Heute

Posted by admin on 5. August 2022

Barbara Strozzi

wurde Anfang August 1619 in Venedig geboren. Eine Löwin also, und irgendwie, ich kann mir nicht helfen, macht ihr Portrait ihrem Namen alle Ehre. Barbara sang Sopran und schuf Barock-Kompositionen. 

Dass sie sang, war nicht besonders merkwürdig, denn auf diese Art durften Frauen der Kunst dienen – mit Betonung auf Dienen, passiv. Dass sie allerdings komponierte, also aktiv schöpferisch tätig sein wollte, war ein Ding und wurde von nicht wenigen männlichen Zeitgenossen in Frage gestellt. Bis ins  19. Jahrhundert komponierte ein Weib gefälligst nicht! Und dennoch leistete Barbara Strozzi einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung  der Kammerkantate.

Ihr Vater war der reiche und angesehene Dichter und Librettist (und übrigens auch Jurist) Giulio Strozzi, ihre Mutter seine schöne Hausangestellte La Greghetta. Giulio verzichtete darauf, die Angestellte zu heiraten, weil sie vermutlich unter seinem Niveau lag. Warum sollte er auch? Den Haushalt führte sie sowieso und seine Kinder bekam sie ebenfalls.

Diese Tochter allerdings war etwas Besonderes. Giulio adoptierte das kleine Mädchen, gab ihm  seinen Namen, ließ der Kleinen eine gute Erziehung zukommen und bemerkte sehr früh ihre Begabung. Als Zwölfjährige bereits sang sie hervorragend, sich dabei auf der Laute begleitend.

Vater Strozzi gründete 1637 die „Accademia degli Unisoni“, die Akademie der Einstimmigkeit, die heute noch, in Perugia, existiert. Sein Haus war Treffpunkt für Musiker und Literaten, die diskutierten, aus ihren Werken lasen und musizierten. Und natürlich trat hier seine Tochter auf.

Über ihre allererste Komposition, „Il primo libro de madrigali““ schrieb Barbara: Das erste Werk, das ich, als eine Frau, so kühn und wagemutig, ans Tageslicht gebracht habe. Natürlich unterstützte  Papa sie dabei, ihre Werke in Druck zu geben. Acht Bände wurden es schließlich, vor allem weltliche, bis zu fünfstimmige Vokalmusik – Madrigale, Arien und Kantaten, mehr als 125 Einzelstücke sind erhalten geblieben.

Die meisten Lieder Barbara Strozzis beschäftigen sich mit der Liebe, speziell mit Liebeskummer. Sie konnte wahrscheinlich auf jede Weise ein Lied davon singen: Ihre Passion war ein vierzehn Jahre älterer verheirateter Graf, Giovanni Paolo Vidman. Zwar schenkte sie ihm vier Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter, zwar unterstützte er sie finanziell – doch sie blieb halt nur seine Geliebte, wohnte weiter im Haus des Vaters samt ihrer vier Kinder.

Mit 58 Jahren starb die Komponistin. 

Riesengroßen Erfolg erntete sie zu Lebzeiten nicht – jetzt, 500 Jahre später, findet sie zunehmend Anerkennung.

Glücksfaktor: Man muss nur warten können …

 

 

Posted by admin on 2. August 2022

London Bridge is not yet down

Unsere Elbe hält sich ja einigermaßen zurück, bleibt hübsch im Hafen und überlässt es der Alster, Hamburg optisch ansprechend zu umwässern.

River Thames, die Themse, fließt breit und frech mitten durch Londons City und benötigt deshalb etliche sehr lange Brücken, um den urbanen Verkehr fließen zu lassen, quer zum Fluss.

Wer ‚London Bridge‘ hört, der stellt sich unwillkürlich ein Bauwerk mit trutzigen Türmen vor – das ist falsch; bei dem Ding handelt es sich um die Tower-Bridge. Die London Bridge aus schlichtem Beton sieht dagegen eigentlich (inzwischen) ziemlich unspektakulär aus.

Foto: ChiralJon

Gleichwohl ist sie die Älteste von allen – wirklich furchtbar alt. Na gut, nicht ganz sie selbst, aber ihre Vorgängerinnen. Die erste entstand so etwa im Jahr 46, war aus Holz und wurde natürlich von den Römern, den damaligen Besatzern Britanniens, gebaut. 

