Heute

Posted by admin on 17. Oktober 2021

Ein Hund: Athos

Mein Vater war ein sehr einsamer kleiner Junge.

Seine Mutter war direkt nach seiner Geburt getürmt – mit dem Prokuristen ihres Mannes, denn, wie sie sagte: „Es reist sich besser in männlicher Gesellschaft.“

Die Seiferts waren eigentlich renommierte Bürger in Altenburg, ihnen gehörte die große Drogerie in der Baderei. Nun wurde geklatscht und meine Urgroßmutter, also Paulchens Großmutter Wilhelmine, musste die Nase sehr hoch tragen. Das war vorher schon nicht leicht gewesen.

Ihr Mann, Fürchtegott Seifert mit dem zweigeteilten Bart, hatte einen an der Waffel und saß seit einigen Jahren in der Klappse. Das war ja auch peinlich. Ihr jüngerer Sohn Ernst machte seinem Namen keine Ehre, indem er zum fünften Mal verheiratet war – viermal geschieden! Das im Jahr 1911.

Nun auch noch die junge Frau ihres Ältesten, Emil, durchgebrannt. Emil sollte eigentlich die Drogerie führen. Saß jedoch meistens klimpernd am Klavier und trank den gesamten Rotwein aus dem Keller. Und zu allem Übel der tüchtige Prokurist weg!

Wilhelmine, für damalige Zeiten eine Gigantin mit 1.80 Körperhöhe, länger als alle Zeitgenossen, führte den großen Haushalt mit fünf Hausmädchen und Kutscher, leitete die Drogerie (einer musste es ja machen) mit zwei Verkäufern und erzog, so gut es ging, nebenbei das Paulchen. Das Kind war viel zu traurig und altklug und las mit sechs Jahren schon immer Bücher für Erwachsene.

Schließlich bekam der Junge, um mehr draußen rumzutollen, um einen Kameraden zu haben und weitere Kameraden zu finden, einen Hundewelpen.

Das war Athos. Denn es war zu erwarten, dass seine kurzen Ohren sich zu schulterlangen Locken auswachsen würden, der Frisur eines Musketiers.

Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Dieser Hund durfte im Bett seines Herrn schlafen – danach fragte keiner, es wurde dem Kind überlassen.

Als Großmutter Wilhelmine jedoch eines Tages bemerkte, dass Paulchen gemeinsam mit Athos aus dem Hundenapf futterte, wurde sie böse. Diese angestrebte Kameradschaft ging zu weit. Übrigens hatte sie auch nicht dazu geführt, wie erhofft, dass der kleine Paul sich mehr mit anderen Kindern abgab. Stattdessen blieb Athos sein einziger Kumpel.

Nun kam die härtere Methode: Der Junge wurde in einem Internat angemeldet. Da durfte der Hund nicht mit und sollte deshalb abgeschafft werden.

Darüber informiert, weinte und brüllte mein achtjähriger Vater einen Tag und eine Nacht lang, bis er heiser war und darüber hinaus. Dann dufte Athos im Haus bleiben. Eins der Hausmädchen hatte sich erbarmt und angeboten, sich eben um das Hundchen zu kümmern, Gassi-Gehen und füttern – gegen ein sehr geringes Aufgeld –  solange der Junge nicht zu Hause war.

Athos und Paul verabschiedeten sich herzzerreißend voneinander und tobten entsprechend vor Wiedersehensfreude bei jedem Ferienbeginn.

Als mein Vater 18 war, schmiss er die Schule, statt wie erwartet Abitur zu machen und Pharamazie zu studieren. Er klemmte sich Athos unter unter den Arm, fuhr nach Berlin zu seiner Mutter, die inzwischen ein gutgehendes  Korsagengeschäft führte und ließ sich von ihr für Volljährig erklären – eigentlich ziemlich unmöglich, da sie kein Sorgerecht für ihn besaß, aber sie war befreundet mit einem entsprechenden Anwalt und Notar, der das Kunststück hinbekam. Vielleicht tat sie das mehr, um die Seiferts nochmal zu ärgern als für ihren Sohn, den sie kaum kannte.

Und mein Vater zog mit seinem Spaniel in ein Zimmer in der großen Stadt und begann sein Leben als Erwachsener – freischaffender Künstler – mit Hund …

Glücksfaktor: Einer für beide, beide für einen.

 

 

 

Posted by admin on 16. Oktober 2021

Ein Hund: Mollie

Mein Großvater brachte sie eines Tages mit nach Hause, eine wohlgerundete, dackelartige Hundedame. Das war im Jahr 1920, zwei Jahre nach dem Ende des ersten großen Krieges und eigentlich eine karge Zeit. Als streunender Hund nicht abgemagert, sondern ‚mollig‘ zu sein, sprach für einige Raffinesse. Vielleicht war sie überhaupt kein Streuner?

