Heute

Posted by admin on 19. Mai 2022

Am 20. Mai ist Weltbienentag!

Doch ich befürchte, das wird ihr auch nicht besonders nützen. Dass es immer weniger Bienen gibt, dass sie unter Insektenvertilgunsmitteln, ‚Unkraut‘-Vernichtungsmitteln, Monokultur und der Umweltkatastrophe leiden, ist bekannt und macht viele Menschen traurig. Leider nicht diejenigen, die daran etwas ändern könnten.  Was wäre zu tun? Man könnte Honig so streng verbieten, als wäre es Heroin. Vielleicht würde die Biene dann kostbarer? Doch Honig ist nicht so böse wie Heroin und viel gesünder. Es dürfte nicht funktionieren. Man sollte Blumenwiesen pflanzen und einige Menschen tun das auch bereits. Allen gefällt das ganz und gar nicht … Als ich vor langer, langer Zeit – vor beinah dreißig Jahren! – aus Hamburg nach Tornesch zog, da war ich ganz entzückt von der Idee, einen Garten zu besitzen und in duftender Erde zu buddeln. Ich wollte ein bisschen Gemüse pflegen und vor allem schwebte mir eine bunte Blumenwiese vor, hüfthoch. Mit mir zogen in die kleine, nagelneue Siedlung, nicht weit von der Autobahn, mein vierzehnjähriger Sohn und eine Freundin, Muckel, samt Katze und Rottweiler. Muckel teilte meine Gartenideen. Wir guckten uns etwas missmutig in unserem Vorder- und Hintergarten um und empfanden, das sei zu wenig duftende Erde für unsere Bedürfnisse. Ich marschierte zum Rathaus und erklärte wortreich, wir wollten dies und das anpflanzen und benötigten dicke, schwarze Erde – nicht nur etwas Staub über den Trümmern aus Gebäuden, die für den Bau der neuen Siedlung umgelegt worden waren. Die Rathausangestellte aß während meiner Rede einen Apfel und hörte gelangweilt zu. Dann platzte ein dynamischer Kollege in den Raum, lauschte ebenfalls meinen Ausführungen und versicherte, wir sollten die Erde haben. Die kauende Beamtin und ich guckten gleichermaßen ungläubig. Indessen kam eine Woche später ein LKW in die Siedlung, hielt vor unserem Grundstück, kippte den Anhänger aus und übergoß unsere Gärten mit wahren Massen von schwarzer, lockerer Erde! Ein Nachbar, der das sah, fragte misstrauisch, wo wir denn das gekauft hätten? Ich murmelte eine undeutliche Antwort. Ich war platt. Das war ein Geschenk – niemals bat uns jemand zur Kasse deswegen. Muckel und ich legten los, wir gaben unser Äußerstes. Vor dem Haus entwarfen wir (mit Wegen aus geklauten Ziegeln von anderen Baustellen) unseren Gemüse- und Kräutergarten. Er gedieh auf der neuen Erde wie verrückt. Wie hatten Erbsen, Bohnen, Möhren, Kohlrabi, Salat und jede Art von Kräutern. Damit es auch hübsch aussah, legten wir eine Art kleiner Allee an aus verschiedenfarbigem Flieder und pflanzten rund um das große Fenster Blauregen. Das alles war ungewöhnlich. Ringsumher teilten alle Nachbarn geschmacklich dieselbe Kulisse: In der Mitte kurzer, gepflegter Rasen, an den Rändern Rabatten von Gardenien und Geranien. Hier und da, im richtigen, ordentlichen Winkel, ein Strauch. Der Rasen wurde ständig geschoren wie ein Soldatenschädel, die Rabatten von Unkraut mit der Pinzette befreit. Die Nachbarn blickten mit einiger Sorge auf unsere Wiesenfläche. Zuerst ploppte der Mohn hoch, Kopf an Kopf. Dann folgten sehr bald Margariten und Kornblumen – und dann, bunt und wild, alle möglichen Wiesenblumen. Über allem lag das Gesumm der Bienen und Hummeln, dazwischen flatterten Schmetterlinge. Wir wurden bereits, als der Mohn schüchtern hochkam, gefragt, ob wir denn nicht mal mähen wollten? Man war sogar bereit, uns Rasenmäher auszuleihen. Nachdem die Blumen ihre Pracht entfalteten, fingen wir böse Blicke und wurden häufig darauf angesprochen, dass unsere Unkrautsamen auf die umliegenden, makellosen Rasenflächen schwebten … Wir waren sehr, sehr unbeliebt. Spaziergänger, die nicht aus der Siedlung stammten, blieben manchmal stehen und erklärten, unser Garten gefiele ihnen. Die wohnten aber auch woanders und hatten nicht mit unserem Unkraut zu kämpfen. In einem Winkel des Zahnarztwartezimmers, in dem ich zufällig hinter den Mänteln saß und nicht zu sehen war, erfuhr ich, wie man über uns dachte. Zwei ebenfalls Wartende unterhielten sich über ‚die zwei lesbischen Frauen mit der Mordbestie‘, das klang interessant. Als sie anfingen, von der Unkrautwiese zu reden, wurde mir klar, von wem die Rede war. Die zwei Frauen waren wir, die Mordbestie unser Rottweiler. Unsere Katze hätten wir nämlich auch nicht kastrieren lassen, worauf sie nicht nur die Nachbargärten als Katzenklo benutzte – statt sich im Haus eingesperrt in körnige Katzenstreu zu erleichtern – sondern natürlich auch hochschwanger schamlos umherstrich. (Wir bekamen fünf entzückende Katzenkinder.) Das alles schienen die Nachbarn gerade noch zu ertragen – aber dann kam der Schuppen, und nun war Schluss. Alle Rundum-Wohnenden bewahrten ihre Gartengeräte entweder in kleinen Blechschuppen, oder in solchem aus gelbem Holz auf, alle akkurat und sauber, vom selben Gartenbaummarkt. Wir jedoch hatten Eckatt. Eckatt war ein entfernter Kusin von Muckel, freundlich, sanftmütig, tüchtig und von oben bis unten tätowiert – was zutage kam, wenn er, in der Sommersonne schwitzend, ein wenig ablegte. Vor dreißig Jahren war man noch nicht tätowiert. Zudem trug Eckatt einen kleinen goldenen Ring im linken Ohr. und seine Locken waren wie unsere Wiese, nie gestutzt. Er baute uns nach unseren Wünschen einen Holzschuppen dicht ans Haus und erschütterte womöglich die allgemeine Ansicht über unsere sexuelle Orientierung.  Irgendetwas am Schuppen beunruhigte unsere Nachbarn. Vielleicht der etwas derbe Blumenkasten unter dem kleinen Fenster, in dem die Katze gern lag und ihr Schwänzchen über den Rand baumeln ließ.  Auf jeden Fall brachte der Schuppen unser Fass zum Überlaufen. Die Nachbarn sammelten Unterschriften und verfassten einen Brief an die Gemeinde Tornesch, in dem sie um unsere Entfernung aus ihrer Siedlung baten. Die Gemeinde wusste nicht recht. Einige höhere Staatsbeamte der Provinz Pinneberg, vier oder fünf, darunter der Tornescher Bürgermeister, umkreisten unser Haus, besichtigten das Objekt, kicherten, verdrehten die Augen und amüsierten sich. Sie trauten sich indessen nicht, uns direkt anzusprechen oder anzuklagen. Stattdessen delegierten sie den Fall an unseren Vermieter, den Hausbesitzer. Das war ein bayrischer Millionär. Er besuchte mich eines Tages unvermutet, trug erstaunlicherweise seinerseits einen kleinen goldenen Ring im linken Ohr, besichtigte ebenfalls den Schuppen – ohne zu kichern. Stattdessen bestimmte er: „Der bleibt! Der ist pittoresk!“ trank mit mir Tee, plauderte über Literatur und kraulte unsere Mordbestie zwischen den Ohren. Da er nicht nur dieses Haus, sondern etliche andere im Kreis besaß und insofern als Wirtschaftsfaktor gelten durfte, war sein Wort Gesetz. Alles blieb so wild und hemmungslos in unserem Garten, wie es war. Die Nachbarn seufzten und warfen giftige Blicke, die Bienen summten. Aber eine Weile später heirateten sowohl Muckel als auch ich, sie zog nach Amerika, ich nach Uetersen. Nichts dauert ewig. Inzwischen sieht der Garten rund um dieses Haus genau so aus wie alle anderen. Sicher findet eine geschickte Biene immer noch ein Blümchen, das sich melken lässt und vielleicht auch kein Unkrautvernichtungsmittel enthält. Aber ich glaube, im Gegensatz zu unsere Nachbarn haben die Bienen uns damals nachgeweint.   Glücksfaktor: Gartenarbeit. Je nach dem, wie man sie auffasst …          
Posted by admin on 18. Mai 2022

