Heute

Posted by admin on 11. Juni 2021

Die Taube auf dem Dach

Sonntagmorgen. Ziemlich früh aufgewacht und aus dem Badezimmerfenster geguckt, was sich das Wetter für heute denn ausgedacht hat. Da sitzt sie, etwas seitlich links über der Regenrinne, dicht genug für Augenkontakt, zu weit weg zum Anfassen – eine schneeweiße, bildhübsche Taube. „Guten Morgen! Was machst du denn da?“ Lächelt schüchtern, krümmt etwas verlegen die rosa Zehen. Um sie herum bemerke ich kleine weiße Federflöckchen. Entweder hat sie sich zu energisch gekämmt, oder sie ist angegriffen worden. Letzteres liegt näher, denn wenn jemand vorbeifliegt, duckt sie sich ein bisschen. „Löwe – guck doch mal! Wir haben Besuch!“ Wir staunen sie beide an. Der Taube ist das ziemlich peinlich, sie guckt so lange in den Garten. (Ernst schläft noch und das ist gut so. Er würde versuchen, auf das Dach zu klettern und die Regenrinne ruinieren.) Lydia guckt sich die Sache aus dem Garten an.  Das ist natürlich keine Wildtaube. Aber auch keine Brieftaube. Oder? Um ihr rechtes Bein sitzt ein Ring – silbern oder weiß, das bedeutet, sie ist letztes Jahr aus dem Ei gekommen, erfahren wir aus dem Internet. Vermutlich ist es eine Hochzeitstaube. Die meisten Leute heiraten am Wochenende. Uetersen ist die bekannte ‚Hochzeitsstadt‘. Es ist so wahnsinnig romantisch, zur Hochzeit Tauben fliegen zu lassen. (Hab ich noch nie begriffen. Wieso ist das romantisch?) Anruf beim Tierschutzverein: Nicht da wegen Sonntag. Anruf bei der Tierschutz-Notrufnummer, zu  der im Internet steht: Rund um die Uhr erreichbar. Klingelt endlos und ist dann besetzt. Anruf bei drei verschiedenen Taubenzüchtern: Vermissen keine Taube. Einer erzählt endlose Geschichten aus seinem Leben und dem seiner Vögel. Ist nicht aus dem Telefon zu bekommen. „Was sollen wir denn nun mit Paloma machen?“  „Körner geben und vor allem Wasser.“  „Wie denn? Wir kommen da nicht ran und das Dach ist schräg …“ „Tje …“ Anruf bei Arne. Der will den Daumen drücken und rät, die Polizei anzurufen. Er hatte in Berlin mal einen Singvogel im Treppenhaus, den hat die Polizei ganz liebevoll abgeholt. Anruf bei der Polizei. Meldet sich eine sportliche Frauenstimme. „Wir haben auf unserem Dach eine Taube – also eine weiße – mit beringtem Bein. Hat sich wohl verflogen.“ Sportliche Frauenstimme: „Und was sollen wir dabei? Dafür sind wir nicht zuständig.“ „Ja. Nein. Natürlich nicht. Wir hatten gehofft, Sie können uns Züchter nennen, die Hochzeitstauben züchten? Hier in der Nähe?“ Sportliche Frauenstimme: „Die fliegt schon wieder weg.“ Anruf bei einem guten Freund: „Wir haben eine Taube auf dem Dach …“ Guter Freund: „Besser als eine Blinde im Bett …“ – Aber er wälzt die Regionalzeitung und gibt die Telefonnummer aus der Anzeige: „Eine perfekte Hochzeit mit romantischen weißen Tauben …“ Angerufen und am Sonntag gescheitert. Da ist keiner. Leider. Jetzt rufe ich einen alten Bekannten an, der Tauben gezüchtet hat und erfahre von seiner Witwe, das hat sich erledigt. Mr. Google gefragt. Es gab bestimmt schon mal so einen Fall? Aber und wie! Wir erfahren, es handelt sich vermutlich um eine ‚Ziertaube‘. So wie Zierpflanze. Die haben weniger gute Navi-Instinkte als andere Tauben, weil auf Schönheit gezüchtet, nicht auf clever. Da hat Ulla wieder mal recht mit ihren inneren Werten! Wir könnten einen Käfig anschaffen und mindestens noch eine Taube, sonst wird Paloma schwermütig. Sie erträgt keine  Einsamkeit. Wir wollen aber nicht unbedingt eine Taubenzucht gründen. Paloma blinzelt müde und sieht sehr erschöpft aus. Sie braucht dringend Körner und Wasser, das kann jeder sehen. Ich streute Sonnenblumenkerne, Kürbiskerne, Linsen und Reis in die Regenrinne. Aber wie soll das mit dem Wasser funktionieren? Dem Löwen fällt so was ein, er präpariert ein Tupper-Näpfchen mit einem langen Klebeband, füllt etwas Wasser rein, lässt alles vorsichtig runter und klebt es fest. Paloma guckt interessiert. Wir verschwinden taktvoll, um ihr Gelegenheit zu geben, sich zu erfrischen. Mail an einen Journalisten aus der Gegend: Der kennt doch bitte bestimmt Züchter von Hochzeitstauben? Antwortet erstmal nicht. Paloma wirkt nach einer Weile merklich erholt. Es sieht so aus, als hätte sie sich an Körnern und Wasser gestärkt. Ernst will ins Badezimmer und auf das Dach. Wir spielen lieber Monopoli mit ihm. Er darf auch Millionär werden. Und beim nächsten Gucken, inzwischen nachmittags – ist die Taube verschwunden. Abends antwortet unser Journalisten-Freund: ‚Das mit den Hochzeitstauben ist eine ärgerliche und traurige Sache. Die werden zum Wegschmeißen gezüchtet, nur für diese eine Gelegenheit. Haben eigentlich kein Zuhause, werden auch nicht trainiert, zurückzufinden. Das lohnt nicht, neu züchten ist billiger. Durch das ‚Fliegenlassen‘ werden sie praktisch ausgesetzt. Vorher von vielen Menschen angegrabscht, rein in den Käfig, transportiert, Lärm und Stress. Die werden normalerweise von Raubvögeln erledigt, auch, weil sie ja nicht gerade eine Tarnfarbe besitzen und keine Erfahrung mit der freien Wildbahn. Die wissen noch nicht mal, dass sie sich verstecken müssten. Es ist verboten, Tiere auszusetzen. Aber das ist den Züchtern egal, weil das Geschäft sich lohnt.‘ Vielleicht sollte man an so was denken, wenn man eine  romantische Hochzeit plant. Glücksfaktor: Der Spatz in der Hand …                  
Posted by admin on 9. Juni 2021

