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Posted by admin on 5. November 2022

Und wer war Sacheen Littlefeather?

Da gibt es unterschiedliche Ansichten.

Sie selbst behauptete, sie sei eine ‚Native Person‘, also ein Mitglied der Amerikanischen Ureinwohner. 

Das wurde bereits direkt nach ihrem Auftritt bei der Oscar-Verleihung im März 1973 vom Filmkritiker Roger Ebert bestritten, der irgendwoher wusste, dass Sacheen Littlefeather in Wirklichkeit eine Mexikanerin namens Marie Cruz war und kein bisschen indianisch.

Marie Cruz oder Sacheen Littlefeather wurde dadurch ziemlich bekannt, dass Marlon Brando sie zur Oscar-Live-Übertragung schickte, um seinen Preis als bester Darsteller im Film Der Pate abzulehnen. Sie trat dazu täuschend indianisch in einem Hirschlederkleid auf und mit perlenbestickten Scheiben über den Ohren. Eigentlich sollte sie einen längeren Text vorlesen, den Brando ihr mitgegeben hatte und in dem erklärt wurde, er könnte leider den Oscar von einer Industrie, die seit Jahrzehnten in Hunderten von Filmen die Indianer schlecht mache, nicht annehmen.

Foto: UCLA Library Special Collections

Nachdem einer der Veranstalter Sacheen kurz und energisch (sinngemäß) erklärte, sie könne genau eine Minute lang sprechen und flöge anschließend im hohen Bogen von der Bühne, sah sie sich gezwungen, diesen Text in einige eigene kurze Worte zusammenzufassen. (Sie bekam immerhin hinterher Gelegenheit, ihn im Ganzen der Presse vorzulesen.)

Ein Teil des Publikums applaudierte, ein Teil brach in laute Bu-Rufe aus. Von John Wayne, einem der Verteidiger der weißen Rasse im Westen, wird erzählt, sechs starke Sicherheitsbeamte mussten den wehrhaften alten Herrn festhalten, um ihn daran zu hindern, Sacheen zu entfedern.

Immerhin flockte der Vorfall die ansonsten eher langweilige Veranstaltung so ähnlich auf wie die Ohrfeigenaktion von Will Smith.

Was kam dabei heraus?

o Möglicherweise hat es wirklich ein wenig damit zu tun, dass Indianer – doch, sie möchten selbst so genannt werden – in Filmen jüngeren Datums nicht mehr nur räudige, heulende Verlierer sind.

o Sacheen meinte, die Aktion habe ihrer Karriere (als Nachwuchs-Darstellerin) eher geschadet, weil sie anschließend auf einer schwarzen Liste landete und niemand sie mehr beschäftigen wollte.

o Die Oscarverleihungs-Regeln wurden vorsichtshalber dahin geändert, dass ein Gewinner keinen Stellvertreter mehr schicken darf, der den Preis für ihn annimmt.

 

Sacheen Littlefeater oder Marie Cruz wurde am 14. November 1946 in Kalifornien geboren und starb kürzlich, am 2. Oktober 2022, im Alter von 75 Jahren an Brustkrebs.

Sofort nach ihrem Tod kamen ihre beiden Schwestern Rosalind Cruz und Trudy Orlandi angaloppiert und verkündeten im Chor: Ihre Schwester sei eine Lügnerin gewesen, möge sie in Frieden ruhen. Die indianische Herkunft: kein Wort wahr. Rosalind Cruz erklärte, es sei eine Beleidigung für ihre Eltern und ein ‚ekelhafter Betrug am Erbe der indigenen Völker!‘

Da könnte ja jeder kommen, ob Marlon Brando oder so eine Fake-Indianerin, und eine Lanze für die  (ich sag mal lieber Ureinwohner der Vereinigten Staaten) brechen wollen. Was wahr ist muss wahr bleiben. Auf jeden Fall scheint die Liebe zwischen den drei mexikanischen Schwestern nicht so riesengroß gewesen zu sein.

