Heute

Posted by admin on 4. Dezember 2019

Rauch auf dem Wasser

Montreux ist eine enorm kulturelle Stadt. Veranstaltungen hier und Festivals da – Choral Festival, Rose de’Or, Nuits du Jazz de Chernex und überhaupt.

Die Gruppe Queen hat hier ein eigenes Tonstudio gehabt: Am Seeufer steht jetzt eine Statue von Freddy Mercury mit Mikrofon, breitbeinig, einen Arm hochreißend, unverkennbar.

Dieses Tonstudio von Queen lag übrigens im 1975 neu aufgebauten Casino der Stadt. Neu aufgebaut, weil es am 4. Dezember 1971 vollständig abbrannte. Ein Fan musste unbedingt während eines Konzerts von Frank Zappa eine Leuchtpistole abschießen. Damals befand sich die Gruppe Deep Purple im der Stadt, um ein neues Album aufzunehmen. Sie erblickten aus ihren Hotelzimmerfenstern die Flammen und die großen Rauchwolken über dem Genfer See und machten aus der Sache ein Lied, das zum Welthit wurde:

… Frank Zappa and the Mothers
Were at the best place around
But some stupid with a flare gun
Burned the place to the ground:

Smoke on the water, fire in the sky!

Glücksfaktor: das unverwechselbare, berühmte Riff dieses Songs, ein Muss für jeden Gitarrenanfänger …


Posted by admin on 1. Dezember 2019

Eine Sache der Ehre

war der Tod des 43jährigen Emil Hartwich am 1. Dezember 1886. Sein Duellgegner, Armande Baron von Ardenne, hatte ihm vier Tage zuvor in den Bauch geschossen: ein unschönes und qualvolles Sterben.

Baron von Ardenne sah sich zu dieser Tat gezwungen, seine Reputation als Offizier verlangte es so. Zwar waren Duelle, einerseits, gesetzlich verboten; doch andererseits hatte er seinen Ruf als ganzer Mann zu verteidigen, nachdem er herausfand, dass seine Frau ihn betrog.

Diese Frau hatte ihm seit langem und schon immer zu schaffen gemacht. Er lernte sie kennen, als er selbst neunzehn und sie kaum vierzehn war. Sie hieß Elisabeth, Freiin von Plotho, wurde aber in der Familie und überhaupt ihr Leben lang Else genannt, hübsch, wild, bockig und unkonventionell, sehr zur Verzweiflung ihrer verwitweten Mama.

Der schüchterne und etwas unbeholfene Rittmeister von Ardenne langweilte Else. Immer, wenn er Visite machte und auf dem Klavier spielte, rief man sie zu ihrem Missvergnügen herein, um zu lauschen; erschien er zum Essen, musste sie seine Tischdame mimen und er guckte sie über dem rotblonden Schnauzbart mit anbetenden Äuglein an. Else wurde schnippisch. Den Menschen würde sie niemals heiraten!

Doch ihre Mama hatte den längeren Atem, sie wurde nicht müde, zu kuppeln. Vier Jahre später war Else mürbe genug, sich mit Baron von Ardenne zu verloben, noch zwei Jahre später wurde sie seine Frau.

Sie bekamen einen Jungen und ein Mädchen, sie zogen nach Metz, nach Düsseldorf, nach Berlin, Armand machte Karriere. Die Familie lebte sorglos und luxuriös und fand Anschluss an kulturell gehobene Kreise: Sie lernten beispielsweise den Dichter Theodor Fontane kennen!

Else von Ardenne lebte in beneidenswerter Geborgenheit. Aber sie sehnte sich nach Leidenschaft – die Sicherheit konnte ihr gestohlen bleiben.

Und dann lernte sie Emil Hartwich kennen, Jurist und Sportpädagoge, geistreich, strahlend, charismatisch, heißblütig. Ebenfalls verheiratet: Die Hartwichs und die Ardennes waren miteinander befreundet.