Am 9. Juni 1918 starb Anna, die Frau von Dostojewski

Die Tochter eines Beamten aus der Ukraine und einer Schwedin lernte in der Schule Stenografie. Als sie zwanzig Jahre alt war und ungewöhnlich firm in dieser Fähigkeit, begann sie im Oktober 1866 für den 24 Jahre älteren Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewski zu arbeiten.

Der hatte zu dieser Zeit haufenweise Probleme. Seit seiner Jugend litt er an epileptischen Anfällen; als er 28 war, verurteilte man ihn aus politischen Gründen zum Tode und richtete ihn fast nahezu beinah hin, aber dann doch nicht, weil in der letzten Achtelsekunde vor dem Erschießen – er stand bereits an einen Pfahl gebunden mit einem Sack über dem Kopf – das Urteil in vier Jahre Zwangsarbeit in (natürlich) Sibirien umgewandelt wurde. Außerdem ’sprach man ihm alle Vermögensrechte ab‘, was bedeutete, der Zar nahm ihm jeden Rubel weg, den er besaß. Dostojewski verbrachte die gesamte Haftzeit in Ketten und unter erbärmlichsten Verhältnissen. Das Schlimmste für ihn war vielleicht, dass er ausdrücklich nicht schreiben durfte. Und seiner Gesamtgesundheit bekam die Sache auch nicht besonders.

Aber er schrieb nach seiner Freilassung großartige Romane und Novellen, und langsam kam er finanziell wieder auf die Beine. Als er Mitte 40 war – und zum ersten Mal verheiratet – ging es ihm wieder so gut, dass er Auslandsreisen unternehmen konnte. Ohne seine Frau.

