Heute

Posted by admin on 1. Februar 2023

Wir befinden uns derzeit auf dem Gipfel der Erkenntnis

Mehr geht nicht. Wir wissen nahezu alles. Den Rest müssen wir gar nicht wissen.

Vor allem wissen wir mehr als jemals ein Mensch zuvor – oder vielmehr: als die Menschen vor uns. Die haben sich teilweise ja ganz schön vertan. Eigentlich darf man sagen, sie waren mehrheitlich auf dem Holzweg. Man kann nur den Kopf schütteln.

Inzwischen sind wir wacher. Dadurch erkennen wir, wie kreuzdämlich die Menschheit früher war.

Ich will jetzt nicht bei den Höhlenmenschen anfangen, die sich ja offenbar nach letzten Erkenntnissen einigermaßen vorurteilsfrei mit Neandertalern gekreuzt haben. Es reicht, auf Leute wie die Inkas, Mayas und Azteken zu gucken. Allesamt völlig verdummt durch ihre religiös geprägte Weltanschauung.

Ihr jeweiliger Obermotz war, vereinfacht gesagt, zusätzlich höchster Priester. (So ähnlich wie jetzt noch im englischen Königshaus, der Monarch ist gleichzeitig das Oberhaupt der Kirche.) Der Typ auf dem Thron: gewissermaßen eine Mischung aus Kanzler und Papst. Nur mit ihm sprachen die Götter – wieso hätten sie auch mit wem reden sollen, dem keiner zuhört, wenn er was weitergibt? – nur er konnte ihren Willen verbreiten. Der war teilweise drastisch. In Mittelamerika fanden Menschenopfer in großem Ausmaß statt. Besonders schmerzlich berührt uns heute das Opfern vieler Kinder, die man in Käfigen verhungern ließ oder denen man den Brustkorb aufmeißelte, um das schlagende Herz herauszuholen und den Göttern zu präsentieren.

Möglicherweise existierten einige Menschen (am ehesten Mütter und Väter?) die dachten oder sogar sagten: „Seid ihr eigentlich alle bescheuert? Wieso müssen wir denn unsere Kinder abmurksen?“ – doch die Mehrheit des Volkes wusste definitv, dass dies zu geschehen hatte, um die Götter zu versöhnen und das Wetter zu ändern. Sie glaubten sich auf der Höhe der Erkenntnis.

Wir können darüber nur den Kopf schütteln.

Das Christentum, die weltweit erfolgreichste Religion, brachte eine Erleichterung. Obwohl dieses Unternehmen über eine beachtliche Menge von Märtyrern verfügte, missbilligte es prinzipiell Menschenopfer.

Irgendwie religiös oder gläubig waren die Menschen eigentlich überall und immer gewesen. Doch dieses neue Unternehmen verbreitete seine Botschaft ganz besonders energisch, nach Möglichkeit bis in den letzten Winkel, durch Missionare und Kreuzzüge. Eigentlich bedeuteten die Botschaft letztendlich Frieden. Doch auf dem Weg dorthin musste mancher Schädel eingeschlagen und manche Brust durchbohrt werden. Das gute Gefühl dabei vermittelte die Gewissheit, sich auf dem Gipfel der Erkenntnis zu befinden. Wir sind  die Guten – die anderen haben keinen Schimmer und sind die Bösen: Ungläubige, Heiden, Ketzer.

Die Anhänger der zweitgrößten Religionsgemeinschaft auf diesem Planeten, die Muslime, sehen das übrigens genauso. Nur sind in diesem Fall natürlich sie es, die auf dem Gipfel der Erkenntnis hocken.

Nachdem man also wusste, wo sich die Guten befinden, bekam man schnell heraus, wo die Bösen sitzen. Im Regierungsgebiet der Hölle natürlich. Magier, Teufelsanbeter und Hexen. Vor allem Hexen.

