Heute

Posted by admin on 20. Mai 2019

Meine 19. Lange Nacht der Museen in Hamburg

Da war ich wieder mit Vergnügen für KulturPort unterwegs!

28.000 Besucher amüsierten sich in der Museumsnacht der Hansestadt, trotz Eurovisions-Contest. Überall in der City tobte das Leben. Ich war natürlich auch wieder dabei, aber ich tobte nicht mit.

In den vergangenen Jahren habe ich unzweifelhaft die interessanten Kulturangebote der verschiedenen Hamburger Museen jedes Mal sehr genossen. Und trotzdem gab es zum Schluss der Veranstaltungen meistens einen Punkt, an dem ich mir wünschte, ein einsames kleines Tier im Wald zu sein. So viele Tausende rundherum erschöpfen nach acht, neun Stunden. Jedenfalls mich.

Diesen Aspekt hatte ich jedoch gar nicht bedacht, als ich meine Auswahl für den Abend traf. Ich suchte nur nach Museen, in denen ich bisher noch nie war.

Die vorbereitende Pressekonferenz, ein paar Tage vorher, fand im nagelneuen Helmut-Schmidt-Forum im Kattrepel in der City statt.

Erstens bekam ich während der Informationen zu dieser Langen Nacht Appetit auf zwei Museen, die mir bisher entgangen sind, beide der Natur und der Nachhaltigkeit gewidmet; zweitens nahm ich mir vor, endlich – jetzt, nachdem mein Verein in der zweiten Liga gelandet ist – das HSV-Museum zu besuchen, jawohl, gerade jetzt!

Und schließlich reizte es mich, dieses Helmut-Schmidt-Forum in aller Ruhe zu betrachten. Dafür hatte ich am Tag der Pressekonferenz, vom nächsten Termin gejagt, zu wenig Zeit.

Übrigens wollte KulturPort-Boss Claus Friede selbst ebenfalls bei Helmut Schmidt sein, genau wie ich gegen Ende der Nacht, also irgendwo zwischen Mitternacht und zwei Uhr morgens. Da würden wir uns also begegnen.

Um den schmerzlichen Teil zuerst abzuhaken, fahre ich gegen halb sieben an diesem milden Frühlingsabend zum Volksparkstadion und besichtige Trikots des HSV und Pokale. Alte Trikots. Und, natürlich, alte Pokale. Soviel neue haben sie gerade nicht.

Übrigens herrscht hier eine beleidigende Leere. Andererseits ist die Nacht noch jung – vermutlich kommen alle noch …

Eigentlich bin ich von Natur aus nicht so schrecklich gefühlsduselig. Doch es gibt eben Bereiche … Meine Eltern machten sich nicht viel aus Fußball und waren immer etwas verdutzt, dass ich Ahnung hatte, was Elfmeter ist und wieso Abseitsfalle. Das wusste ich auch nicht deshalb, weil ich mir viel aus Fußball machte. Sondern nur, weil ich den HSV liebte. Schon immer. Ich hörte auf dem Schulhof unauffällig zu, mit ganz langen Ohren, wenn die Jungen über Dieter und Uwe Seeler sprachen.

Ein derartiger Museumsbesuch taugt nichts ohne private Emotionen.

Ich kann nicht sagen, dass ich viel Neues entdecke, aber ich bade in Bekanntem, in Erinnerungen. Auf irgendeine Art ist dieser Fußballverein eng mit meinem Leben verflochten. Und das, obwohl ich keineswegs gewohnheitsmäßig in der Nordkurve stehe. Mein Herz ist rautenförmig.

Am Ende gerate ich in einen kleinen Kinoraum, der in Endlosschleife die Geschichte meines Vereins zeigt. Den ersten Teil noch in Schwarzweiß.

Da erlaube ich mir, restlos in Sentimentalität zu versinken. Die Erinnerungen an vergangene Siege. (Nicht an vergangene Niederlagen. Bei Asterix ist auch immer nur von Gorgovia die Rede, in dem die Gallier gesiegt haben, nie von Alesia, dem Ort der Pleite.)

Ach, Kuno Klötzer! Ach, Ernst Happel! Ach, Elfmetertöter Rudi Kargus!

Ich brauch ein Taschentuch.

Neben mir sitzen zwei Jugendliche und hantieren mit ihren Handys, statt gebannt dem Film über diesen mehr als 130 Jahre alten Verein zu folgen. Flüstern, kichern, stehen auf und gehen.

Ein älteres Ehepaar vor mir unterhält sich: Er versucht, ihr Andacht über den HSV zu vermitteln. Sie will jetzt aber bitte ins nächste Museum, sofort. Stehen auf und gehen.

Als ich den Film zum zweiten Mal sehe, erklingt draußen Gerumpel. Das Gerumpel bewegt sich ins kleine Kino und besteht aus etwa fünf amüsierten Besuchern und Dino Hermann, dem Vereinsmaskottchen. Sie rangeln ein bisschen, der dicke Dino bewegt sich so unbeholfen, wie man’s von einem Schaumstoffsaurier erwarten kann.

Hermann ist am 24. August 2003 aus dem Ei geschlüpft, und zwar buchstäblich, im Volksparkstadion, vor einem Spiel gegen ausgerechnet Bayern München. Wie das ausging? Ist doch gar nicht das Thema.

Die vergnügten Besucher sind schon wieder weg, Hermann bleibt und betrachtet mich mit schiefem Kopf. Dann setzt er sich neben mich. Ich seufze: „Ach, Hermann – ich bin so traurig!“ – und das Maskottchen nickt und lässt seinen dicken Kopf an meine Schulter sinken. Ich streichele die kleinen Stacheln auf seinem Rücken. So sitzen wir eine Weile im halbdunklen Kino. Reden kann der Saurier nicht, doch seine Körpersprache ist sehr aussagekräftig. Wir unterhalten uns, bitter lächelnd, über den neuesten Sieg dieser Bayern und darüber, dass die Hoffnung zuletzt stirbt. Zuallerletzt. Wir kommen wieder! Nur der HSV!

Bevor er geht, dreht Hermann sich noch einmal um und wirft mir viele, viele Kusshände zu.

Ich verlasse das Museum mit roten Augen und esse im Auto etwas Schokolade, die ich vorsorglich mitgenommen hatte.

Hamburg, meine Perle …

So. Nase geputzt und auf ins nächste Museum.

