Hamburg und Gomorrha

Juli 28, 2020 admin No comments exist

Zwischen dem 24. Juli und dem 3. August 1943 traf Hamburg ein Feuersturm. Der militärische Codename dafür lautete Operation Gommorha, nach der biblischen Geschichte, in der Gottes Zorn die bösen Städte Sodom und Gommorha straft. Ungefähr 34000 Menschen starben in diesen bis dahin schwersten Luftangriffen: die Hölle wütete mitten in der Stadt.

Ich habe vor einigen Jahren eine Geschichte darüber geschrieben. Gegen das Vergessen:

Hamburg und Gomorrha

Oma Witt hat uns früher immer Märchen vorgelesen.

Eins (ich glaube, das war der Froschkönig) fing an: ‚In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat…‘

Die Märchen standen in einem ganz alten Buch, das nach Zimt roch. Manchmal sind die Seiten zusammengeklebt, dann hat Oma Witt sie vorsichtig mit Spucke aufgepfriemelt.

Später sind Witts leider nach Pommern gezogen, zu ihren Verwandten.

Ob das Wünschen manchmal jetzt noch hilft?

Das müsste ich ganz dringend wissen.

Das ist ganz wichtig für mich.

In diesem Sommer war es sehr heiß in Hamburg, Wüstenwetter.

Dreißig Grad noch um neun Uhr abends, hat Mutti gesagt.

Wir haben deshalb wenig geschlafen. Dazu kam, dass dauernd Alarm war. Und das Schlimmste: wenn die Sirenen losgingen, musste man eine Menge Zeug übereinander ziehen, damit man im Notfall was zu retten hatte.

Und dann noch damit rennen!

Die Sachen, die wir retten wollten, waren andauernd patschnass geschwitzt.

Man kann richtig noch mehr Wut auf den Feind kriegen bei so was.

Die Tommies flogen in einem weg über Hamburg ein. Also ständig Alarm. Meistens haben sie dann gar keine Bomben auf die Stadt geworfen, sondern sind woanders hin weiter. Und wir konnten uns wieder hinlegen.

In den Tagen direkt vor meinem Geburtstag fielen aber doch noch ganz viele Bomben auf Hamburg.

Zuerst beim Grindel und Hoheluft, in Eimsbüttel und Altona. Den Hafen haben sie kaputt gemacht, nachts die Engländer und tagsüber die Amerikaner, sagte Vati.

Man sah nichts mehr vom blauen Himmel durch den dicken schwarzem Rauch. Die Sonne saß dahinter wie ein unheimlicher blutroter kleiner Ball.

Fettige verkohlte Flocken sind durch die Luft gesegelt. Alles wurde schmutzig und es hat immerzu verbrannt gerochen.

Die Flak – also die Flugabwehrkanonen auf den Dächern – konnte nicht so viel dagegen tun diesmal, weil von den Flugzeugen Streifen abgeworfen wurden.

Heini Schütt hat mir einen gezeigt, den hatte er geschenkt bekommen. Ein Papierstreifen, auf einer Seite schwarz und auf der anderen Seite wie Schokoladenpapier. Heini Schütt sagt, durch die können unsere Flugpeilgeräte nichts mehr orten. Sie müssen dann mit Scheinwerfen nach oben suchen. Und das ist natürlich gefährlich, dann sieht man, wo sie stehen. Meistens wird die Flak weggebomt.

Aber wir haben immer noch sehr viele feindliche Flugzeuge abgeschossen, weil wir nicht aufgeben.

Das zeichnet den deutschen Charakter aus.

Mutti hat gesagt, ich soll den Streifen nicht anfassen, vielleicht wäre der vergiftet. Kann man den Briten alles zutrauen.

Wir dachten eigentlich, nach vier Tagen Gebombe ist mal Ruhe. Soviel Flugzeuge und Bomben haben die Engländer ja auch wieder nicht.

Deshalb machte ich mir nicht so viele Gedanken, dass an meinem Geburtstag was passiert.

Am Dienstag bin ich nämlich zehn geworden, am 27. Juli.

Mutti hatte zwei Eier aufgehoben für Kuchen. Tante Notschke hat uns Zucker dazu geschenkt.

Meinen größten Wunsch hab ich erfüllt bekommen: einen kleinen blauen Wellensittich! Dabei hatte Vati gesagt, im Krieg ist das unmöglich, so was zu kaufen.

Er wollte auch nicht sagen, wie er das gemacht hat. Er hat nur geschmunzelt.

Den Käfig hatte ich ja schon, den hatte Heini Schütt mir im Winter geschenkt, als Schütts Kanarienvogel gestorben war. Ein ganz großer, altmodischer mit Schnörkeln im Draht. Heini hat gesagt, da kriegt ein Sittich ordentlich Auslauf.