Das enthielt wissenschaftlichen Hintergrund. Es gab Bücher, die genau erklärten, woran man Hexen erkennen konnte und auf welche Art sie zu verhören (und zu foltern) wären. Alles auf dem Höhepunkt der damaligen Erkenntnis. Überwiegend im 17. Jahrhundert wurden in Europa ungefähr 50.000 Hexen hingerichtet, vor allem Frauen.

Vielleicht gab es hin und wieder so was wie ‚Querdenker‘ (mir fällt gerade kein besseres Wort ein), die versuchten, auf den Wahnsinn aufmerksam zu machen. Andererseits dürfte das eine gute Methode gewesen sein, selbst auf dem Scheiterhaufen zu landen.

Man kann nur den Kopf schütteln.

Wissenschaft existierte bereits im Altertum und im Schatten der Pyramiden: Forschung, Vermutung und Experimente.

Es dauerte geraume Zeit, bis sie sich beispielsweise auf dem Gebiet der Medizin von Glauben (heiltätige Mönche und Nonnen, ‚Gesundbeten‘) und Aberglauben wie Kräuterkunde und Homöopathie befreien konnte und zur reinen Chemie mit Nebenwirkungen überging. Eigenartigerweise befanden sich die Ärzte ihrer Zeit jeweils auf dem Gipfel der Erkenntnis. Keinem war klar, dass ihr Tun widerlegt werden könnte und neuere Erkenntnisse das Gegenteil beweisen würden.

Je nach der Zeit, in der sie lebten, wussten die Menschen alles. Sie wussten, dass es ungesund ist, zu baden oder die eigene Haut oft zu waschen – dass Krankheiten durch Dämpfe übertragen werden, die aus dem Boden steigen – dass Sklaverei ein gottgewolltes Geschick sein muss – dass jemand mit einer fremden Sprache  ‚Kauderwelsch‘ redet, also (weil unverständlich), dummes Zeug. Sie wussten, dass Rauchen unschädlich ist  und Radioaktivität ein harmloses Treibmittel. Sie waren völlig überzeugt davon, dass es eine menschliche ‚Herrenrasse‘ gibt, die allen anderen überlegen ist. Dass Tiere weder denken noch fühlen. Dass die Schädelform eine Menge über den Charakter aussagt. Oder dass man Neugeborene fest umwickeln muss, um ihrem Körper Halt zu geben. (Und das denken im Moment wieder viele Eltern. Manche Überzeugungen sind Wiedergänger.)

Kürzlich las ich den Artikel einer Literaturwissenschaftlerin, die verlangte, man möge ‚Robinson Crusoe‘ bitte nicht mehr lesen. Der Verfasser, Daniel Defoe, sei selbst ein ‚Profiteur des Sklavenhandels und Verherrlicher des Kolonialismus‘ gewesen, weshalb der Roman penetrant diese Ansichten vertrete. Im Übrigens sei der sowieso langweilig und dürfe kein Kind interessieren.

Kurz zu Defoe: Er schrieb 1701 ein satirisches Gedicht ‚Der waschechte Engländer‘, in dem er das intolerante und nationalistische Verhalten seiner Landsleute anprangerte, und er trat durch seine journalistische Arbeit nachdrücklich für religiöse Minderheiten ein. Übrigens musste er deshalb sowohl an den Pranger als auch in den Knast. Trotzdem teilte er selbstverständlich viele der gängigen Ansichten seiner Zeitgenossen. Er war, wie alle seiner Generation, auf der Höhe der Erkenntnis.

So etwas sollte eine Literaturwissenschaftlerin eigentlich wissen. Wegen inzwischen überholter politischer Ansichten ein Stück klassischer Literatur als langweilig zu erklären finde ich etwas kläglich.