Dabei handelt es sich um das Gut Karlshöhe in Bramfeld, ein Erlebnisort mit Streuobstwiese, Gutshof und verschiedenen Tieren. Um halbneun beginnt hier der nächtliche Stallbesuch bei den Hühnern: Das Kennenlernen einer bedrohten Rasse ‚auf Augenhöhe‘ wird im LANGE NACHT DER MUSEEN-Büchlein versprochen.

Ich bin begierig, den Hühnern in die Augen zu sehen, tippe meinem Navi die Adresse ein: Karlshöhe 60d – und befinde mich etwa eine halbe Stunde später sehr erstaunt im Carsten-Reimers-Ring, in den das Navi mich gelotst hat. Es behauptet, nun wären wir da. Ich widerspreche: Hier sieht es lediglich nach Wohnsiedlung aus! Das Navi beharrt auf seiner Ansicht und regt an, ich sollte den letzten Teil zu Fuß gehen. Wie ist ihm egal.

Ich fahre den Carsten-Reimers-Ring auf und ab und hin und her. Das ist eine ungewöhnlich umfangreiche Straße mit vielen Verschlingungen. So wenig Museen oder Gutshöfe wie hier hab ich selten gesehen. Carsten Reimers, wer immer das war, beginnt, mir etwas auf die Nerven zu gehen.

Schließlich lässt sich das Navi ungern und nur mir zuliebe darauf ein, dass wir in eine winzige Seitenstraße namens Hofkoppel fahren, die gewiss vor etwa hundert Jahren zu Recht so hieß. Nun müsste ich aber wirklich zu Fuß weiter!

Ich steige aus und suche vergeblich nach irgendeinem Hinweis auf „Den Schatz der Artenvielfalt, Gut Karlshöhe“.

Da kommt ein abendlicher Hundbegleiter des Weges, der Rosa, eine schwarze Labradorhündin, an der Leine hat. Er meint sich zu erinnern – doch, hier hinten über die Brücke und durch den Wald und links herum und rechts herum … Unterwegs will Rosa lieber einer lustwandelnden Katze hinterher – und dort muss sie unbedingt schnuppern – wir kommen auf etlichen Umwegen hin: „Dort, sehen Sie? Da ist das Gartenbistro, da geht es bestimmt los!“

Im Gartenbistro ging es allerdings bereits los, ich bin ja durch all meine Irrfahrten zu spät.

Da sitzt ein nachhaltig aussehender Mensch zwischen lauschenden, leise ihren Kuchen kauenden Besuchern und erzählt was über Hühner.

Ich erfahre immerhin noch, dass die im Gut ansässigen ursprünglich aus Ramelsloh stammen und dass die weißen freundlicher und friedlicher auftreten als die braunen, ohne jeden Rassismus. Und dass für Hühner seit zwei Stunden Bettzeit herrscht, weshalb wir sie jetzt ganz gut besichtigen können, denn ein wenig schlafen sie: allerdings nur mit einer Gehirnhälfte. Die andere muss wach bleiben, weil ein Huhn sonst von der Stange fällt.

Wir begeben uns alle zu einem Stallhäuschen, in dem es erwartungsvoll gluckst. Soweit ich es beurteilen kann, schlafen die Hühner mit überhaupt keiner Gehirnhälfte. Sie sind vielmehr recht interessiert an den ungefähr zwanzig Menschen, die sich plötzlich in ihrem Stall drängeln und machen ihrerseits das Beste aus der Augenhöhe.

Der Hühnerexperte, Thorsten, erklärt, dass man die Farbe der Eier an den Ohrlappen der Hühner erkennen kann. Dass Hennen zum Größenwahn neigen und ohne weiteres ein Gelege von bis zu 30 Eiern bebrüten, wobei sich jedoch unweigerlich einige, nicht so gut zugedeckte, erkälten und zum Schluss womöglich nur ungefähr drei Küken bei der Sache rauskommen. Weshalb es sich empfiehlt, einer Henne nur acht Eier unterzulegen – und dann mit acht neuen Hühnchen zu rechnen.

Nach einer Viertelstunde weiß ich mehr über Hühner, als ich jemals geahnt habe. Dass ein Hahn nicht nur des Morgens zum Menschenwecken kräht etwa, sondern den ganzen Tag, um seine Hühner beisammen zu halten. Dass er scharrt und kurz pickt, wo er gute Mahlzeit vermutet, um dann die Stelle einem Huhn zu überlassen. Denn er selbst benötigt nicht soviel Proteine wie eine täglich eierlegende Henne.

Zum Schluss schildert Thorsten noch einmal, sehr zurecht!, was Hühner durchmachen, die auf engstem Raum in Riesenställen der Hackordnung ausgesetzt sind, selbst, wenn man ihnen vorsichtshalber die Schnäbel stutzt. Er erzählt von Eierfabriken, in denen der erfinderische Mensch einem Huhn ein Ei mehr abquetscht, indem er die elektrische Beleuchtung auf einen 23-Stunden-Tag einstellt. Von Hühnern, die eigentlich ‚freilaufen‘ dürften (was so auch auf Ei und Karton vermerkt ist), die das jedoch hübsch bleiben lassen, weil schmerzhafte kleine Elektroschocks sie am Verlassen des Stalls hindern. Von den Antibiotika, die solche lebendigen Maschinenteile benötigen und die jeder mitisst, der industriell hergestellte Backwaren zu sich nimmt: Auf denen ist eine Angabe, welche Eiersorte drinsteckt, keine Pflicht.

Und wie unendlich, unendlich wünschenswert es wäre, wenn wir alle, die Endverbraucher, es nicht am allerwichtigsten fänden, wie billig unsere Lebensmittel sind …

Das war sehr informativ und fesselnd vermittelt. Ich bin zufrieden mit dieser Hühnerbegegnung und wandere zurück durch den inzwischen deutlich dunkler werdenden kleinen Wald, um die Brücke wiederzufinden, über die ich gehen muss, um zurück zu meinem Auto zu finden. Wo war doch gleich die Brücke?

Um es kurz zu machen: Es war ein Kinderspiel, von der Hofkoppel aus das Gut Karlshöhe zu entdecken im Gegensatz zu der Plackerei, vom Gut aus die winzige Straße Hofkoppel wiederzufinden.