Worauf ich eigentlich die ganze Zeit hinaus wollte: Mich hat der Auftritt im Apachen-Outfit jedenfalls auch zu etwas inspiriert! Ich fand die typisch indianischen bestickten Ohrenscheibchen so hübsch. Und als meine Schwiegertochter Lisa  kürzlich eine entsprechende Frisur trug, da fehlten mir diese Scheibchen. Also hab ich welche angefertigt, indem ich Perlen auf starkes Leinen nähte und Haarspangen an der Rückseite befestigte.

Das hab ich Lisa geschenkt. Aber so einfach ist das ja nicht. Bis vor zehn Jahren ungefähr hätten wir beide Spaß dran haben können, ich beim Basteln und sie beim Tragen.

Inzwischen jedoch müssen wir darüber nachdenken, ob das keine kulturelle Aneignung ist. Lisa ist Malteserin, ich bin ein bisschen Zigeunerin – nein, das reicht nicht.

 

Im vergangenen Jahrtausend befand ich mich öfter in Kanada. Ich lernte Western-Style-Reiten von einem Halb-Indianer, ich war befreundet mit seiner Kusine, einer Ganzundgar-Indianerin. Die stellte wunderschönen, ethnischen Schmuck aus Silber her und verkaufte ihn an Touristen. Mir schenkte sie ein paar Ohrringe. Bin ich nun eigentlich berechtigt, die zu tragen? War sie berechtigt, so was an Nicht-Indianer zu verkaufen?

Das Leben ist nicht einfacher geworden …

Glücksfaktor: Bevor es noch viel schwieriger wird, darf man in die ewigen Jagdgründe gehen.

 

 

 

 

 

 

Posted by admin on 31. Oktober 2022

Am 31. Oktober 1796 wurde Goethes Schwiegertochter geboren

Das war Ottilie von Pogwisch, und sie war manchen Leuten ein Ärgernis.

Von den fünf Kindern, die Johann Wolfgang von Goethe mit seiner (zunächst nur) Geliebten und (ziemlich spät dann doch) Ehefrau Christiane hatte, überlebte nur der Älteste, August. Der war dann bereits 17, als sein Vater sich entschloss, seine Mutter zu heiraten.

Christiane und August von Goethe, gemalt von Johann Heinrich Meyer 

Wie es häufig das traurige Schicksal von Sprösslingen ganz enorm genialer Väter ist, blieb der arme  August sein Leben lang Sohn. Das drückt sich sogar auf Augusts Grabstein aus, auf dem steht: GOETHE FILIUS – doch keineswegs sein eigener Vorname.

August von Goethe

Als der Goethe-Sohn 27 war, heiratete er die zwanzigjährige Ottilie. Das hätte er eventuell lieber lassen sollen. Glücklich machte es sie beide nicht. Er wurde immer trauriger und passiver, sie sehnte sich nach der einzig wahren, romantischen Liebe (die er definitiv nicht für sie war) und gönnte sich zahlreiche Affären.

Ottilie von Goethe

Derweil saß August betrübt in Gastwirtschaften und goss Wein auf seinen Kummer. Dabei muss gesagt werden, bereits seine Mama Christiane und sogar das überlebensgroße Universalgenie, Vater Goethe himself, konsumierten gern ein Schlückchen Wein. Wenn es sich ergab auch ein Schlückchen mehr. Christiane brachte das, durch beschädigte Nieren, in ein relativ frühes Grab: Sie starb mit 51 Jahren. Ihr Sohn August wurde nur 40. Er erlag in Italien einer fiebrigen Krankheit, (die einem Kutschenunfall folgte); nach dem Urteil der Ärzte jedoch vor allem seiner kaputten Leber. Der Einzige, dem das Saufen nicht zu schaden schien, war der große Dichterfürst.

Ottilie verstand sich recht gut mit ihrem Schwiegervater, der sie offenbar nicht so langweilte wie sein Sohn. 1829 gründete sie eine eigene Zeitschrift mit dem Namen CHAOS, in der eine Reihe berühmter Zeitgenossen schrieben. Sie war politisch interessiert und engagiert, sie liebte England und übersetzte gerne und gut englische Kulturbeiträge. Doch sie war auch als ‚mannstoll‘ verschrieen und galt als verantwortungslos. 