Immerhin liegt es im Trend. Durch fortschreitende Erkenntnisse sind wir in letzter Zeit ganz erstaunlich in der Lage, über frühere Mitglieder unserer Spezies den Kopf zu schütteln und sie notfalls rückwirkend auf den richtigen Weg zu holen. Es nützt ihnen nichts, wenn sie inzwischen tot sind. Verbesserung geht immer. Wir nehmen es den Persönlichkeiten der Vergangenheit ganz schön übel, nicht auf unserem Stand der Erkenntnis gewesen zu sein. Das hätten sie doch eigentlich irgendwie  wissen müssen? Wir stürzen sie buchstäblich vom Sockel, streichen oder ändern in ihren Werken und machen deutlich, dass sie unseren Respekt verloren haben.

Die Guten, daran hat sich durch alle Zeit hindurch nichts geändert, die Guten sind wir, immer auf dem Gipfel der Erkenntnis. Die Bösen wandeln sich im Lauf der Zeit.

Es ist eigentlich nicht damit zu rechnen, dass wir aus irgendeinem Grund, von dem wir jetzt nicht das geringste ahnen, im Bewusstsein der folgenden Generationen die Bösen sein werden, oder?

Glücksfaktor: Das Kopfschütteln. Es gibt so ein überlegenes Gefühl …

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Posted by admin on 22. Januar 2023

Sittin‘ On the Dock of the Bay – die Geschichte hinter dem Lied

Das Lied fiel Otis Redding ein, als er im August 1967 auf einem Hausboot vor Sausalito in der San Francisco Bay in der Morgensonne an Deck saß und das Geglitzer auf den Wellen und die vielen Boote beobachtete, die in die Bucht hereinkamen und sie wieder verließen.Otis war damals 25 Jahre alt und seine Zukunft sah eigentlich ziemlich gut aus. Zwar stammte auch er, wie die Figur aus seinem Song, aus dem weit entfernten Georgia, aber er war kein armer Kerl, der keinen Job findet, dessen Hoffnungen enttäuscht wurden, der sich fragt, wieso er eigentlich diese weite Reise gemacht hat, die doch nichts an seinem Schicksal änderte – im Gegenteil.  Für Afroamerikaner gab es damals ziemlich genau zwei Möglichkeiten, aus dem Elend aufzusteigen: Sport und Musik. Otis Redding war ein äußerst talentierter Komponist und ein wunderbarer Sänger, der gerade begann, ziemlich bekannt zu werden. Seit fünf Jahren verheiratet – als er seiner Frau begegnete, war sie achtzehn und er neunzehn – vierfacher Vater, immerhin bereits Besitzer eines Kleinflugzeugs. Er hatte eine recht erfolgreiche Europa-Tournee hinter sich, war beim berühmten Monterey Pop Festival aufgetreten. Alles, was jetzt noch fehlte, war ein ganz großer Hit.Der wunderbar traurige Song, in dem die Bewegung der Wellen enthalten ist, wurde einige Monate später, am 7. Dezember, in Memphis, Tennessee, aufgenommen. Otis hatte sich kurz vorher die Polypen entfernen lassen, und im Studio meinten alle, seine Stimme habe noch nie besser geklungen. Übrigens fehlten zum Schluss noch ein paar Zeilen – die würden ihm später einfallen. Jetzt wurde das Lied erstmal so aufgenommen und Otis pfiff, improvisierend, im letzten Teil zunächst mal ein bisschen. (Und da waren sich alle einig, dass er nicht besonders gut pfeifen konnte.)

Drei Tage später, am 10. Dezember 1967, flog der Sänger mit seiner Band in seiner Privatmaschine nach Wisconsin zu einem Konzert. Die leichte Beechcraft geriet in ein Unwetter und stürzte ab.

Otis Redding starb mit 26 Jahren.