Die Sache mit der Nettigkeit

Wir sind hierzulande eher nicht nett. Dafür sind wir jedenfalls ehrlich.

Man benötige, heißt es, für ein Lächeln nur 17 Muskeln. Um richtig missmutig zu gucken, muss man 45 Muskeln in Gang setzen. Was das angeht, scheuen wir keine Mühe. Ein Gang durch eine deutsche Großstadt zeigt wenig freundliche Gesichter, gelinde gesagt.

Falls jemand lächelt, liebenswürdig ist und womöglich auch noch Komplimente macht (um Gottes Willen!) dann ist dem Deutschen klar, dass es sich hier um einen verdorbenen Charakter handelt und um eine böswillige Schlinge, die ihm gelegt wird. Über soviel gesundes Misstrauen verfügt er.

Erinnert es nicht an einen geprügelten Hund, der, gewitzt durch böse Erfahrung, nach jeder Hand schnappt, die ihm einen Keks reicht? (In diesem Fall allerdings loben wir nicht das ehrliche Tier, sondern wir nennen ihn falsch.)

Früher wurden Kinder noch damit drangsaliert, ‚Bitte‘ und ‚Danke‘ sagen zu müssen, wenn sie was wollten oder wenn sie was erhielten. Diese Dressur zur Rumschleimerei hat man sich glücklicherweise inzwischen abgewöhnt. Ein anständiges deutsches Kind reißt Geschenke schweigend und ohne zu lächeln an sich – da protestiert lieber niemand. Es könnte das Kind nämlich seelisch schädigen. Wenn das wen verdrießt, sollte er es lieber nicht zeigen oder gar aussprechen. In dem Fall ist Ehrlichkeit nämlich ganz unangebracht.

Wir Deutschen mögen es eigentlich nicht so gern, wenn man uns an der Supermarktkasse ‚Einen schönen Tag noch‘ wünscht. Erstens kann das gar nicht von Herzen kommen. (‚Von Herzen‘ bedeutet in Deutschland ‚ehrlich‘). Es klingt, nach dem 211ten Mal, ja auch ziemlich geleiert. Außerdem ist die Kassiererin, wer auch immer ihre Ahnen sein mögen, in den meisten Fällen so weit eingedeutscht, dass sie bei diesem Spruch nicht lächelt, sondern jedenfalls durch den Gesichtsausdruck deutlich macht, dass sie uns eigentlich zum Geier wünscht.

„Nett“, hat Dieter Bohlen gesagt, „ist die kleine Schwester von Scheiße“. Das hat er sich zwar nicht ausgedacht, sondern nur zitiert, aber ich finde, es passt erstaunlich gut zu seinem urdeutschen Gesicht mit dem großzügigen, durch und durch ehrlichen Mund.