August und Ottilie hatten Vater Goethe drei Enkel beschert, die in seinem Haus aufwuchsen und an denen er seine Freude hatte. Das waren Walther Wolfgang und Wolfgang Maximilian sowie die kleine Alma.

Walther Wolfgang von Goethe, Lithographie, Foto: Peter Geymayer

 Wolfgang Maximilian von Goethe

Alma von Goethe

Auch die männlichen Enkel fühlten sich offenbar noch tief überschattet vom genialen Großpapa. Beide studierten Jura, (Walther komponierte ein bisschen), beide wurden in den erblichen Freiherrnstand der Stadt Weimar erhoben. Aber das galt wieder nicht ihnen selbst, sondern ihrem großen Namen. 

Beide Enkel heirateten nie und produzierten keine weiteren Goethe-Nachkommen. Darüber haben vergangenene Jahrhunderte diskret hinweggesehen. Im unserer Zeit durfte erforscht und verkündet werden, dass Walther Wolfgang und Wolfgang Maximilian höchstwahrscheinlich schwul waren. (Walther soll sogar eine Romanze mit Robert Schumann gehabt haben.) 

Johann Wolfgang von Goethe, das berühmte Genie, starb 1832, zwei Jahre nach seinem Sohn August. Nachdem seine Autorität fehlte, wurde die bereits vorher umstrittene Ottilie häufig offen angefeindet: Sie schien ihrer Zeit gar zu sehr voraus, sie schockierte und brüskierte und benahm sich selten, wie man es von einem anständigen Frauenzimmer erwartete. 

Sie selbst beurteilte sich in einem Brief: „Mit einem wilden, angeborenen Freiheitstrieb, war ich doch immer vollkommen Sklavin, wo ich liebte.“

Annette von Droste-Hülshoff und Bettina von Arnim gehörten zu denen, die ihren Schnabel an Ottilie wetzten und sich darüber ereiferten, dass die ständig nach Männern ‚hake und angele‘, dauernd  neu verliebt, dann auch noch in viel jüngere Männer!

Folgerichtig kam die Witwe Goethe ‚in Schande‘. Ein  englischer  Offizier hatte sie geschwängert. Sie flüchtete aus Weimar nach Wien, das ihr wegen seiner ‚Leichtlebigkeit‘ lieb war, und bekam in einem Hotel im Februar 1835 eine weitere Tochter, Anna, die kaum ein Jahr lang lebte. Der attraktive junge Arzt Romeo Seligmann, der Geburtshilfe leistete, wurde gleich darauf – zur Begeisterung der empörten Gesellschaft – Ottilies nächster Liebhaber.

Die zarte und anmutige Alma steckte sich mit 16 Jahren bei einem weiteren Besuch in Wien mit Typhus an und starb zwei Tage später an der Krankheit. Jetzt kamen Gerüchte auf, Ottilie hätte die Tochter vergiftet, um an ihr Erbe ranzukommen. Man traute ihr das Schlimmste zu.

Das leidenschaftliche, unbändige Herz von Goethes skandalöser Schwiegertochter versagte knapp vor ihrem 77. Geburtstag …

Glücksfaktor: Wenn einem ‚die Gellschaft‘ kreuzweise  im Mondschein begegnen kann.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Posted by admin on 23. Oktober 2022

Am 22. Oktober 1631 wandte sich der Doge von Venedig mit einer Bitte an die Jungfrau Maria

In diesem unheilvollen Jahr hatte der zierliche und sensible Nicolò Contarini dieses Amt inne.

Ein Doge war der mächtigste Mann der Republik Venedig, Staatsoberhaupt und Fürst. Er trug statt einer Krone eine Art Hörnchen auf dem Kopf. Venedig war seit Jahrhunderten eine Eliterepublik der Welt, La Serenissima Repubblica di San Marco ‚Die allerdurchlauchteste Republik des Heiligen Markus‘, reich, geachtet, unabhängig und stolz.  

Die meisten Dogen wurden erst im hohen Alter in ihr Amt gewählt und durften keineswegs alles hinschmeißen, wenn sie keine Lust mehr hatten. So ähnlich wie auf dem englischen Thron gab es im Grunde nur einen einzigen Ausweg, nämlich den nach ganz oben.