‚Sittin’ on the Dock of the Bay‘ erreichte sofort Platz eins der amerikanischen Billboard-Charts. Das Lied hielt sich über Wochen in den Hitparaden der ganzen Welt. Redding wurde gleich nach seinem Tod einer der erfolgreichsten Soulsänger aller Zeiten. Man nennt ihn inzwischen King of SoulDie letzte Zeile im Song bekam keinen Text mehr. Es blieb bei diesem etwas unsicheren Pfeifen, das so besonders gut wiedergibt, dass der einsame Mann auf dem Dock vergeblich versucht, ein bisschen optimistisch zu sein …

Ich sitz in der Morgensonne
Ich werd hier noch sitzen, wenn der Abend kommt
Beobachte die Schiffe, die einlaufen
Und dann beobachte ich, wie sie wieder wegfahren

Ich sitz auf dem Dock der Bucht
Guck zu, wie die Flut fällt
Ich sitz auf dem Dock der Bucht
Verschwende die Zeit

Ich verließ mein Zuhause in Georgia
Machte mich auf den Weg zur Frisco Bay
Denn ich hab nichts, wofür es sich zu leben lohnt
Scheint, es würde nichts auf mich zukommen – also

Sitz ich einfach auf dem Dock der Bucht
Beobachte, wie die Flut fällt
sitz auf dem Dock der Bucht
Verschwende die Zeit

Sieht aus, als würde sich nichts ändern
Alles scheint gleich zu bleiben
Ich kann nicht tun, was zehn Leute mir sagen
Also schätze ich, ich bleib derselbe

Ich sitz hier und ruh meine Knochen aus
Und diese Einsamkeit wird mich nicht verlassen
Zweitausend Meilen hab ich zurückgelegt
Bloß um dieses Dock zu meinem Zuhause zu machen

Jetzt sitz ich einfach auf dem Dock der Bucht
Guck zu, wie die Flut fällt
Sitz auf dem Dock der Bucht, verschwende die Zeit …

Glücksfaktor: Dass es möglich ist, Stimmen für die Nachwelt zu speichern!

Posted by admin on 18. Januar 2023

Der Meteorid Tagish Lake: Plumps!

Im Jahr 2000, in den frühen Morgenstunden des 18. Januar, zog unter lautem Donnern eine leuchtende Feuerkugel über Kanadas Himmel, zunächst als rötlicher Streifen, später als weißer Proppen. Ganz im Norden British Columbias krachte das Ding auf die dicke Eisschicht eins Sees, des Tagish Lake, und zerfiel in mehr als 400 Teile. 

Die Leuchtkugel, die so temperamentvoll unseren Planeten besuchte, erhielt praktischerweise gleich den Namen ihres Einschlagsortes: Sie war von nun an der Meteorid Tagish Lake

Ein Anwohner der Gegend fuhr mit seinem LKW über den zugefrorenen, schneebedeckten See und entdeckte dabei einen ziemlich großen schwarzen Stein – und anschließend noch mehrere andere. Er war darüber informiert, wie man Komententeile einsammelt, vermied es, die Brocken mit bloßen Händen anzufassen und steckte sie vorsichtig in eine saubere Plastiktasche. Außerdem hielt er seine Fundstücke gefroren, bis er sie den Wissenschaftlern ablieferte. Was diese ganz außerordentlich freute, weil sie dadurch ohne irdische Verschmutzung an den Kometenteilen forschen konnten.

In den vielen gut erhaltenen Bruchstücken fanden sich Bestandteile, die in ihrer Zusammensetzung einem Kometenkern ähnelten, der vermutlich aus dem Asteroidengürtel in den Umlaufbahnen von Jupiter und Mars stammte.

Ursprünglich wird der Gast aus dem All einen Durchmesser von ungefähr sieben Metern gehabt haben und eine Masse von 200 bis 250 Tonnen. Insofern finde ich es ausgesprochen rücksichtsvoll von ihm, sich nachts an einer so zurückgezogenen Stelle fallen zu lassen, statt beispielsweise am hellen Vormittag auf einem Schulhof in der großen Pause – was ihm ja auch möglich gewesen wäre.

Darüberhinaus war es auch smart, im Januar in dieser Ecke der Welt zu Boden zu kommen. In Ägypten Anfang August wäre es bedeutend schwieriger gewesen, an gefrorenen Teilen zu forschen.

