Heute

Posted by admin on 17. Dezember 2018

Uetersener Adventsgeschichte, 2. Teil

Malte schaute nicht in den Garderobenspiegel, bevor er  das Haus verließ. Deshalb wusste er nicht, dass sein Haarwusch zu Berge stand, dass er stoppelbärtiger als gewöhnlich aussah und dass seine großen blauen Augen geschwollen und rot geädert zwinkerten.

Nele Peters allerdings, eine Schülerin seiner achten Klasse, bemerkte sofort, dass Herr Jansen ganz anders aussah als gewöhnlich.

Nele gehörte zu den Mädchen, die Malte einfach süß fanden. Sie war auf dem Weg zur Seminarstraße, in der das Ludwig-Meyn-Gymnasium liegt, zur zweiten Stunde: Biologie, als sie ihren Lehrer, ganz ungewohnt, mit dem Hund statt mit der Aktentasche des Weges kommen sah. Dazu in einem langsamen, unsicheren Gang und bei näherem Hingucken recht derangiert.

Natürlich hatte Nele auch schon davon gehört, dass Tonja Jansen gestern mit zwei riesigen Koffern auf dem Bookstedter Bahnhof in den Zug gestiegen war. Sie hatte sich zunächst spontan darüber gefreut, denn für ihren Geschmack war diese aufgedonnerte Zicke für einen feinen Kerl wie Herrn Jansen noch nie gut genug gewesen. Aber wenn sie ihn jetzt so ansah – Au!

Nele lächelte Malte taktvoll an, grüßte höflich und streichelte Baldur die lockigen Schlappohren. Der wedelte erfreut. Dies war ein nettes Mädchen. Sie hatte ihn einige Male Gassi führen dürfen und ihm bei dieser Gelegenheit Kotelettknochen verehrt.

Malte musterte die hüb­sche kleine Nele nachdenk­lich, ihre großen schwarzen Augen und die lustige Stups­nase. Sie verstand sich auf Tie­re.

„Magst du Hunde?”, fragte er. Das war eine dumme Frage, denn Nele und Baldur schmusten gerade ganz herz­lich miteinander. Aber Nele fand Herrn Jansen niemals dumm. Also nickte sie freundlich.

,,Dürftest du einen Hund haben? Würden deine Eltern das erlauben?”, fuhr er fort.

Nele nickte wieder. ,,Ja, sie meinen, jetzt wäre ich groß genug. Wir haben erst neulich drüber gesprochen.”

Malte reichte dem Mädchen hastig die Lederschlaufe der Hundeleine. ,,Dann schenke ich dir Baldur. Zu Weihnachten. Sei lieb zu ihm.”

Damit wandte er sich um und ging schnell, aber unsicher davon.

Nele blickte ihm mit offenem Mund hinter­her. Dann schaute sie Baldur an, der etwa ebenso verdutzt aussah.

Und dann rannte sie, den großen Hund mit fliegenden Ohren neben sich, zu­rück nach Hause. Sie muss­te Baldur ja hier abliefern, bevor sie zur Schule ging.

Inzwischen suchte Malte im Badezimmerschränkchen nach Tabletten. Tonja hatte oft Einschlafprobleme gehabt, da gab es eine Menge verschiede­ner Pillen. Er schaute grimmig in den sonnigen, funkelnden Wintermorgen hinter dem Ba:dezimmerfenster hinaus, als er die aufgelösten Mittel mit großen Schlucken trank. Nun war er neugierig auf das Jen­seits. Wie es da wohl sein mochte?

 

Malte erwachte mit Kopf­schmerzen. Etwas Übel­keit verspürte er auch und sein Hals schmerzte. Das fand er spontan enttäuschend – er hatte gedacht, mit so et­was würde man nach dem Tod nicht mehr belästigt. Er lag auf einem harten Bett, vor ihm war eine weiße, schmucklose Wand.

Wenn dies das Jenseits sein sollte, dann wirkte es erschre­ckend phantasielos.

Dann allerdings beugte sich ein Engel über ihn. Ein Engel mit großen dunklen Augen und in der Mitte gescheitel­tem schwarzem Haar. Den hatte er schon einmal gese­hen … Richtig: gestern Abend in der Kirche.