Es ging unter anderem darum, wegen seiner Epilepsie europäische Ärzte zu konsultieren. Doch er erlebte noch etwas Anderes, das er bisher nicht gekannt hatte. In Russland war Glücksspiel streng verboten. Fjodor Michailowitsch war ein echter Skorpion, getrieben von Leidenschaften und Dämonen. Diesem einen Dämon, der in ihm wohnte, war er noch nicht begegnet. Er verfiel auf der Stelle dem Roulette.

Im Winter dieses Jahres, 1862, traf er auf eine andere unwiderstehliche Versuchung und Sucht: Die junge Schriftstellerin Polina Suslowa, Vorbild für eine ganze Reihe der Frauenfiguren in seinen Werken. Das wurde eine entsetzliche Beziehung, leidenschaftlich, sehnsuchtsvoll, aufwühlend. Polina war schön, intelligent, eigenwillig, launisch und egoistisch. Der große Dichter war auch nicht gerade lammfromm. Sie stritten sich jahrelang, dass die Fetzen flogen.

Dostojewski hielt theoretisch viel von der politischen Idee der Frauenemanzipation. Im praktischen Leben neigte er allerdings zu der Ansicht, seine Gefährtin müsse sich ihm ganz und gar unterwerfen. Dazu neigte die trotzige Polina nicht im geringsten.

Im Jahr darauf begleitete sie den Dichter von Paris aus nach Baden-Baden, um ihm beim Roulette Glück zu bringen. Was nicht so richtig klappte. Inzwischen war seine Frau schwer an Tuberkulose erkrankt und starb im Sommer 1864.

Aus verschiedenen Gründen geriet Dostojewski erneut in finanzielle Engpässe. Zunächst mal konnte er überhaupt nicht mit Geld umgehen und neigte dazu, immer wieder Schulden zu machen. Darüber hinaus fühlte er sich verpflichtet, die Familie seines plötzlich verstorbenen Bruders und andere Familienmitglieder zu unterstützen. Was er brauchte, war ein großer Gewinn!  Also reiste er mit Polina ein weiteres Mal nach Wiesbaden und verspielte 3000 Rubel, die er streng genommen nicht übrig hatte.

Um aus seiner fast ausweglosen Situation heraus zu kommen, schrieb er zwei große Romane der Weltliteratur gleichzeitig: Den Riesenwälzer Schuld und Sühne und das schlankere Werk Der Spieler. Dostojewski benötigte ganz furchtbar dringend die 3000 Rubel, die sich ja nun leider in Wiesbaden befanden. Um sie zurückzubekommen, machte er einen Deal mit dem Verleger Stellowski. Auch das besaß einen Drall von Gücksspiel oder Wette: Im Sommer 1865 verpflichtete der Autor sich, bis zum 1. November einen fertigen Roman von soundsoviel Seiten abzuliefern. Schaffte er das, sollte er  3000 Rubel bekommen. Kam das Manuskript nur einen Tag zu spät an, dann musste er dem Verleger einen höheren Betrag als Schadensersatz zahlen.

Anfang Oktober fiel Dostojewski auf, dass er noch keine  Zeile dieses Romans geschrieben hatte und ihm wurde sehr beklommen zumute. Er vertraute die Problematik einem Freund an, der Anna Snitkina empfahl – indem er meinte, SCHREIBEN können Fjodor das jetzt sowieso nicht mehr in der kurzen Zeit. Wenn er es schnell diktierte, einer Person, die ebenso schnell schreiben konnte – dann hatte er den Hauch einer Chance.

Fjodor und Anna verstanden sich prima, die Arbeit ging wunderbar voran. (Übrigens schrieb Dostojewski einer Bekannten, dass seine Stenografin ein hübsches Ding sei.) Am Abend des 28. Oktober war ‚Der Spieler‘ fertig, ein Meisterwerk, exakt in der richtigen Länge – und konnte abgeliefert werden.