Ich hab mich so gefreut über den kleinen blauen Vogel.

Ich hab gedacht, vielleicht lernt er Küsschen geben wie früher Tante Gertrauts Buttje.

Adolf wollte ich ihn nennen, aber das mochte Vati nicht so gern.

Er sagte, der hieße bestimmt auch Buttje. Weil jeder anständige Wellensittich Buttje heißt.

Ich hab mit ihm gespielt und ihn dauernd gefüttert, damit er mich nett findet. Bis Mutti gesagt hat, wenn er platzt, muss ich die ganzen Federn von der Wand abkratzen.

Dabei hatte ich schon das Gefühl, dass er ganz zutraulich wurde.

Mutti hatte eine halbe Kerze von Weihnachten aufgehoben gehabt und oben in den Kuchen gesteckt und angezündet und mir morgens ans Bett gebracht.

Mutti und Hilde haben Blockflöte gespielt und dann gesungen; „Ich freue mich, dass ich geboren bin und hab Geburtstag heut‘…“ – was ja eigentlich Blödsinn war, weil sie alle beide schon im April Geburtstag hatten.

Ich zog nachmittags mein schönstes Kleid an. Das hat Tante Notschke letztes Jahr für mich aus Hildes altem langem Taufkleid gemacht, also aus weißer Spitze. Dieses Jahr passt es noch ganz gut, enger ist es kaum, weil ich dünner geworden bin. Nur ziemlich viel kürzer. Aber immer noch prachtvoll.

Hilde hat mir geholfen, Zöpfe zu flechten. Mutti hat zwei weiße Taschentücher um jeden Zopf gebunden, das sah aus wie große Schleifen. Also wirklich hübsch.

Das hat mich gefreut, weil Rolfi und Werner Möller kommen wollten. Werner war fast erwachsen, demnächst vierzehn. Er besaß eine goldene Uhr an einer Schnur, die steckte immer in seiner Hosentasche und ab und zu guckte er, wie spät es war. Rolfi hatte Sommersprossen und ganz blaue Augen und war zwölf. Ich mochte Rolfi immer so gern.

Die Möller-Brüder waren beim Jungvolk und sind in braunen Hemden, schwarzen Hosen und Halstuch mit Knoten erschienen. Und keine Gürtel, sondern Koppel.

Werner war Oberhordenführer. Und alle beide hatten natürlich Schulterriemen und gefährliche Fahrtenmesser, weil sie immer alle Pimpfenproben bestanden hatten. So was kriegen nämlich nur Jungen, die ihre Pimpfenprobe bestehen.

Mit seinem Messer schnitt Rolfi sich was vom Kuchen ab.

Siegrun und Uta Lange und ihr kleiner Bruder Giselher kamen schließlich auch noch. Also alle Kinder aus unserem Haus. Nur Heini Schütt nicht – der war über’s Wochenende mit seinen Eltern in Lübeck, weil sein Onkel beerdigt wurde. Der Onkel war einfach so gestorben, nicht durch den Krieg.

Dadurch, dass der Onkel gestorben ist, hat er Heini gerettet.

Mutti hat mit uns den Malzkaffee getrunken und die Spiele geleitet. Später hat Vati, als er von der Arbeit kam, noch mal bei uns reingeguckt und uns zum Lachen gebracht.

Und zum Schluss, als Mutti Abendbrot machte und in der Küche war, da spielten wir das Hütchen-Spiel.

Und plötzlich gab es Streit. Ich weiß gar nicht mehr, wie es anfing. Ich sollte Schuld haben!

Hilde sagte, ich würde schummeln. Und zwar sollten ich ausgerechnet Rolfi beschummelt haben!

Was ich nie getan hätte, weil ich ihn doch so gern mochte.

Das konnte ich natürlich nicht sagen.

Rolfi glaubte Hilde. Er wurde auch etwas wütend auf mich.

Alle glaubten Hilde.

Alle schimpften an mir rum, sogar der kleine Giselher!

Dabei hatte der überhaupt nicht verstanden, worum es ging.

Also, eigentlich hab ich auch nicht ganz richtig verstanden, worum es ging.

Ich heulte schließlich los. Ich holte Mutti und die holte Vati, und, es ist nicht zu fassen: Obwohl ich doch Geburtstag hatte und lieb behandelt werden musste, sagten meine Eltern auch, ich wäre schuld! Alle beide! An meinem Geburtstag!

Ich sollte mich bei Rolfi entschuldigen, weil ich ihn beschummelt hätte.

Ich sollte mich bei Hilde entschuldigen, weil ich sie belogen hätte.

Ich sollte mich bei meinen Eltern entschuldigen, weil ich patzig gewesen wäre. Ich sollte mich bei der ganzen Welt entschuldigen.