König Aethelred ließ sie 1014 niederbrennen, um dem bösen Eroberungs-Wikinger Sven Gabelbart den Zutritt zu erschweren. Etwa 80 Jahre später zerstörte ein Unwetter, und 1136  ein weiterer Brand die Brücke. Was beweist, dass sie jedesmal wieder neu erbaut worden war.

König John Lackland, der unnütze kleine Bruder von Richard Löwenherz, eröffnete die erste  steinerne Fassung der Brücke. Er hatte dann den Einfall, Mietshäuser darauf zu errichten.  

Lange Zeit, durch Jahrhunderte hindurch (bis man die Westmindster Bridge 1750 eröffnete), bog sie sich stolz als einzige Brücke Londons über den Fluß. Vom 12. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zeigte sie sich mit mehrstöckigen Häusern und Ladengeschäften dicht bebaut.

Im Mittelalter hatte sogar ein Lanzenturnier auf der London Bridge stattgefunden! Seit dieser Zeit  auch schmückten immer wieder auf Holzstangen aufgespießte Köpfe von Übeltätern oder Verrätern die Brücke. (Manche der Kopfbesitzer, wie Thomas More, sind inzwischen Heilige.) 1595 berichtete ein deutscher Tourist beeindruckt von mehr als 30 Köpfen, die auf der London Bridge vor sich hin verwesten.

Konig Charles II. räumte 1660 bei seinem Regierungsantritt mit dieser malerischen Sitte auf, da ihn die Deko zu schmerzlich an seinen – vom Volk geköpften – Vater erinnerte.

Weil’s so lange keine weitere Brücke von einem Stadtteil in den anderen gab, verstopfte der ungeordnete Wagen-, Karren- und Kutschenverkehr schließlich derart die Straße zwischen den Häusern, dass der Bürgermeister von London 1722 eine neue Anordnung erließ: Alles, was Räder hatte und aus Southwark Richtung City unterwegs war, musste auf der Westseite fahren. Wer in entgegengesetzter Richtung rollte, der bitte auf der Ostseite. Was den Engländern so gut gefiel, dass sie bis heute beim Linksverkehr geblieben sind.

Mit dem Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Brücker wieder einmal erneuert. Immerhin war sie in dieser Form inzwischen 600 Jahre alt, zunehmend baufällig und zu eng. Im August 1831 war sie fertig, ein Stückchen neben der alten, die nun abgerissen wurde. Sie bestand aus Granit und war fast 16 Meter breit.

Weil London sich jedoch weiter bevölkerte, reichte das nach kaum hundert Jahren wieder nicht. Man verbreiterte die London Bridge im Jahr 1904 um vier Meter.

Jetzt knarrten allerdings die Fundamente: Leider sank die Brücke etwas unregelmäßig in den Fluß, langsam, aber sicher. 1924 lag die Ostseite vier Zoll tiefer im Wasser als die Westseite.

Um es kurz zu machen: Das Band vor der derzeitigen London Bridge schnippelte Königin Elizabeth II. im März 1973 durch. Sie besteht aus Beton – also die Brücke – und besitzt eine Breite von 32 Metern. Eigentlich könnte man schon wieder Häuser drauf bauen. 

Wer weiß, wie lange sie hält und aus welchem Material sie (if men are still alive) in hundert Jahren sein wird? Seit 1659 singen englische Kinder:

London Bridge is falling down,
Falling down, falling down.
London Bridge is falling down,
My fair lady …

Im Prinzip kann man davon ausgehen, dass sie wieder aufgebaut wird.

Aber! Es gibt noch einen weiteren interessanten Aspekt zu dieser überaus zählebigen Brücke und der heißt Operation London Bridge.

Dies ist der Codename für den Fall, dass die Queen doch sterblich sein sollte und eines Tages dem Ruf ihrer Ahnen folgt. Seit den 60er-Jahren wird der Plan immer mal überarbeitet und den Verhältnissen angepasst. Auf jeden Fall gibt er vor, wie es im englischen Königreich zugehen wird, falls dieser Trauerfall eintritt. Das betrifft bitte nicht nur die Boulevardpresse, sondern die gesamte Regierung, den Polizeiapparat, die britischen Streitkräfte und die königlichen Parks. 

