Heute

Posted by admin on 12. Oktober 2020

Vor ziemlich genau 34 Jahren, als mein Sohn eben 7 geworden war,

da waren wir gerade umgezogen, er und ich und die Katze Billie, und begannen unsere Karriere als Alleinerziehende.

Der neue Schulweg war gar nicht mal unkompliziert. Wir gingen ihn, während der Herbstferien, zweimal zusammen, dann meinte Arne, jetzt wüsste er Bescheid. Wirklich.

Am ersten Schultag marschierte er auch – ich schaute ihm aus dem Fenster hinterher – ganz flott in die richtige Richtung. Und weil er nicht ratlos umkehrte, und weil der Vormittag ruhig verging, meinte ich, alles wäre in Ordnung. Ich textete in dieser Zeit Katalogseiten. Keine schöne Arbeit, aber gut bezahlt.

Eine halbe Stunde vor Schulschluss ging ich in die Küche und bereitete das Mittagessen. Und dann wartete ich. Zuerst geduldig und gutgelaunt. Dann etwas unruhig. Dann nervös. Das Essen war fertig und wurde kalt – aber darum ging es natürlich nicht. Wo war das Kind? Was war passiert?!

Bestimmt gibt es nicht wenige siebenjährige Jungen, die aus Versehen die Zeit vergessen. Die sich verspielen oder vertrödeln. Arne war, mehr als alles andere, ein guter Kamerad. Er wusste, dass ich mittags Essen kochte und das war für ihn Grund genug, pünktlich nach Hause zu kommen. Wenn er also nicht pünktlich zu Hause war … Dann musste etwas passiert sein …

Ich kaute mir sämtliche Fingernägel ab und guckte aus allen Fenstern gleichzeitig. Ich betete. Ich überlegte, ob ich den Schulweg entlang laufen oder fahren sollte – doch wie, wenn er gerade ganz woanders herumirrte? Oder wenn er nach Hause kam, während ich nicht da war? Einen Schlüssel hatte er nicht …

Das dauerte eine der längsten Dreiviertelstunden, die mir jemals zugestoßen sind. Dann klingelte mein Telefon. Am anderen Ende war Arne – ein bisschen schluchzend, aber durchaus verständlich. Er sagte als Erstes: “Mir geht es gut!” – dann hörte ich eine mir völlig fremde Frauenstimme, die mir erzählte, vor einigen Minuten hätte es an ihrer Tür geläutet und da stand ein kleiner Junge, der sich höflich entschuldigte und sie bat, ihr Telefon benutzen und seine Mutter anrufen zu dürfen. Er hätte sich auf dem Rückweg von der Schule leider verlaufen und wüsste durchaus nicht mehr, wo er sei. Und seine Mutter warte mit dem Essen und mache sich bestimmt Sorgen. Sie nannte mir ihre Adresse.

Ich flog die Treppe hinunter und in mein Auto und fuhr dort hin. Gleich darauf umarmten wir uns, mein kleiner Junge und ich, und heulten beide laut. Die fremde, nette Dame stand sehr gerührt daneben.

Dann fuhren wir den kurzen Weg nach Hause, ich wärmte das Essen noch einmal auf und nachmittags gingen wir den Schulweg erneut zusammen, diesmal, indem wir uns alle möglichen Eselsbrücken merkten.

Ja, das war im letzten Jahrhundert, bevor jedes Kind ein Handy hatte und bevor Kinder grundsätzlich zur Schule gefahren und wieder abgeholt wurden. Eine gefährliche Zeit. Was für ein Glück, dass wir sie überstanden haben.

Und ich möchte mal bemerken, dass ich immer noch finde, Arne hat damals ungewöhnlich smart und verständig gehandelt.

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Söhnchen!

Glücksfaktor: s.o.

 

 

Posted by admin on 10. Oktober 2020

Die Gutenachtgeschichte über Ben

Es  war einmal ein netter Hund mit Schlappohren, der hieß Ben. An einem Oktobertag, als Ben fünf Jahre alt war, schnallte sein Herrchen ihm das Halsband um, legte ihm die Leine an und setzte ihn ins Auto. Das taten sie immer, wenn es einen längeren Spaziergang geben sollte.