Außer solchen Sachen wie Stickstoff, Kohlenstoff und Schwefel enthielt der Meteorid ungewöhnlich viele Nanodiamanten, von denen man annimmt, sie könnten bei der Explosion einer Supernova noch vor dem Entstehen der Erde entstanden sein. 

Es sieht so aus, als sei Tagish Lake (trotz seines jugendlichen Schwungs) ein sehr, sehr alter Besucher aus dem Weltraum. Im Moment schätzen Wissenschaftler – nach neuesten Erkenntnisse von 2022 – er sei vor ungefähr 4,5 Milliarden Jahren geboren worden, also in der Frühzeit unseres Sonnensytems. 

 

Glücksfaktor: Geschicktes Timing bei Besuchen …

Posted by admin on 16. Januar 2023

Dirty old Town

 

Dieses sehr bekannte Lied ist unendlich oft gecovert worden, natürlich auch von den Dubliners – weshalb viele Menschen glauben, es sei ein alter traditioneller irischer Volksong und er bezöge sich auf Dublin.

Tatsächlich entstand es 1949 in der Stadt Salford in Lancashire, das ist im Nordwesten Englands. Und der Schöpfer der Ballade, Ewan MacColl, der hier geboren und aufgewachsen ist, bezog sich ganz und gar auf diese hässliche, dreckige Industriestadt.

Zwei Männer haben im 19. Jahrhundert gewissermaßen den Kommunismus erfunden, die beiden rauschebärtigen Deutschen Friedrich Engels und Karl Marx, beide in London gestorben. Engels seinerseits war Teilhaber einer Baumwollspinnerei bei der Hafenanlage in Salfords, und er beschrieb die Slums dieser Stadt ganz besonders erschüttert in seinem Werk Die Lage der arbeitenden Klasse in England als unendlich ärmlich und dreckig.

So muss das auch Ewan MacColl empfunden haben, wenn er in einer Art Hassliebe seine Heimatstadt schilderte – samt dem Wunsch, sie mit einer Axt zu zertrümmern …


Ich begegnete meiner Liebe an der Mauer des Gaswerks
Träumte einen Traum am alten Kanal
Ich küsste mein Mädchen an der Fabrikmauer
Dreckige alte Stadt
Dreckige alte Stadt
Die Wolken treiben über den Mond
Katzen schleichen in ihrem Revier herum
Der Frühling ist ein Mädchen von der Straße bei Nacht
Dreckige alte Stadt
Dreckige alte Stadt
Ich hörte eine Sirene von den Docks
Sah, wie ein Zug die Nacht in Feuer setzte
Ich roch den Frühling im rauchigen Wind
Dreckige alte Stadt
Dreckige alte Stadt
Ich werde mir eine gute, scharfe Axt machen
Glänzender Stahl, gehärtet im Feuer
Ich werde dich niederschlagen wie einen alten, toten Baum
Dreckige alte Stadt
Dreckige alte Stadt …

 

Glücksfaktor: Aus einer hässlichen Kulisse ein wunderschönes Lied zu machen!

 

 

 

 

Posted by admin on 14. Januar 2023

Rezept für vegetarisches Pho Bo

Bevor mein Sohn nach Malta zog, als er noch nicht Veganer war (und noch nicht mal Vegetarier), trafen wir uns öfter in Hamburg. Er zeigte mir ein Vietnamesisches Restaurant beim Schlump, in dem es hervorragende Suppen gab: Pho. Reisbandnudel-Suppe mit dünnen Scheiben von Rindfleisch, dann hieß die Suppe Pho Bo, oder Hühnerfilet, dann hieß sie Pho Ga. Zu einem großen Napf mit Nudeln und Fleisch wurden Tellerchen gereicht mit Koriander, Minze, Limetten und Chilis.

Traditionell ist Pho ein Frühstücksgericht. Das gefällt mir, weil ich zum Frühstück nichts Süßes mag, sondern am liebsten gebratenes Ei, Tomanten und Pilze – also warme, salzige Sachen.Ich könnte ohne weiteres Bratkartoffeln frühstücken.