Doch mein Großvater beteuerte, sie sei ihm nachgelaufen. Und sie wirkte ganz so, als wollte sie bleiben.

Die Familie in der Etagenwohnung in Berlin-Charlottenburg bestand aus diesem Familienvater, seiner elf Jahre älteren, sehr zierlichen, sehr temperamentvollen, sehr gescheiten Frau Maria (als Romni geboren) und ihren drei Töchtern Vera, Erika und Ursula. Letztere war meine Mutter, die Jüngste, die Niedlichste, die Charmanteste und Frechste.

Ich glaube, ich brauche nicht zu sagen, an welcher Stelle sie sitzt. Als Mollie die überwiegend weibliche Familie vervollständigte, war die kleine Ursi fünf Jahre alt.

Wenn man zwei komplizierte große Schwestern hat, die meistens zusammenhalten und die neidisch darauf sind, wenn Mama die Jüngste bevorzugt – wenn Mama Schneidermeisterin ist mit zwei angestellten Näherinnen und alles praktisch allein wuppen muss: die Firma, den Haushalt und den Mann, der schlecht damit klar kommt, dass seine Frau der Boss ist – dann braucht man eine Freundin. Ursi und Mollie konnten viel miteinander anfangen. 

Ich hab diesen Hund natürlich nie selber kennengelernt. Aber meine Mutter hat so häufig von ihm erzählt, dass Mollie mir irgendwie immer vorkam wie eine alte Bekannte.

Auf dem Foto sitzt der Hund zwar auf Veras Schoß – aber die musste ganz schön festhalten, damit Mollie ihr nicht entflutschte. Das Tier galt offziell als ‚Hund der Familie‘, doch eigentlich war sie Ursis Hund. Ursi ging einstweilen noch nicht zur Schule und bot sich gern an, ‚den Hund auszuführen‘. Später war das dann eine Selbstverständlichkeit, dazu hatte sowieso kein anderer Lust. 

Wenn die großen Schwestern es jetzt allerdings wagten, ‚die Kleene‘, weil sie frech war, wie gewohnt zu schubsen, dann begann Mollie ein schrilles, nervtötendes Gekläff, um Ursi zu verteidigen. Sie wollte auch gern bei ihr im Bett  schlafen, doch das war verboten. Weshalb meine Mutter sich in den ersten drei Schuljahren, solange sie noch klein genug war, nachts oft mit in den (zu großen, weil von Nachbarn geerbten) Hundekorb quetschte, um da zu übernachten.

Acht Jahre später war Mollie grau um die Schnauze, hatte Probleme mit den Treppenstufen bis zum dritten Stock und sollte ‚eingeschläfert‘  werden. Da packte meine Mutter nachts ihre Sachen, knipste die alte Hundedame an die Leine und verschwand in der stockfinsteren, neonflackernden Berliner Großstadtnacht, Richtung Bahnhof Zoo.

Ihre Mutter hatte ein merkwürdiges Gefühl, als sie gegen drei aufwachte. Sie erhob sich leise, entdeckte das zertrümmerte Porzellan-Sparschwein und das fehlende Köfferchen, zog sich hastig an und fand instinktsicher den richtigen Bahnhof. Da saßen Ursi und Mollie auf einer Bank in der großen Halle, zitterten im Gleichtakt und überlegten, wohin in der Welt sie für 17 Mark und fuffzig Pfennje ausrücken sollten.

Meine Großmutter versprach Begnadigung, schimpfte beinah gar nicht und holte die beiden  Mädchen, das sehr junge und das ziemlich alte, nach Hause zurück. Sie erklärte der Familie, das Sparschwein sei aus Versehen von der Kommode gefallen. Und sie telefonierte den Tierarzt ab. Da hatten sich alle zu fügen: Sie maß zwar nur einen Meter fünfundfünfzig, aber sie war der Boss.

Mollie lebte noch drei weitere Jahre. Meine Mutter trug sie von da ab einfach die Treppe hinauf und hinunter, dankbar dafür, dass es sich um eine Art Dackel und keinen  Neufundländer handelte.

Glücksfaktor: Das ist ja ganz praktisch mit dem ‚Einschläfern‘ – sollte jedoch wirklich gründlich erwogen werden.