Indessen hatte Verleger Stellowski sich auch etwas  ausgedacht. Damit dieser Autor auf jeden Fall verhindert sein  würde, ihm den Roman rechtzeitig abzuliefern – verschwand er aus St. Petersburg. Seine Tür war zu und er nicht anwesend. Falls er erst am 2. oder 3. November nach Hause kam – wie sollte Dostojewski beweisen, dass er seinen Teil der Vereinbarung eingehalten hatte? Er würde kein Honorar bekommen, er musste im Gegenteil den Schadensersatz aufbringen!

Anna war nicht nur hübsch und fleißig, sie besaß auch einen praktischen (Jungfrau) Verstand. Ihr fiel ein, dass der Roman ja nur bei einem Notar mit beglaubigtem Datum hinterlegt werden musste. Das geschah – und der Verleger hatte das Honorar zu zahlen.

Dostojewski war gerettet und begeistert. Und er war auch aus den Tragödien mit Polina gerettet. Er machte seiner Stenografin noch im November einen Heiratsantrag, den sie sofort glücklich annahm.  Wie konnte sie das tun? Abgesehen davon, dass der Schriftsteller ihr einen Monat lang diktiert hatte, wie schmerzlich die Leidenschaft des Spielers ist und dabei offensichtlich von sich selbst erzählte, abgesehen davon, dass sie ihn mit allen seinen Launen (er war überwiegend miesepetrig) erlebt hatte, wusste sie inzwischen auch, wie es um seine wirtschaftlichen Verhältnisse stand.

Anna liebte Dostojewski, bevor sie ihn kannte, einfach, indem sie seine Bücher gelesen hatte und uneingeschränkt seine Ansicht teilte, dass er ein Genie war. Das traf sich gut, denn der Meister war nicht übertrieben attraktiv: klein und dünn, mit dünnem Haar, dünnem Bart und dünner Stimme. Anna fand ihn wunderschön. 

Sie heirateten zweieinhalb Monate später. Das war vermutlich  das Klügste, was Fjodor in  seinem ganzen Leben tat, und es gereichte ihm nur zum Segen. Er sagte über sie : „Sie hat Herz und versteht zu lieben.“ Wohl wahr.

Zunächst drohte dem nagelneuen Ehemann allerdings das Schuldnergefängnis. Also machte das junge Paar, um den Gläubigern zu entkommen, eine ausführliche Hochzeitsreise nach Westeuropa – vier Jahre lang. Anna hätte eigentlich gern Paris kennengelernt und freute sich darauf. Aber das wurde nichts. Stattdessen durfte sie fünf Wochen lang Baden-Baden erleben, überwiegend vom Hotelzimmer aus, während sich ihr Mann im Casino den Seelenqualen der Spielsucht hingab.

Sie führte Tagebuch über seine verzweifelten Versuche, ihre Situation durch einen märchenhaften Gewinn zu ändern – während er immer wieder alles, was sie hatten, bis auf den letzten Rest verspielte. Ihre Uhr, ihre Lieblingsohrringe, die er ihr zur Hochzeit geschenkt hatte, ihre Kleider wanderten ins Pfandhaus – um weiter das Hotel und einige Mahlzeiten bezahlen zu können – und um weiter spielen zu können. Manchmal gewann er fatalerweise, was ihm wieder Hoffnung machte. Doch sobald er gewann, verspielte er den Gewinn wieder.

Sie kämpfte inzwischen mit der Übelkeit ihrer ersten Schwangerschaft und stand unter ständiger Nervenanspannung. Eines Abends wollte er in einer Stunde zurück sein, doch er blieb acht Stunden lang aus und sie fürchtete, er hätte im Spielcasino einen epileptischen Anfall erlitten und sei womöglich in irgendein Hospital gebracht worden. Als er endlich im Hotelzimmer landete, kniete er verzweifelt auf dem Teppich vor ihr und gestand weinend, er hätte seinen Ehering versetzt – eigentlich, um das Hotel bezahlen zu können. Aber die Summe dann gern verdoppeln wollen und deshalb – verspielt.