Was sich immerhin fand, war der richtige Eingang zum Gut, wunderbar von der Straße aus zu erkennen. Was mein Navi am geheimen Nebeneingang begeistert hat, bleibt rätselhaft.

Ich bin aufrichtig dankbar für die Idee der Veranstalter, dieses Jahr die lange Museumsnacht jahreszeitlich ein wenig mehr nach hinten zu schieben. Oft genug habe ich in den vergangenen Jahren ganz hübsch gefroren beim Gang von Kultur zu Kultur.

Endlich finde ich, mit einer gewissen Dankbarkeit, den Carsten-Reimers-Ring wieder, immerhin. Aber der ist wirklich weitläufig verschlungen. Unterwegs duftet mich überall Flieder an und dann ploppt ein orangefarbener Vollmond hoch, das ist immerhin ein romantisches Ambiente auf der Suche nach meinem Auto.

Der Vollmond rutscht weiter nach oben und erhält im Zuge dessen eine natürlichere Farbe. Er bleibt in meinem Blickfeld, denn jetzt fahre ich überwiegend nach Osten, zum Freilichtmuseum Rieck Haus am Curslacker Deich. Es gelüstet mich danach, die dänischen Protestschweine zu betrachten, die mir hier versprochen worden sind.

Leider stellt sich heraus, dass für die Schweine, ähnlich wie bei den Hühnern, schon Schlafenszeit ist. Zwar kann ich sie hören – sie unterhalten sich im Stall noch ein wenig. Ich kann sie vor allem riechen. Aber die Optik lässt zu wünschen übrig. Das ist bedauerlich. Ich hab mich vorher informiert, was eigentlich ein dänisches Protestschwein ausmacht und erfahren, es handle sich dabei vor allem um die Farbzusammenstellung Weiß und Rot. Das sind die Farben vom Dannebrog, der dänischen Flagge. Die war den nordfriesischen Dänen unter preußischer und österreichischer Besatzung Ende des 19. Jahrhunderts verboten. Worauf sie das rotweiße Schwein züchteten, um Flagge zu zeigen. (Übrigens heißt die Rasse mit ihrem seriösen Namen Rotbunte Husumer.)

Vor etwa fünfzig Jahren glaubte man, die Protestschweine seien ausgestorben, doch inzwischen gibt es sie vereinzelt wieder, sehr gehegt und gepflegt.

Sie sehen so aus, als hätten sie auf ihre rotbraunen Körper ein knappes weißes T-Shirt mit langen Ärmeln gezogen. Ich steige auf eine kleine Holztreppe im Nebenraum, um einen Blick in den Schlafstall zu werfen, erkenne jedoch im Halbdunkel nur ab und zu ein wedelndes Ringelschwänzchen. Gut zu erkennen ist immerhin die Stall-Tränke, wie eine kleine Toilette gebaut einschließlich Spülkasten.

Eventuell eignet sich ein Freilichtmuseum doch besser für den Tag als für eine Nacht, so lang sie auch sein mag.

Das große Hauptgebäude, das Rieck Haus, ist alt und wunderschön. Es stammt aus dem 16. Jahrhundert und war ein „Einhaus“. Darin sind Wohnraum für die Familie des Bauern und sein Gesinde, Ställe sowie Erntelager unter einem Dach zusammengefasst. Solche Häuser gab es bis ins 19. Jahrhundert hinein überall in der Norddeutschen Tiefebene.

Der Wohnbereich ist liebevoll ausgestattet, mit einer Herdstelle um ganz groß (und für viele) zu kochen, mit Schrankbetten, nur 1.60 lang, weil man darin nicht ausgestreckt lag, sondern kauerte. Ein Kachelofen ist genauso prachtvoll wie ein geschnitzter Kleiderschrank.

Dazwischen läuft jemand herum, der ebenfalls prachtvoll wirkt, ein wenig wie aus dem Herrn der Ringe: das ist Professor Torkild Hinrichsen, gewissermaßen der aktuelle Hausherr. Er errang vor einigen Jahren Bekanntheit, als er noch Direktor des Altonaer Museums war und löwenhaft für dessen Erhalt kämpfte, weil der Senat es dicht machen wollte.

Hinrichsen sitzt etwas betrübt auf einer antiken Truhe und unterhält sich mit einer der der spärlichen Besucherinnen über Gesetze, die den Menschen hierzulande verbieten (oder jedenfalls verbieten wollen) nachhaltig und vernünftig zu landwirtschaften und zu leben.

Ich frage eine junge Frau am Eingang des Rieck Hauses, ob noch eine Veranstaltung zu erwarten sei.

Oh ja! Das Chorsingen! Um elf Uhr – also jetzt.

Erwartungsvoll gehe ich in den angegebenen Raum, den Scheunenbereich.

Hier warten vier Mitarbeiterinnen des Professors, Liederhefte in der Hand, auf ihren Einsatz, während er selbst an einem kleinen Tasteninstrument Platz nimmt – das ich lieber nicht beschreibe, weil ich keine Ahnung habe, um was es sich dabei handelt.

Ich werde mit einem Becher Kaffee und einem Schmalzbrot gelabt und begreife, dass ich den einzigen Zuhörer darstelle. Gleich darauf wird diese Erkenntnis korrigiert. Hinrichsen verlangt nämlich, dass ich mitsinge. Jeder, bemerkt er streng, könne singen. (Er hat mich eben noch nie gehört.)

Ich erhalte ein Liederheft und wir arbeiten uns durch „Der Mai ist gekommen“ und „Der Mond ist aufgegangen“ – alles Tatsachen – sowie andere schöne Lieder.

Das Tempo wird durch Professor Hinrichsen mit energischem Zirpen angegeben. (Ich meine jetzt nicht seine Stimme, sondern das kleine Instrument.) Dabei lässt er kein Herumgetrödel zu: Ich kann kaum so schnell singen, wie’s verlangt wird. Vielleicht befürchtet er, wir könnten ins Leiern geraten, wenn er uns nicht antreibt.

Vor dem fünften Lied gelingt es mir, mich von den freundlichen Gastgebern zu verabschieden. Ich will ja noch zu Helmut Schmidt.

Hier sind sie, die Menschenmassen. Trotz der späten Stunde, Mitternacht wird jeden Augenblick erwartet, drängen sich noch an die vierzig Personen in dem kleinen Forum am ZEIT-Pressehaus. Helle, sehr modern gestaltete Räume mit verblüffender grauer Verkleidung an der Decke, die aussieht, als wären dort Rohre seit Jahrzehnten verrottet … Das ist sicher Kunst am Bau.