Emil und Else planten, sich scheiden zu lassen und miteinander ein neues Leben zu beginnen. Leider zu früh findet Baron Ardenne ganz zufällig, als er den Schrank seiner Frau aufbricht, ihren Briefwechsel mit Richter Hartwich. Er schickt seinen Sekundanten los und überlässt Freund Emil die Wahl der Waffen …

Theodor Fontane hörte später von dem Drama einiger Menschen, die er flüchtig kannte und machte daraus den Roman, der sein erfolgreichster werden sollte, ‘Effi Briest’. Die arme Effi stirbt nach dem Duelltod – der im Buch erst Jahre nach der Sünde erfolgt – einsam und geächtet und noch keine 30 Jahre alt.

Else, das lebende Vorbild, dachte gar nicht daran, früh ins Gras zu beißen. Sie saß auch keineswegs seufzend herum und bereute ihre Sünden. Sie wurde Krankenschwester und Betreuerin psychisch kranker Menschen, überlebte die beiden Weltkriege, bestieg als erste Frau der Welt den 2970 Meter hohen Scesaplana in den Alpen, lernte mit 60 Jahren Skilaufen und mit 80 Radfahren. Sie heiratete nie wieder, nahm jedoch Kontakt zu ihren Kindern auf, nachdem die erwachsen waren (vorher durfte sie sich ihnen nicht nähern) – und starb im Alter von immerhin 98 Jahren, 1952. Ihrem Lieblingsenkel, dem Physiker und Forscher Manfred von Ardenne, schrieb sie noch in ihren letzten Lebensjahren in einem Brief, was für ein wunderbarer, lebensvoller Mann ihr Geliebter gewesen war, der erschossene Emil Hartwich …

Glücksfaktor: Dass es in unserer Zeit so viel leichter ist, sich sein Leben einzurichten, wie man will.

Posted by admin on 29. November 2019

Am 29. November 939 wurde Edmund I. zum König von England gekrönt

Er war 18 Jahre alt und ein attraktives, tatkräftiges Kerlchen. Das entnehmen wir zwei Beinamen, die er später erhielt: Edmund der Prächtige und Edmund der Macher.

Vorher hatte er gemeinsam mit seinem älteren Halbbruder Æthelstan regiert, beide Enkel Alfreds des Großen. Opa Alfreds Mission war gewesen, Britannien zu einen und die nervtötenden heidnischen Wikinger nach und nach wieder von der Insel zu entfernen, auf der sie sich im Zuge ihrer Raubzüge, sehr zufrieden mit der fruchtbaren grünen Umgebung, häuslich niedergelassen hatten.

Æthelstan und Edmund regierten in Eintracht, doch der ältere trug, solange er lebte, die Krone. Übrigens soll auch er umwerfend ausgesehen haben, mit hellblondem, lockigem Haar, das er zu festlichen Anlässen mit goldenen Fäden durchflechten ließ, wie ein Chronist es schilderte.

Nachdem Æthelstan (möglicherweise golden durchflochten) ins Grab gelegt wurde, krönte man also den jungen Edmund.

Er war der erste angelsächsische König, der über ‘ganz England’, einschließlich Northumbriens, herrschte. Übrigens erst mal nicht allzu lange. Einer dieser Dänen, Olaf Guthfrithsson, eroberte York so schnell wie möglich zurück und schnappte sich auch wieder große Teile der englischen Midlands. Am Ende seines ersten Regierungsjahrs hatte der junge König zunächst mehr als die Hälfte seines Landes wieder verloren.

Er prügelte sich zwei Jahre lang mit mit Olaf herum, bis dieser – keineswegs in einer Schlacht, sondern während eines Raubzugs – starb. Der Nachfolger des Wikingers, auch ein Olaf, war dann nicht mehr in der Lage, die eroberten Gebiete zu halten: Die erkämpfte Edmund zurück, 944 auch wieder das heiß umstrittene Northumbria.

Im Mai 946 wurde der König bei einem Handgemenge, in das er ordnend einzugreifen versuchte (anstatt das seinen Rittern zu überlassen; er war halt ein Macher), erstochen. Er war noch keine 25 Jahre alt. Damals wurden die Leute wirklich nicht alt, nicht nur die Könige, Weniger, weil sie nicht geimpft waren oder nicht zur Vorsorge gingen – es herrschte einfach überall Mord und Totschlag.

Die Söhne Edmunds waren noch nicht aus den Windeln, weshalb ein weiterer Bruder, Eadred, die Nachfolge antrat.