,,Das könnte· Ihnen so pas­sen, Herr Jansen!”, sagte der Engel. Er hatte eine tiefe, leicht heisere Stimme und klang recht ir­disch. ,,Ihren armen Hund ei­nem kleinen Mädchen andre­hen, ganz Pottschrapels in Trauer stürzen und abhauen. Und das auch noch kurz vor Weihnachten! Schämen Sie sich gar nicht?”

„Wer sind Sie”, flüsterte Malte mit schmerzender Keh­le. ,,Ihre Stimme kommt mir so bekannt vor. Haben wir uns schon mal – ?”

,,An meine Stimme erin­nern Sie sich? Na, immerhin. Ich bin Maike Peters; die Schwester von Nele Peters. Ich war mal Ihre Schülerin, et­wa ein halbes Jahr lang bis zum Abitur, das ist fast neun Jahre her, wir waren damals gerade nach Pottschrapels ge­zogen. Nele geht in Ihre achte Klasse.”

Maike Peters? Undeutlich erinnerte er sich. ,,Damals bist du … sind Sie aber viel dünner gewesen, nicht? Und Sie hat­ten so eine Pinselfrisur, ganz kurz und wie ein Papagei…”

,,Ja, das war meine Trotz­.Phase. Sie erinnern sich ja wirklich an mich! Ich dachte immer, Sie würden mich überhaupt nicht bemerken. Also so bemerken, wie ich’s mir ge­wünscht hätte. Gestern Abend in der Kirche haben Sie mich auch nicht wahrgenommen.”

,,Doch! Doch, das hab ich!”, widersprach Malte krächzend.

Die schöne Maike blickte zweifelnd. Übrigens trug sie einen weißen Kittel.

„Was machen Sie eigentlich hier?”, wollte er wissen.

„Ich rette Sie. Ich hab Ihnen den Magen ausgepumpt, des­wegen tut Ihr Hals sicher et­was weh. Ich bin inzwischen Ärztin und seit einigen Tagen am Bleekerstift. Ich hatte Nachtdienst und bin todmüde und gehöre eigentlich ins Bett. Aber als ich nach Hause kam, war da Ihr Hund. Meine Eltern erzählten mir, dass Nele ihn\ gebracht hat und wie sie dazu kam. Und da hab ich sofort ge­sagt: Wir müssen bei Herrn Jansen die Tür aufbrechen las­sen!”

,,Die Tür aufbrechen … ?”, wiederholte Malte mühsam.

„Allerdings. Ich komme gerne für den Schaden auf, Herr Jansen. Aber mir war so­fort klar: Sie können nur einen Grund haben, plötzlich Ihren Hund wegzugeben  – ja, und  das halte ich nicht aus. Wissen Sie, ich hab jahrelang für Sie geschwärmt, jetzt kann ich das ja ruhig mal sagen, Sie waren irgendwie so meine erste gro­ße. Liebe. Und ich will nicht, dass Sie sterben, verdammt noch mal! Ich will, dass Sie le­ben!”

,,Sie wollen, dass ich lebe … ” krächzte Malte.

.,,Na klar doch. Sie sind ein Super-Lehrer, das findet mei­ne Schwester genau wie ich, mal ganz zu schweigen von Ihren Wimpern und dieser Schüttellocke über Ihrem Au­ge – und es ist eine Zumutung, auch noch genau im Ad­vent, hier groß und breit zu sterben und alle Leute zu be­kümmern, die Sie verehren und bewundern und lieb ha­ben … ” schimpfte Maike mit dieser dunklen, etwas heise­ren Stimme.

Malte lächelte. Sein Kopf und sein Hals taten immer noch weh und übel war ihm nach wie vor. Aber er merkte, dass er sich offenbar doch noch freuen konnte.

Das Leben schien eigent­lich gar nicht so hoffnungslos düster.

Und letztendlich war bald Weihnachten …

 

 

Posted by admin on 16. Dezember 2018

Uetersener Adventsgeschichte, 1. Teil

Zwischen Bookstedt und Moorgraben, nicht weit von Elmshorm und auf jeden Fall im Landkreis Pinneberg findet man die nette Kleinstadt Pottschrapels.