Dostojewski war sich klar über seinen Zustand, er klagte sich selber an, er fürchtete dauernd, Anna würde nicht mehr verstehen und verzeihen. Doch sie verstand und verzieh fortgesetzt. In einer Zeit, die kaum von Psychologie wusste und gern mit Schuldgefühlen arbeitete, machte diese sehr junge Frau ihrem Mann nie Vorwürfe. Sie schrieb später: Wenn ich mich an die in Baden-Baden zugebrachten fünf Wochen erinnere und mein Tagebuch aus dieser Zeit durchlese, dann verstehe ich, wie damals etwas Schreckliches von meinem Mann restlos Besitz ergriffen hatte und ihn nicht aus seinen schweren Fesseln loslassen wollte. Bald begriff ich, dass hier keine gewöhnliche Willensschwäche vorlag, sondern vielmehr eine wirkliche menschliche Leidenschaft, etwas Mächtiges, dem sogar ein starker Charakter nicht gewachsen sein konnte.“

Anna schaffte es, dass diese Leidenschaft in ihm immer schwächer wurde und schließlich ganz und gar verschwand. Sie organisierte sein Leben und vor allem seine Finanzen so klug, dass kein Schuldendruck mehr vorhanden war und deshalb  auch das Bedürfnis geringer wurde, mit einem großen Gewinn alle Geldsorgen los zu sein. Es gab keine Geldsorgen mehr.

Ich denke mir, nahezu jeder Paarberater unserer Zeit hätte Anna Dostojewskaja einfach geraten, sich von diesem Mann zu trennen.

Glücksfaktor: Dem ist nichts hinzuzufügen.

 

 

 

 

 

Posted by admin on 8. Juni 2021

Adélaïde Labille-Guiard heiratete am 8. Juni 1800 im Alter von 51 Jahren

Und das war ein ziemliches Ding, so ähnlich, als ob sich heutzutage eine berühmte Frau mit Anfang 80 noch mal verheiratet. (Was ja durchaus vorkommt.)

Eine berühmte Frau war Adélaïde auf alle Fälle, eine Malerin nämlich. Sie war die achte und jüngste Tochter ihrer Eltern – und das einzige ihrer Kinder, das die frühe Kindheit überlebt hatte. Vielleicht deshalb legte ihr Vater, Monsieur Labille, der ein Bekleidungsgeschäft namens „La Toilette“ in Paris besaß, ihren etwas ungewöhnlichen Berufswünschen nichts in den Weg.

Als sie vierzehn war, begann Adélaïde eine Ausbildung zur Pastellmalerin. Zufällig war ein Freund ihres Vaters, François-Elie Vincent, Miniaturmaler. Von ihm lernte sie zunächst, winzige Portraits auf Medaillons, Puderdosendeckel oder Schnupftabakdöschen zu pinseln. Ihr eigentlicher Lehrer jedoch war der Sohn Vincents, François-André, nur drei Jahre älter als die kleine Labille, bald auch ihr Vertrauter und bester Freund.

Aber bevor beide richtig begriffen, was sie sich bedeuteten, reiste der junge Künstler zum weiteren Studium nach Rom. Adélaïde sah ihn sechs Jahre lang nicht mehr.

Deshalb beging sie, als sie zwanzig Jahre alt war, den Fehler, einen Steuerbeamten zu heiraten, einen Monsieur Giuard. Von da ab trug sie ihren Doppelnamen – auch ziemlich avantgardistisch.

Die Ehe wurde nicht sehr glücklich und blieb kinderlos. Irgendwie bekam sie jedoch ihren Mann dazu, ihr zu erlauben, sich weiter auszubilden. Sie studierte jetzt die Pastelltechnik für große Gemälde und konnte bald damit einiges zum Lebensunterhalt beitragen.

Um in der Königlichen Akademie Aufnahme zu finden, musste sie jedoch auch lernen, Ölgemälde herzustellen. Das brachte ihr wieder ihr alter Freund François-André Vincent bei, der endlich aus Italien zurückgekommen war. Jetzt, bei ihrer zweiten Begegnung, wurde beiden klar, dass sie füreinander die große Liebe waren.

Das Gesetz erlaubte keine Scheidung, doch es war möglich, sich ‚rechtmäßig zu trennen‘. Das erwirkte Adélaïde im Jahr 1779, nach zehn Jahren Ehe und lebte nun, diskret, sündhaft und sehr glücklich, mit François-André zusammen.