Glücksfaktor: Das Leben ist immer noch gefährlich. Aber wirklich bei weitem nicht mehr so riskant wie im Mittelalter …

Posted by admin on 24. November 2019

Es gibt nichts Gutes …

… außer man tut es, hat Erich Kästner 1950 geschrieben. Er ließ dabei ein Komma oder womöglich einen Doppelpunkt in der Mitte weg – das wird inzwischen oft falsch zitiert. Außerdem schreibt man die Zeile gern anderen Geistesgrößen zu, etwa Seneca oder Tucholski.

Kästner war Moralist und Idealist, beides unbequem für andere und für sich selbst. Gutes tun, nebenbei bemerkt, ist eine höchst undankbare Sache. Doch es geht demjenigen, der es tut, ja schließlich auf keinen Fall um Dankbarkeit. Dann ist es nämlich schon nicht mehr richtig gut.

Interessanterweise mangelt es den Menschen, die sich aufraffen, um in Güte tätig zu werden, meistens nicht nur an Dank. Sie werden vielmehr angegriffen, manchmal auf’s Schärfste.

Wer sich erdreistet, gut zu sein, muss nach Meinung der Umwelt gefälligst noch ein bisschen mehr leisten. Er darf beispielsweise auf keinen Fall den geringsten Nutzen aus seinem hilfreichen Handeln ziehen. Am besten zahlt er, im Gegenteil, kräftig drauf. Er soll angenehm aussehen (fettiges Haar oder schmutzige Fingernägel sind völlig unmöglich, da hilft es auch nicht, die Welt zu retten), aber nicht zu hübsch: jeder wüsste sofort, dass bloße Eitelkeit die Triebfeder ist, sich als Spender in Szene zu setzen. Soll ihm für seine Taten der Nobelpreis oder ein Ritterschlag verliehen werden, hat er das entschieden abzulehnen. Sein Privatleben muss über jeden Verdacht erhaben sein, und wenn er den Mund aufmacht, dann höchstens, um politisch korrekte und bescheidene Anmerkungen machen.

Im November 1984 sah der englische Rockmusiker Bob Geldof im Fernsehen eine Reportage über den Hunger in Äthiopien, fühlte sich sehr gebeutelt, telefonierte mit einigen Kollegen und schrieb, gemeinsam mit Midge Ure, den Song DO THEY KNOW IT’S CHRISTMAS?

Das wurde auch so schnell wie möglich aufgenommen, gemeinsam mit Stars wie David Bowie, Phil Collins, Paul Young, Sting, Boy George und so weiter, und da sich das Lied alsbald zu einem Hit entwickelte, kam wirklich eine Menge Geld für die Hungernden zusammen.

Aber da musste der Initiator auch schon in Deckung gehen. Rundherum saßen viele, viele Kritiker, schnalzten missbilligend mit der Zunge und wussten:

o Geldof stelle Afrika falsch (respektlos!) dar, indem er es zum Opfer mache

o Er behielte ja einen Teil des Erlöses für sich

o Es wäre gar nicht seine eigene Idee gewesen: sie selbst hätten die viel eher gehabt und wenn es nur zur Ausführung gekommen wäre, alles viel besser gemacht

o Geldof täte zwar vordergründig was für die Welt, sei jedoch bewiesenermaßen ein Steuerhinterzieher

Der Musiker war übrigens unbelehrbar, er fuhr fort, gegen die Armut in Entwicklungsländern zu kämpfen und wurde weiter, immer massiver, beschimpft. Inzwischen zieht, wer ein bisschen im Bilde ist, bei der Nennung seines Namens nur wissend die Augenbrauen hoch …

Außer man tut es? Das lässt man doch lieber bleiben, sofern man nicht aufrichtiges Vergnügen daran empfindet, mit geordnetem, politisch korrektem Schmutz beworfen zu werden.

Glückfaktor: ein richtig dickes Fell

Posted by admin on 21. November 2019

Ein geselliger Tag

Gestern war viel los. Vormittags Mädels-Brunch bei Lydia, die Geburtstag hatte – nochmal herzlichen Glückwunsch!

Nachmittags trank ich bei meiner Nati Kaffee, abends fuhren wir beide zum Klassentreffen. Ein hübsches Restaurant, feines Essen, interessante Gespräche. In dieser Schulklasse bin ich vielleicht anderthalb Jahre lang gewesen, mich hat man doch, durch viele Umzüge, häufig umgeschult: Ich war chronisch die Neue.