(Der Doge Nicolò da Ponte etwa, den die Stadt 1578 in dieses Amt wählte, war da bereits 87 Jahre alt.

Er hielt sehr tapfer sieben Jahre lang aus, vor allem, nachdem man ihm eine samtüberzogene Stütze an seinen Thron montiert hatte; denn er war bei den Amtshandlungen ein paarmal eingeschlafen und zu Boden gepurzelt.)

Was Nicolò Contarini angeht, so war er erst seit kurzem, seit Januar 1630, der Doge. Abgesehen davon, dass die Politik sich gerade sehr unerfreulich gestaltete – Venedig war verwickelt in den Mantuanischen Erbfolgekrieg und verlor einige Schlachten gegen den deutschen Kaiser Ferdinand und die mit ihm verbündeten Spanier; das Osmanische Reich erstarkte auf’s Unerfreulichste, und die Holländer ebenso wie die Engländer übertrafen plötzlich mit ihrem raffinierten Schiffsbau alle anderen Nationen, sogar die bisher so überlegene Serenissima – abgesehen davon gesellte sich auch noch eine der gefährlichsten Seuchen dazu, die Beulenpest. Warum kommt eigentlich immer alles auf einmal?

Zwar besaß die Stadt die erste Quarantänestation der Welt. Aber ein Durchsetzen dieser 40-Tage dauernden Blockade würde den Handel abschnüren, die Versorgung unterbinden. Vielleicht handelte es sich ja nur um einen kleinen Ausbruch der Krankheit?

Ab Juni 1630 gibt der Senat zu, dass es ernst ist. Der Zorn Gottes liegt auf der Stadt. Sofort  beginnen die Verhandlungen. Was könnte der HERR beanspruchen? Glücksspiel und zuchtlose Kleider sind ab sofort verboten. Eine Dame soll tiefe Ausschnitte und Schmuck weglassen, sich um Schlichtheit bemühen und am besten das Flirten ganz einstellen.

Das nützt nicht so viel. Bis September beklagt Venedig 1216 Tote, im Oktober sind es schon 2121. Alles wird unerschwinglich teuer in der blockierten Stadt. Die Bürger, oft in ihren Häusern eingesperrt wie in Gefängnissen, legen Vorräte an. Schnell gibt es kaum noch Kerzen und Öl oder Wein, die Preise für Brot, Fisch und Fleisch steigen in lächerliche Höhen. 

Bitt-Gottesdienste werden Tag und Nacht veransteltet, Prozessionen bewegen sich durch die Stadt. Inzwischen sind Kneipen und Bordelle, Kaufhäuser, Webereien und Lagerhäuser geschlossen. Fast jeder weiß, wer eigentlich Schuld ist: Die Sünder, die Juden, die Gottlosen oder unser gemeiner Nachbar. Der Rauch verbrannter Leichen hüllt alles ein. Ärzte mit Schnabelmasken wandern durch die Straßen.

Der Pestheilige, St.Rocco, soll helfen. Aber der hat offenbar gerade etwas anderes zu tun. 

Da regt am 22. Oktober der amtierende Doge, der sehr stille und etwas schüchterne Nicolò Contarini, etwas Neues an: Da Gott und der Heilige Rocco offenbar unzugänglich sind, was die Bitten ums Abstellen der Pest angeht, will er es jetzt noch mal bei einer anderen Adresse versuchen. Vielleicht hat ja Maria, die Muttergottes, mehr weibliches Mitgefühl. Natürlich bietet Contarini etwas im Gegenzug an! Venedig wird, sofern die Seuche bald ein Ende nimmt, eine wunderbare Kirche bauen, ein Prunkstück von einer Kirche, Maria geweiht. 

Das Angebot ist raus. Maria überlegt.

Im November stirbt jeder zehnte Mensch in der Stadt an der Seuche, 14.500 Tote verzeichnet die Gesundheitsbehörde. Vielleicht sind auch einige schlicht verhungert, denn ein einziges Brot kostet inzwischen sieben Golddukaten. 

Aber mit dem Winter, dem neuen Jahr, kommt ein wenig Hoffnung auf. Es scheint, als wäre die Ernte des Todes nicht mehr ganz so üppig. Allerdings ist die Stadt wirtschaftlich schwer gebeutelt und sie wird sich nie wieder wirklich erholen. 