Bald darauf gründete sie die erste Pariser Frauenschule für Maler! Neun begabte Schülerinnen und sie selbst erregten bald große Aufmerksamkeit mit ihren hervorragenden Gemälden. Das war nicht nur eine zusätzliche Einkommensquelle – es machte Adélaïde auch berühmt. Bald malte sie die Portraits von Prinzessinnen, Ministern oder Künstlerkollegen.

Und gerade, als sie begann, den ganz großen Erfolg zu haben, erschien ein anonymes Pamphlet in Paris, das die Malerin der sexuellen und ethischen Unschicklichkeit beschuldigte und behauptete, sie habe Tausende von Affären gehabt. Adélaïde musste alle ihre guten Beziehungen nutzen, um die Sache einigermaßen aus der Welt zu schaffen. Eine komplizierte Angelegenheit, denn tatsächlich lebte sie ja mit einem Mann zusammen, der nicht ihr Gatte war.

Bis 1789 portraitierte die Künstlerin viele Mitglieder der französischen Königsfamilie, wie etwa dieses Bildnis der Madame Louise-Elisabeth de Bourbon mit ihrem Söhnchen – und erfreute sich größter Beliebtheit. Der Erfolg schien ihr treu zu sein.

Doch dann kam – die Revolution. Adélaïdes Beziehungen zum Adel machten sie plötzlich politisch verdächtig. Vermutlich nicht gerade gern musste sie einige ihrer Gemälde zur Verbrennung freigeben. Sie spendete eine größere Summe als ‚patriotische Spende‘ an die Nationalversammlung und sie portraitierte nun eben deren Machthaber, beispielsweise Maximilien Robespierre – und zwar so, dass der alte Giftzwerg geradezu nett aussah …

Weil die Revolution ja auch Gutes bewirkte, konnte Adélaïde sich jetzt endlich scheiden lassen. So kam es, dass sie nach all dieser gemeinsamen Zeit François André Vincent heiratete. Von da ab signierte sie alle ihre Werke nur noch mit ‚ Madame Vincent‘.

Drei Jahre nach der Hochzeit starb Madame Vincent. Ihr Mann musste anschließend dreizehn Jahre warten, bis er wieder bei ihr war …

Glücksfaktor: den richtigen Mann zu heiraten!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Posted by admin on 6. Juni 2021

Ein Primadonnenkrieg brach am 6. Juni 1727 auf offener Bühne aus

Die feindlichen Königinnen: Faustina Bordoni, Mezzosopran

und Francesca Cuzzoni, Sopran, ungefähr ein Jahr jünger. 

beide natürlich Italienerinnen, beide um 30. Das Publikum war sich durchaus nicht einig, welche von ihnen die begabteste, herrlichste, beste Sängerin des Jahrhunderts sein sollte. Eine von beiden auf jeden Fall. Die Sängerinnen fühlten ihrerseits jeweils entschieden, sie selbst wären diejenige.

Dieser edle Krieg der Muse tobte in London. Dort war seit einer Weile George Frideric Handel  schöpferisch tätig, einer der berühmtesten und einflussreichsten Komponisten des Landes – geboren als Georg Friedrich Händel in Halle an der Saale, seit 1727 britischer Staatsbürger. Er verfasste viele Opern mit wundervollen Arien für brillante Sängerinnen sowie später speziell für den englischen König die Wassermusik und die Feuerwerksmusik – dabei handelte es sich um ‚Freiluftmusik‘ ohne Gesang.

 

 

Seit 1726 war Faustina Bordoni ein Star in London, bald darauf kam Francesca Cuzzoni dazu. Händel schrieb mehrere Werke für zwei Soprane, die in der königlichen Opernakademie aufgeführt wurden.

Inzwischen spaltete sich das Publikum in zwei Parteien um die sogenannten ‚Rival Queens‘. Bordoni-Anhänger luden Cuzzoni-Anhänger nicht mehr zum Tee ein, Cuzzoni-Anhänger grüßten Bordoni-Anhänger nicht mehr auf der Straße. Die Fans der einen Primadonna begleiteten deren Arien mit Zischen und Buh-Rufen, die anderen ebenso bei der gegenseitigen Sängerin. Die sportlichen Briten hatten seit jeher viel für Wettstreit übrig.