Hört der Premierminister den Satz ‚London Bridge is down!‘ durch das Telefon, dann weiß er, was los ist. Eine Riesenmaschinerie läuft an, alle BBC-Kanäle krempeln sofort ihr Programm um und spielen zum Beispiel ’sanfte Musik‘, die Flaggen sinken ein Stockwerk tiefer. Die Times, Sky News und so weiter holen den immer mal wieder überarbeiteten Nachruf raus. Das Parlament schwört dem Thronfolger die Treue – und das Staatsbegräbnis wird geplant.

Glücksfaktor: Vorbereitet zu sein …

 

 

Posted by admin on 31. Juli 2022

Smørrebrød, Smørrebrød, Rømm pømm pømm pømm

Hat jedenfalls der schnauzbärtige Koch in der Muppet-Show gesungen. Und dann irgendwas ganz anderes produziert. Das war enttäuschend.

Ich finde überhaupt, dass der Smørrebrød-Anteil in Dänemark abgenommen hat. Früher (früher war zur Zeit meiner Jugend, also im letzten Jahrtausend) früher konnte man ohne weiteres in nahezu jedem Restaurant der Dänen zur Mittagszeit die wunderbarsten Kompositionen dieser Delikatesse bestellen.

Bestellen kann man sie theoretisch immer noch. Man bekommt sie bloß nicht.

Unter dem Fluch der Globalisierung scheint es einfacher, bei unseren dänischen Nachbarn Sushi, Cheeseburger, Pizza oder Döner zu erhalten.

Auf mein diesbezügliches Gejammer bekam ich zu hören: „Wer will denn so was Langweiliges wie Butterbrote?“ Das ist barbarisch.

Gut, letztendlich und bis auf den Grund des Tellers ist ein Smørrebrød tatsächlich ein Butterbrot. Aber was für eins! 

Das geduldige Brot (meistens Roggenbrot) wird mit den herrlichsten Sachen belegt, bedeckt, garniert, von lauwarmer Leberpastete über paniertes Schollenfilet bis zu gekochten Kartoffelscheiben. Und  das ist nur die Grundlage – darauf häufen sich Sachen wie Spargel, grün oder weiß, Kaviar, rosa Krabbentierlein jeder Größe, Pilze, Speck, rote Beete, Gurke, Tomaten, Zwiebel , Eier – von hartgekocht über zum Spiegel gebraten bis zu rohem Eigelb – Saucen vom Mayonnaise bis zu Meerrettichcreme – und schließlich obenauf einem dänischen Dillbüschel. Ja.

Ganz, ganz beinah hätten der Löwe und ich – gut, und von mir aus Ernst – beim letzten Dänemark-Urlaub welche bekommen. Wir hatten bereits einen Tisch bestellt in einem entsprechenden extra Smørrebrød-Restaurant. Aber dann kam etwas dazwischen. Ich glaube, der Löwe ist zu weit gewandert, um ein Schloss zu besichtigen mit seltsamen Gesichtern an den Eingangssäulen. Und  dann wurde es nichts. Knapp dran vorbei …

Glücksfaktor. Im Herbst sind wir wieder in Dänemark!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Posted by admin on 28. Juli 2022

Am 28. Juli 1912 knackste die Binzer Seebrücke auf Rügen ein

Sie war zehn Jahre vorher entstanden, 1902, eine schlanke Landungsbrücke in die Ostsee, an ihrem Ende in sechs Meter Wassertiefe stehend. So konnten auch größere, schwere Schiffe dort anlegen, Passagiere und Gepäck von- oder an Bord gelangen. Mehrere Laternen mit ganz moderner Elektrizität beleuchteten die Brücke.

Um ganz ehrlich zu sein – relativ kurz nach ihrem Entstehen, Im Dezember 1904, zerkaute ein Sturmhochwasser das stolze Bauwerk. Die Binzer holten tief Luft und bauten ihre Seebrücke neu. 1906 war sie wieder fertig. 