Ich höre noch ein wenig vom Ende eines Vortrags, der mit der Aussage schließt, Schmidt werde inzwischen als wichtigster Deutscher nach Martin Luther eingeschätzt.

Claus Friede, den ich hier erwartet hatte, ist übrigens nicht dabei. Das lässt sich, bei seinen mehr als zwei Metern Körpergröße, schnell überblicken.

War er schon hier? Kommt er noch? Oder hat er umdisponiert? Es sieht jedenfalls so aus, als hätten wir uns verpasst.

Die kulinarischen Höhepunkte hab ich ebenfalls verpasst, es gibt nichts mehr zu essen. Dazu ist es nun wirklich zu spät. Es gibt sogar nahezu nichts mehr zu trinken – doch als ich mich danach erkundige, sehe ich vermutlich derart durstig aus, dass die netten jungen Herren an der Rezeption mir etwas von ihrem privaten Mineralwasser spenden.

Schade übrigens, ich hätte beispielsweise gern den veganen Kichererbsen-Eintopf probiert, der angeboten wurde. (Oder auch das Rauchbier, schon aus Neugier.)

Stattdessen gibt es etwas für die Ohren: zwei junge Cellistinnen, Carolin Wieler und Antonia Grohmann, beide von der Hochschule für Musik und Theater, spielen Schmidts Lieblingslieder: „Helmut goes music“.

Sie spielen sehr gekonnt und perfekt die klassischen Stücke, dann sogar den Tango El Choclo – und holpern ein wenig bei ‚Hey Jude‘, als hätten sie es nur kurz geübt oder als würden sie selbst die Beatles nicht besonders schätzen.

Ich schaue mir inzwischen die Ausstellung an: 100 Jahre in 100 Bildern, Helmut Schmidt, Pflicht – Vernunft – Leidenschaft.

Viele der Fotos fesseln enorm. Das so typische, unverwechselbare Gesicht, das Raubtierlächeln, der Haarschopf. Ein müder Schmidt, ein amüsierter, ein angespannter und auch mal ein entspannter Kanzler. Schmidt ganz jung und mitten in seinem Leben und als Greis mit klugen Augen.

Mir gefällt vor allem der Hamburger Bengel Helmut mit Schiffermütze. Vielleicht bilde ich’s mir ein, aber mir scheint, dieses Kindergesicht kann einfach nur aus dieser Stadt stammen.

Und da ist wieder das, was ich am Anfang der langen Nacht im HSV-Museum empfand: Ohne persönliche Emotionen – macht es einfach viel weniger Spaß …

Glücksfaktor: Eine lange Nacht voller berührender Erinnerungen und neuer Eindrücke

https://www.kultur-port.de/index.php/kolumne/meinung/15662-19-lange-nacht-der-museen-in-hamburg-meine-reise-durch-die-nacht.html

Posted by admin on 12. Mai 2019

Muttertag

Anna Marie Jarvis hat Schuld. Die Amerikanerin verstand sich besonders gut mit ihrer Mama, einer gütigen Dame, die während des amerikanischen Bürgerkriegs und überhaupt immer sehr wohltätig gewesen war.

Anna wollte einen Muttertag begründen, an dem ehrend aller Frauen dieser Art gedacht werden sollte. Es ging ihr um Friedfertigkeit und Fürsorge, Eigenschaften, die sie vor allem Müttern zuschrieb. Sie widmete dem Ziel, den Tag der Mutter als anerkannten Feiertag zu etablieren, eine Menge Lebenszeit und Energie.

1914 wurde der Muttertag in Amerika dann tatsächlich als nationaler Feiertag anerkannt. Anna Jarvis hätte glücklich sein können. War sie vielleicht auch zunächst mal.

Nachdem sie allerdings einige Jahre lang beobachten konnte, was daraus entstanden war, wurde ihr zunehmend übel. Kommerzialisierung hatte sie keineswegs beabsichtigt. Außerdem regte es sie auf, dass man vorgedruckte Grußkarten verschickte, statt Müttern einen persönlichen Brief zu schreiben.

Nun bemühte sich Anna Jarvis, die Feier des Muttertags gerichtlich zu unterbinden. Ihre Klage wurde allerdings abgewiesen.

Bald war sie bis zur Verzweiflung damit beschäftigt, den ihrer Ansicht nach völlig verfehlte Feiertag, den sie ins Leben gerufen hatte, wieder abzuschaffen. Knapp zehn Jahre hatte sie gebraucht, um ihn zu etablieren. Den Rest ihres Lebens, etwa 35 Jahre lang, arbeitete sie sich daran ab, ihn verschwinden zu lassen. 1923 randalierte sie bei einer großen Muttertagsveranstaltung derart, dass sie für kurze Zeit ins Gefängnis musste.

Gemeinsam mit ihrer Schwester verbrauchte sie im Kampf gegen den inzwischen verhassten Feiertag das gesamte, einst stattliche Familienerbe, so dass beide Ladys in äußerste Armut gerieten.

Anna Maria Jarvis starb 1948 völlig verbittert. Kurz vor ihrem Tod gab sie noch ein Interview, in dem sie ihren Abscheu vor dem Muttertag äußerte …

Glücksfaktor: Mutterliebe. Ungeachtet eventueller Feiertage.

Posted by admin on 11. Mai 2019

Ernst war bisschen dabei

Eigentlich sollte er ja nicht. Sollte mit Löwe-Papi schön oben bleiben, so ein richtiger Männerabend. Hat er sich auch drauf gefreut.

Aber dann hört er, dass Tante Ulli unten zu Besuch ist. Die mit der Weihnachtsfeier und der Orankensosolade. Fürleicht darf er mal so ganz kurz – ? Nein! Okay.

Mami und Tante Lydia haben Essen gemacht. Mami Suppe und Nachtisch, der heißt Dehßehr. Und Tante Lydia so das in der Mitte. Hat alles ganz schön gut gerochen. Aber Ernst hat ja Männerabend, kein Problem.

Mami ist mit der Suppe runter, das Dehßehr sollte noch kalt stehen. Später hat sie es geholt. Und weil es drei Gläser voll waren und sie nur zwei Hände hat, hat der Löwe-Papi geholfen. Ernst wollte auch bisschen helfen. Na gut – aber: Ernst! Kein Wort von Sosolade! Okay.