Dieter Bohlen live in Moskau 2006, Foto: Blecmen 

Über den ein wenig harsch agierenden Botschafter der Ukraine, Andrij Melnyk, ist gesagt worden, er verhalte sich zu undiplomatisch für einen Diplomaten. Wenn man klug ist, sollte man etwas netter sein zu dem, von dem man was will.

Ich halte Herrn Melnyk im Gegenteil für sehr klug. Wir wissen, dass er jeden Grund hat, sich für sein Land einzusetzen. Er muss Hilfe bekommen, auch Waffen, das ist begreiflich. Er hat es jedoch – unter anderem – mit Deutschen zu tun. Würde er jetzt rumkriechen, nett sein und Bitte-Bitte machen, wären wir sehr abgeturnt. 

Wer von uns etwas will, der sollte darauf achten, nicht zu lächeln. Ein paar kraftvolle Beleidigungen beweisen uns, dass es von Herzen kommt. Da geben wir gern.

Glücksfaktor: Ehrlichkeit!

 

Posted by admin on 16. Mai 2022

Annie, nimm deine Flinte!

Am 16. Mai 1946 hatte das Musical ‚Annie Get Your Gun‘ in New York Premiere. Es geht darin um die Wildwest-Kunstschützin Annie Oakley, eine Frau, die tatsächlich existierte.

Die wirkliche Annie war allerdings noch zierlicher als die auf dem Plakat: kaum 1.52 in Stiefelchen. An der Länge der Flinte erkennt man die Kürze der Annie. Sie besaß klare hellbraune Augen und einen Wasserfall dunkelblonder Locken.

Miss Oakley durchlitt eine teilweise recht schmerzliche Kindheit. Sie wurde 1860 in Ohio geboren (das ist zwar nur Mittlerer Westen – fühlte sich aber damals genau wie Wilder Westen an), in einer bescheidenen Blockhütte in ärmlichen Verhältnissen, als fünftes Kind. Nachdem ihr Vater noch drei weitere Geschwister angefertigt hatte, starb er – da war Annie sechs Jahre alt. 

Nun saß ihre Mutter mit acht Kindern in der Wildnis, mit ein wenig zu bearbeitendem Pachtland rundherum. Sie befand sich eben in keinem umsorgenden Sozialstaat, sondern im Wilden Westen.

Also gab sie ihre fünf älteren Kinder auf eine Armenfarm, wo sie Kinderarbeit verrichten mussten. Ausgerechnet die Jüngste wurde in eine Farmerfamilie ‚ausgeliehen‘, um noch mehr zu schuften. Annie beschrieb es später als schiere Sklaverei; sie hätte nicht nur von früh bis spät arbeiten müssen, sie sei auch ständig misshandelt und gedemütigt und bei klirrender Kälte barfuß in den Schnee gejagt worden. Sie sprach von dieser Familie  immer als von einem ‚Pack Wölfe‘.

Glücklicherweised heiratete ihre Mutter wieder, und Annie durfte zur Familie zurückkommen. So richtig begütert war ihr Stiefvater jedoch auch nicht, er musste eine Hypothek auf seine Farm abstottern. Da zeigte es sich, dass Annie über ein ganz spezielles Talent verfügte: Sie konnte meisterhaft schießen. Das hatte sie sich bereits als Fünfjähre mit dem alten Gewehr ihres Vaters selber beigebracht.

(Man möge sich eine Fünfjähre vorstellen, die mit einer Knarre, ungefähr das Doppelte ihrer eigenen Länge, herumhantiert, um sich selbst das Schießen beizubringen. Offenbar rief niemand: „Gotteswillen, Schätzchen, leg sofort das Ding weg!“ Man befand sich halt im Wilden Westen.)

Annie jagte Kaninchen und anderes Kleingetier für den häuslichen Kochtopf – doch bald auch größeres Wild für Lebensmittelläden, Hotels und Restaurants. Mit ungefähr acht Jahren verdiente sie bereits so viel, dass sie zur Haupternährerin der großen Familie wurde. Als sie dreizehn war, konnte man dank ihrer Einkünfte die Hypothek abbezahlen.

Das Mädchen nahm auch an Schießwettbewerben teil und verblüffte mit ihrer unglaublichen Fähigkeit, auf jede beliebige Entfernung das kleinste Ziel zu treffen, selbst, wenn es sich bewegte. Annie, genau wie Wilhelm Tell oder Old Surehand, verfehlte grundsätzlich kein Ziel. Nie. 

Bei einem dieser Wettschießen, 1875, begegnete sie ihrem Schicksal. Das war drei Köpfe größer und ungefähr zehn Jahre älter, bekannter Kunstschütze und Hundetrainer, ein Ire mit länglich geschnittenen hellblauen Augen, humorvoll, warmherzig und auf den ersten Blick in Annie verknallt: Frank E. Butler. Sie besiegte den Mann in verschiedenen Disziplinen – sie besiegte, was das Schießen anging, nunmal jeden. Er schien ihr das jedoch (ganz anders als später im Musical dargestellt) in keiner Weise übel zu nehmen, im Gegenteil, er bewunderte ihre Fähigkeit.

Die Begeisterung war gegenseitig. Die fünfzehnjährige Annie hatte ihre große Liebe getroffen und wollte nie einen anderen. Frank musste sich nur von seiner aktuellen Ehefrau scheiden lassen, und das tat er. Sobald das erledigt war, heirateten die beiden. Kinder bekamen sie nie, aber sie hatten eine Menge netter Hunde.

Annie wurde der erste weibliche Superstar der amerikanischen Pop-Kultur und nach einigen Jahren international berühmt. Sie trat in Buffalo Bills Wildwest-Show auf, in selbstgeschneiderten Kostümen mit, für die damalige Mode, relativ kurzen Röcken, um sich besser bewegen zu können. Sie achtete allerdings empfindlich darauf, in ihrer Erscheinung ‚weiblich‘ zu bleiben und ein zurückhaltendes, damenhaftes Wesen zu zeigen. In ihrer Gegenwart wagte niemand zu fluchen. 