P.S. Und wenn ich jetzt die Geschichten all dieser Hunde erzähle, dann werde ich bitte jedes  Mal den Schluss weglassen. Es ist traurig genug, dass sie normalerweise so viel kürzer leben als wir. Ich möchte den Schmerz nicht extra schildern …

Posted by admin on 13. Oktober 2021

Am 13. Oktober 1916 wurde in Dresden eine Katzensteuer erhoben!

Genauer gesagt in einer Gemeinde bei Dresden, die erst seit 1921 ein Stadtteil ist: Blasewitz. Begründung für diese neue Regelung: ‚Als Maßnahme im Kampf gegen unerwünschte Mitesser in den Notzeiten des Krieges.‘ Denn das spielte sich im ersten Weltkrieg ab.

Unerwünschte Mitesser!!!

Wer eine Katze besaß, der hatte 5 Mark abzugeben. Zwei Katzen zu halten kostete das Doppelte, ein Katzenbesitzer musste dann bereits 15 Mark abgeben – und jede weitere Katze kostete 15 Mark! (Nach heutigem Wert in Euro etwa das Dreifache.)

Diese Steuer wurde zwar nicht lange beibehalten – doch ab dem 1. April 1930 ließ es sich Dresden – und zwar diesmal die gesamte Stadt – einfallen, schon wieder Katzen zubesteuern! Diesmal hieß es: „Auf Grund der ungünstigen Wirtschaftslage„.

Inzwischen kostete eine Katze ihren Besitzer 12 Mark (nach heutigem Wert beinah das 4-fache!), sowie 24 Mark für jede weitere Katze. Was machten arme Leute mit ihren Katzen? Einfach nur wegjagen oder gleich in die Bratpfanne? Auf jeden Fall verringerte sich der Katzenbestand gewaltig und die Stadtkasse verzeichnete trotzdem gute Einnahmen.

Auch die zweite Katzensteuer in Dresden dauerte höchstens zwei Jahre.

Nun, diese Stadt gilt als eine der schönsten Deutschlands, mit herrlichen (restaurierten) Bauwerken, knisternd vor Geschichte und überschwappend von Kultur.

Aber Katze möchte ich da nicht sein!

 

Glücksfaktor: Miau.

 

 

 

 

Posted by admin on 12. Oktober 2021

Liebes Söhnchen!

Ich schrieb dir, als ich dir ein Bild vom Silvester 1983 schickte: „Wir waren ein gutes Team!“

Und du hast geantwortet: „Das sind wir noch.“

Es ist wahr. Wir hatten in den letzten 42 Jahren wenig Ärger miteinander. Normal ist das nicht. Normal sind, soviel ich weiß, Aufs und Abs, Liebe und Verstehen, aber dazwischen auch Ärger und Wut. Davon hatten wir – ich will mich nicht darüber beklagen – erstaunlich wenig. Wir haben uns gegenseitig immer beigestanden, wir konnten uns jederzeit aufeinander verlassen. Und das war gegenseitig. Seit du denken und laufen und reden konntest, hast du immer wieder bewiesen, was für ein ungewöhnlich loyaler Freund du bist.

Wir teilen durchaus nicht dieselbe Weltanschauung oder dieselben Ansichten, aber das tut nichts, deswegen sind unsere Gespräche vielleicht sogar besonders interessant. Auf jeden Fall haben wir dieselbe Art Humor. Ich glaube, ich habe mit keinem Menschen in meinem Leben derart viel gelacht wie mit dir.

Inzwischen ist einer deiner Füße so groß wie du anfangs im Ganzen gewesen bist. Und nachdem ich dich in den ersten Jahren nach Ansicht deiner Großmutter viel zu viel getragen habe, hast du mich in den letzten Jahren häufiger hochgehoben.

Du warst kein Wunschkind, sondern eine Überraschung des Schicksals – die beste Überraschung, die ich je hatte. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Söhnchen!

Glücksfaktor: Ja!

Posted by admin on 11. Oktober 2021

Der Schwarze Prinz heiratete am 11. Oktober 1361 seine Tante

Und zwar aus Liebe. Das war ziemlich ungewöhnlich.

Erstens hätte er – mit richtigem Namen Eduard Plantagenet oder Edward of Woodstock – sich vorrangig aus politischen Gründen vermählen sollen, ein Bündnis schließen über das Ehebett. Er war der älteste Sohn des englischen Königs, er war Prince of Wales und Thronfolger. Da  folgte man nicht einfach einer persönlichen Neigung.