Das Jahr 1912 hatte im April noch einmal sehr deutlich gemacht, dass Wasser keine Balken hat: Als nämlich die Titanic sank. Was die Brücke im Seebad Binz auf Rügen anging, die hatte Balken, denn sie bestand ganz aus Holz, rund 590 Meter lang.

An diesem frühen, warmen Sonntagabend drängelten sich hier an die tausend Leute. Um 18:30 legte  der Dampfer Kronprinz Wilhelm an, ließ Passagiere von Bord und wollte gerade neue aufnehmen – als die Brücke an dieser Stelle trichterförmig einbrach. Ungefähr fünfzig Menschen rutschten mit Gekreisch nach unten, in das ziemlich tiefe Wasser. Siebzehn ertranken, der Rest wurde gerettet.

Die Anzahl der Deutschen, die mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts schwimmen konnten, war erstaunlich gering – ungefähr zwei bis drei  Prozent der Bevölkerung! Wer damals ins ‚Bad‘ fuhr, der wandelte am Rand der Brandung entlang, das war Erfrischung genug. Viele Seeleute übrigens verzichteten ganz bewusst darauf, schwimmen zu können; sie waren überzeugt davon, im Fall eines Schiffbruchs ihr Leiden unnötig zu verlängern, falls sie fähig wären, sich über Wasser zu halten.

Die meisten der ins Wasser Gefallenen konnten also nur schreien und zappeln.

Eine Augenzeugin  erzählte: „Es wurde als beschämend empfunden, dass kaum jemand bereit oder fähig war, zu retten oder Erste Hilfe zu leisten und Wiederbelebungsversuche zu machen.“

Ich möchte als wohltuend hinzufügen, dass auch keiner in der Lage war, mit dem Handy zu fotografieren oder zu filmen.

Einer, der etwas tun konnte und auch wollte, war ein junger Soldat aus Westfalen, der sich ein (nicht ganz erlaubtes) Wochenende auf Rügen gegönnt hatte. Richard Römer, damals 24 Jahre alt, stand auch auf der Seebrücke, die vor seinen Füßen einbrach. Seine Ehefrau Clementine hat später  geschildert, wie Römer hastig Mütze und Jacke (an der sein Säbel befestigt war) von sich warf und ins Wasser sprang. Schwimmen konnte er – Rettungsschwimmen allerdings war damals eine noch nicht erfundene Kunst. So tauchte er jeweils unter eine der ertrinkenden Personen, und ‚döppte‘ sie, um nicht von ihr umklammert und mit in die Tiefe gerissen zu werden, schwamm dann zu den Helfern an den eingestürzten Balken und übergab ihnen die oder den Geretteten. Mit 12 Menschen schaffte Richard Römer das. Als er versuchte, den 13. zu retten, musste er erst mal selbst gerettet werden, weil ihm inzwischen die Puste ausging.

Er bekam übrigens später von Kaiser Wilhelm nicht nur die Rettungsmedaille, sondern die Rettungsmedaille AM BANDE! Die konnte man sich praktischerweise an den Anzug pappen.

Darüber hinaus wurde Sergeant Römer erklärtermaßen zum ‚Vater der DLGR‘. Denn die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft gründete sich im folgenden Jahr, speziell bezogen auf dieses Unglück. Damit es nie wieder so passieren konnte, sollten 1. viel mehr Menschen lernen, zu schwimmen und sollte 2. eine Form gefunden werden, mit der Ertrinkende so zweckmäßig wie möglich aus dem Wasser gefischt werden könnten. Inzwischen ist die DLRG die größte freiwillige Wasserrettungsorganisation der Welt. 

So kam es, dass allmählich immer mehr Menschen lernten, sich selbst und notfalls andere über Wasser zu halten. 

Da nach dem ersten Weltkrieg nahezu jede Art von Begeisterung in die Knie gegangen war, schwand auch für eine Weile das begeisterte Schwimmen und Retten.