Die schießenden Butlers gingen sogar auf Europa-Tournee und zeigten ihr Können vor Zuschauern wie Queen Victoria, Oscar Wilde, dem russischen Zaren und dem König von Italien. Das Ehepaar demonstrierte nicht nur seine Schießkünste, sondern auch Franks Hundedressur-Nummern. Außerdem trat Annie als Kunstreiterin auf. Frank schrieb Artikel und Pressemitteilungen über seine Frau. Nebenbei brachte er ihr Lesen und Schreiben bei. Er wurde mit der Zeit  mehr und mehr zu ihrem Manager, allenfalls warf er, als Assistent, kleine Glaskugeln in die Luft, die sie treffen musste. Es existiert ein uraltes Stückchen Film im Internet, das zeigt, wie Annie jede Glaskugel trifft – und trifft – und trifft. Ihr beim Schießen zuzusehen ist ungefähr so aufregend, wie den FC Bayern beim Siegen zu betrachten. Irgendwie fehlt der Reiz.

Immerhin schoß sie, sagt die Legende, dem deutschen Kaiser Wilhelm eine Zigarette aus dem Mund. Nach Ausbruch des ersten Weltkriegs schrieb sie ihm einen Brief und bat darum, noch einmal auf ihn schießen zu dürfen. (Er soll nicht geantwortet haben …)

Annie und Frank führten eine ungewöhnlich glückliche Ehe. Als sie am 3. November 1926 starb, stellte er das Essen ein und folgte ihr am 21. November – Todesursache: Unterernährung.

Ja, und dann entstand also dieses Musical über die beiden, zwanzig Jahre später. Es ist reizend, amüsant und enthält meiner bescheidenen Meinung nach bedeutend bessere Songs als solche Sachen wie Der König der Löwen, Das Phanton der Oper oder Cats.

Trotzdem finde ich es ärgerlich. Es verdreht nämlich die Geschichte einer offenbar auf angenehmste Weise funktionierenden Partnerschaft, in der ein Mann es – damals! – nicht nötig hatte, auf seine in manchen Beziehungen tüchtigere oder geschicktere Gefährtin eifersüchtig zu sein, der sogar stolz auf sie war und es nicht verschmähte, auf der Bühne für sie den kleinen Assistenten zu geben – ins genaue Gegenteil.

Der Anfang des Stückes entspricht den Tatsachen: Annie ist ein harmloses Landei, das halt, mehr oder weniger aus Versehen, grandios schießen kann, und sie besiegt den bekannten Kunstschützen Frank Butler. Auf der Musicalbühne jedoch reagiert der bereits ziemlich sauer. Es entsteht ein höchst gespanntes Konkurrenzverhältnis. Eins der nettesten und witzigsten Lieder aus ‚Annie, Get Your Gun!‘ heißt ‚Anything you can do, I can do better‘ und zeigt, wie sehr Annie und Frank versuchen, sich in jeder Beziehung gegenseitig zu übertrumpfen.

Damit es zum Happy-End kommen kann, erbarmt sich der alte Häuptling Sitting Bull (der tatsächlich eine Weile in Buffalo Bill’s Wild-West-Show auftrat, also ein Kollege von Frank und Annie war und die junge Frau ganz besonders schätzte). Im Musical gibt er ihr den weisen Tipp, mal daneben zu schießen und Frank gewinnen zu lassen. Das tut sie auch – und alles wird gut. Moral: Lass deinen Mann nie merken, dass du besser bist als er.

Glücksfaktor: Eine Partnerschaft, in der man sich gegenseitig wertschätzt und respektiert …

Posted by admin on 13. Mai 2022

Heute ist also Freitag, der 13.

Das ist der Tag der bösen Weiber.

Heute früh hab ich den Löwen zum Bahnhof nach Hamburg gebracht, wir sind dafür beide um fünf Uhr aufgestanden. (Ernst hat sich geweigert, um so eine Zeit aufzustehen. Er sagt, das kann ihm schaden, er ist noch im Wachstum. Deshalb hat er dem lieben Löwepapi schon gestern Abend „Aufwiedersehn und gute Reise“ gewünscht. Und ‚Bring mir was Schönes mit, ja?“)

Wir hätten übrigens auch eine Stunde länger schlafen können, wenn wir bedacht hätten, was für ein Datum wir haben. Als ich wieder Zuhause ankam, hat der Löwe mir auf WhatsApp geklagt, der Zug sei eine runde Stunde zu spät gekommen, weil es in einem Stellwerk gebrannt hat.

Wer hat das Stellwerk angefackelt? Die bösen Weiber.

Was ist am Freitag so verhängnisvoll?  Was schadet an der 13? Die bösen Weiber.

Das ist aus christlicher Sicht einfach zu erklären. Jesus saß beim Abendmahl (an einem Donnerstag) mit zwölf Jüngern am Tisch, zusammen waren sie also 13. Inzwischen weiß jede Hausfrau, dass darin der Wurm sitzt. Der damalige Wurm war natürlich Judas, eindeutig der Dreizehnte. Und was drohte am kommenden Tag? Der KarFREITAG. Ganz mies.

Aus VORchristlicher Sicht betrachtet ist Freitag der Dreizehnte der Tag der Großen Mutter, der Göttin nämlich. Also nicht der Gattin eines Gottes oder so. Auch nicht Gleichstellung oder Darf ich auch mal was sagen. Sondern selbst Gipfel des Herrschens, oberste Gottheit an sich. Dreizehn war ihre Zahl (weil das Weib, dem Mond verwandt, etwa alle 28 Tage menstruiert. Das Jahr der Göttin besaß deshalb dreizehn Monate.)