Vielleicht zuletzt noch bei dem kleinen Giselher. Darauf kam es jetzt ja auch schon nicht mehr an.

Alle guckten mich böse an mit Augen wie Marmeln.

Als ob sie mich hassten.

Ich hab gesagt, was ich davon halte.

Da hat mir Mutti einen Backs gehauen.

Vor allen anderen! An meinem Geburtstag!

Ich ließ sie alle sitzen.

Ich rannte weg, so weit wie möglich. Ich kann sehr gut rennen.

Vati rief hinterher, ich sollte sofort zurück kommen. Er konnte ja nicht rennen, weil er nur noch ein Bein hatte. Das andere ist in Stalingrad.

Ich hab so getan, als ob ich nichts höre.

Ich  wollte bloß ganz weit weg und nie wieder kommen.

Den Grevenweg bin ich raufgerannt und die ganze Süderstraße runter. Überall war ziemlich viel zerbombt und qualmte teilweise noch. Einige Menschen mit Bollerwagen kamen vorbei, die hatten bestimmt ihre Wohnungen verloren.

Ich sah auch viele der vergifteten Silberstreifen rumliegen.

In der Amsinckstraße hatte ich keine Puste mehr und hab mich auf ein kaputtes Mäuerchen gesetzt und gekeucht und nachgedacht.

Auf einmal kriegte ich das Gefühl, dass meine ganze Familie mich immer nur rumschubste.

Dass ich immer die doofe Kleine war, egal, wie oft ich Geburtstag hatte und wie alt ich wurde. Die blieben ja doch immer älter und die behielten immer Recht.

Ich war so wütend wie noch nie in meinem ganzen Leben.

Und da ist es passiert: Da hab ich mir was gewünscht.

Also, Oma Witt hat uns ja nicht nur Märchen vorgelesen. Sondern auch aus der Bibel. Die war noch viel älter und kaputter als das Märchenbuch.

Eigentlich hätten wir in der Schule Religionsunterricht haben sollen. Der fiel bloß meistens aus.

Und unser Klassenlehrer sagt sowieso, die Religion verklebt einem deutschen Kind den klaren Sinn, die wäre gar nicht nötig.

Ich fand die biblischen Geschichten aber immer genau so schön wie die Märchen. Die Sintflut und der Turmbau zu Babel und Sodom und Gomorra. Das waren zwei Städte mit so böse Menschen, dass es Gott gereicht hat. Er ließ Feuer und Schwefel regnen.

Diese Geschichte war die letzte gewesen, die Oma Witt uns vorgelesen hatte.

Und als ich jetzt so entsetzlich wütend war, da hab ich mir einen Moment lang gewünscht, auf unser Haus und so’n bisschen die Umgebung soll auch Feuer und Schwefel regnen.

Weil ich genau wusste, die sind jetzt nicht die Bohne traurig.

Die lachen mich aus.

Vati und Mutti sagen: dumme Deern. Hilde sagt: So ist sie immer.

Und alle essen jetzt knusprige Bratkartoffeln mit Speck und hinterher Schokoladenpudding. Das Puddingpulver hatte Mutti extra für meinen Geburtstag aufgehoben. Nun bekam ich nichts davon ab und sie würden noch sagen, dass es mir ganz recht geschah.

Dabei hatte ich nach der einen dünnen Scheibe Kuchen und all dem Gerenne schon wieder Hunger.

Aber ich wollte nicht zurück. Nie wieder.

Mir fiel dann ein, dass ich ziemlich in der Nähe von Tante Gertrauts Wohnung war.

Tante Gertraut ist Vatis jüngere Schwester und meine Patentante.

Ich hatte Glück, sie war gerade von der Arbeit nach Hause gekommen. Sie ist immer nur nett zu mir und freute sich auch über meinen Besuch. Erstaunt war sie natürlich schon: „Mein Geburtstagskind, was machst du denn hier in deinem weißen Kleidchen?“

Eigentlich wollte sie mir erst abends gratulieren und mein Geschenk geben, das tat sie jetzt gleich. Ich bekam Ohrringe mit kleinen Herzen aus Rubinen. Bei nächster Gelegenheit, sagte sie, wollte sie mit mir zum Juwelier am Jungfernstieg und meine Ohren durchpieksen lassen, damit ich die tragen könnte.

Ich erzählte ihr alles, was passiert war. Nur nicht, was ich mir gewünscht hatte. Ich sagte zu ihr, ich wollte nie im Leben wieder nach Hause. Jedenfalls ein paar Tage lang nicht.

Tante Gertraut sagte, ich könnte gern bei ihr bleiben. Sie hatte etwas Mettwurst da, von einer Freundin aus Bayern.

Wir aßen Butterbrote mit dieser Wurst. Das war sogar besser als Bratkartoffeln.