Am 2. April 1631, fast zum Schluss, holt sich die Pest noch den Dogen: Nicolò Contarini stirbt, 77 Jahre alt, sein Leben lang unverheiratet und ohne Nachkommen, immer sehr zurückhaltend und freundlich. Ihm kommt das Verdienst zu, der Muttergottes das Ende der schrecklichen Krankheit abgerungen zu haben.

Und dann beginnt der Bau einer wunderschönen Kirche, Santa Maria della Salute, der ‚Heiligen Maria der Gesundheit‘. Der Senat Venedigs hält sein Versprechen, wie es sich für einen guten Kaufmann gehört.

Weil diese Stadt auf Schlamm gebaut ist, müssen als Fundament zunächst mehr als eine Million Baumstämme in den Boden der Lagune gerammt werden. Dann ist erstmal das Geld alle und es muss neu gespart werden. Im Juni 1686 steht sie schließlich, nach  56 Jahren Bauzeit, gegenüber dem Dogenpalast, gleich am Eingang des Canal Grande …

Glücksfaktor: Wenn aus Verzweiflung etwas besonders Schönes entsteht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Posted by admin on 19. Oktober 2022

Wir haben ein Bucheckern-Jahr!

Rund um unser Ferienhaus in Dänemark standen eine Menge sehr hoher Bäume und dichter Büsche.

Ich guckte aus dem Wohnzimmerfenster und fragte den Löwen: „Was hat dieses Gebüsch denn da eigentlich für Knubbel?“

Und der kluge Löwe antwortete: „Das ist kein Gebüsch, das sind die tiefen Zweige von Buchen. Und was da dran hängt sind keine Knubbel, sondern Bucheckern.“

Bucheckern! Die hatte mein Vater gesammelt, ausgepult und mich damit gefüttert, als ich ein kleines Mädchen war und wir im Herbst spazieren gingen. In meiner Erinnerung waren sie dick, saftig und köstlich. Ich hatte in den vergangenen Jahren immer nur welche gefunden, die dünn und eng zusammenklebten und nichts Essbares enthielten.

Ich stürzte mich also mit einem Leinenbeutel in den Garten und begann, die Buchen abzuernten, so gut ich dran kam. Sie waren ausgesprochen kooperativ, ließen mich an ihren elastischen Ästen zerren, alles noch etwas tiefer und noch etwas tiefer, damit ich auch noch an die sechs Stachelkugel da oben drankam …

Die Früchte sitzen in weichstacheligen kleinen Häuschen, wie Kastanien oder Maronen, meistens zu zweit, seltener auch mal drei oder sogar vier. Es ist schwierig, diese Behälter zu öffnen. Hat man etwas Geduld und lässt sie ein bis zwei Tage im Zimmer liegen, dann werden sie ganz zutraulich und öffnen sich von alleine.

Nach vier oder fünf Tagen kann man die abgelegten Häuschen, die sich inzwischen nach außen gebogen haben wie Seesterne oder Blumen, einfach absammeln.

Sie fühlen sich an wie mit dünnem Samt bezogenes Leder – während die Bucheckern selbst, etwa  anderthalb Zentimeter groß, glatt, dreieckig und scharfkantig, so  tun, als wären sie aus Holz.

Ich hab mal gelesen, ungefähr alle vier Jahre, selten  öfter, ist ein Bucheckernjahr. 2022 haben wir definitiv ein ganz enormes solches! (Meine Freundin Ira sagt ja auch, es sei ein ganz besonders ergibiges Apfel-Jahr.) Wenn man es weiß und darauf achtet, dann tritt man überall auf die kleinen dicken Klümpchen. Zum einen hängt das damit zusammen, dass die Buchen sich immer nach  einigen Jahren soweit erholt haben und wieder neu liefern können. Zum anderen hat es damit zu tun, dass ein Sommer besonders heiß und trocken gewesen ist.