Das Wort bedeutet soviel wie Topfkrümel, ein letztes Restchen, das man auskratzt, und weist darauf hin, dass dies reizende Städtchen früher mal fast am Ende der Welt lag. Hier gibt es eine Museumsscheune neben einem Herrenhaus, eine wunderschöne alte Klosterkirche (mit einem eigenen Geist, dem Fräulein von Hammerstein) und einen umfangreichen Rosenpark, der regelmäßig von Kaffeefahrten heimgesucht wird. 

Vor einigen Jahren besaß Pottschrapels sogar noch ein eigenes Krankenhaus, den Bleekerstift. Und aus dieser Zeit stammt die Geschichte, die ich jetzt erzählen will.    

Sie handelt von Malte Jansen, mittelgroß, nicht mehr ganz jung (er wurde im Januar zweiundvierzig) und mit einem hellbraunen Haarwusch ausgestattet, der ihm regelmäßig über das rechte Auge fiel und mit einer unbewussten kleinen Bewegung zurückgeschüttelt wurde, was in den Augen der meisten weiblichen Betrachter ein Licht anknipste, während die meisten männlichen Betrachter es nicht einmal bemerkten. 

Malte unterrichtete am Ludwig-Meyn-Gymnasium, einer uralten, gelblich-grauen Schule, in der er früher selbst Schüler war. Oh, er hatte einiges von der Welt gesehen, beispielsweise in Hamburg studiert und ein Jahr in Amerika verbracht – und war trotzdem in die Heimat zurückgekehrt. Irgendwie schien das typisch für Malte: bloß, weil er hier aufgewachsen war, bloß, weil sein alter Vater noch hier gelebt hatte (inzwischen war er verstorben) aus recht sentimentalen und hausbackenen Gründen also, musste er sich wieder in dieser piefigen Kleinstadt niederlassen. 

So sah es jedenfalls seine Frau Tonja. 

Tonja Jansen ihrerseits stammte aus Düsseldorf, war Malte in einem Spanienurlaub begegnet, hatte ihn fatalerweise in einem Moment der überschäumenden Ausgelassenheit kennengelernt und gemeint, er sei ein unterhaltsamer Mensch, zusätzlich zu diesem hübschen hellbraunen Schopf. Diesem Irrtum verdankte Malte die für seine Verhältnisse sehr spontane Ehe mit einer temperamentvollen, schönen Frau. Fast sieben Jahre hielt die Sache, im März wäre. wieder Hochzeitstag gewesen.

Doch eben gerade, in der zweiten Adventswoche, an einem düsteren, kalten, nebeligen Nachmittag, überraschte Tonja ihren Gatten mit gepackten Koffern und der Mitteilung, sie habe den Mann ihres Lebens getroffen, sie beide hätten eh nie wirklich zusammengepasst, er würde ihr noch dankbar sein – und alles Gute für die Zukunft. 

Sie erklärte kurz einige praktische Details wie zum Beispiel, dass ihre restlichen Sachen in Kisten verpackt im Keller stünden und noch vor Weihnachten abgeholt werden würden. Dann kam ein Taxi, um sie zum Bookstedter Bahnhof zu bringen und sie verschwand mit lautem Stakkato ihrer hohen Absätze und unter Zurücklassen eines Parfumwölkchens. 

 

Malte blieb benommen stehen. Undeutlich war ihm so, als hätte er dies geahnt und nicht wahrhaben wollen. 

Und jetzt? Kinder aus dieser Ehe gab es, zu Maltes Bedauern, nicht, stattdessen einen großen, schlappohrigen Hund: Baldur. Der betrachtete sein urplötzlich einsames Herrchen aus schwermütigen, mitfühlenden braunen Augen und ließ seine Mundwinkel ausdrucksvoll hängen. 

,,Oh Gott, das ist ja furchtbar! Bitte, guck nicht so – mir geht es sehr gut…”, versicherte Malte verdrießlich.

Er setzte sich an seinen Schreibtisch, um einen Stapel Diktathefte durchzusehen, was angenehm vom Nachdenken abhielt. 

Dann fiel ihm ein, dass er in die Klosterkirche musste: er war Mitglied des Kirchenchors, der Pottschrapeler Kantorei, und sie übten zurzeit den Messias von Händel. 