Unten war hübsch gedeckt und gute Stimmung und Ernst wurde gleich geknuddelt. Löwe-Papi ist dann wieder raufgegangen und Ernst aus Versehen bisschen geblieben. Tante Ulli hat ihn ja auch gern auf dem Schoß. Sie hatte so Schiffchen mitgebracht mit Blumen drin und Muscheln und Gläschen mit feinen Sachen, selbstgemacht und ohne Zucker, einmal für Tante Lydia und einmal für Mami. Tante Ulli kann immer alles so schön machen.

Sie wollte dann gerne die Rezepte für den Abend haben, Essen für Leute, die ganz wenig Sachen dürfen, weil von dem Rest wird ihnen übel oder sie sind algerisch dagegen. Da hat Mami gesagt, sie schreibt die Rezepte auf ihren Block.

Später haben alle einen Film geguckt, “Good Bye, Christopher Robin”, von einem Bären der Pu heißt. Nicht untraurig, aber schön. Ernst ist zwischendurch eingeschlafen, nur ganz etwas.

Er hat den ganzen Abend kein einziges Wort über Sosolade gesagt. Kein einziges! (Aber er hatte auch eine Menge von der Quarkcreme kosten dürfen, nachmittags.)

Glücksfaktor: Freunde, denen es schmeckt …

Und die Rezepte für den Ulla-Abend:

Möhrensuppe

1 1/2 Pfund Möhren

1 kleine orangefarbene Paprikaschote

1/8 Liter laktosefreie Sahne

1/4 Teelöffel Oregano

1/4 Teelöffel Rosenpaprika

1 1/2 Teelöffel Salz

2 Knoblauchzehen

2 Esslöffel Rapsöl

4 Esslöffel Sonnenblumenkerne

Möhren und Paprika schälen und kleinschneiden, ca. 15 Minuten lang in Salzwasser kochen. Pürieren. Gewürze hinzufügen. Den Knoblauch zerquetschen und im Rapsöl anschmoren, aber nicht braun werden lassen. In die Suppe rühren. Sonnenblumenkerne hineingeben und etwas quellen lassen.

Hauptgericht:

1 Pfund grüner Spargel

2 Pakete weiße Spargelkköpfe

Neue Kartoffeln

Laktosefreie Butter

Grünen und weißen Spargel schälen und in wenig Wasser mit etwas Stevia weich kochen, nach dem Servieren salzen.

Kartoffeln schälen, in Spalten schneiden und in wenig Salzwasser gar kochen

Servieren und Butter hinzufügen.

Dessert: Quarkspeise

4 Stangen Rhabarber

ganz schön viel Stevia flüssig und Agavendicksaft

1 Paket laktosefreien Sahnequark

1/8 Liter laktosefreie Sahne

etwas Stevia flüssig

6 Esslöffel Agavendicksaft

Rhabarber waschen und putzen, in Stückchen schneiden und mit den Süßungsmitteln in etwas Wasser kurz kochen (max. 5 Minuten) Beiseite stellen und abkühlen lassen.

Den Quark, Sahne und Süßungsmittel mit einem Schneebesen cremig rühren.

In tiefe Gläser erst etwas vom Rhabarberkompott, dann eine Portion Quarkspeise, dann noch mehr Kompott füllen …

Posted by admin on 9. Mai 2019

Gute alte Zeit

Als meine Mutter sich bereits in ihren späten Neunzigern befand, begann sie plötzlich, von der “guten alten Zeit” zu sprechen. Das sah ihr nicht ähnlich. Sie war immer die personifizierte Modernität gewesen, chic und rasch und unkonventionell.

Ich pflegte zu fragen, welche gute Zeit sie denn meinte: die vor dem Krieg, die nach dem Krieg oder die mittendrin? Aber es ging ihr eigentlich nur darum, dass sie bestimmte Gegenstände und Rituale vermisste, an die sie gewöhnt war.

Wer über die Marotten älterer Personen mit den Augenbrauen wackelt, sollte einkalkulieren, dass er ebenfalls älter wird, falls er es nicht managed, vorher zu sterben. Ich vermisse inzwischen auch einige Dinge.

Beispielsweise Anrufbeantworter. Ja, es gibt noch welche, aber die verraten nicht, wem sie dienen. Eine fremde, höchst neutrale Stimme erklärt, sie sei der AB der Nummer Soundso. Ob diese Nummer dem Menschen gehört, den wir sprechen möchten, bleibt rätselhaft. Womöglich, falls wir uns verwählt haben, erzählen wir einer wildfremden Person, dass der Arzttermin beruhigend war und dass wir hoffen, uns nächste Woche mal zu begegnen. (Andererseits verwählt sich ja niemand, weil er keine Telefonnummern auswendig lernt, sondern alle einprogrammiert hat.) Wenige ABs funktionieren noch so wie der von Marion, die ungeniert ihren Namen nennt, immer wieder mit einem neuen kleinen Vers und jedesmal reimt es sich – das ist familiär und ich weiß jedenfalls, mit wem ich verbunden bin. Im Übrigen ist es natürlich veraltet, auf den Anrufbeantworter zu quatschen. Stattdessen jagt man fix eine WhatsApp-Nachricht raus, da weiß man, wo sie landet.

Ach, und dann die Bettbezüge. Neuerdings besitzen sie keine Knöpfe mehr, nur noch Reißverschlüsse. Und an denen sitzt kein Zipper. Man muss wie ein ungezogenes kleines Kind seine Finger hineinstecken und damit auf- und zureißen. Wie praktisch. Früher hätte Mama gesagt: “Lass das, Schätzchen, der Reißverschluss geht kaputt.” Tut er auch. Das freut den Hersteller, denn der moderne, gestresste Mensch wird sich kaum hinsetzen, den alten Reißverschluss raustrennen und einen neuen einnähen. Oder stattdessen Knöpfe befestigen und Knopflöcher einarbeiten. Zeit ist Geld. Preiswerter kommt es, neue Bettwäsche mit weiteren zipperfreien Reißverschlüssen zu kaufen.

Glücksfaktor: So alt zu sein, dass man über neumodische Sachen quengeln darf …

Posted by admin on 8. Mai 2019

Augenzeugin

Berlin, Montag, den 8. Mai 1933

Gestern bin ich in die Hauptstadt gereist.

