Heute

Posted by admin on 24. Januar 2021

Das legendäre Köln Concert

wurde am 24. Januar 1975 auf einem Klavier gespielt – und zwar auf dem falschen.

Mich selbst berührt es erinnerungsschwanger. Damals hatte ich Liebeskummer, und meine Freundin Mute, die sich ebenfalls in diesem Zustand befand, brachte mir die Platte mit dem Köln Concert, eine Flasche Wein und die Überzeugung, beides würde uns weiterhelfen. Ich bin bis jetzt nicht ganz sicher, ob es unbedingt diesem Zweck diente. Doch auf jeden Fall gefiel die Musik mir sehr. Ich habe das Konzert in dieser Zeit so unendlich oft gehört, dass es mir immer noch sehr vertraut ist und mir eine ganz bestimmte Stimmung zurückbringt, vergilbt inzwischen und weniger tragisch.

Der amerikanische Pianist Keith Jarrett spielte seine Soloimprovisation in der Kölner Oper, ein Konzert das, gelinde gesagt, nicht wenigen Leuten gefiel. Tatsächlich wurde daraus, auf Vinyl gepresst, die bekannteste und meistverkaufte Veröffentlichung von Keith Jarrett und nebenbei die meistverkaufte Klavier-Solo-Platte sowie die meistverkaufte Jazz-Soloplatte aller Zeiten (bis jetzt).

Man könnte also denken, dass der Pianist stolz drauf ist. Doch er wird nur ungern darauf angesprochen. 1992 sagte er in einem Interview, er wünschte, dass alle Exemplare dieser Platte eingestampft würden, weil die Hörer nur süchtig an Vergangenem hängenblieben.

Manchmal ödet es einen Kunstschaffenden halt an, immer nur für ein (weit zurückliegendes) Werk gelobt zu werden, anstatt Bewunderung für Aktuelles zu ernten. 

Aber vielleicht wird Jarrett auch einfach nicht gern an diesen grausamen Abend erinnert, an dem zunächst alles schief lief, was nur schief laufen konnte.

Er selbst war damals 29, die Veranstalterin des Konzerts, Vera Brandes, ging in Köln noch zur Schule und war erst achtzehn.Trotzdem organisierte sie, clever und musikbegeistert, bereits seit drei Jahren erfolgreich Jazzkonzerte.

Die Missgeschicke begannen, indem Jarrett aus Zürich nicht, wie geplant, mit dem Flugzeug kam. Stattdessen ließ er sich das Geld fürs Flugticket auszahlen und fuhr mit einem altersschwachen R4 die 570 Kilometer nach Köln. Er erreichte die Oper am Offenbachplatz am Spätnachmittag, erschöpft und hungrig.

Der Pianist hatte er um einen ganz bestimmten Konzertflügel gebeten und den hatte man ihm auch zugesichert: den Bösendorfer Imperial, ein Klangwunder aus Österreich. 

Der stand nun auf der Bühne und wartete auf seine große Stunde und auf den Künstler. Der Künstler schlug einige Töne an, umwanderte den Flügel und bemerkte trocken, auf dem Ding werde er bestimmt kein Konzert geben, man möge alles absagen.

Später stellte sich heraus, dass es sich bei dem Instrument zwar um einen Bösendorfer, aber um ein altes Exemplar handelte, das normalerweise für Proben benutzt wurde. Die Pedale hakten, die schwarzen Tasten in der Mitte klemmten, dafür verweigerten sich die oberen und die unteren Oktaven. Es waren sogar einige Saiten gerissen. Weil das Konzert an einem Freitagabend veranstaltet wurde, befand sich zudem die Opernverwaltung im Wochenende; niemand konnte helfen. 

Vera Brandes erfuhr erst am Montag darauf, dass es im Opernhaus sehr wohl den ‘richtigen’ Flügel gab. Der stand hinter einer Brandschutztür versteckt, weshalb man aus Versehen den ‘falschen’ auf die Bühne gestellt hatte.

Keith Jarrett meinte seine Absage sehr ernst. Er saß bereits im Wagen, der ihn vom Hof fahren sollte, als die Veranstalterin hinterher rannte, die Autotür aufriss und ihn mit jeder englischen Vokabel, die ihr zum Thema einfiel, bepladderte und anflehte, zu bleiben und zu spielen. Schließlich knurrte er: “Na gut, ich spiele. Aber nur deinetwegen!”