Die Mädels reagierten unterschiedlich. Faustina Bordoni behielt die eiserne Ruhe und sang weiter – dem Publikum ging eher die Puste aus als der Sopranistin.

Francesca Cuzzoni besaß empfindlichere Nerven. Nachdem ihr Fans der Bordoni in Briefen vor den Vorstellungen drohten, ‚ihre Schande zu mehren und sie von der Bühne zu pfeifen‘ bekam sie Stimm-Probleme, wurde krank und musste einige Vorstellungen absagen. 

Am 6. Juni kam es während der Uraufführung zu Bononcinis Oper Astianatte zum Showdown der beiden Sopranistinnen. Angefeuert von ihren jeweiligen Hooligans gingen Faustina und Francesca aufeinander los, erst schimpfend, dann schubsend, schließlich, indem sie sich gegenseitig die Frisuren zerrauften. Die Vorstellung wurde an dieser Stelle abgebrochen, dürfte jedoch den größten Teil des Publikums trotzdem befriedigt haben.

Faustina, im Widder geboren, fühlte sich hinterher mutmaßlich erfrischt. Francesca als friedlicherer Wassermann ganz im Gegenteil, warf das Handtuch und gab ihre Abreise bekannt. Nun fühlte sich der König, George I., zum Eingreifen aufgerufen. Er schrieb einen Brief an die Direktoren der Royal Academy, in dem er erklärte, wenn die Künstlerin Cuzzoni sich tatsächlich durch dieses skandalöse Treiben genötigt fühle, das Land zu verlassen, dann werde er seinerseits die Oper nie wieder besuchen und ganz nebenbei auch sein Abbonement im Wert von £1000 streichen. Anschließend starb er – nämlich am 11. Juni, nachdem ihn zwei Tage vorher auf einer Reise der Schlag getroffen hatte. Was die Opernsaison wegen Staatstrauer sowieso abwürgte.

Glücksfaktor: interessante Darbietungen.

 

 

Posted by admin on 4. Juni 2021

Heute ist Knuddel-deine-Katze-Tag

in Amerika. Man sollte das jedoch unbedingt überall auf der Welt machen. Und natürlich öfter als bloß heute. Täglich vier- fünfmal ist okay.

Gerade Katzen haben es oft ungeheuer nötig, beschmust zu werden. Ihre anschmiegsamen kleinen Körper brauchen Zärtlichkeit – eine handgreifliche Bestätigung, dass man sie liebt.

Dem ist dringend eine verbale Ladung Schmuserei hinzuzufügen. Katzen verfügen über Ohren, deutlich erkennbar als spitze, leicht beplüschte Ausstülpungen am Kopf. Diese Ohren wünschen sich, mit Komplimenten und Liebeserklärungen gefüllt zu werden, gern ausführlich und fantasievoll, mittels einer gedämpften, warmen, eher tiefen Stimme – nicht zu laut. Wer nunmal keine dunkle Stimme hat, mag sich mit weichem Singsang behelfen, das geht auch.

Textvorschlag: ‚Weißt du eigentlich, dass du die schönste Katze der Welt bist? Eine unvergleichliche Katzenprinzessin? Eine kleine Göttin aus Samt und Jade? Meine Herzensfreude, mein Schnuckelkätzchen, mein Zuckerhasiwuschihobbikullerchen?‘ (Oder so ähnlich.)

Wesentlich ist es, sich ZEIT dafür zu nehmen. Also nicht mal eben hopp hopp im Vorbeigehen. Wenn wir das unglaubliche Glück haben, von einer Katze besessen zu werden, dann ist es angemessen, dieses Glück hin und wieder zu preisen.

Abschließend und bevor wir uns wieder trivialeren Dingen zuwenden sind einige Küsse auf die  Katzennase angebracht, gern gefolgt von einem Knabberstäbchen, das bis zum Schluss assistierend festgehalten werden muss, sonst macht es keinen Spaß.

Glücksfaktor: Enorm!

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