Tante Gertraut meinte dann, sie wollte trotzdem zu uns gehen und meine Eltern beruhigen. Weil die sich bestimmt Sorgen um mich machten.

„Willst du nicht gleich mitkommen? Wenn du dich entschuldigst, ist bestimmt alles wieder gut!“

„Ich bitte dich, wie komme ich denn dazu?“, hab ich geantwortet. Das hat Mutti immer gesagt, wenn sie zu etwas keine Lust hatte. „Ich will die alle nie im Leben wieder sehen!“

Und das war ja auch wie ein Wunsch. Oder wie ein Fluch.

Tante Gertraut lachte darüber.

Als sie schon auf der Treppe war, rief ich hinterher: „Bringst du mir meinen Buttje mit? Der gehört ja mir, den möchte ich bei mir haben!“

Tante Gertraut fragte, wie groß der Käfig wäre und ich zeigte es ihr mit beiden Armen.

„Ich dachte, das wäre ein Wellensittich? Hab ich mich verhört? Hast du einen Pinguin geschenkt bekommen?“

„Nein, nein. Das ist schon ein Wellensittich. Bloß der Käfig war ganz früher mal für einen großen Papagei“, erklärte ich.

Da seufzte meine Tante und sagte: „Mal sehen, was sich machen lässt…“

Während sie weg war, guckte ich mir in ihrem Kleiderschrank die hübschen Kleider und Röcke an, das mache ich immer so gern.

Mutti hatte viel weniger schöne Sachen. Der war so was auch nie wichtig gewesen. Tantes Kleider rochen immer so ganz etwas nach Blumen.

Ich war doch ziemlich müde und legte mich auf Tante Gertrauts Küchensofa. Das ist sehr bequem, da habe ich schon öfter geschlafen.

Als Tante Gertraut nach Hause kam, wachte ich auf. Noch war es nicht richtig dunkel draußen.

Sie schleppte den Vogelbauer mit meinem Buttje, knallte ihn auf den Küchentisch und sagte:

„Zu Fuß hätte ich das bleiben lassen, das verschnörkelte Biest ist schwer wie Blei. Aber euer Nachbar hat mich im Kübelwagen mitgenommen, da ging es…“

Sie hatte sogar Vogelfutter mitgebracht.

Wir fütterten meinen kleinen Buttje.

Tante Gertraut fand ihn auch ausnehmend hübsch. Sie meinte, er würde bestimmt schnell ganz zutraulich werden. Wir haben schon mal angefangen, ihm ‚Küsschen geben‘ beizubringen.

Tante Gertraut bestellte mir Grüße von Mutti und Vati. Von Hilde sagte sie nichts, und die anderen waren schon weg, als sie ankam.

Meine Eltern ließen mir ausrichten, es wäre sehr ungezogen gewesen, einfach weg zu laufen. Aber ich sollte man bald zurück nach Hause kommen und nicht muksch sein, wir könnten das alles klären.

Ich bettelte: „Ach, Tante Gertraut, lass mich doch wenigstens die nächsten Tage bei dir bleiben!“

„Von mir aus gerne“, sagte sie. Sie guckte aus dem Fenster in die Nacht. „Seit Wochen täglich dreißig oder sogar fünfunddreißig Grad, kein Tropfen Regen, und das in Hamburg! Meine Kollegin sagt heute, die Fleete in der Innenstadt sind so gut wie ausgetrocknet, da toben die Ratten. Als ob die Natur auch Krieg mit uns hat. Ein Feind mehr. Na, hoffentlich lassen die Briten uns heute Nacht mal in Ruhe!“

Sie gab mir ein dünnes Laken als Zudecke, weil es doch so warm war.

Ich wachte durch die Sirenen auf.

„Wie spät ist es?“, fragte ich verschlafen.

Tante Gertraut zog sich gerade mehrere Sachen übereinander. „Ziemlich genau Mitternacht, Schätzchen. Steh schnell auf…“

Das Radio in der Küche war an. Wir hörten, was alles über die Elbe zu uns geflogen kam.

Das sagte die tiefe Stimme von Onkel Baldrian.

Der Sprecher wird so genannt, weil er einfach beruhigend klingt, egal, was er sagt.

Die schlimmsten Nachrichten sind dadurch nie ganz so schlimm.

Ich kriegte noch einen Pullover und eine Jacke über und Tante Gertraut nahm einen kleinen Koffer mit. Sie wollte mich aus der Tür ziehen, aber ich stemmte mich dagegen: „Der Vogelkäfig! Wir müssen doch Buttje mitnehmen!“

„Mit dem Oschi lassen sie uns in keinen Bunker oder Keller, die fragen uns, ob wir verrückt sind. Der ist viel zu groß. Mit dem können wir nicht rennen. Und womöglich fängt das Metall an, zu glühen, dann können wir das sowieso nicht mehr halten“, meinte Tante Gertraut.