Das wussten die etwa 1400 begeisterten, erwartungsvollen Zuhörer (das Konzert war ausverkauft) glücklicherweise nicht.

Ein Klavierstimmer bemühte sich in aller Eile noch, aus dem kranken alten Gaul von Flügel so viel wie möglich rauszuholen, um halbwegs bespielbar zu sein und jedenfalls die kaputten Saiten zu erneuern, während der Künstler sein viel zu spät gekommenes Essen verdrückte.

Und dann ging es los.

Jarrett nahm zu Anfang die kleine Melodie des Pausengongs der Kölner Oper auf – im Publikum ist ein bisschen unterdrücktes Lachen zu hören – umschnörkelte den Klang und ließ sich selbst und den Zuhörern mehr und mehr die Zügel frei.

Er musste sich dem Instrument so gut wie möglich anpassen, indem er sich auf mittlere und tiefe Tonlagen beschränkte und sich auf die unzureichenden Pedale einließ. Er war zwar gereizt, übermüdet, ärgerlich – aber auch genial. Sehr schnell übernahm die Musik und riss sowohl den Pianisten als auch  das Publikum mit. Keith Jarrett schien sich  geradezu in Trance zu spielen, gab ab und zu halblaute Ausrufe dazu.

Die Veranstalterin sagte darüber, der Flügel sei für den Raum natürlich ‘komplett unterdimensioniert’ gewesen, das habe andererseits zu einer besonders hohen Aufmerksamkeit im Publikum geführt. Und Jarrett habe sich bemüht, rauszuholen, was rauszuholen war. Einerseits musste er mit besonderer Kraft auf die Tasten hauen. Andererseits kam eine überraschend zarte Sache dabei heraus. Die Zuhörer waren verzaubert, eine ungeheuer positive Spannung im Saal, Magie. 

Dieser Zauber ist auf der Platte gespeichert. Ursprünglich hätte das Improvisationskonzert überhaupt nicht aufgenommen werden sollen. Die Tontechniker schnitten es zunächst nur für interne Zwecke mit. Ein wenig später kauften auch Menschen das Köln Concert, die sich normalerweise nicht das Geringste aus Jazz machten.

Diese Musik umgrenzt eine kleine Zeit. Vier oder fünf Jahre lang kannte jeder das Köln Concert, das schlichte weiße Platten-Cover stand in allen Regalen oder neben dem Plattenspieler. Für mich verbindet sich damit meine damalige Wohnungseinrichtung in Beige und Mittelbraun, der Blick aus einem Fenster auf die Straße in schräger Nachmittagssonne, der Duft nach Eau Fleurie. Und ein Schmerz, der längst verblasst ist …

Glücksfaktor: In jeder Lebenslage das Beste draus zu machen.

 

 

Posted by admin on 21. Januar 2021

Heute ist leider Welt-Knuddeltag

Das passt ja nun wirklich gar nicht. Am Welt-Knuddeltag sollte man vielleicht nicht gerade die ganze Welt knuddeln – aber mindestens alle, die man lieb hat. Tja.

Vor neun Jahren, am 21. Januar 2012, herzte und drückte sich in London aus diesem Anlass ein Paar 24 Stunden und 44 Minuten lang und stellten damit einen Weltrekord auf! (Wie lösen solche tapferen Menschen das Problem mit der Nahrungsaufnahme und dem Gegenteil?)

Doch das war damals. Da sind wir zurzeit ganz woanders.

Wer hat’s erfunden? Schon wieder ein Mensch aus Michigan. Pastor Kevin Zaborney überkam im Jahr 1986 die Idee des World-Hugging-Days. Er legten das Datum so gerecht wie möglich zwischen das liebevolle Weihnachtsfest und den romantischen Valentinstag, wohl bewusst in die dunkle, depressionsfreundliche Jahreszeit, in der unser Immunsystem die Mundwinkel hängen lässt. 

Denn Knuddeln ist erzgesund, das weiß hoffentlich jeder. Die Haut ist ein riesiges Sinnesorgan, der Tastsinn sehr wichtig, um jeweils  rauszukriegen, wo wir selbst aufhören und etwas (jemand) Anderes anfängt.