Freitag ist der Tag der Großen Mutter seit altersher. Deshalb heißt er nach der Göttin Freya – hier sehr hübsch abgebildet in einem von Katzen gezogenen Wagen. Katzen, natürlich, sind ihre Tiere. Wie man weiß, sind die falsch, geheimnisvoll, ungehorsam und raffiniert – also weiblich.

Freyja, Katzen und Engel, Gemälde von Nils Blommer

Jeder anständigen – oder vielmehr, jeder unanständigen – Hexe sitzt eine Katze auf der Schulter. Zur Zeit der Hexenverfolgung brannten beide auf den Scheiterhaufen, denn aus der Muttergöttin wurde, in Zeiten des Patriarchats, die Hexe. Sie war mächtig, weil sie zaubern konnte. Das Wort Magie bedeutet Macht. Frauen und Macht: Eine Frechheit. Ganz böse.

Goethe, natürlich, hat davon gewusst. (Ich war auf einem anthroposophischen Internat, deshalb ist mir klar: Goethe wusste alles.) Er hat die ehemalige Macht dieser Mütter, die relativ schmollend in der Unterwelt hocken, nachdem sie abgesetzt wurden, in seinem Faust verbacken:

Mephistopheles:
Göttinnen thronen hehr in Einsamkeit,
Um sie kein Ort, noch weniger eine Zeit;
Von ihnen sprechen ist Verlegenheit.
Die Mütter sind es!
 
Faust: (aufgeschreckt)
Mütter!
 
Mephistopheles:
Schaudert’s dich?
 
Faust:
Die Mütter! Mütter! – ’s klingt so wunderlich!
 
Mephistopheles:
Das ist es auch. Göttinnen, ungekannt
Euch Sterblichen, von uns nicht gern genannt.
Nach ihrer Wohnung magst in’s Tiefste schürfen

Geschürft haben eine Reihe von Wissenschaftlern, Ethnologen, Anthropologen und Archäologen, etwa Johann Jakob Bachofen, Marija Gimbutas, James George Frazer. Der Schriftsteller Robert von Ranke-Graves schrieb über die Weiße Göttin, die er in der Mythologie Griechenlands entdeckt hatte und der Psychiater C.G Jung filterte den Mutterarchetyp heraus. Alle miteinander meinten, es habe in grauer Vorzeit ein Matriarchat gegeben und einen Mutterkult – die Große, aus sich selbst heraus Leben spendende Göttin. Und die sei im Lauf der Jahrtausende vom Patriarchat plattgewalzt worden.
 
Es gibt, andererseits, nicht wenige Wissenschaftler, die das leidenschaftlich bestreiten und erklären, es sei nur ein Mythos.

Freya von James Doyle Penrose

Eigentlich ist es ja egal. Da sowieso niemand mehr glaubt, ist auch keiner mehr abergläubisch. Und dass dieses Stellwerk heute Morgen brannte, hat nichts mit Freitag dem 13. zu tun. Die Bahn ist ständig in irgendwelche unangenehmen Zufälle verwickelt.

Glücksfaktor: Eine recht schöne Reise, mein Löwe, gesegnet von allen guten Geistern!

 

 

 

Posted by admin on 12. Mai 2022

Florence Nightingale wurde am 12. Mai 1820 geboren

Vater und Mutter Nightingale, ein vornehmes und wohlhabendes englisches Ehepaar, machte eine etwas längere Hochzeitsreise durch Europa und bekam bei der Gelegenheit zwei Töchter.

Die ältere war 1819 in Neapel geboren worden, weshalb sie den griechischen Namen für diese Stadt erhielt: Parthenope. Dreizehn Monate später kam Florence zur Welt – wie wir uns alle denken können in Florenz.

Die Schwestern Nightingale waren also nahezu gleich alt, und sie sahen sich sehr ähnlich. Als Kinder verstanden sie sich wunderbar. Sie nannten sich ‚Pop‘ und ‚Flo‘. Später stellte sich heraus, dass sie doch sehr unterschiedliche Ansichten hegten.

Parthenope – im gelben Kleid – war fröhlich und sorglos, musisch begabt und völlig einverstanden mit ihrem Leben in der englischen Oberschicht. Sie tanzte gern und gut, sie war umschwärmt und ganz darauf eingestellt, sich vorteilhaft zu verheiraten.

Florence – im roten Kleid – zeigte sich ernsthafter und nachdenklicher. Sie liebte Ordnung und Struktur (Stier mit Jungfrau-Aszendent!) und je älter sie wurde, umso mehr verabscheute sie Dinge wie Smalltalk, den modisch letzten Schrei und die tausend Regeln der ‚guten Gesellschaft‘.

Die Familie besaß zwei Anwesen, das eine in Derbeyshire, das andere, in dem die Schwestern hauptsächlich aufwuchsen, war Embley Park in Hampshire.

  Dmartin@ukonline.co.uk at English Wikipedia (Embley Park ist inzwischen eine Schule)

Der sehr gebildete William Nightingale unterrichtete seine Töchter selbst, und zwar in Deutsch, Französisch, Latein, Griechisch und Italienisch sowie in Geschichte, Mathematik und Philosophie. Das war eine dicke Portion mehr Bildung, als junge Damen in ihren Verhältnissen für gewöhnlich erhielten. (Natürlich konnte sich die Familie auch eine Hauslehrerin leisten, doch weil Vater sowieso alles wusste, gab sie den Mädchen nur Unterricht in Zeichnen und Musik.)