Mama und Papa glauben, ich sei bei Tante Ada in Gumbinnen. Tante Ada wird eine Postkarte von mir an meine Eltern schicken, dass ich gut bei ihr angekommen bin. Sie sagt, sie war auch mal jung und hat auf viel zu viel verzichtet. Das soll ich bloß anders machen.

Arthur Hirsch hat mich am Anhalter Bahnhof abgeholt. Er wollte, dass wir eine Autodroschke nehmen, das hab ich abgelehnt. Ich finde es klüger, zu sparen. So schwer ist mein Koffer gar nicht, und überhaupt hat den ja Arthur getragen.

Er hatte sich gedacht, ich wohne bei ihm.

Na, Kuchen!

Das hab ich erst recht abgelehnt. Und darauf bestanden, dass wir für mich ein Pensionszimmer suchen.

Da sagt Arthur, er denkt, wir wollen sparen?

Da sag ich, ich bin hergekommen, um Karriere zu machen und nicht, um plötzlich Mutter zu werden. Das kann ich auch in Göttingen und zwar komfortabler.

Es verhält sich so, dass ich nahezu verlobt war mit Gustav Hartnagel.

Der ist bei uns Zuhause Professor für Mathematik  und war von Anfang an in der Partei. Seit sie die Juden von der Göttinger Universität gejagt haben ist er fein raus und meine Eltern sagen, er hat eine große Zukunft. An der wollen sie teilhaben, deshalb soll ich Gustav heiraten und Frau Professor werden und viele blonde Kinder bekommen.

Ich bin aber nicht ganz überzeugt von Gustav. Er trägt einen Zwicker und seine Haare sind schon so dünn. Außerdem hat er für einen Mann so eine winzig kleine Nase, das behagt mir nicht. Wer will denn Kinder von so einer Nase?

Papa ist vor einigen Monaten auch in die Partei eingetreten. Er war entflammt, seit der Führer im letzten Sommer bei uns im Kaiser-Wilhelm-Park rumbrüllte, bei strömendem Regen.

Dabei hat Papa früher immer gesagt, wer brüllt hat Unrecht.

Also sollten Gustav und ich uns Ostern verloben. Ich bin nur noch mal davon gekommen, weil Gustavs Weisheitszahn sich entzündet hatte und er bloß noch aus Backe bestand und sich aus dem Strohhalm ernährte. Da haben wir die Verlobung verschoben und ich fing sofort an, Pläne zu machen für meine Flucht.

Mir schwebt nämlich durchaus eine andere Zukunft vor Augen.

Ich will eine berühmte Schriftstellerin werden. Nach mir werden sie Straßen und Schulen nennen und ich werde eines Tages im Lexikon stehen. Hoffentlich mit einem hübschen Bild.

Ich kann mindestens so schreiben wie Irmgard Keun oder Vicki Baum, aber amüsanter. Und außerdem ganz radikal. Mit dem Blickpunkt aus dem Volke, was gar nicht so einfach ist, weil, ich bin nicht direkt aus dem Volke und hab Mittlere Reife. Aber ich kann mich da reinfühlen. Kritisch muss es sein und etwas sarkastisch. Alle wirklich guten Schriftsteller sind links, da können die Nazis sich auf den Kopf stellen.

Arthur Hirsch ist auch links und schreibt auch. Er arbeitet bei einer Wochenzeitung und außerdem an einem Roman.

Ich arbeite auch an einem Roman.

Arthur hat in Göttingen studiert, da haben wir uns vor zwei Jahren kennen gelernt, beim Tanztee. Er hat mittelblondes Haar mit Seitenscheitel. Dieses Haar glänzt wie ein Spiegel, sehr hübsch. Außerdem besitzt er eine achtunggebietende Nase und wir können uns über vieles sehr angeregt unterhalten. Wir korrespondieren, seit er wieder in Berlin lebt.

Dieser Mann hat Verbindungen, also anders als Gustav Hartnagel, meine ich.

Arthur interviewt Künstler und Intellektuelle. Er sitzt dauernd im Romanischen Café und fast alle grüßen ihn da. Er wird mir Kontakte machen. Es hat keinen Sinn, still vor sich hin zu schreiben. Wenn ich mich für diesen Lebensweg entscheide, dann will ich auch ganz groß rauskommen.

Berlin, Dienstag, den 9. Mai 1933

Wir haben ein ganz schönes Pensionszimmer für mich gefunden.

Sehr gut schlafen konnte ich nicht, denn das Bett ist etwas schmal und die Matratze hat Beulen. Dafür gibt es einen kleinen Tisch, an dem ich schreibe.

Ich wünschte, ich hätte eine Schreibmaschine.

Ich kann mir vorstellen, wie ich flott darauf einhämmere, mit einer Zigarette im Mundwinkel. Ich muss mir bloß noch das Rauchen angewöhnen. Meine Eltern und Gustav Hartnagel sagen natürlich, eine deutsche Frau raucht nicht, deshalb habe ich mich bisher nicht darum kümmern können.

Andererseits macht eine Schreibmaschine viel Lärm. Es fragt sich, ob die Zimmerwirtin und die anderen Mieter sich nicht gestört fühlen würden.

Nun sitze ich mit meiner Füllfeder da und schreibe fast lautlos auf glatte Bögen weißen Papiers. Die hat mir Arthur geschenkt.

Ich muss sagen, er ist mir ziemlich ergeben. Gestern Abend lud er mich noch zum Essen ein, zu Bockwurst nur, aber immerhin.

Heute Nachmittag wollen wir ins Romanische Café und die wichtigen Verbindungen knüpfen. Ich habe, noch in Göttingen und in Papas Büro, die ersten 25 Seiten meines Romans fünfmal sauber abgetippt, also nicht etwa mit Durchschlag sondern immer original. Das war eine elende Arbeit. Und hab sie an Arthur geschickt, damit er sie schon mal an die maßgeblichen Förderer verteilt.

Berlin, Dienstagnacht

Kinder, heute habe ich Erich Kästner kennen gelernt! Ich bin noch ganz aus dem Häuschen. Außerdem bin ich keine Jungfrau mehr, aber das nur nebenbei.

Arthur hat mich dem Dichter im Romanischen Café vorgestellt. Das ist ein berühmter Treffpunkt von Literaten und Journalisten und Filmleuten und liegt gegenüber der großen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche.