Unser Immunsystem benötigt Berührung! Die Abwehrkräfte werden gestärkt durch Umarmungen. Beim Streicheln und Tätscheln – eine ausgesprochen preiswerte Therapie – schüttet  der Körper das segensreiche Hormon Oyytocin aus. Dadurch kommen Blutdruck und Herzfrequenz ins Gleichgewicht, das Stresshormon Cortisol wird verringert, entzündungshemmende Prozesse beschleunigt. Dazu reicht, (wissenschaftlich erwiesen!!), eine Umarmung von 20 Sekunden. Ganz ohne Nebenwirkungen, außer eventuell zerknautschten Klamotten oder einer aus der Fasson geratenen Frisur.

Wobei bemerkt werden sollte, die Wirkung verringter sich dramatisch, falls der verkehrte Mensch an einem rumtatscht, während sie ansteigt, wenn der richtige knuddelt. Die Psyche wirkt auf Hormone, Hormone veranstalten eine Menge, positiv oder negativ, im Körper.

Nun könnten wir ja in Zeiten der schrecklichen Seuche, weiß der Himmel, zufriedene Abwehrkräfte gut gebrauchen. Doch durch Knuddeln sind die augenblicklich schwer zu erringen. Allenfalls im eigenen Haushalt. Und falls man am liebsten ganz jemand anders knuddeln würde, ist das möglicherweise streng verboten.

Es könnte passieren, dass ein Corona-Virus den gutgelaunten, entspannten Killerzellen begegnet und ihnen nur kurz den Mittelfinger zeigt.

So gesehen sind wir zweifellos auf der sicheren Seite mit Emails oder Whats-App-Nachrichten, in denen wir schreiben: ‘Drück dich!’ oder ‘Fühl dich ganz doll umarmt!’ Sogar diese Vorstellung kann nämlich bereits unsere Immunabwehr ein klein wenig stärken.

Daher bitte ich alle Leser, sich von mir ganz herzlich geknuddelt zu fühlen, falls sie Wert darauf legen.

Glücksfaktor: wie oben dargelegt: Knuddeln …

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Posted by admin on 19. Januar 2021

Der 20. Januar ist ab jetzt ‘What’s Going On Day’ im Staat Michigan

Wer hat sich das ausgedacht? Gretchen Withmer, Demokratin, seit einem Jahr Gouverneurin in dem nordamerikanischen Staat.

Sie nimmt damit Bezug auf ein Lied von Marvin Gay: What’s Going On – Was ist los?

“Durch die Gründung dieses Tages”, sagt Gouverneur Withmer, “möchten wir den tiefgreifenden Text dieses Songs bewusst machen. Wir hoffen, dass Marvin Gayes zeitlose Musik in unseren Herzen und Köpfen bleibt und die kommende Generation weiter inspiriert.”

Der Text  klagt:

Mutter, Mutter
Es weinen zu viele von euch!
Bruder, Bruder, Bruder
Es sterben viel zu viele von euch!
Du weißt, dass wir einen Weg finden müssen
Um heute etwas Liebe hierher zu bringen
Vater, Vater
Wir müssen nicht eskalieren!
Du siehst, Krieg ist nicht die Antwort
Denn nur die Liebe kann den Hass besiegen
Du weißt, wir müssen einen Weg finden
Um heute ein bisschen Liebe hierher zu bringen ...
Was ist los?
Was ist nur los?

Berry Gordy, Musikproduzent in Detroit, Gründer von Tamla Motown, weigerte sich 1970 zunächst, dieses Album mit Marvin Gaye zu machen; es schien ihm wenig erfolgversprechend, weil es statt der üblichen Liebesthematik politische Texte enthielt. Plötzlich ging es um Drogenmissbrauch und Korruption, Umweltschutz und den Vietnamkrieg. 

Nicht nur die Texte waren neu und ungewöhnlich, auch in den Arrangements tauchten ungewöhnlicherweise Elemente von Klassik und Jazz auf. Aber What’s Going On wurde zu einem der erfolgreichsten und berühmtesten Soulalben. 

Marvin Gaye litt sein Leben lang und zunehmend, je älter er wurde, an Depressionen. Schon als Heranwachsender hatte er große Probleme mit seinem Vater gehabt, der Prediger in der höchst  konservativen Pfingstgemeinde ‘Church of God’ war und dem der sensible, begabte, erfolgreiche  Sohn aus vielen Gründen ein Dorn im Auge sein musste.