Es stellte sich heraus, dass Pop hervorragende Aufsätze schrieb, während Flo sich ganz besonders in Mathematik auszeichnete. Und es gab noch etwas, das die jüngere Schwester besonders gern tat: pflegen. Ob jemand im Haus sich nicht wohl fühlte oder ob einer der Dorfbewohner krank war, Florence half. Sie brachte Lebensmittel, sie machte Umschläge oder Verbände, sie tröstete und las vor. Sie sorgte vor allem, weil ihr das ein Bedürfnis war, für makellose Sauberkeit.

Darüberhinaus heilte die sehr tierliebe Flo einen kranken Collie die Pfote. Als sie schon erwachsen und nach Griechenland gereist war, fand sie dort eine kleine kranke Eule, die sie gesund pflegte und, als gute Freundin, später immer bei sich hatte

Den Eltern Nightingale wurde es bereits ein wenig unheimlich, wie ihre Jüngste sich entwickelte. Einer ihrer Kusins studierte Mathematik und Florence, inzwischen 19, bestand darauf, sich ebenfalls eingehender mit diesem Fach zu beschäftigen – bis ihre Eltern ihr schließlich einen entsprechenden Lehrer besorgten.

Trotzdem kam Flo ihr Leben immer oberflächlicher und seichter vor. Dabei hatten die Nightingales berühmte und kluge Leute zu Gast, beispielsweise Charles Darwin, Lord Palmerston oder die Witwe des Dichters Byron. Ein weiterer Besucher war Christian von Bunsen, ein preußischer Botschafter, der sich mit der Gründung von Krankenhäusern beschäftigte. 

Als sie Mitte zwanzig war, stand für Florence fest, dass sie aufhören würde, ‚ein nutzloses Leben‘ zu führen. Sie wollte sich stattdessen der Krankenpflege widmen. Ihre Familie war entsetzt. Eine Frau aus ihren Kreisen arbeitete nicht! Sie beschäftigte sich höchstens, gern auch mal pflegend und heilend – aber doch bitte nicht beruflich!

Dazu kam, dass ausgerechnet der Job der Pflegerin im damaligen Großbritannien einen denkbar schlechten Ruf besaß. Es handelte sich hierbei keineswegs um einen erlernten oder erlernbaren Beruf. Vielmehr konnten irgendwelche armen Luder, denen nichts anderes übrigblieb, sich auf diese Art ein wenig nützlich machen. (Und da sie wenig von der Sache verstanden, machten sie nicht selten alles schlimmer.) Diese ‚Pflegerinnen‘, die zu den Kranken ins Haus kamen, waren überwiegend eher alt und ungebildet, sehr häufig Alkoholikerinnen – manchmal wurden sie direkt mit Schnaps bezahlt – und standen auch noch im Ruf der Sittenlosigkeit. Sie mussten schließlich oft in der Nacht antreten, eine Zeit, in der ein anständiges Frauenzimmer zu Hause blieb. Man durfte von ihnen erwarten, dass sie bei Bedarf Trost der sinnlichen Art spendeten, etwa eine Massage mit Happy-End. Notfalls auch das Happy-End ohne Massage.

Und sowas wollte Florence machen?!!

Nein. Ihr ging es um vernünftig geführte Krankenhäuser. Doch das beruhigte die Eltern auch nicht.

Wohlhabende englische Bürger ließen sich zu Hause von der eigenen Dienerschaft pflegen. Krankenhäuser waren Wohlfahrtseinrichtungen für unbemittelte Patienten und entsprechend dürftig ausgestattet. Was dort pflegte, setzte sich aus ehemaligen Dienstboten und armen Witwen zusammen, Menschen, die ‚von irgendwas leben‘ mussten.

Das war in Deutschland, vor allem in Preußen, anders. Christian von Bunsen half bei der Gründung eines German Hospital in London, eine sinnvolle, gut strukturierte Einrichtung voll preußischer Strenge, Disziplin und Reinheit. Florence Nightingale besichtigte die Einrichtung und war begeistert. Genau so etwas hatte sie sich vorgestellt. Genau das wollte sie machen.

Die Reaktion ihrer Eltern war ein entschiedenes Nein. Auf keinen Fall. Auch Parthenope verstand ihre Schwester nicht mehr, fühlte sich durch ihre Ideen beunruhigt und verängstigt.

Die Nightingale-Mädchen waren inzwischen 25 und 26 Jahre alt – gefährlich an der Kante zur alten Jungfer, alle beide. Das war, vor allem im Fall der Älteren, merkwürdig. Eigentlich hätten ihnen alle Möglichkeiten zu einer wünschenswerten Heirat offenstehen sollen, jedenfalls Pop, die das doch für den Sinn des Lebens hielt. Manchmal klappt so etwas eben trotzdem nicht …

Florence jedoch bekam plötzlich einen ernsthaft interessierten Verehrer, elegant, guterzogen, weltgewandt, genau das, was Mama sich unter einem Schwiegersohn vorstellte. Das war Richard Monckton Milnes, Baron Houghton, ein Politiker und Philanthrop, Mitglied des Unterhauses, wo er allerdings durch seine – vorsichtig gesagt – begrenzten rethorischen Fähigkeiten die Zuhörer langweilte oder sogar durch ungeschickte Formulierungen zu Lachanfällen reizte. Das Sympathische an ihm: Er lachte dann mit. Immerhin setzte er sich für das Frauenwahlrecht und überhaupt für die Rechte der Frauen ein.

 

Baron Richard sah blendend aus, war vermögend und wollte, mit Mitte 30, unbedingt heiraten. Nachdem das mit der französischen Schriftstellerin Georges Sand nicht geklappt hatte, nun also Florence. Die wusste nicht so recht, zögerte, beriet sich mit ihrem Tagebuch (eigentlich hielt sie von der Ehe, aus weiblicher Sicht, wenig) – und gab Richard letztendlich einen Korb. Was ihre Mama sehr enttäuschte.