Ben hätte sich normalerweise gefreut – er ging schrecklich gern spazieren – doch er merkte, dass irgendetwas nicht stimmte. Herrchen sah ihn nicht an, sprach nicht mit ihm, war ganz anders als gewöhnlich. Ben traute sich nicht, zu wedeln oder ein erfreutes Gesicht zu machen. Er bekam ein wenig Angst.

Nach einer längeren Fahrt hielten sie an. Ben durfte aus dem Wagen springen und sie liefen neben einem Waldstück in die Nähe einer sehr breiten, sehr lauten Autostraße. Hier band Herrchen die Leine an einen dünnen jungen Baum. Er drehte sich um und ging, ohne Ben noch einmal den Kopf zu streicheln oder etwas zu sagen, zum Beispiel: “Feiner Junge!” Und er blickte nicht zurück. Ben schaute ihm sorgenvoll nach. Stunde um Stunde blickte er immer in die Richtung, in die Herrchen verschwunden war und aus der er hoffentlich wieder auftauchen würde. Schließlich fingen Bens Beine an, vom langen Stehen zu zittern, und er setzte sich mit einem Seufzer hin.

Er versuchte, ruhig zu bleiben, während er wartete, doch er konnte nicht verhindern, dass er vor Anspannung zu hecheln begann. Alle paar Minuten leckte er sich nervös über die Schnauze, dann hechelte er weiter. Nachdem es dunkel geworden war, legte er sich auf die Erde, den Kopf auf den Pfoten, und starrte immer noch, im Finstern, in dieselbe Richtung.

Als es wieder hell wurde, merkte er, dass er doch ein wenig geschlafen hatte. Er ging beiseite, so weit es die Leine zuließ, um sich zu erleichtern, dann setzte er sich wieder unter das Bäumchen. Ben hatte großen Hunger und noch größeren Durst. Er leckte vorsichtig den Tau vom Gras. Und dann nahm er seine eigentliche Aufgabe wieder auf: er wartete.

Schließlich hörte er Stimmen und Schritte. Nicht Herrchen – aber Menschen.

“Hier, bei der Böschung soll einer sein – guck mal, da, Chrissi!”, sagte der eine Mensch. Der andere war ein Weibchen. Es rief: “Stimmt, da ist der arme Kerl festgebunden. Klar, Herbstferien. Mit jedem Ferienbeginn hängen irgendwo ein paar Hunde im Gebüsch. Ich fasse es nicht … Hier, mein Alter!”

Sie kniete neben Ben und füllte Wasser aus einer Flasche in einen silbernen Napf. Ben schlabberte dankbar – aber nicht zu viel. Dann guckte er angespannt um die beiden Menschen herum – hinter denen musste jetzt doch Herrchen kommen?

Sie banden ihn los und zogen ihn hinter sich her zu ihrem Auto.

Ben wurde in ein Gefängnis gebracht. Er teilte seine Zelle mit einem Pudel und einem Terrier-Mischling, er bekam zweimal am Tag Futter – einmal trockene kleine Klümpchen und einmal gutes feuchtes Futter, beides sehr schmackhaft, besser, als er je gehabt hatte. Er wurde nicht geschlagen, sondern viel gestreichelt. Ein anderer Mensch hatte ihn untersucht und festgestellt: “Der ist nicht sehr gut behandelt worden. Die rechte Vorderpfote hat man ihm auch mal gebrochen. Er ist zu mager, selbst, wenn er da ein paar Tage festgesessen hat. Das Fell sieht wenig gepflegt aus, die Ohren sind eine Katastrophe. Eigentlich kann er froh sein, dass er den oder die Besitzer los ist. Ich wünsche ihm, dass er was Besseres findet!”

Ben jedoch schaute immer auf die Tür im Gefängsnisflur. Er wartete.

Das Menschenweibchen, Chrissi, ging jeden Vormittag und jeden Nachmittag mit ihm  spazieren. Manchmal richtig lange. Sie warf ihm Stöckchen zum Bringen. Ben tat so, als ob  er das nicht merkte. Sie gab ihm zwischendurch Leckerlis, sie streichelte seinen Kopf und seine Ohren und sie redete viel mit ihm. Sie sagte natürlich nicht Ben – sie nannte ihn Puck. Ben zeigte nicht, ob er zuhörte oder verstand. Er schaute Chrissi nicht ins Gesicht. Seine Augen suchten am Horizont, auf der anderen Straßenseite.