Malte wollte Baldur natürlich nicht mitnehmen, kam jedoch gegen dessen tragischen Blick nicht an, der fragte: Willst du mich armen Kerl wirklich hier ganz alleine lassen? 

„Aber du machst keinen Mucks, hörst du? Fühl dich bloß nicht verpflichtet, mitzusingen”, murmelte er. 

Während Herr und Hund durch die Straßen gingen, begann es plötzlich, lebhaft zu schneien, große, zusammenklebende Flocken, die von allen Seiten auf sie einwirbelten. 

Da merkte Malte Jansen zum ersten Mal, dass er die Fähigkeit, sich zu freuen, verloren hatte. Sonst mochte er Schnee nämlich sehr gern, auf eine kindliche, staunende, vergnügte Art. Und jetzt war es ihm vollkommen gleichgültig. Ob Weihnachten nun weiß oder grün oder lila war – wen interessierte das schon? 

Im Eingang der Kirche stampfte er den Schnee von seinen Schuhen und Baldur schüttelte sich auf zurückhaltende und wohlerzogene Art ein wenig die Ohren aus.

Ob der nette Kantor Pieksel Einwände gegen den Hund in der Kirche haben würde? Aber er lächelte nur, als wüsste er, worum es in diesem Fall ging. Wie jeden Abend, wenn der Chor übte, saßen einige Freunde und Verwandte im Kirchengestühl und hörten zu. 

Malte öffnete die kleine Tür eines leeren Gestühls, zog den großen Hund hinein und verlangte: ,,Mach hier schön Sitz und sei ganz still!” Dann begab er sich zu den anderen Kantoreimitgliedern. 

Wie immer bemerkte er in keiner Weise, was für liebevolle und gerührte Blicke nicht nur Baldur, sondern auch ihn selbst trafen. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, dass die gesamte weibliche Besatzung vieler Schulklassen für seine großen blauen Augen mit den langen Wimpern schwärmten und für diesen widerspenstigen hellbraunen Haarschopf. 

Malte war weit davon entfernt, sich selbst für attraktiv zu halten. Wenn er gewusst hätte, dass Tonjas Techtelmechtel mit einem Anderen und seine eigene naive Arglosigkeit bereits seit dem Altstadtfest im Sommer allgemein besprochen wurden, hätte er sich schrecklich geschämt. Er richtete seine ganze Konzentration auf den Gesang. Bei ihm Zuhause, mit Eltern und Geschwistern, war viel gesungen worden, er besaß einen brauchbaren Bariton und normalerweise machte ihm das Chorsingen großen Spaß. Doch nun, da er sich nicht mehr freuen konnte, kam es ihm sinnlos vor.

So bemühte er sich aus purer Rücksichtnahme, seine Stimme diszipliniert anzupassen und keine Störung oder Stockung zu verursachen, während er sich ab und zu mit dieser sympathischen kleinen Bewegung seinen Haarwusch vom rechten Auge schüttelte. 

Einmal aber blickte er auf und bemerkte In der ersten Reihe des Gestühls einen Engel. 

Nein, vielmehr eine junge Frau, die er wohl noch nie gesehen hatte, vermutlich die Verwandte eines Chormitglieds von Außerhalb. Ein zartes weißes Gesicht mit großen dunklen Augen und schwarzem, in der Mitte gescheiteltem Haar, um das sie lose einen weißen Schal geschlungen hatte.

 

Sie lauschte ernst, mit gefalteten Händen. Große Schönheit hat etwas Versöhnliches, und für einen kurzen Augenblick atmete Malte tief durch und lächelte beinah. 

Nein, natürlich ,interessierte’ er sich nicht für diese Frau, dazu war er viel zu niedergeschlagen. Aber für den Rest der Probe erfrischte er sich immer wieder kurz an ihrem Anblick. 

Gegen neun knipste Malte die Lederleine an Baldurs Halsband, lobte ihn, weil er so brav stillgesessen hatte, verabschiedete sich kurz von den anderen Chormitgliedern und ging nach Hause. 

Es hatte aufgehört, zu schneien, doch inzwischen schimmerte Pottschrapels unter einer gar nicht mal so dünnen, diamantweißen Decke und wirkte wunderbar weihnachtlich. 

