Gott segne uns alle

Dezember 19, 2020 admin No comments exist

Mit 31 Jahren war Charles Dickens bereits ein außerordentlich berühmter Mann. Er hatte die Pickwick-Papers geschrieben und Oliver Twist, er gab verschiedene Zeitungen heraus und las öffentlich aus eigenen Werken sehr erfolgreich vor großen Publikumsversammlungen.

Am 19. Dezember 1843 wurde sein ‚Weihnachtslied in Prosa‘ veröffentlicht, die Geschichte des alten Geizkragens Ebenezer Scrooge, der in der Weihnachtsnacht durch drei sehr unterschiedliche Geister, den der Vergangenheit, den der Gegenwart und den der Zukunft, zu einem besseren Menschen gemacht wird.

 

Dickens, behaupten viele Engländer, habe Weihnachten erfunden. Zumindest eine ganz spezielle Art von Weihnachten, die sich ziemlich vom orientalischen Ursprung des Christentums löst und eine westliche, familiäre Idylle daraus formt. Wenn wir sagen (und es für unser gutes Recht halten) „Weihnachten ist doch das Fest der Familie!“ dann hat das wenig mit der Kirche und viel mit der häuslichen Behaglichkeit der Biedermeier-Gesellschaft zu tun.

Der große Autor beschrieb Weihnachten nicht nur, er zelebrierte es in seinem Haus. Mit seinen neun Kindern, mit vielen anderen Verwandten und mit Freunden und Bekannten veranstaltete er Spiele und Scharaden, Theaterstücke und natürlich Lesungen. Er dekorierte und schmückte selbst, auch wenn er in Gefahr war, von hohen Leitern zu fallen, er kümmerte sich um die Reihenfolge des Festessens und die Ausstattung der Gästezimmer. (Dickens hatte gern Gäste, Hans Christian Andersen ausgenommen, der statt der 14 Tage, zu denen er eingeladen war, fast 40 Tage blieb und die Dickens-Familie durch seine Exzentrik fast zu Tode nervte. Als er abgereist war, schrieb der erleichterte Gastgeber auf den Spiegel im betreffenden Raum: ‚Hans Andersen schlief fünf Wochen in diesem Zimmer. Der Familie kam es vor wie eine Ewigkeit‚. Doch das ist der einzig bekannte negative Fall.)

Dickens war eben Wassermann. Dieses Sternzeichen liebt, wenn alles mit rechten Dingen zugeht, Menschen. Auch gern Menschenmassen. Er hätte vermutlich unter einem Lockdown besonders  gelitten.

Und Dickens schilderte ja keineswegs nur die zufriedenen, wohlhabenden Figuren, die sich unterm Mistelzweig mit Punsch zuprosten. Im Gegenteil, gerade er als Sozialreformer hatte die anderen im Blick, die Armen, Bedürftigen. 

So ist der Gegenspieler des reichen, geizigen Scrooge im ‚Christmas-Carol‘ sein Sekretär Bob Cratchit. Der lebt in kärglichen Verhältnissen, doch voll Liebe mit seiner Familie, zu der auch ein gebehinderter kleiner Junge gehört: Tiny Tim, der mühsam an Krücken läuft. Obwohl sein Chef einige Euthanasie-Ideen geäußert hat  – wie etwa, wenn jemand wie Tim stirbt ist das gesünder für die Gesellschaft an sich – trinkt Bob Cratchit auf den alten Muffel, weil nun mal Weihnachten ist.

Tiny Tim jedoch (ein Bruder im Geiste von unserer norddeutschen Martje Flor) spricht am Weihnachtsabend seinen berühmten Trinkspruch aus: „God bless us, every one!“

Glücksfaktor: Charles John Huffam Dickens. Amen.

 

 

 

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