Zweitens war er, was das anging, empörend spät dran. Die Menschen des Mittelalters besaßen eine geringe Lebenserwartung. Weil das Leben kurz war, musste man es rechtzeitig nutzen. Geheiratet wurde von Männern durchschnittlich ab dem 17. Lebensjahr. (Der Vater des Schwarzen Prinzen, König Edward III., war, völlig normal, siebzehn Jahre älter als sein Ältester.) Frauen waren noch früher dran, häufig mit 14 Ehefrau und vor dem 20. Lebensjahr Mutter vieler Kinder, sofern sie die Geburten überlebten. 

Der Schwarze Prinz – ach so, ja, wieso hieß er eigentlich so? Es ist unklar, ob er die Bezeichnung seiner schwarzen Rüstung oder seiner schwarzen Seele verdankte, letzteres auf jeden Fall in den Augen seiner Feinde. Ein eventuell einigermaßen stimmiges Portrait aus mittleren Jahren zeigt ihn mit rotbraunem Bart, was dafür spricht, dass seine Haarfarbe jedenfalls  nicht gemeint war.

Der Schwarze Prinz also hatte immerhin ohne großes Rumtrödeln früh damit angefangen, sich auf dem Schlachtfeld einen berühmten Namen zu machen. In dem verbissenen, endlosen Krieg, in dem England hundert Jahre lang versuchte, sich Frankreich unter den Nagel zu reißen, zeichnete er sich in sehr jungen Jahren bereits als genialer Stratege und mutiger Kämpfer aus.

1346, ganz am Anfang dieses Krieges, tobte die Schlacht von Crécy, in der das zahlenmäßig enorm unterlegene englische Heer den Sieg errang. Hier befand sich der sechzehnjährige Prinz in leitender Position und machte seine Sache hervorragend. (Also an ihm lag es nicht, dass Frankreich zum Schluss Frankreich blieb und keine englische Kolonie wurde.)

Unter seinen Feinden befand sich einer, den Edward Woodstock sehr bewunderte und respektierte. Das war Johann, König von Böhmen, Graf von Luxemburg. Er hatte viele Lanzenturniere ebenso kraftvoll wie elegant gewonnen, von ihm hieß es, er sei die Blüte der Ritterschaft, unvergleichlich edel und gerecht. (Kein Wunder, er war im Sternzeichen des noblen Löwen geboren.)

Durch ein erbliches Augenleiden war Johann in seinem fünfzigsten Lebensjahr vollständig erblindet, was ihn nicht hinderte, mitten ins Getümmel zu reiten –  wo er natürlich erschlagen wurde. Am Abend nach der Schlacht bemerkte der schwarze Prinz den König von Böhmen. Er beugte das Knie vor dem Toten, sagte: „Dort liegt der Fürst des Rittertums, doch er stirbt nicht“, nahm die Helmzier Johanns, drei Straußenfedern mit der Aufschrift ‚Ich dien‘ und machte sie von da ab zu seiner eigenen.

Bis heute befindet sich dieser deutsche Wahlspruch mit den drei Federn im Wappen des Fürsten von Wales (aktuell Charles Windsor, der 21. Prince of Wales).

Inzwischen hatte der schwarze Prince also das mittlere Alter von 31 Jahren erreicht und ging nun endlich auf Brautschau. Und wen suchte er sich aus? Seine Tante Joan, mit 33 Jahren für damalige Begriffe eine alte Schachtel, dazu bereits zweimal verheiratet gewesen und Mutter  von vier Kindern! Zwar galt sie, trotz ihres hohen Alters, als eine der schönsten Frauen Englands und ihrer Zeit – ihr Beinahme lautete The Fair Maid of Kent – und sie soll geistreich, witzig und warmherzig gewesen sein. Aber trotzdem! Eine so betagte Dame und die eigene Tante?

Doch es war offenbar eine wirkliche Liebesheirat und das alte Mädchen bekam noch zwei Söhne, von denen einer, Richard, auf den englischen Thron gelangte.

Sein Vater, der schwarze Prinz, schaffte das nicht. Nicht jeder Prince of Wales wird König. Edward hatte immerhin vierzehn gemeinsame Jahre mit seiner Joan. Sie lebten in Bordeaux auf einem prächtigen Schloss, ihre Gäste waren bevorzugt Wissenschaftler und Künstler. Später zogen sie nach England um, in einen Palast in Westminster. 

Am Ende seines Lebens litt der Schwarze Prinz jahrelang an der Ruhr, was ihn sehr mager und verständlicherweise verdrießlich machte. Er starb wenige Tage vor seinem 46. Geburtstag.

Seine Tante und Ehefrau, die schöne Maid von Kent, überlebte ihn um zehn Jahre. In dieser Zeit wurde sie, im Gegensatz zum schwarzen Prinzen, überaus beleibt.

Glücksfaktor: eine etwas längere Lebenserwartung …

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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