Ich fing an, zu heulen. „Wenn die Gitterstäbe glühen, wird mein Buttje gebraten!“

Da öffnete sie die kleine Käfigtür. „Guck – wenn er weg will, kann er rausfliegen.“

„Lässt du denn ein Fenster auf?“

„Das dürfen wir nicht, dann gibt es womöglich Durchzug und alles brennt doller. Lass man gut sein, dem Buttje passiert nichts… Und jetzt müssen wir ganz schnell los!“

Wir rannten die Treppe runter, auf die Straße, ins nächste Haus und da in den Keller. Der war durch dicke Stützbalken verstärkt.

Da saßen die Leute auf Stühlen oder ihren Koffern. Drei oder vier Mütter mit Babys, die schrien jetzt schon.

Bald ging es los mit den Bomben.

Ich mache immer genau, was Heini Schütt mir erklärt hat: Finger in die Ohren und Mund auf, damit das Trommelfell nicht platzt.

So was kann ein Baby nicht machen. Die brüllten immer stärker. Sicher hatten sie Ohrenschmerzen.

Die Bomben hörten gar nicht auf. Immer noch mehr und viel lauter als jemals vorher.

Mir fiel plötzlich ein, dass ich mich kaum noch daran erinnern konnte, wie das Leben ohne Krieg war.

Das meiste in meinem Leben ist bis jetzt immer Krieg gewesen.

Ich hoffte schon sehr, dass sie mit dem Endsieg nun mal ein bisschen zu machen.

Plötzlich dröhnte eine irrsinnige Explosion, das ganze Haus schaukelte wie ein Schiff auf Wasser, das Licht ging aus.

Wir kreischten alle. Wir dachten, es stürzt über uns zusammen.

Noch mehrere solch dicke Schläge folgten.

Tante Gertraut und ich umklammerten gegenseitig unsere Hände.

Ihre waren eiskalt. Meine heiß und schwitzig.

 „Luftminen!“, sagte ein alter Mann mit weißem Bart. „Sie werfen Luftmienen, damit Fenster und Türen und Dächer weggesprengt werden. Danach kommen sie mit Brandbomben. Die haben dann fein Durchzug…“

Ich dachte, dass Buttje nun jedenfalls gut entkommen konnte.

Die Riesenexplosionen dauerten lange.

Endlich war etwas Ruhe.

Eine Frau zündete eine Kerze an und stellte sie auf den Boden.

Da sprach der alte Mann wieder: „Die Briten wollen unsere Stadt alle machen. Die soll kaputt bleiben auf immer. Kann man ihnen nicht verdenken. Vor drei Jahren im November haben wir eine Stadt in England beballert, eine ganze Nacht lang. Coventry hieß die, ‘ne Industriestadt. Morgens war sie weg. Daraus ist ein schönes neues deutsches Wort entstanden: ‚coventrieren‘, wenn man was ratzekahl ausradieren will. Mit kommt vor, die Tommys sind in dieser Woche unterwegs, um zu hamburgisieren. Guck mal, wie schön! Churchill, dieser alte Bettnässer, ist eben doch in der Lage, was von uns genialen Deutschen zu lernen…“

Gleich kam der Luftschutzwart mit seinem glänzenden schwarzen Helm, leuchtete dem Mann mit der Taschenlampe ins Gesicht und schnauzte: „Jetzt halt mal die Klappe, Opa!“

Und daraufhin war der Mann mit dem Bart auch ruhig,

Wir warteten eigentlich alle noch auf Entwarnung, da fielen die nächsten Bomben. Die klangen ganz anders, sie johlten, bevor es krachte. Das nahm wieder kein Ende.

Inzwischen wurde es heißer und heißer im Keller. Die Kerzenflamme tanzte, schrumpfte, bückte sich, wurde immer kleiner und ging ein. Wieder war es dunkel.

„Wir haben keinen Sauerstoff mehr!“, brüllten einige.

Der Luftschutzwart leuchtete mit seiner Taschenlampe ‘rum, dann schrie er: „Wir müssen raus hier!“

Und er war schon an der Tür. Die bekam er jedoch nicht auf. Einige Männer und kräftige Frauen halfen ihm – umsonst. Wahrscheinlich war die Tür von außen durch Trümmer verklemmt und zugeschüttet.

„Wir ersticken oder verbrennen hier drinnen…!“

Jetzt schlugen sie ein Loch in eine der Wände zum Nachbarkeller.

Inzwischen tauchten Tante Gertraut und einige andere Frauen die Wolldecken, die es hier im Keller gab, in die Wassereimer.

Als die Wand durchbrochen war, wickelten sich jeder eine feuchte Decke über den Kopf und um die Schultern und krabbelte durch.