Tische aus Marmor, sehr elegant, und leider unbequeme Stühle, wie ich später merkte.

Das Café war voller Menschen, viele edel und intelligent aussehende Männer. Und leider auch viele schöne Frauen, also ich war beileibe nicht die einzige.

Ich trug mein bestes Dunkelblaues mit weißen Tupfen und kleinem weißen Kragen, das ist süß und zeigt, wie schlank ich bin.

Das Café hatte ich mir intimer vorgestellt, da sind Säle wie im Bahnhof. Andererseits würden sonst nicht so viele wichtige Menschen reinpassen.

Arthur erklärte mir, der eine große Saal nennt sich Schwimmerbassin. Da sitzen die Berühmtheiten, die es geschafft haben.

Der andere heißt Nichtschwimmerbassin. Dort müssen die bleiben, die noch drauf warten.

Wir gingen jedoch ganz flott zu den Schwimmern, weil Arthur ja fast alle dort kennt, indem er sie interviewt hat. Viele trugen lange Künstlerlocken, sofern sie noch Haare hatten. Sie tranken Kaffee und lasen allesamt Zeitungen. Das sah auch aus wie im Wartesaal.

Arthur wurde ganz verzweifelt, weil gerade heute keiner da war, auf den er gehofft hatte.

Dann entdeckte er endlich Erich Kästner. Der hat weltberühmte Kinderbücher geschrieben, ‚Emil und die Detektive‘ und ‚Pünktchen und Anton‘, mit trockenem Humor und Sozialkritik, ganz fein. ‚Fabian – Die Geschichte eines Moralisten‘ hab ich heimlich gelesen, das hätten meine Eltern nicht erlaubt. Erstens ist es zersetzend und zweitens stehen Ferkeleien drin, wie dass eine nackte Frau auf ihrem Popo einen Schuhplattler klatscht und so etwas. Gustav sagte mal zu mir, dieses Buch ist entartet.

Herr Kästner saß allein vor einer Tasse Kaffee, blätterte in einer Zeitung und lächelte uns an, als wir uns zu ihm setzten.

Arthur erinnerte ihn daran, ihm kürzlich meinen Romananfang gegeben zu haben und der Dichter bedauerte sehr höflich, dass er noch nicht zum Lesen gekommen sei.

Er hat einen schmalen Kopf wie ein überzüchteter Hund mit wuscheligen Augenbrauen, sieht vollkommen edel aus und ist ganz Herr, mit langen, schlanken Händen. Außerdem spricht er ein wenig sächsisch, das klingt doch sehr sympathisch.

Er versicherte, nachdem er mich nun persönlich kennen gelernt hätte, würde er es wirklich so bald als möglich lesen. Und falls er es verantworten könne, wollte er es sogar an seinen Verlag weiterleiten!

Ich konnte gar nichts sagen. Fast hätte ich geheult vor Glück. Meinem großen Erfolg steht nun praktisch nichts mehr im Wege!

Und ich weiß, dass andere Schriftsteller oft jahrelang vergeblich schuften und richtig ein bisschen ins Elend geraten bis an den Rand der Verzweiflung, bevor der Ruhm kommt. Ich war darauf gefasst gewesen, dass auch ich Geduld brauche und etwas leiden muss.

Beim Rausgehen trafen wir noch auf einen kleinen Herrn mit schmalem Schnauzbart, den Arthur begrüßte und dem er mich vorstellte: das sei Herr Zweig. Ich war ganz begeistert und sagte ihm, dass ich seine Novelle ‚Angst‘ liebe und schon mindestens zehn Mal gelesen habe.

Aber das war falsch, weil dieser Dichter nicht Stefan Zweig war sondern Arnold Zweig. Er lachte darüber und sagte, mit dem Kollegen würde er öfter verwechselt.

Arthur meinte in etwas vorwurfsvollem Ton, Herr Zweig habe doch den ‚Streit um den Sergeanten Grischa‘ geschrieben.

Ich wollte nicht sagen, dass mir das Buch kein Begriff ist, so was kränkt sicher auch berühmte Leute. Ich nahm Arthur jedoch übel, mir so einen verwechslungsgefährdeten Mann nicht gleich mit Vornamen vorzustellen.

Immerhin erzählte er auch diesem Zweig von meinem Romananfang. Und der sagte, er wollte ihn gern einmal lesen. Fast hätte ich ‚Nein, danke‘ gesagt, weil sich Herr Kästner ja schon für mich einsetzen will. Aber dann dachte ich, man kann nie wissen. Am Ende balgen sich zwei Verlage darum, dass ich bei ihnen erscheine und überbieten sich mit den Honoraren!

Dies war ein wunderbarer Tag. Vielleicht der wichtigste in meinem Leben. Deshalb war ich Arthur nicht weiter böse und kam auch noch mit zu ihm in sein Zimmer, ganz leise, weil Damenbesuch natürlich nicht gestattet ist.

Wenn ich Erotik beschreiben will, muss ich Erotik erlebt haben, das bin ich meinen Lesern schuldig. Allerdings muss ich sagen, ich finde sie etwas langweilig. Man weiß auch immer nicht, wo man seine Hände lassen soll dabei. Wahrscheinlich braucht das Übung.

Im Zug, Donnerstag,  den 11. Mai 1933

Vielleicht werde ich doch keine berühmte Schriftstellerin. Jedenfalls nicht dieses Jahr. Womöglich ist es vernünftiger, abzuwarten, wie es mit den Nationalsozialisten weiter geht.

Gestern Abend haben sie meine Förderer verbrannt, also ihre Bücher.

Es ist nicht sinnvoll, von jemand gefördert zu werden, dessen Werke man staatlicherseits verbrennt.

Weil ich vorgestern so spät in mein Bett kam, habe ich gestern lange geschlafen. Ich wurde durch ein Klopfen an der Tür geweckt: das war die Pensionswirtin, die mir sagte, ein Bote sei da, der mir einen Brief nur persönlich geben wollte.

Also zog ich schnell meinen Bademantel über das Nachthemd und ging in den Flur.

Da stand ein Steppke mit einer Ballonmütze, grinste mich an und hielt mir einen Umschlag hin.

Ich tat so, als würde ich nicht merken, dass er auf Trinkgeld wartet, schnappte ihm den Umschlag aus der Hand und schlug ihm meine Zimmertür vor der Nase zu. Arthur schrieb:

Mein Kleines,

leider muss ich ganz plötzlich beruflich nach Paris.