In die sechs Fußstapfen von Malte und Baldur trat Paul Bohn, alter Schulfreund des ersteren und Apotheker am Markt. 

„Hallo, mein Alter – warte doch mal, renn doch nicht so … Ist das wahr, Tonja ist mit zwei großen Koffern im Taxi nach Bookstedt? Und sie hatte so ein endgültiges Gesicht, sagt Frau Nüsch?” 

Malte ging noch schneller und riss Baldur von einer Laterne weg, an der er schnüffeln wollte. ,,Frau Nüsch hat keine eigenen Probleme, das ist ihr Problem”, knurrte er. „Hier kann kein Mensch in seinem Vorgarten eine Blume abreißen, ohne, dass alle drüber kakeln. Ich werde nach Hamburg ziehen, ich werde … ” 

„Glaub ich nicht. Du wohnst doch gern hier und wir haben dich alle lieb. Außerdem gibt es genauso in jeder Großstadt Klatschtanten, die wissen dann über alle Nachbarn in der Wohnsiedlung bescheid. Und es gibt auch bei uns viele, die sich nicht besonders für den lieben Nächsten interessieren, so wie du, beispielsweise. Komm, Malte, das war auch weniger aufmerksamen Beobachtern seit langem klar, dass Tonja … Dass sie nicht… Junge, ich wollte dir vor allem eins sagen, als ich dich eben so vorbei schleichen sah: bevor du trauerst, guck erst mal, ob’s nicht ein Glücksfall ist. Tonja war nicht gut für dich.” 

Malte machte eine heftige Bewegung, als ob er seinen Freund beiseite stoßen wollte, aber der war darauf gefasst gewesen und wich einfach aus, während er fortfuhr: ,,Vielleicht ist sie für niemanden gut. Interessant und prickelnd: ja. Aber als Ehefrau? Sie war schlampig und unzuverlässig und launenhaft … ” 

„Du redest von ihr, als ob sie tot wäre … ” murmelte Malte. 

„Keineswegs. Dann würde ich sie loben und ihre Fehler beiseite lassen, um dich zu trösten. So, wie es ist, kann ich offen reden: sei froh, Malte. Tonja war dir nie wirklich treu … ” 

Diesmal schlug Malte mit der Faust nach Paul und traf ihn auch auf ‘s Ohr. 

Der Apotheke rieb sich die Stelle mit der behandschuhten Hand und klopfte seinem Freund zur Erwiderung einige Male auf den Rücken: ,,Du hast es geahnt, oder?”

Malte wollte hastig weiter, wurde jedoch von der Leine zurückgerissen. Baldur be­harrte darauf, an dieser Stelle musste er einfach schnuppern. ,,Ich war mir nie ganz si­cher. Ich wollte ihr vertrauen: Lieben bedeutet doch Vertrauen!”, flüsterte Malte.

„Schon. Aber in diesem Fall – das waren doch Perlen vor die… Ich wiederhole dir: Sei froh,. dass sie weg ist! Wir ha­ben immer alle gesagt – hoffentlich wird er eines Tages wach. Außerdem: Du wolltest doch schrecklich gern Kinder haben?”

„Natürlich. Aber Tonja konnte nicht …”

,,Und wenn ich dir als Apotheker sage: Sie wollte nicht?”

Sie waren vor Maltes Haus angekommen. Hier war es stockfinster, weil er verges­sen hatte, das Gartenlicht einzuschalten.

,,Danke für deine Offenheit, Paul. Ich weiß, du meinst es gut. Aber mehr will ich nicht hören, bitte … “

Er ging über das weiche, makellose weiße Polster auf seine Haustür zu, Baldur trabte neben ihm her.

„Hör mal, wenn du am Sonntag zu uns zum Essen kommen möchtest – oder zum Kaffee – Helga und ich laden dich herzlich ein … “

Malte nickte, mit dem Rücken.zu seinem Freund.

,,Dan­ke. Mal sehen. Ich melde mich. Gute Nacht … “

Er füllte Baldur einige Hundekuchen als Abendbrot in den Napf und blieb für den Rest der Nacht im Mantel am Küchentisch sitzen, um nachzudenken.