Wir kamen wirklich nach draußen. Sogar sofort, weil sich über dem Nachbarkeller kein Haus mehr befand.

Es war so, als würde man in einen Backofen kriechen.

Überall sausten feine goldene und rote Funken rum in Wirbeln.

Das Bombardieren hatte aufgehört. Entwarnung gab es keine.

Still war es trotzdem nicht: die Flammen knisterten und rauschten, dazu kam ein seltsames, grausiges Heulen, das langsam lauter wurde, von oben und von allen Seiten.

Ich fragte weinend: „Was ist das, Tante Gertraut?“

Sie antwortete weinend: „Weiß ich auch nicht.“

Eine alte Frau neben uns murmelte: „Das ist das Feuer. Das Feuer schreit…“

Neben uns fiel ein Teil brennendes Gemäuer ein. Wir beeilten uns, auf die Straße zu kommen.

Da war aber eigentlich keine Straße mehr. Ich weiß nicht, wo wir waren: bestimmt nicht in Hamburg.

Es sah rundherum nicht wie etwas aus, das Menschen machen können. Mehr so wie Gottes Zorn, wie’s in der Bibel steht.

Und als ich das dachte, fiel mir plötzlich wieder ein, was ich mir gewünscht hatte.

Da wusste ich: Ich bin schuld!

Ich bin schuld, dass hohe Bäume, brennend, fast bis zum Boden gebogen werden durch diesen heißen Orkan.

Ich bin Schuld, dass knisternde, glühende Bretter, Türen, Fenster, Stoffteile rumfliegen und hochwirbeln, als ob sie tanzen.

Ich bin Schuld, dass eine Frau angesaugt wird und ihre Begleiterin sie nicht festhalten kann; die Frau fliegt und brennt und schreit und verschwindet im Feuer.

Ich bin Schuld, dass einem ohne nasse Decke vor uns rennenden Kind plötzlich mit einem Schlag, mit einem Fauchen, die Kleider und Haare entzündet werden, als wäre das Kind selbst ein Streichholz.

Ich bin Schuld, dass mehrere Pferde mit schrillen Wiehern auf uns zu galoppieren, und die Pferde brennen. Wo sie sonst Mähnen haben, da flattern Flammen.

Tante Gertraut riss mich beiseite, die Pferde donnerten vorbei.

„Woher sind die?“, schrie ich entsetzt.

„Wahrscheinlich aus dem Fuhrgeschäft von Hertz“, schrie sie zurück.

„Komm, hier lang – wir müssen zum Wasser…“

Da drüben, über die Kreuzung, lief unser Luftschutzwart mit dem schwarzen Helm, er wollte wohl auch zum Wasser. Aber plötzlich steckte er wie in schwarzem Kleister, weil die Straße irgendwie geschmolzen war. Er ruderte mit den Armen, er klebte fest, er fiel hin und er brüllte so laut, dass wir es durch das Feuerbrüllen hören konnten.

Tante Gertraut zerrte mich weiter.

Wir erreichten ein Fleet, platschten vorwärts bis zur Brücke, drückten uns, bis zum Bauch im Wasser, unter den Brückenpfeiler.

Da stürzte ein schreiender Mensch von der Brücke vor uns in das Fleet, der brannte grünlich. Er tauchte unter und kann wieder hoch und brannte immer noch und schrie immer noch, platschte wild umher, platschte weg von uns, tauchte unter, kam hoch, schrie nicht mehr. Das grüne Brennen dauerte noch eine Weile.

„Phosphor“, sagte Tante Gertraut.

Ich kniff meine Augen fest zu und drückte mein Gesicht an ihre Schulter. Ich wollte nichts mehr sehen. Nie wieder.

Nach ein paar Stunden oder so mussten wir aber doch aus dem Wasser raus.

Weil es so heiß war, machten uns unsere nassen Kleider nichts aus, im Gegenteil.

Ich hatte Durst. Auch Hunger, aber vor allem Durst. Meine Tante hatte mir verboten, Wasser aus dem Fleet zu trinken.

Einige Leute auf der Straße sagten uns, wir sollten zur Moorweide gehen, da wäre die Sammelstelle für die Ausgebombten.

„Sind wir denn ausgebombt?“, hab ich gefragt.

 „Hammerbrook insgesamt ist ausgebombt“, hat Tante Gertraut gesagt. „Da ist nichts von übrig.“

„Und Mutti und Vati? Und Hilde? Und Rolfi und Werner Möller – ?“

Darauf hat sie nicht geantwortet.

Wir sind lange gelaufen.

Es war so mühsam, weil es keine Straßen mehr gab und immer noch alles glühte, Steine und Mauerreste.

Eigentlich hätte längst wieder Tag sein müssen. Aber es blieb dämmerig. Ich glaubte auch schon, es würde sicher nie wieder Tag.