So vergingen zwei Monate. Eines Tages, kurz vor Weihnachten, kam eine Familie ins Gefängsnis, Vater, Mutter und zwei mittelkurze Menschenwelpen. Sie guckten sich überall um, streichelten einige der Hunde und betrachteten sie von allen Seiten. Der kleinere Junge zog Ben heftig  und schmerzhaft an einem seiner Schlappohren. Das weckte eine unschöne Erinnerung. In der letzten Zeit, bevor sein Herrchen ihn ausgesetzt hatte, war immer öfter ein Menschenweibchen im Haus gewesen mit einem Menschenwelpen, der Ben ebenfalls an den Ohren gezogen hatte.

Ben knurrte tief und grollend. “Ach du meine Güte, was für ein böser Hund!”, rief die Familienmutter erschrocken. “Den nehmen wir bestimmt nicht!”

“Der ist auch nichts für Sie. Der gehört schon jemandem”, erklärte Chrissi kurz.

Die Familie ging schließlich mit dem Pudel weg.

“So, Puck, heute nehme ich dich mit nach Hause”, sagte Chrissi am Abend. “Ich hab nicht gelogen. Du bist jetzt mein Hund. Was meinst du dazu?”

Ben dachte darüber nach. Ben stieg in Chrissis kleines Auto und dachte immer noch nach. Als sie vor einem kleinen Haus mit einem großen Garten hielten und Chrissi ihrem Hund  die Autotür aufhielt, begann er, ein wenig zu wedeln. Und dann sprang Puck aus dem Auto und in den Garten.

Glücksfaktor: Andere Mütter haben auch nette Herrchen. Oder Frauchen. Manchmal sogar viel nettere …

 

 

 

Posted by admin on 7. Oktober 2020

Am 8. Oktober 1871 brannten Chicago, Peshtigo und die Städte Holland und Manistee

Alle vier Orte liegen um den Michigan-See herum, wenn auch etliche Autostunden voneinander entfernt.

Der Brand von Chicago war verheerend. Der gesamte Sommer hatte sich zu trocken gezeigt, seit Juli waren kaum einige Tropfen Regen gefallen. Außerdem gab es bereits am vergangenen Tag einen Brand in der Stadt, der die Wasserreserven veringerte und die Feuerwehrleute erschöpfte. Um 21:00 Uhr meldete ein Junge (der später als Brandstifter verdächtigt wurde), dass aus einer Scheune Flammen kamen.

Natürlich gesellte sich sofort ein neugieriger, kräftiger Wind dazu. Das Feuer frass sich mit bestem Appetit zwei Tage lang durch die Stadt. Der Chicago-River selbst fing Feuer, indem Treibholz, hölzerne Boote und fetthaltige, schwimmende Abfälle brannten. Erst am 10. Oktober begann es vormittags, heftig zu regnen – dadurch starb das Feuer.

Die Bilanz ergab neun Quadratkilometer Zerstörung, 17.000 abgebrannte Gebäude. Ein Drittel der Einwohner war obdachlos geworden: 100.000 Menschen. Man fand nicht alle Toten, doch waren offenbar nur ungefähr 250 Menschen den Flammen zum Opfer gefallen – vergleichsweise wenige bei einer so gigantischen Katastrophe.

Im Gegensatz dazu wurde am selben 8. Oktober in Peshtigo, 400 Meilen nördlich, massenhaft Leben zerstört. Hier handelte es sich um einen Waldbrand, der Bäume, Tiere und Menschen verschlang, 6.000 Quadratkilometer Wald, Dörfer, Höfe und Peshtigo selbst, vermutlich die opferreichste Waldbrandkatastrophe aller Zeiten mit ungefähr 2500 Toten. Weil es bei Hunderten der verkohlten Leichen unmöglich schien, sie zu identifizieren, setzte man sie in einem Massengrab bei.

Und schließlich ereigneten sich an diesem Tag in den kleineren Städten Holland, am gegenüberliegenden Ufer des Lake Michigan, sowie Manistee, nördlich davon, weitere Feuer, die beide Orte niederbrannten.

Es gab alle möglichen Theorien über die gleichzeitigen Katastrophen. Unter anderem die Vermutung, ein Komet hätte Bestandteile seiner selbst über die Erde in dieser Region verstreut und mittels Methan die Brände verursacht.