Mit der Nazi-Zeit nahm es dann gewaltig Aufschwung. Die deutsche Jugend bekam riesiges Interesse an Muskeln und Gemeinschaft. Hitler wünschte sich im September 1935 in einer flammenden Rede vor 50.000 Jungen (die Mädchen machten vermutlich inzwischen irgendwo sauber; vielleicht schrubbten sie ein Schwimmbecken): Germaniens Nachwuchs möge so flink sein wie Windhunde, so zäh wie Leder und so hart wie Kruppstahl. So wasserfest wie Gummi fügte er nicht ausdrücklich hinzu, aber das verstand sich ja irgendwie von selbst. 

Der Erfolg war enorm; jeder anständige deutsche Junge und ja, doch, auch die Mädchen, lernten nicht nur zu rennen und zu turnen, sondern auch zu schwimmen und tauchen und retten. 

Meine Mutter, immer tapfer gegen den Strom unterwegs, verweigerte damals ihre Mitwirkung, hielt Sport sowieso für ’naziartig‘ und antwortete auf die Frage, ob sie schwimmen könnte: „Hab ich blonde Zöpfe?!“

Inzwischen können über 80 Prozent der deutschen Bevölkerung schwimmen, und das ist erfreulich. Allerdings beherrschten Ende der 1980er Jahre sogar 90 Prozent diese Kunst. Es lässt sich also nicht leugnen, dass die Wasser-Sportlichkeit hierzulande ein wenig nachlässt. Die Jugend ist nicht mehr ganz so flink, zäh und hart wie sie mal war.

Deshalb kann man überhaupt nicht dankbar genug sein für den DLRG-Adler aus dem Logo der Gesellschaft, der wachsam unsere Strände beobachtet …

Glücksfaktor: nicht unterzugehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Posted by admin on 24. Juli 2022

Alexandre Dumas der Ältere

ist der Verfasser so bekannter Romane wie Der Graf von Monte Christo oder Die drei Musketiere – um nur zwei zu nennen. Im Ganzen hat er mehr als 300 Romane und Theaterstücke geschrieben, sowie einige Kochbücher, denn er war ein großer Gourmet.

Am 24. Juli 1802 wurde Dumas in Frankreich geboren, Sohn einer Gastwirtstochter und eines Generals, Thomas Alexandre Dumas.

Sein Vater, der General, war ein ungewöhnlicher Mann. Dessen Vater, ein veramter französischer Aristokrat, (Marquis de la Pailleterie) hatte auf Haiiti, wo sein Bruder eine Plantage besaß, für einen hohen Preis eine bildschöne afrikanische Sklavin gekauft, Cezette Dumas, und mit ihr zwei Töchter bekommen sowie als jüngstes Kind Thomas Alexandre, den späteren General. Der Marquis, der offenbar ein kleines Problem damit hatte, vernünftig mit Geld umzugehen, verkaufte seine Familie – Cezette, die Töchter und den zwölfjährigen Thomas Alexandre – an einen anderen Plantagenbesitzer, weil er dringend Geld benötigte, um nach  Frankreich zu segeln und eine Erbangelegenheit zu regeln.

Nachdem Marquis de la Pailleterie das zu seiner Zufriedenheit geregelt hatte und finanziell besser ausgestattet  war, kam er kurz zurück nach Haiiti, um seinen Sohn zurückzukaufen und mit nach Frankreich zu nehmen. (Cezette und die Töchter konnte er offenbar nicht gebrauchen und ließ sie im Besitz des anderen Pflanzers zurück.)

Thomas Alexandre durfte bei seinem Papa leben und erhielt die exquisite Erziehung eines adligen Sprößlings. Allerdings zerstritt er sich, als er vierundzwanzig war, mit seinem Vater, nahm den Namen seiner Mutter an (der vielleicht gar kein Name war, sondern schlicht bedeutete ‚Du Mas‘ – also ‚des Bauernhauses‘, für eine Sklavin die Bezeichnung, zu wem sie gehörte). Er machte schnell, ungeachtet seiner Hautfarbe, militärische Karriere und erlebte viele interessante Abendteuer, die er sicher zum Teil seinem kleinen Sohn erzählte. (Denn der verarbeitete sie später gern und oft in seinen Romanen.)