Später haben sie uns erzählt, dass ein schwarzer Rauchpilz über Hamburg stand, der war sieben Kilometer hoch.

Wir sahen ganz viele tote Menschen. Zuerst dachte ich, die meisten wären tote Kinder. Aber Tante Gertraut erklärte mir, das wären Erwachsene, die vom Feuer so klein geschmort worden sind.

Schwarz waren sie auch.

Irgendwie schien alles schwarz zu sein.

Unterwegs setzten wir uns auf einige Trümmer, die nicht so heiß waren, um unsere Füße auszuruhen. Da saß ein altes Paar, das hatte ein Glas mit Schattenmorellen aus einem Keller genommen und gab uns etwas davon ab. Vor allem Saft. Die besten Schattenmorellen, die ich in meinem ganzen Leben gegessen hab. Da war ich so dankbar, dass ich geweint habe.

Tante Gertraut hat mich angeguckt und gesagt: „Du bekommst gerade weiße Streifen in deinem schwarzen Gesicht.“

Und ich sah, dass ihr Gesicht auch schwarz war. Alles war schwarz.

Die Moorweide ist eine große Wiese vor dem Dammtorbahnhof. Darauf wimmelte es von Menschen wie von Ameisen. Und wie Ameisen schleppte fast jeder ein Bündel oder eine Tasche oder sonst was mit sich rum. Da standen auch Tische mit Essen, und wir durften uns Butterbrote nehmen.

Tante Gertraut hatte noch ihre Wolldecke aus dem Keller.

Meine war verloren gegangen. Sie zog mir den Pullover und die Jacke aus und sich selbst den Mantel. Es war herrlich, bei all dem Geschwitze endlich was auszuziehen!

Eine Frau neben uns sah mich an und sagte: „Guck mal, die Lütte ist in Trauer!“

Ich schaute an mir runter und merkte, dass ich kein weißes Kleid mehr anhatte, sondern ein schwarzes. Etwas heller da, wo der Pullover und die Jacke drüber gewesen waren, aber immer noch schwarz. Auch die beiden Taschentücher in meinen Zöpfen waren schwarz.

Aber dann blickte ich mich um, ich sah Tante Gertraut an und die Frau, die gesprochen hatte. Da begriff ich, dass alle schwarze Sachen anhatten. Alle hatten dunkle Gesichter und dunkles Haar.

Es gab nichts Helles mehr. Jeder trug Trauer.

Wir machten uns eine Art Bett am Boden und dann schliefen wir, mitten zwischen dem Lärm und Gewusel. Tante Gertraut sagte noch, falls die Tommies in dieser Nacht wieder kämen, sollte ich sie deswegen nicht wecken. Sie hätte keine Lust mehr auf den Quatsch.

Bis zum nächsten Mittag blieben wir auf der Moorweide. Und da wurde es allmählich wieder heller, so wie an einem trüben Tag.

Man konnte ein bisschen erkennen, dass hinter dem schwarzen Gewölk immer noch Sonnenschein und schönes Wetter sein musste.

Übrigens haben die Briten Tante Gertraut in der Nacht vom 28. Auf den 29. Juli wirklich schlafen lassen.

Sie sind erst in der nächsten Nacht wieder gekommen und haben auf Winterhude, Barmbek und Uhlenhorst Bomben geschmissen.

Sie haben das mit dem Feuersturm, wie in Hammerbrook, noch mal probiert. Es hat aber nicht mehr funktioniert. Warum, weiß keiner genau bis jetzt. Plattgebombt ist wohl alles, aber kein Feuersturm.

Ach ja, und in der Nacht auf Montag, glaube ich, sind sie in einem dicken Gewitter gekommen. Das war aber auch nichts Rechtes.

Komisch, früher, als ich ganz klein war, hatte ich mal Angst vor Gewitter. Daran kann ich mich noch erinnern.

Tante Gertraut ist dann losgegangen, um zu gucken, ob Mutti und Vati wirklich ausgebombt sind. Mich ließ sie bei der Frau, die neben uns geschlafen hatte.

Es gab noch mehr Butterbrote und auch Milch. Ich war gerade beim Essen, als mich plötzlich jemand umarmte und meinen Namen rief: das war Heini Schütt! Er war mit seinen Eltern zurückgekommen von der Onkelbeerdigung in Lübeck.

„Wir haben kein Zuhause mehr“, sagte er. „Aber wir haben trotzdem ganz schön  Schwein gehabt, was? Ausgerechnet unser Haus war ganz genau im Zentrum vom Feuersturm. Da ist alles nur noch Asche, sagt mein Vater. Keine Trümmer, keine Leichen, nix wie Asche. Wenn wir da im Keller geblieben wären… Wo ist denn Hilde? Wo sind deine Eltern?“

Ich schluckte mein Brot runter und sagte, dass meine Tante wahrscheinlich mit ihnen wieder käme.