Alle vier Städte wurden indessen wieder aufgebaut. Chicago ist eine Riesenmetropole, die anderen drei Orte sind nette, blühende Kleinsstädtchen.

Und doch fiel eine Stadt dem Feuer zum Opfer, wurde restlos vernichtet – obwohl es in ihr überhaupt nicht gebrannt hatte. Das war Singapore, nordöstlich von Chicago. Der Ort, umgeben von Wäldern, hatte sich auf Holzindustrie und Sägemühlen spezialisiert und machte nun ein tolles Geschäft. Um die verbrannten Städte, namentlich Chicago, wieder aufzubauen, brauchte man riesige Mengen Bauholz. Ganz Singapore freute sich über diesen Boom – jedenfalls zunächst mal. Doch die Bürger sägten eifrig an dem Ast, auf dem sie saßen. Sie holzten die Waldbestände ringsumher komplett ab und beraubten sich dadurch selbst  des Windschutzes. Die Bodenbeschaffenheit brachte es mit sich, dass Singapore nun begann, in Sanddünen zu versinken. Bis etwa 1980 waren noch einige hohe Gebäude unter den Sandbergen an der Form zu erkennen. Inzwischen ist die Stadt restlos verschwunden.

Glücksfaktor: Erst denken. Dann handeln.

 

 

 

 

 

Posted by admin on 7. Oktober 2020

June Allyson wurde am 7. Oktober 1917 geboren

unter dem Namen Ella Geisman, mitten in der Bronx, nicht unbedingt dem elegantesten Stadtteil von New York. Ihre Eltern waren deutsche Emigranten. Ihr Vater, ein Alkoholiker, ließ die Familie im Stich, als die kleine Ella ein halbes Jahr alt war. Mutter Geisman schlug sich als Kassiererin und Telefonistin durch, um einigermaßen über die Runden zu kommen und lud Ella bei den Großeltern ab.

Als Ella acht war und mit ihrem Hündchen auf einem Kinderrad unterwegs, brach über ihr ein Ast ab, schlug das Hündchen tot und brach ihr die Schädeldecke sowie das Rückgrat. Die Ärzte prophezeihten, das Kind würde nie wieder laufen können. Sie verbrachte vier Jahre in einer Art Stahlkorsett, im Rollstuhl – und im Kino, um sich von dem ganzen Jammer abzulenken. Da sah sie immer wieder Ginger Rogers und Fred Astaire. Die kleine Ella wollte nicht nur wieder laufen – sie wollte auch tanzen. Die Aussichten dafür schienen miserabel.

Aber dann passierten zur Abwechslung einige positive Dinge. Mutter Geisman heiratete einen sehr netten Mann mit etwas mehr Geld. Ella machte eine Schwimm-Therapie, konnte zunächst vom Rollstuhl auf Krücken umsteigen und bald darauf wieder ohne Hilfe umhergehen. Ein Jahr später begann sie, Tanzunterricht zu nehmen. Sie wollte auf die Bühne. Sie wollte auf die Leinwand! Die Zukunft sah plötzlich rosig aus.

Dann starb ihr Stiefvater und mit ihm seine Einnahmen. Die Zukunft schien beinah so trostlos wie vorher. Die kleine Ella (sie wurde zeitlebens nie größer als 1.55 und erklärte, es sei wenig amüsant, entweder Genickstarre zu bekommen oder die Gürtelschnallen der Männer zu betrachten) verließ die Schule vorzeitig, um durch Tanzengagements zum Haushaltsgeld beizutragen. Für ihren ersten Auftritt als Stepptänzerin bekam sie 60 Dollar die Woche. Das war 1937.

Fünfzehn Jahre später, Mitte der 50er, war sie der beliebteste Filmstar Hollywoods. Durchaus keine Schönheit, aber recht hübsch – sie sagte über sich selbst: “Ich hab große Zähne und ich lispele. Meine Augen verschwinden, wenn ich lächle. Meine Stimme ist ulkig … ” – war ihre Wirkung ungemein liebenswert. Die ulkige Stimme, ziemlich tief und etwas heiser, mehr noch die Art, wie sie redete, guckte und agierte, das alles war unwiderstehlich.

Sie war das typische ‘Mädchen von nebenan’, falls es jemals eine derart nette Nachbarin gegeben hatte. Strahlend oder nachdenklich, patent, witzig bis selbstironisch, warmherzig und doch: durchaus sexy. Sie besaß eine höchst sinnliche Unterlippe.