Doch der General starb früh, der kleine Alexandre und seine Mutter blieben relativ mittellos zurück. Der Junge musste mit vierzehn Jahren die Schule verlassen und zunächst in Paris die Stelle eines Schreibers annehmen. Bald jedoch begann er, seine sprudelnde Fantasie und das Talent zu gelungenen Formulierungen zu nutzen und wurde Schriftsteller. Bevor er dreißig Jahre alt war, kannte ihn nicht nur ganz Paris, sondern halb Europa. Er schrieb historische Werke und Abenteuerromane, er betrieb praktisch eine Schreibfabrik, indem er Freunde und Mitarbeiter beschäftigte. Immer noch ist sein Name ein Begriff, sind einige seiner Werke sprichwörtlich, inzwischen mehr als dreißig Mal verfilmt.

Alexandre Dumas war berühmt, ein Erfolgsautor. Wegen seiner Hautfarbe und der krausen Locken angefeindet und brüskiert wurde er trotzdem. Beim Festmahl eines Adligen fragte einer der Gäste , ob es denn stimme, dass er ein Neger sei? Dumas antwortete: „Durchaus! Mein Vater war Mulatte, mein Großvater Neger, mein Urgroßvater Affe. Sie sehen also, dass mein Stammbaum dort beginnt , wo Ihrer endet.“

Als Dumas zweiundzwanzig war, produzierte er mit einer hübschen Näherin ein (uneheliches) Söhnchen, den später ebenso bekannten Autor Alexandres Dumas den Jüngeren. Der wurde am 27. Juli geboren, also auch ein Löwe wie sein Vater. Als der Kleine sieben Jahre alt war, entschloss Alexandre sich, ihn anzuerkennen, nahm ihn ziemlich brutal seiner Mutter weg und ließ ihm die bestmögliche Erziehung angedeihen. Für Letzteres war ihm der Junior aufrichtig  dankbar – Ersteres nahm er dem Vater übel. Er litt mit seiner Mutter und er wurde im Luxusinternat von Mitschülern verspottet, weil er unehelich war. Sein Leben lang behielt er Sensibilität für Frauen, denen Unrecht getan wurde.

Dumas der Ältere war zu einem riesigen Vermögen gekommen – das er bis auf den letzten Centime durchbrachte. Er ließ sich in der Nähe von Paris ein romantisches Schloss bauen, das er Monte Christo nannte, er besaß ein eigenes Theater, er gab Gesellschaften, zu denen er 600 Gäste einlud, er kaufte seinen Geliebten teuren Schmuck und reizende Wohnungen. Zum Schluss war er hochverschuldet und gezwungen, von Voraus-Honoraren für noch nicht geschriebene Romane zu leben.

Inzwischen hatte sein Sohn, der mit siebzehn zu schreiben begann, ebenfalls Karriere gemacht: Er verfasste die (praktisch selbsterlebte) traurige Geschichte einer Kurtisane, die sehr jung an Tuberkulose starb: Die Kameliendame. Daraus wurde ein Theaterstück, das Giuseppe Verdi zu seiner Oper LA TRAVIATA verarbeitete. Zu  seinen Lebzeiten war Alexandre Dumas der Sohn noch etwas berühmter als sein Vater, seine Haut sehr viel heller, die Locken, als Erbteil von Großmutter Cezette, krausgekringelt.

Der jüngere Dumas verfügte jedoch über mehr Vernunft. Er besaß die Gabe, erwachsen zu werden (über seinen Vater hatte er gesagt, er sei ihm immer ein Kind gewesen), er konnte mit Geld umgehen. Alexandre der Jüngere hatte geheiratet und lebte mit Frau und  zwei Töchtern in einer komfortablen Villa in der Normandie – als eines Tages sein Vater vor der Tür stand, ein kleines bisschen derangiert, gesundheitlich stark angeschlagen und völlig mittellos, um zu fragen, ob er ein Weilchen beim Junior bleiben und am liebsten bei ihm sterben dürfe.

Ein Vierteljahr später war Alexandres Dumas der Ältere wirklich tot, mit 68 Jahren, literarische Legende, Genießer, Verschwender. Am Tag vor seinem Tod fragte er den Sohn: „Glaubst du, von mir wird irgendetwas übrig bleiben?“ Und der Jüngere antwortete überzeugt: „Papa, das schwöre ich Ihnen!“

Glücksfaktor: Recht hat er gehabt …