Wir gönnten uns damals unsere Pho-Suppenschüsseln, Arne mit Huhn, ich mit Rindfleisch, gern am späten Vormittag. Die festen Bestandteile werden mit Stäbchen herausgefischt, die Suppe  geschlürft. Ich mochte anfangs den eigenwilligen Koriander-Geschmack nicht, war jedoch lernwillig (generell eine empfehlenswerte Methode, sich den Genüssen des irdischen Lebens anzunähern) und bin inzwischen ganz wild auf Koriander.

Nachdem mein Sohn ausgewandert war, habe ich diese schöne Sitte vermisst – und dann, als er wieder zurück kam, rechnete ich mit keiner Wiederholung, denn nun war er ja Veganer.

Aber! dann lud Arne mich in Hamburg in ein veganes Restaurant ein, in dem es ein richtig gutes Pho gab – mit gefaktem Fleisch.

Viele Nicht-Vegetarier bekommen eigenartigerweise immer einen Kamm, wenn sie davon hören, dass Menschen, die kein Fleisch mehr zu sich nehmen, nun jedoch Fleisch-Ersatz essen. Aus irgendeinem Grund erbost es Fleischesser, davon zu hören, dass es vegetarische Wurstsorten oder Braten gibt. Sie finden, wenn jemand schon auf Fleisch verzichtet, dann darf er auch nichts mehr genießen, was so aussieht, so heißt oder so schmeckt. Dann soll er zur Strafe von jetzt ab nur noch Kräuter und Körner bekommen.

Ich verstehe das nicht ganz. Es geht ja beim veganen Leben in erster Linie darum, Tiere zu schonen, sie nicht zu töten oder auszunutzen. Was ist verkehrt daran, schmackhaften Ersatz zu schaffen, der keinem Tier etwas tut?

Dieses Pho Bo auf vegane Art also schmeckte mir über alle Maßen gut. Es schmeckte sogar, das ist die reine Wahrheit, entschieden besser als das ursprüngliche, tierische Pho Bo.

Der Rindfleischersatz bestand in diesem Fall aus Seitan. Das ist im Wesentlichen Weizen-Eiweiß. Dazu wäre zu bemerken, Weizeneiweiß ist Gluten. Das bekommt also leider nicht jedem. Wer das Glück hat, es zu vertragen, der dürfte mit mir übereinstimmen: richtig zubereitet schmeckt es köstlich.

Ich habe es mir kürzlich in einem großen Bio-Discounter besorgt, eine Packung mariniertes Seitan. Das sollte, damit es sich nicht gummiartig kaut, soviel ich erfahren konnte, mindestens eine halbe Stunde gegart werden.

Ich habe zunächst für den Löwen und mich eine Art Gulasch daraus gemacht – mit großem Erfolg.

Einen Kanten ließ ich übrig, weil ich versuchen wollte, mal selbst Pho Bo vegetarisch zuzubereiten. (Vegan hielt ich für etwas vermessen; ich weiß nie so genau, was ich dazu eigentlich nehmen kann und was nicht.)

Als der Löwe Spätdienst hatte – was bedeutet, sie werfen ihm am Arbeitsplatz eine Gazelle vor – ging ich ans Werk.

Den Kanten mariniertes Seitan schnitt ich in möglichst feine Scheiben, die ich in einem Töpfchen mit Gemüsebrühe dreißig Minuten köcheln ließ und dann aus der Brühe holte.

Inzwischen weichte ich die Reisnudeln zunächst kalt ein (12 Minuten) und kochte sie schließlich weich – 15 Minuten.

Die Gemüsebrühe schmeckte ich mit weißem Pfeffer, Sternanis und Sojasauce ab, ließ in dünne Scheibchen geschnittene Zwiebel- und Lauchringe einige Minuten mitkochen und warf vor allem eine große Handvoll Koriander hinein. Zum Schluss kam das Seitan hinzu.

Es wurde richtig, richtig gut!

Glücksfaktor, ziemlich häufig: Fake …