Aber das stimmte leider nicht.

Sie kam wohl abends wieder. Aber ohne Mutti und Vati und Hilde.

Sie mochte auch nicht viel darüber reden. Sie hat mich nur immer geknuddelt und geweint.

Ich hab erst mal nicht geweint.

Ich wollte noch abwarten.

Ich will immer noch abwarten. Bis ich wirklich genau weiß, was aus meiner Familie geworden ist. Und aus Rolfi und Werner und den anderen. Das will ich erst mal ganz genau wissen.

Vorher weine ich nicht.

Aber eins hab ich gelernt: Es ist besser, zu Menschen, die man lieb hat, immer nur lieb zu sein. Aufzupassen, was man sagt. Auch, wenn man wütend ist.

Man weiß nie, wann man sie vielleicht verliert. Und dann kann man sich den Rest seines Lebens daran erinnern, was man zum Schluss Gemeines zu ihnen gesagt hat.

Heini Schütt konnte ich erzählen, wer wahrscheinlich an der Bombardierung von Hammerbrook wirklich schuld war.

Er sagte, ganz sicher wäre das nicht. Ich sollte es mindestens noch einmal versuchen und mir noch was wünschen, dann würden wir sehen.

Ich wünschte mir natürlich, dass meine Familie auftauchen sollte.

Eine Woche lang hab ich mir das gewünscht.

Inzwischen sind Tante Gertraut und ich bei einer alten Freundin von ihr in Altona.

Da hat ein Zahnarzt von nebenan mir gestern Löcher in die Ohren gestochen. Denn die Ohrringe hatte meine Tante eingesteckt.

Weil ich jetzt ein Waisenkind bin, soll ich demnächst in die Kinder-Landverschickung.

Aber ob ich das richtig bin, steht nicht fest. Vielleicht kommt das nie raus: Hammerbrook ist ganz und gar abgesperrt, mit Wachposten. Weil zu viele Leute nach ihren Angehörigen gesucht haben und dabei dauernd noch alles zusammenstürzt, ganze Hauswände, wenn man nur dran tippt.

Ich hab einen weiteren Versuch gemacht und mir gewünscht, dass mein kleiner Wellensittich mich findet.

Tante Gertraut hat sehr bezweifelt, dass er das schafft, weil es doch ziemlich weit entfernt ist – aber schon am nächsten Tag, als ich aus dem Fenster gerufen hab: ‚Buttje!“ – hüpfte es von oben her zu mir und landete auf der Fensterbank!

Ich wusste vor Freude gar nicht, was ich sagen sollte!

Ich schrie nach Tante Gertraut, und sie kam ins Zimmer gestürzt, weil sie wohl dachte, es wäre wieder was Schlimmes.

Dabei war es ein Wunder!

Der arme Buttje sah auch schwarz aus, nicht mehr blau. Fast alle seine Federn waren weggeschmort. Er hatte großen Hunger und Durst und trank aus einem Schälchen Wasser und fraß Haferflocken, weil wir ja kein Körnerfutter mehr besaßen.

Das scheint ihm nichts auszumachen. Er ist so dankbar, dass er wieder bei mir ist. Er hat sich auch erinnert, was wir ihm beigebracht hatten und konnte schon richtig gut Küsschen geben.

Er braucht auch keinen Käfig, glaube ich. Also nicht sehr dringend. Im Moment sitzt er gern auf Stuhllehnen oder der Gardinenstange. Und seine Kleckse wische ich immer gleich weg, weil Tantes Freundin davon etwas nervös wird.

Ich war einerseits sehr glücklich darüber, ihn wieder zu haben.

Andererseits schien nun ja klar zu sein, dass wirklich ich durch mein Gewünsche den Feuersturm auf Hammerbrook angerichtet habe.

Tante Gertraut meint allerdings, es könnte sein, dieser Buttje ist ein anderer Buttje. Weil sie eben fast alle so heißen. Sie findet auch, er wäre deutlich größer als der alte. Außerdem sieht es jetzt so aus, als würden ihm grüne Federn nachwachsen und nicht blaue.

Aber vielleicht kommt das durch den Schock? So wie Menschen in einer Nacht weiße Haare kriegen können?

Heini Schütt sagt, ich soll es noch einmal versuchen und mir wünschen, dass der Krieg nächste Woche aufhört. Ganz egal, ob Endsieg oder nicht.

Er sagt, wenn das funktioniert, dann hab ich so was Gutes getan, dass mir alles andere bestimmt vergeben ist.

Und wenn es nicht klappt – dann liegt es auch nicht an mir, dass die Engländer Hammerbrook hamburgisiert haben.

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