Es ist unbestimmt, wann ich zurückkomme.

Ich wünsche Dir alles Gute und viel Glück.

Mögest Du den Erfolg haben, den Du Dir wünschst.

Tausend Küsse von

Deinem Arthur

Ich war ganz entgeistert. Wieso hatte er das in der Nacht noch nicht gewusst?

Wollte er etwa nur das Eine von mir und verschwand anschließend, wie Mama immer behauptet hatte, dass Männer tun?

Das konnte ich mir von Arthur nicht vorstellen.

Und wenn er so einer gewesen wäre, hätte er ja verschwinden können, ohne mir noch zu schreiben.

Ich zog mich an und machte mich zurecht und marschierte los, zu der Wohnung, in der er sein Zimmer hatte. Dort klingelte ich.

Eine mollige Dame mit Locken öffnete mir und sagte gleich: „Sie wollen bestimmt nach Herrn Hirsch fragen!“

Ich nickte und sie bat mich hinein, schob mich in ihr eigenes Wohnzimmer und erkundigte sich, ob ich Kaffee haben wollte. Das nahm ich gern an, ich hatte ja noch nicht gefrühstückt. Die Dame hieß Frau Krause und verlangte gleich, ich sollte Hertha sagen. Sie schien Arthur ganz gut zu kennen: „Er ist ein Waisenkind“, sagte sie, „Das hat auch Vorteile. Es macht beweglicher. Wer keine Familie hat, ist frei. Ich habe ihm zugeraten, ins Ausland zu gehen. Hier ist für Juden keine gute Zeit. Und das wird noch schlimmer, denn jetzt ist der Mann ohne Gemächt an der Macht…“

Ich begriff nicht, was sie meinte.

Sie kicherte und erklärte: „Na, er hält doch immer so beide Hände vor seinen Hosenschlitz und schreit: „Mirrr ist keinerrr gewachsen!“ Und sie kicherte noch mehr.

Ich trank meinen Kaffee, bedankte mich und ging. Abends wollte ich noch mal ins Romanische Café, um Herrn Kästner und Herrn Zweig die Adresse meiner Pension zu geben, weil Arthur jetzt ja als Verbindung nicht mehr zur Verfügung stand.

Bis dahin nutzte ich den Tag, um mir Berlin anzusehen.

Das Wetter war nicht schön und nachmittags taten mir die Füße weh.

Ich legte mich in der Pension auf mein Bett und wachte auf, als es schon dunkelte. Draußen war seltsamer Lärm und Musik, deshalb zog ich meinen Mantel über und ging auf die Straße.

Blaskapellen, Fackelzüge, Hakenkreuzfahnen, SA-Uniformen. Die ganze Stadt schien auf den Beinen. Ich fragte einen Herrn, was denn stattfände, und er sagte: „Na, jetzt fabrenn se die janzen Bicher von die Juden und die unjesunde Litteratur, wa. Deutsche, wehrt euch!“ Er zog kurz seinen Hut, nickte mir zu und ging weiter.

Zuerst verstand ich gar nicht, was er gemeint hatte. Ich wurde mitgeschoben zu einem großen Platz, auf dem hatten sie etwas wie einen riesigen Scheiterhaufen in Brand gesetzt und warfen immer noch Fackeln darauf. Inzwischen fing es sachte an, zu regnen, aber das machte dem großen Feuer nichts aus.

Sie schleppten Bücherstapel von Lastwagen und schleuderten sie ins Feuer, dass die Funken spritzten. Einzelne brennende Blätter schwebten herum.

Alle Menschen hatten rotbeleuchtete Gesichter. Junge Männer riefen mit grellen, überschnappenden Stimmen so was wie: „Gegen Dekadenz und moralischen Verfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat!“ Und dann immer: „Ich übergebe der Flamme die Schriften von…“

Ich hörte gleichzeitig, wie auch sein Name gerufen wurde – und sah ihn da stehen, mir schräg gegenüber, Erich Kästner in einem Staubmantel mit hochgeklapptem Kragen. Sein schmales Gesicht sah so unendlich traurig aus.

Ich bekam einen Schreck und hoffte, sie würden ihn nicht erkennen und womöglich auch einfach ins Feuer schmeißen in ihrer Begeisterung.

Dann kam, trotz des Regens, der immer stärker wurde, in einem offenen Wagen der Propagandaminister.

Er hinkte zum Mikrophon und hielt eine Rede. Die Nationalsozialisten müssen ja immer schreien, normales Reden geht bei denen nicht. Aber wenn Hitler klingt wie ein rasender Stier, dann Goebbels eher wie eine klagende Kuh. Sicher liegt das an seiner nöligen, rheinländischen Tonlage.

Von seiner Nase zum Kinn laufen zwei scharfe Falten und er wälzt seine dicke Zunge beim Sprechen ganz unappetitlich im Mund herum.

Er sagte so etwa, es wäre gut, dass die deutschen Studenten sich das Recht nehmen, den geistigen Unflat in die Flammen zu werfen.

Zum Schluss johlte er: „O Jahrhundert! O Wissenschaften! Es ist eine Lust zu leben!“

Da hatte sich Herr Kästner schon umgedreht und war mit gesenktem Kopf gegangen.

Ich musste seit einer Weile heulen. Das machte ja nichts, weil es sowieso regnete.

Ich ging zurück in mein Pensionszimmer und beschloss, am anderen Tag nach Hause zu fahren. Was sollte ich noch in Berlin? Den Anfang von meinem Roman kann ich selbst verbrennen, das brauchen andere nicht zu tun.

Arthur hätte mich ja fragen können, ob ich mit will nach Paris. Er hätte mich fragen könne, ob ich Frau Hirsch werden will statt Frau Hartnagel. Die Initialen sind sowieso dieselben.

In diesem Land bleiben und gleichzeitig das schreiben, was ich schreiben will – das geht nicht, soviel ist klar.

Mal sehen, vielleicht heirate ich Gustav und kriege Kinder mit winzigen Nasen.

O Gott, ich bin so entsetzlich traurig, dass ich in einem weg immer nur weinen könnte.

Mein Taschentuch ist schon zum Auswringen

Wie kommt dieser Goebbels eigentlich zu der Behauptung, es sei eine Lust, zu leben?!