Für das Ergebnis seiner Grübelei hätte er so viele Stunden allerdings nicht gebraucht Eigentlich gab es nur zwei Möglichkeiten: Entwe­der war Tonja eine wunderba­re Ehefrau gewesen, für ihn einfach zu wunderbar; dann lag es an ihm, an seiner Dumpfheit und Langweiligkeit; dann war ihr Verlust eine Katastrophe. Oder sie hatte ihn tatsäch­lich die ganze Zeit belogen und betrogen – dann war er ein beispielloser Idiot gewe­sen und hatte sich die ganze Zeit etwas vorgemacht.

So oder so kam ihm das Le­ben nur noch dunkel und trostlos vor und er beschloss, es zu beenden.

Als diese furchtbare Nacht vorbei war, als es langsam hell wurde und schließlich eine kleine rötliche Wintersonne auf der dünnen Schneedecke im Garten viele winzige Prismen funkeln ließ, schob Malte den Küchenstuhl zurück und ging langsam und schwerfällig ins Wohnzimmer, um in der Schule anzurufen und sich wegen Grippe zu entschuldigen. Zwar widerstrebte das seinem Sinn für ‘s Redliche, aber Bescheid sagen musste er einfach, es war ja ein Ersatz zu organisieren. Außerdem, wenn er sich über­haupt nicht meldete, schickten sie womöglich jemanden zu ihm, um zu sehen, was ihm fehle. Da hätte er genau so gut gleich sagen können: Ich kom­me heute nicht zum Unterricht, weil ich mich umzubringen gedenke …

Malte setzte sich wieder an den Küchentisch, immer noch im Mantel, wie am Vorabend.

Dann zuckte er zusammen, denn Baldur packte ihm eine seiner großen Pfoten auf ‘s Knie und schaute ihn bedeu­tungsschwer an.

,,Stimmt, du hast ja recht… Was wird aus dir?”, gab Malte zu und streichelte die lockigen Hängeohren. ,,Tonja wird dich nicht nehmen, du weißt ja, richtig wild war sie nie auf dich. Du hast zu viel Weiß im Fell und sie trägt so gern Schwarz, das ist eine Frage der Kleiderbürste. Bei Paul wohnt dieser wehrhafte Kater, der hat dir schon mal die Nase blutig gekratzt, weißt du noch?  Wie – ?”

Denn der Hund winselte leise. „Natürlich!” Malte stand auf. ,,Du musst raus. Komm, dann gehen wir jetzt. Gehen wir zum letzten Mal…”

 

Glücksfaktor: Es gibt morgen eine Fortsetzung!

 

 

Posted by admin on 16. Dezember 2018

Erwachsene gehen immer zu Weihnachtsfeiern

Und wenn man noch klein ist, gehört man zu der Zeit ins Bett. Auch, wenn es da langweilig ist.

Aber! Ernst durfte gestern mit zu einer Weihnachtsfeier. War ausdrücklich eingeladen. Und dann hat er einen großen Beutel Soßoladenherzen gekriegt, nur für ihn alleine: Orankensoßolade! Also so was Schönes!

Da waren sonst nur lauter Erwachsene. Und Ernst. Muss man sich gut benehmen und darf man nicht so viel plappern. Sonst sagen sie fürleicht, man darf nächstes Mal nicht wieder mit. Macht aber nichts: die hatten sich alle so viel zu erzählen, da fiel es nicht auf, dass Ernst schweigsam war.

Tante Ulli hatte ganz viel Torte gemacht und Kuchen und Kekse, alles ohne Zucker – und Sooo lecker! Also soooooo lecker! Kann man gar nicht glauben, dass so was Leckeres gesund sein kann. Ist es aber.

Also, Mami und Löwepapi waren da und Tante Lydia, Tante Lore und Onkel Uli. Die sind neu. Und  sehr, sehr nett. Ernst hat auch was zu Weihnachten bekommen, was Gestricktes, weil, Tante Lore strickt immer. (Gestern mal nicht, aber sonst immer.) Das ist ein schlafendes Männchen mit Mütze, so aus Wolle. Mami sagt, es ist ein Sandmännchen. Und wenn der am Kopf vom Bett ist, dann kann Ernst immer gut schlafen. Das ist riesig praktisch. Außerdem, wenn einem das  Männchen aus Versehen auf  den Kopf fällt, macht das nichts, weil es ja weich ist. Tante Lore ist so was von lieb!