Bucheckern sind definitiv altmodisch, wahrscheinlich einer der Gründe, weshalb ich sie so schätze. Für mich hat ‚altmodisch‘ seit jeher eine lobende Bedeutung. (Ich hab es fertigbekommen, in einer Parfümerie beim Probeschnuppern ganz begeistert zu erklären, dies dufte ‚ja richtig altmodisch!‘ – und ich werde nie das eingeschnappte Gesicht der Verkäuferin vergessen, die beleidigt versicherte, also das sei bitte die neueste Kollektion …)

In alten Zeiten – beispielsweise noch während des Zweiten Weltkriegs und hinterher – sammelten die Menschen in Europa Bucheckern, um sie zu trocknen und zu zermahlen oder ihnen Öl abzupressen. Da wir doch alle so ums Sparen bemüht sind derzeit: Dieses Öl wurde sogar als Lampenöl verwendet!

Es lässt sich, wenn’s mit etwas Dinkelmehl gemischt wird, damit backen (Bucheckernmehl enthält kein Gluten!) Bucheckern, geröstet, ergaben sogar Kaffee-Ersatz – na ja, was unsere Ahnen so in ihre Tassen ließen.

Die Kerne sind ein bisschen giftig, das muss gesagt werden, weshalb man sie nicht in größeren Mengen roh verschlingen sollte. Eine Spur Blausäure ist darin enthalten und Oxalsäure. Je nach Empfindlichkeit kann das Bauchweh und Übelkeit verursachen. Deshalb ist es sinnvoll, die Bucheckern zu rösten, das entfernt einen Großteil dieser unverdaulichen Stoffe.

Wie geht das?

Ich hab’s so gemacht: Zuerst kochendes Wasser über die noch in der Schale steckenden Kerne schütten und abkühlen lassen. Danach zunächst die ‚tauben‘, also ungefüllten Stücke absammeln, die nun oben schwimmen. Der Rest ist jetzt viel leichter aus der Schale zu lösen, am besten mit einem Obst- oder Gemüsemesser.

Ohne Fett in eine Pfanne setzen und mit Salz bestreut bei mittlerer Hitze ungefähr fünf Minuten lang rösten, ab und zu schütteln.

Das ist ein leckerer kleiner Fernseh-Snack und sicher gesünder als Chips. Interessanterweise muss gesagt werden: Die Dinger machen satt! Sie enthalten eine ganze Menge mehrfach ungesättigte Fettsäuren (der Fettgehalt  liegt bei 40%), außerdem Calcium, Eisen und Zink. Dazu kommen noch Vitamin C und Vitamin B6, also winzige Energiebomben.

Glücksfaktor: der nahrhafte Herbst …

 

 

 

 

 

 

 

 

Posted by admin on 16. Oktober 2022

Eine italienische Scheidung

war über lange, lange Jahrhunderte unmöglich. Es ist eine erstaunliche Tatsache, dass es in diesem Land erst seit 1970 (!!) juristisch möglich ist, eine geschlossene Ehe wieder zu trennen – ohne den Tod dazu bemühen zu müssen.

Da gab es unter anderem 1961 den sehr amüsanten Film „Scheidung auf Italienisch“ mit Marcello Mastroianni, der sich voller Verzweilflung immer neue Todesarten für seine Gattin ausdenkt, um sie endlich loszuwerden und als Witwer neu anzufangen.

Vielleicht, weil in Rom nunmal der Papst wohnt, vielleicht, weil im Altertum gerade hier die Christen ganz besonders gepiesakt wurden: Italien schleppte seit Jahrtausenden besonders schwer an Segen und Fluch des Katholizismus, einschließlich der Unauflösbarkeit der Ehe.Vielleicht verdankt die wunderschöne, romantische Gegend es unter anderem dieser Tatsache, dass hier die tödlichsten, geheimnisvollsten, schwer aufzustöbernden Gifte angefertigt wurden.