Mama wusste schließlich nicht, dass der Baron eine ganz große Vorliebe verspürte, mit dem Stock oder der Peitsche auf fremde Popos loszugehen – weibliche, männliche oder diverse. Er schrieb ein langes Gedicht über diese Beschäftigung, vom Himbeerrot-färben oder Mit-Striemen-versehen plus dem Weinen des Opfers. Die lyrischen Zeilen fanden sich erst nach seinem Tod, ebenso wie die Tatsache, dass er haufenweise erotische Literatur gesammelt hatte, darunter die Gesamtausgabe der Schriften des Marquis de Sade und Werke über Flagellation. Vielleicht hätte Florence (bei all ihrer Vorliebe für Strenge und Disziplin) doch nicht so gut zu ihm gepasst. Es ist allerdings anzunehmen, dass ihr Verehrer sie auf keinen Fall über seine spezielle Begeisterung informierte.

Florence Nightingale wurde inzwischen dreißig und zunehmend schwermütiger. Schließlich machten ihre Eltern sich derart Sorgen um sie, dass ihr erlaubt wurde (unter der Bedingung, dass NIEMAND davon erfuhr!) in Deutschland eine Ausbildung zur ‚Schwester‘ in der Diakonie Kaiserswerth zu absolvieren. Hier lernte sie die Herstellung von Medikamenten, das Versorgen von Wunden, Sterbebegleitung und sogar das Assistieren bei Operationen.

Anschließend studierte sie in Paris in verschiedenen Krankenhäusern, um sich in praktischer Krankenpflege weiterzubilden. Endlich konnte sie das tun, was sie schon immer wollte. Die Eltern hatten kapituliert. Vater zahlte ihr 500 Pfund Jahresrente, damit sie sich frei bewegen konnte. Ab 1853 leitete sie als Oberin das Harley Street Hospital in London.

Kurz darauf brach der Krimi-Krieg aus. Dabei handelte es sich um einen drei Jahre dauernden militärischer Konflikt zwischen Russland und dem Osmanischen Reich. Frankreich und England. Die ‚westeuropäischen Mächte‘ mischten sich ziemlich früh ein, um eine Gebietserweiterung Russlands zu verhindern. Die habsburgische Monarchie Österreichs jonglierte ganz gewaltig diplomatisch-undurchsichtig herum, sodass niemand genau wusste, zu wem sie eigentlich hielt. Preußen blieb erst recht neutral – vielleicht auch, weil hier die führenden Politiker völlig uneins darüber waren, was zu tun oder zu lassen und ob sie eher pro-russisch oder pro-westlich seien. Der Zar bemerkte dazu (über König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, seinen Schwager): „Er  geht jeden Abend als Russe zu Bett und steht jeden Morgen als Engländer wieder auf.“

Großbritannien jedenfalls hatte sich deutlich positioniert. Die englischen Soldaten waren bereit, für die Sache zu sterben. Das taten sie dann auch, und zwar, bevor es richtig losging. Mit dem Beginn des Jahres 1854 trafen englische Truppen (60.000 Mann) im Hafen Warna ein. Mehr als 20% der tapferen Männer starben, ohne dass ein Schuss gefallen war. Was sie empfing, war tagelanger, strömender Regen. Dabei fiel auf, dass es keine vernünftigen Unterkünfte gab. Die Soldaten wurden krank. Sie starben an der Cholera, der Ruhr, Typhus und anderen Durchfallerkrankungen, kurz gesagt an den grauenhaften hygienischen Bedingungen, denn obwohl die Regierung Richtlinien für Lazarette und sanitäre Anlagen ausgab, wurden das von der Armeeführung ignoriert.

Die Armeeführung war übrigens auch dagegen, dass Florence oder irgendwelche anderen Weibsbilder hier auftauchten. Das sahen jedoch die Regierung und die empörte Nation anders, nachdem Fotos und Berichte in der Times zeigten, unter welchen Umständen die Soldaten litten.

Florence und ihre kleine Eule, ungefähr zum Zeitpunkt, als beide in den Krieg zogen. Die Zeichnung machte ihre Schwester Parthenope.

Miss Nightingale wurde also an die Front kommandiert, an der Spitze einer kleinen Armee von nicht ganz 40 Pflegerinnen und Nonnen, begleitet von ihrer Eule Athena. Sie fanden Verwundete in rattenverseuchten, ungeheizten Baracken, von Flöhen, Läusen und Wanzen geplagt, ohne jede Möglichkeit, sich zu waschen oder die Kleidung zu wechseln. Die Frauen mussten ihre Röcke zwei Handbreit höher binden, weil auf den Fluren wegen der vielen Durchfall-Erkrankten, die sich schlichte Holzeimer teilen mussten, eine Art stinkender Schlamm aus Fäkalien, Essensresten und Erbrochenem floss. Die Kanalisation war defekt. das Trinkwasser durch einen Pferdekadaver verseucht.. Es fehlten teilweise Betten und sogar einfache Strohmatratzen. Außerdem mangelte es an Decken und Kissen, Handtüchern, Tellern und Besteck, Besen, Scheren, Waschschüsseln und Verbandszeug.

Hauptursache für diese unglaublichen Zustände war eine völlig groteske Bürokratie. Genau acht Abteilungen von Londoner Ministerien waren für einen einzigen Beschaffungsvorgang verantwortlich. Wurde also an der Front etwas dringend benötigt, zerkrümelte sich das Gesuch irgendwo im Heimatland und wurde meistens als ‚unbegründete Anschaffung‘ abgelehnt.

Hier konnte Florence einige ihrer größten Talente anwenden: die Dickköpfigkeit und das Planungsvermögen. Durch Spendenaktionen der Presse verfügte sie über ausreichende Mittel, um die Ministerien zu ignorieren und sofort alles Nötige anzuschaffen: zunächst mal Tausende Trinkbecher, Hemden und Socken, dazu Seife, 300 Scheuerbürsten – und Verbandsmaterial. Sie baute eine eigene Wäscherei auf und innerhalb der nächsten drei Monate ein funktionierendes, sauberes Krankenhaus. Sie predigte, zur Belustigung der leitenden Ärzte, ständiges Händewaschen.