Dann war da natürlich Tante Ulli, mit zwei L, da kann man sie nicht verwechseln mit dem Mann von Tante Lore.Tante Ulli wohnt ja da und hat alles gemacht, die ganzen schönen Sachen, trotzdem sie im Rollstuhl fährt meistens und sie kann auch nur die linke Hand benutzen – also alles mit Links! Und das so schön! Und ihr Mann wohnt auch da, der heißt Onkel Jens. Der hilft wohl viel. 

Außerdem eine schöne schwarzhaarige Tante. Die kannte Ernst schon, aber er wusste nicht mehr genau, woher. Bestimmt von der Hochzeit, da waren ja ganz viele von den anderen auch. Die  schöne Tante saß neben Ernst und war seine Tischdame und hat ihn manchmal gefüttert und besser hingesetzt und mit ihm leise geredet, nur sie beide. Und sie duftet. Und sie hat ihn hinter den Öhrchen gekrabbelt, so etwas. Manno!

Abendbrot gab es später auch. Da war Ernst schon ziemlich müde und er hatte soviel Soßoladentorte gegessen – Abendbrot ging nicht mehr. Im Auto zurück ist er schon eingeschlafen, ganz ohne  Hilfe vom Wollsandmännchen.

Das war die erste Weihnachtsfeier, die Ernst mitgemacht hat. Und die allerschönste seines Lebens …

 

Glücksfaktor: Aber so was von!

 

 

Posted by admin on 14. Dezember 2018

Lies mich! oder Der verlorene Sommer

 

Eines Morgens im Februar wachte mein Bruder auf und meinte, er sei Jesus. 

Mein Vater war ziemlich verstört, als er das erfuhr – nicht, weil er in Konflikte geriet, ob er sich nun für Josef oder für den Heiligen Geist halten sollte, sondern weil er meinem Bruder soeben eine teure Umschulung zum Gebrauchsgraphiker bezahlt hatte. Mit der Ausbildung hatte Tim gerade angefangen. Nun erklärte er, er müsse umherziehen und das Leid aller Menschen auf sich nehmen.

Mein Vater erzählte mir später, dass er einen Wutanfall bekam, während Tim sanftmütig vor ihm stand und ihn segnete.

Ich hätte meinen kleinen Bruder vielleicht überreden können, noch mal über seine Identität nachzudenken. Bedauerlicherweise befand ich mich jedoch genau an diesem aufregenden Dienstagvormittag beim Anwalt in Hamburg.

Ich machte gerade die schmerzliche Endphase meiner Ehe durch (leider schon der zweiten) und hatte Ruhe und Trost am väterlichen Herd gesucht. Beides war dünn gesät: als ich mittags nach Hause kam, betrachtete ich sprachlos die zertrümmerte Küche.

Mein Vater erklärte, dass Tim so außer sich geraten war, nachdem es an der Tür klingelte. Dabei wollte der Postbote eigentlich nur fragen, ob wir ein Päckchen für die Nachbarn annehmen könnten. Mein Bruder, eben noch milde und abgeklärt, regte sich plötzlich fürchterlich auf. Papi war außerstande, ihn zu bändigen und rief in seiner Verzweiflung den Notruf an. Er hatte Angst, Tim würde den Rest des Hauses verwüsten und sich womöglich dabei wehtun.

Er schilderte mir, wie zwei riesengroße Krankenpfleger Jesus abholten. Auf dem Gartenweg hätte Tim noch gebrüllt, er würde Feuer und Schwefel regnen lassen …

Glücksfaktor: einer der besseren Romane meiner geschätzten Kollegin Diana Seidel …

Posted by admin on 14. Dezember 2018

Was es mit Sternschnuppen

auf sich hat, hab ich ja in diesem August erst begriffen.

Offenbar fallen sie verstärkt, wenn ein ganz besonders liebenswertes und edles Geschöpf Geburtstag hat.

So wie in dieser Nacht und in der kommenden die Geminiden runterprasseln.

Die allerbesten Glückwünsche, Dekades!

Glücksfaktor: Freundschaft, die alles Mögliche übersteht und überdauert …