannt hatte, noch verknotete Decken aus der Dachluke hingen, rannte die Treppen hoch bis ganz nach oben, schloss den Trockenboden auf und sah nach meiner Stiefmutter.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Novelle ist im Kadera-Verlag, Hamburg, erschienen

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