Marvin, seit längerer Zeit kokainabhängig, hatte gerade  eine anstrengende Tournee hinter sich und zog für eine Weile, um sich zu erholen und zurückzuziehen, ins schöne große Haus seiner Eltern. Dieses Haus hatte der erfolgreiche Sohn ihnen selbst gekauft. Und die Waffe, mit dem sein Vater Marvin Gaye über den Haufen schoss – einen Tag vor dessen 45zigsten Geburtstag – hatte er ihm auch geschenkt, zu Weihnachten. Es gab immer häufiger Streit zwischen Vater und Sohn vor diesem letzten Schuss, der die Sache beendete.

Vater, Vater

Wir müssen nicht eskalieren!

Du siehst, Krieg ist nicht die Antwort

Denn nur die Liebe kann den Hass besiegen

Du weißt, wir müssen einen Weg finden

Um heute ein bisschen Liebe hierher zu bringen …

Was ist los?
Was ist nur los?

Glücksfaktor: Ich freue mich über den Beschluss von Gouverneur Gretchen Withmer …

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Posted by admin on 19. Januar 2021

Am 18. Dezember 1904 wurde Archibald Leach in Bristol geboren

Das ist eine Hafenstadt im Südwesten Englands. Der kleine Archie hatte eine, gelinde gesagt, bescheidene Kindheit. Sein Vater war Alkoholiker, seine Mutter drehte derart durch, dass sie in eine Heilanstalt eingewiesen werden musste – da war Archie neun Jahre alt. Sein Vater erzählte ihm zunächst, die Mutter habe ihn verlassen, weil er ungezogen gewesen sei; später änderte Leech senior diese Darstellung. Nun hieß es, Archies Mutter wäre gestorben.

Nach dem Tod des Vaters, als Archie schon 21 Jahre alt war, erfuhr er die Wahrheit von einem Anwalt. Da war er bereits ein aufgehender Stern in Hollywood und nannte sich bald darauf Cary Grant, was bedeutend eleganter klang als sein richtiger Name. In dem Film ‘Ein Fisch namens Wanda’ übrigens heißt John Cleese, ihm zu Ehren, Archie Leach. Und in der Komödie ‘Arsen und Spitzenhäubchen’ gibt es auf dem Friedhof einen Grabstein, auf dem steht ARCHIE LEACH…

Obwohl er wahrhaftig aus keinem Fürstenhaus stammte und mit 13 die Schule verlassen hatte, trat Cary Grant in Amerika mühelos als der perfekte Gentleman auf. Er war 1.87 und überaus attraktiv, er besaß einen zurückhaltenden, selbstironischen Charme und diesen ganz leichten britischen Akzent, der so teuer wirkt.

Nach seiner schrecklichen Kindheit, nachdem er ein sehr verlorener kleiner Junge gewesen war, wurde Grant für den Rest seines Lebens zum Gewinner. 1942 nahm er die amerikanische Staatsbürgerschaft an, über mehr als 30 Jahre war er einer der beliebtesten Stars, teilweise in hervorragenden Filmen, nie in einem wirklich schlechten. 

Alfred Hitchcock, kleiner dicker Mann und großer Regisseur, ebenfalls in England geboren und später Amerikaner, machte vier Filme mit Grant und nannte ihn seinen Lieblingsdarsteller – es wurde verschiedentlich vermutet, weil der so auftrat und wirkte, wie Alfred sich selbst gern gesehen hätte.

Cary Grant war fünfmal verheiratet, darunter mit Barbara Hutton, eine der reichsten Frauen Amerikas, die ihrerseits siebenmal verheiratet war und später sagte, der einzig angenehme ihrer Männer sei Cary Grant gewesen – zumal er es verschmähte, Geld von ihr zu verlangen. Er hatte  selbst genug. Im Übrigen lebte er auch beinah zehn Jahre mit dem Hollywoodstar Randolph Scott zusammen in einer Villa, und keiner wusste so recht, was für eine Art von Beziehung das sein mochte.