(c) National Trust, Polesden Lacey; Supplied by The Public Catalogue Foundation[/caption]

Als die junge Caterina di Medici, Großnichte des damaligen Papstes, 1533 aus Italien nach Frankreich anreiste, um dort den König zu heiraten, da wusste Jeder: Die hat Ahnung vom Giftmischen! Zwar war das im 16.Jahrhundert sowieso eine gebräuchliche Art, sich lästige Mitmenschen aus dem Weg zu schaffen, doch speziell Italienerinnen verfügten über entsprechende  Rezepte. (Im Film ‚Die Bartholomäusnacht‘ ist sehr schön dargestellt, wie auch die Söhne Caterinas, die verschiedenen Prinzen und Könige, gelehrige Schüler der Mama, rundherum Gift verabreichen, etwa durchs Präparieren von Buchseiten oder Lippenpomade.) Trotzdem, dies sei Caterina zu Ehren gesagt, starb ihr Mann, der König, nachweislich an einer Turnierverletzung.

Knapp ein Jahrhundert später gab es in Neapel eine (oder mehrere) tüchtige Damen, bei denen ein scheidungswilliger Mensch erhielt, was ihn frei machte, nämlich Aqua Tofana. Das war eine klare, geruchs- und geschmacklose Flüssigkeit, von der wenige Tropfen genügten, um viele Probleme zu beseitigen.

Aqua Tofana, hieß es, sei der Geifer zu Tode gekitzelter, an den Füßen aufgehängter Menschen. Es bestand jedoch wahrscheinlich eher aus ziemlich viel Arsenlösung, etwas Bleizucker sowie einem Zusatz von Belladonna. 

Dem Brockhaus von 1837 konnte man entnehmen, dass ein Opfer, dem einige Topfen beigebracht wurde, je nach Dosierung, in aller Gemächlichkeit monatelang dahinsiechen oder am selben Nachmittag zu den Ahnen schweben konnte. Die Symptome zeigten sich durch großen Durst und zunehmende Melancholie. Sehr angenehm für die mordende Person dürfte die Tatsache gewesen  sein, dass der Vergiftete keine Schmerzen verspürte und deshalb nicht herumjammerte. Vielmehr verlor er außer dem Appetit auch die Lust am Leben, wurde immer schwächer und hinfälliger und  fiel schließlich in ‚Abzehrung‘. Sodann konnte er beerdigt werden und es war Zeit, in ein hübsches schwarzes Kleid zu schlüpfen.

Nachweisen ließ sich mit damaligen Mitteln überhaupt nichts. Die Richter waren auf Verrat, plötzliches Beichtbedürfnis oder durch Folter herausgequetschte Aussagen angewiesen.

Mehrere miteinander bekannte oder verwandte italienische Giftmischerinnen gaben sich das Rezept gegenseitig weiter oder vererbten es. Rund 600 Todesfälle (alle Opfer männlich) verursachte das klare Zeug im Fläschchen. Dadurch halfen sich ebensoviele zwangsverheiratete, häufig misshandelte, zu Unterordnung und Gehorsam verurteilte Frauen aus der hoffnungslosen Patsche.

Es gab einige Giftmord-Prozesse in Bezug auf Aqua Tofana sowie Hinrichtungen in der Mitte des 17. Jahrhunderts in Palermo und Neapel, später auch in Rom. Eine Dame namens Teofania di Adamo, offenbar Schöpferin des genialen Mittels, wurde 1697 durch Hängen (nur ein wenig, bis kurz vor dem Ersticken), Ausweiden (Öffnen des Leibes und Verteilen der Eingeweide auf dem Oberkörper) sowie Vierteilen (nach Durchtrennen der hindernden Sehnen ein Auseinanderreißen des Körpers durch vier Pferde)  hingerichtet. Teofania durfte stolz darauf sein, dass diese grausame Tötungssart sonst durchaus männlichen Schwerverbrechern vorbehalten blieb.

Trotzdem ging das geniale Rezept nicht verloren. Ebenfalls aus dem 1837-Brockhaus erfuhr der interessierte Leser, in Umbrien sei dergleichen noch zu erwerben.

Übrigens glaubte Wolfgang Amadeus Mozart am Ende seines Lebens felsenfest, jemand hätte ihn mit Aqua Tofana umgelegt …

 

Glücksfaktor: Dass man sich heutzutage nach Herzenslust scheiden lassen kann, sooft  man will! Und wer dazu keine Lust hat: Der Internet-Händler Etsy bietet in seinem Sortiment (Wir haben alles!) entsprechende Fläschchen an.