Der Riesenerfolg, der Starruhm, den sie sich erträumt hatte, wurde ihr tatsächlich gegeben. Ihr Privatleben blieb teilweise etwas schwierig. Sie war viermal verheiratet (mit drei Männern). Von ihrem ersten Mann ließ sie sich beinah scheiden, nachdem sie fast mit seinem Friseur durchgebrannt wäre – verzichtete jedoch auf beides, wurde bald darauf Witwe und bekam schwere Depressionen, die sie in Alkohol zu ertränken versuchte. Schließlich heiratete sie den Friseur doch, ließ sich nach zwei Jahren scheiden, heiratete ihn im Jahr darauf wieder und ließ sich vier Jahre später wieder scheiden. Am Ende und bis zu ihrem Tod war sie die Ehefrau  eines netten, ruhigen Hollywood-Zahnarztes, dem ersten brünetten Gatten übrigens, eigentlich gefielen ihr blonde Herren besser.

Es wurden ihr zahlreiche Affairen mit beachtlichen Männern nachgesagt (siehe Unterlippe) unter anderem mit John F. Kennedy, was inzwischen niemand mehr wundert, seit rauskam, dass er mit der weiblichen Hälfte aller Hollywood-Stars in der Kiste war. Und Kennedy war auch blond.

Am Ende ihres Lebens wirkte das sympathische, unwiderstehliche Mädchen von Nebenan eigentlich recht zufrieden. June Allyson wurde 88 Jahre alt.

Glücksfaktor: Nicht unbedingt glauben, was Ärzte sagen.

 

 

 

 

 

 

Posted by admin on 6. Oktober 2020

Der 6. Oktober ist der Tag der Badewanne

 

auf jeden Fall in Amerika. Aber ich fürchte, da ist sie ebenso aus der Mode wie bei uns.

Es ist eine betrübliche und mysteriöse Tatsache, dass alles, was ich wirklich liebe und wichtig finde, verschwindet. Vielleicht sollte ich mich, zum Wohle der Menscheit, dazu überwinden, Corona, Klimawandel und manche Politiker heftig zu lieben und dringend zu benötigen. Und vielleicht sollte ich vorsichtshalber meine positiven Emotionen auf anderen Gebieten etwas zügeln – wie macht man das?

Die Wonne der Wanne wird allgemein nicht mehr geschätzt. Baden ist altmodisch, vermutlich, weil zeitraubend. Junge Menschen duschen. Alte erst recht: Den Senioren werden die gefährlichen Badewannen ausgebaut – über deren Rand sie stolpern könnten und aus denen sie allein nicht wieder rausfinden – und durch stufenlose Kachelböden mit Abflussloch ersetzt. Ungemein praktisch, völlig ungefährlich. Es geht ja immer mehr und überall um Sicherheit. (Ich frage mich, wann Säuglinge im Kinderwagen einen kleidsamen Helm tragen, weil ihnen unterwegs schließlich jederzeit was auf den Kopf fallen könnte. Und es ist zu erwarten, dass besagten Senioren, ständig in Gefahr, auszurutschen, demnächst beim Duschen der praktische Helm mit Löchern verordnet wird.)

In Romanen aus dem vorigen Jahrhundert kommen Badewannen noch vor. In ‘Heut heiratet mein Mann’ von Annemarie Selinko (1940 erschienen) liegt die Heldin stundenlang in der Wanne, um nachzudenken. In ‘Rebecca’ von Daphne du Maurier (1938) badet die Protagonistin gewohnheitsmäßig morgens und abends! Und das war keine persönliche Marotte, das machte ein reinlicher Mensch damals so, falls er eine eigene Wanne besaß. Was natürlich alles verheerend ist für’s Bindegewebe. Dafür ist es sinnvoller, Zack! unter die Dusche zu springen, sich eben schnell warm abzubrausen und dann eiskalt. Weshalb man heutzutage überall nur noch prachtvolles Bindegewebe erblickt …

Ich muss mich damit abfinden, dass meine Daseinsberechtigung in diesem Jahrhundert fadenscheinig wird.

Glücksfaktor: NOCH gibt es hier und da eine Wanne. Oder zumindest so was Ähnliches …