Sie achtete auch darauf, dass die Kranken nicht zu dicht beieinander lagen. Ein bis dahin nicht benutzter Krankenhausflügel wurde renoviert und mit neuen Bettgestellen und Bettzeug bestückt – alles übrigens durchnummeriert. Durch Listen wusste man nun beispielsweise sofort, welcher Patient in Bett Nr. 4 im ersten Stock lag. Sie richtete in jeder Etage Behandlungsräume ein sowie zwei Küchen für Krankenkost, um deren Zubereitung sie sich ebenfalls kümmerte: viel Gemüse und Zitronen, da etliche Soldaten an Skorbut litten. 

Florence musste sich mit den Militärärzten und den leitenden Offizieren herumschlagen, denn die meinten übereinstimmend, diese Frauenzimmer stünden nur im Weg herum. Sie musste ihre Pflegerinnen beaufsichtigen (sofern es sich nicht um die Nonnen handelte), als hätte sie einen Stall voll pubertierender Töchter, die mit den Soldaten flirten wollten. Ihre Führung war streng und kompromisslos. Immer mal wieder wurde eine ‚Schwester‘ wegen Ungehorsam oder Trunkenheit zurück nach England geschickt.

Ein Mitglied der Komission, die alles überprüfen sollte, schrieb, Miss Nightingle vereine Zartheit und Güte ihres Geschlechts mit der kühlen Klarheit eines Mathematikers und schrecke vor keinem Hindernis zurück.

Die leitenden Herren hatten ihre Probleme mit der zierlichen Dame, die so genau wusste, was sie wollte und die es so eselsstur durchsetzte. Die Patienten, die einfachen Soldaten, liebten sie. Wenn sie mit dem Organisationswust durch war, der sie tagsüber beschäftigte, besuchte Florence abends die Krankensäle mit einer Petroleumlampe und sah nach jedem Einzelnen. (Der amerikanische Dichter Henry Longfellow schrieb darüber 1857 das Gedicht ‚Santa Filomena‘.) Sie sprach mit den Männern, sie verfasste Briefe an Angehörige – vor allem Angehörige der Verstorbenen – mit tröstenden und taktvollen Worten. Sie sorgte dafür, dass Verwundete ihren Sold nach Hause schicken konnten. Ein junger Engländer schrieb seiner Mutter: ‚“Wenn die Lady mit der Lampe in der Nacht durch die Krankensäle geht, dann drehen wir uns zur Wand und küssen die Mauerstelle, auf die ihr Schatten fiel.“

published by Illustrated London News, woodcut, published 24 February 1855

Florence Nightingale wurde – was überhaupt nicht in ihrer Absicht lag – zur Legende, zur ‚Little Lady with the lamp“, und ihre Tätigkeit zum Ausgangspunkt der Reform des englischen Gesundheitswesens.

Im Mai 1855 erkrankte sie lebensbedrohlich. Sie litt an immer wiederkehrendem Fieber, Schüttelfrost, Übelkeit und Depressionen. Die Krankheit blieb ihr, wurde chronisch und griff nach einigen Jahren das Knochengerüst an. 

Nach ihrer Rückkehr aus dem Krieg eröffnete sie eine Schule für Pflegerinnen. Sie beschäftigte sich mit Armenfürsorge, sie schrieb eine Reihe von Lehrbüchern über Krankenpflege, all dies meistens von zu Hause aus, weil ihr Gesundheitszustand es nicht anders zuließ. Sie brachte zahlreiche Ideen ein, wie etwa die, Hunde in Krankenhäuser zu lassen, um Kranke durch ihre Gegenwart zu heilen. 

Florence Nightingale war eine Pionierin der modernen Krankenpflege, sie war, ihrer Zeit voraus, Logistikerin – und sie liebte Statistiken. Sie sammelte Daten und analysierte sie. Sie galt nicht nur als Pflegerin, sondern auch als Forscherin. Sie entwickelte sogar, durch ihre mathematische Begabung, neue visuelle Veranschaulichungen der statistischen Zusammenhänge und Diagramme, wie zum Beispiel das Coxcomb. Sie wurde als erste Frau in die Royal Statistical Society aufgenommen.

Und Parthenope? Die heiratete schließlich doch noch, im biblischen Alter von 39 Jahren. Jetzt konnte es natürlich kein Traumprinz mehr sein. Beim Bräutigam handelte es sich um den bereits 57-jährigen Witwer Sir Harry Verney, Baronet, etwas kahlköpfig und gebeugt, aber freundlich und klug.

Seine bereits erwachsenen Kinder hielten zunächst wenig von der Stiefmutter, revidierten jedoch nach näherem Kennenlernen ihre Meinung. Pop legte mit der Hochzeit eine Reihe nervöser Krankheiten ab, beschäftigte sich begeistert damit, den Familiensitz ihres Gatten zu renovieren und innenarchitektonisch umzugestalten – und begann eine ansehnliche schriftstellerische Karriere, die fünf Romane und viele Artikel umfasste. Sie fing auch eine Biografie von Florence an – doch dann starb sie im Alter von 71 Jahren, exakt am 12. Mai, dem Geburtstag ihrer Schwester. Sir Harry, zum zweiten Mal verwitwet, überlebte sie um vier Jahre.

Florence Nightingale wurde uralt, trotz ihrer angeschlagenen Gesundheit. In ihren letzten zehn Lebensjahren war sie selbst ein Pflegefall. Sie starb 1910, neunzigjährig.

Ihr zu Ehren feiert man am 12. Mai den Internationalen Tag der Pflege.

Glücksfaktor: Genau zu wissen, was man will!