Ich ging, glaube ich, als Erste, ich hatte den Löwen ja fast den ganzen Tag allein gelassen und wollte nach Hause. Hab mein Navi eingeschaltet, weil ich nicht genau wusste, wie ich zur Autobahn kam und weil ich nichts wiedererkannte. Es ist so lange her, alles sieht anders aus, besonders in einer dunklen, verregneten Novembernacht.

Das Navi erklärte, wie ich aus dem Gewirr der kleinen Straßen herausfand, die ausdruckslose, mechanische Frauenstimme nannte Straßennamen – und die kannte ich noch sehr gut. Da sprang mich plötzlich in der Finsternis die Erinnerung an, mit blutigen Krallen.

Die schrecklichste Zeit meines Lebens waren die Jahre zwischen elf und dreizehn. Nichts, was vorher oder nachher passierte, war jemals wieder annährend so schlimm. Ich war ohne Hoffnung, ich war voller Angst, und jeden Morgen, wenn ich aufwachte, dachte ich, das ist tatsächlich wahr, über verschiedene Arten des Selbstmords nach.

Erschreckend dünn sah ich aus, mit Armen und Beinen wie kahle Zweige, an denen Ellbogen und Knie als Knubbel herausstanden. Irgendetwas stimmte mit meiner Schilddrüse nicht, die ohnehin übergroßen Augen standen, im Profil, ein Stückchen vor dem Kopf. Auf dem Schulhof hörte ich: “Achje, da kommt der Frosch!”

Ich wurde gemobbt (nur nannte man das damals noch nicht so) und oft genug verprügelt oder gequält. In gewisser Weise konnte ich’s verstehen. Ich hätte mich selber gehasst, wenn ich nicht zufällig ich gewesen wäre.

Zwei Komponenten gab es in meinem Leben, an denen ich mich festklammern konnte, das waren Gott und mein Vater. Beide recht ähnlich, groß, mächtig, unberechenbar, aber voller Liebe zu mir, soviel stand fest. Gott erzählte ich von meiner Verzweiflung (jeden Abend ausführlich), meinem Vater lieber nicht; der hatte, schien mir, genug eigene Sorgen. Die beiden hinderten mich daran, irgendwo runterzuspringen oder mich vor ein Auto zu werfen. Ich ging davon aus, dass ich damit sowohl Gott als auch meinen Vater tief bekümmert hätte.

Also nahm ich mich zusammen, stand auf, putzte mir mit zusammengekniffenen Augen die Zähne, um nicht mein hässliches Gesicht mit den Glotzaugen im Spiegel sehen zu müssen und stürzte mich ergeben in den täglichen Jammer. Fuhr durch Nieselregen oder Sonnenschein mit dem Rad zur Schule, versuchte, mich auf Lernstoff zu konzentrieren, den ich langweilig fand, überstand die Pausen und wollte vor allem verschwinden – aus meiner Welt, aus meinem Körper, aus dem Leben.

Ich schrieb kürzlich über die Menschen der eigenen Vergangenheit, die in jedem Menschen stecken. Wo kann man sie erreichen? Ich würde dem unglücklichen kleinen Mädchen von damals gern die Haare aus dem Gesicht streichen, ihm die Nase putzen, es umarmen und sagen: “Glaub mir, in ein paar Jahren ist dies vorbei, und alles, was dann kommt, ist nur noch schön und wird immer schöner. Du wirst ein so interessantes Leben haben in Geborgenheit, du wirst so viel geliebt werden! Und wenn du ziemlich alt bist und dich umdrehst und zurückblickst, wirst du voller Dankbarkeit sein, bitte, glaub mir das!”

Vermutlich würde sie sich freirangeln und etwas Mürrisches, Renitentes äußern. Sie war wirklich kein liebenswertes Kind. Außerdem ist die Ankündigung: Das dauert nur noch Jahre! wenig hilfreich, wenn jemand mitten im Elend steckt.

Glücksfaktor: Nach Hause zu kommen zu einem Löwen, dem du alles erzählen kannst, der es gut versteht und die richtigen Worte findet und dir einen großen Schnaps eingießt …