Als er 62 war, wurde er zum ersten und einzigen Mal Vater und die Beziehung zu seiner Tochter Jennifer blieb zwanzig Jahre lang eng und herzlich. Sie waren sich die besten Gesprächspartner und unternahmen ausgedehnte Reisen miteinander. Jennifer Grant hat eine bezaubernde Biographie über ihren Vater geschrieben: ‘Good Stuff’. Das war seine Lieblingsformulierung, um auszudrücken, dass ihm eine Sache oder eine Situation gefiel, etwa Gute Sache! oder Gutes Zeug!

In vielen Filmen spielt Cary Grant den Mann, der nicht wirbt, sondern umworben wird. Die bezaubernsten Darstellerinnen wie Ingrid Bergmann, Grace Kelly oder Audrey Hepburn reißen sich den ganzen Film über ein Bein aus, um den lässigen Kerl zu erobern, bis er sich endlich freundlicherweise erobern lässt. Dabei war er in späteren Jahren, weißhaarig, genauso unwiderstehlich wie jung und schwarzhaarig.

Archibald Leach wurde 82 Jahre alt. Einem Reporter, der zu ihm sagte: “Jeder Mann möchte doch sein wie Cary Grant!” antwortete er: “Ich auch.”

Glücksfaktor: aus einem ganz miesen Anfang eine gute Sache zu machen …

 

 

Posted by admin on 16. Januar 2021

Am 16. Januar 1972 verstarb das Fräulein

Das Bundesministerium des Inneren unter Hans-Dietrich Genscher verfügte im Sinne der mächtig voreinschreitenden Gleichberechtigung, dass mit dieser Titulierung Schluss sein müsse, weil schließlich auch nirgends vom ‘Herrlein’ die Rede war: ” … Im behördlichen Sprachgebrauch ist daher für jede weibliche Erwachsene die Anrede ‚Frau‘ zu verwenden.”

 In der DDR lief das mit der Gleichberechtigung eventuell weniger kulturell und mehr praktisch, weswegen dort der Begriff Fräulein bis zum Mauerfall bestehen blieb. Zu sagen wäre auch, dass es in anderen europäischen Ländern bis heute die Entsprechung gibt, von Miss über Mademoiselle bis Signorina.

Ein Fräulein, das war jahrhundertelang ein unverheiratetes Wesen, Neutrum (DAS Fräulein), Jungfrau. Noch früher hieß das übrigens Jungfer. Ein Fräulein konnte unter Umständen einem Beruf nachgehen, warf den jedoch auf der Stelle über Bord, sobald sich ein Traumprinz fand, der sie wegheiratete und damit in jeder Beziehung zur Frau machte. Dann durfte sie den Haushalt führen sowie Kinder bekommen und erziehen, den Gatten bei Laune halten, wenn er erschöpft  von der Arbeit kam und sich halbtot freuen, dass sie keine alte Jungfer geblieben war.

Wenn sie sich tatsächlich vor der Heirat im Berufsleben herumtrieb, dann vor allem als Lehrerin, Fräulein Lehrerin sagten die Kinder vor allem Ende des neunzehnten und Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gewohnheitsmäßig. Und dieses Fräulein entsprach exakt dem astrologischen Bild des Sternzeichens Jungfrau: kühl und sauber, unerotisch, intelligent, belesen, belehrend, gern bebrillt und meist eher dürftig mit weiblichen Rundungen ausgestattet. 

Es gab jedoch noch eine andere Kategorie des Fräuleins. Das lief auf langen Beinen herum, direkt nach dem zweiten Weltkrieg, und verdrehte den Besatzern die Köpfe.

Es war sogar vom ‘Fräulein-Wunder’ die Rede. Das Wunderbare daran war, dass ein deutsches Mädel nicht, wie erwartet, blondbezopft, ungeschminkt, mit einer Walther PP in der einen und einem Schäferhund in der anderen Hand angestiefelt kam. Sondern durchaus reizvoll und charmant sein konnte – wenn auch, immer noch, durchdrungen von deutschen Werten wie Treue und Fleiß.

Chris Howland, eine Art Kulturbesatzer der Nachkriegszeit, hat das in den 50ern ganz reizend besungen, indem er sorgfältig seinen britischen Akzent pflegte und die Pünktchen im Fräulein  wegließ:

“Du bist treu und bist fleißig, kusst herrlich, das weiß ich, kleines Fraulein von Isar und Rhein …”

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Glücksfaktor: Die Emanzipation in ihrem ganzen Umfang.

 

 

 

 

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