Heute

Posted by admin on 30. Dezember 2020

Der gute Rutsch

Ich möchte diesem Jahr nichts hinterherrufen. Es ist genug verflucht und beschimpft worden.  Teilweise empfand ich es ein wenig unkomfortabel, sah indessen durchaus Vorteile. Das ist eine Sache der persönlichen Betroffenheit und der individuellen Auffassung und entzieht sich der Diskussion. Es gibt ganz sicher Menschen, die unter dem Fluch des Virus sehr gelitten haben, ob gesundheitlich oder geschäftlich. Wir hatten, andererseits, in unserer Geschichte schon mit schlimmeren Katastrophen zu ringen. Der gute Rutsch ist ein Neujahrswunsch. Eigentlich fast der einzige. Ich mag ihn nicht und wende ihn nach Möglichkeit nicht an, weil ich eine Aversion gegen Klischees habe. Darüber hinaus kommt es mir nicht positiv vor, zu rutschen: man rutscht eher selten nach oben, oder? Eine Weile wurde behauptet, der Ausdruck sei aus der Bezeichnung des jüdischen Neujahrsfestes entstanden, Rasch-Haschona. Inzwischen denkt die (Sprach-) Wissenschaft darüber anders. Es sieht so aus, als hätte sich die Redewendung tatsächlich von vornherein auf’s Rutschen bezogen. Das war offenbar mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts eine volkstümliche Bezeichnung für das Reisen, den Ausflug: “An diesem Dienstag rutschen wir zur guten Tante nach Berlin” oder so. Besonders passend natürlich im Winter und falls man im Pferdeschlitten unterwegs sein konnte. Es soll auch Neujahr-Glückwunschkarten aus dieser Zeit geben, die einen Menschen auf Skiern zeigen – mit der Aufforderung: ‘Guten Rutsch!’ Da ich jedoch davon ausgehe, dass es nicht besonders schwierig ist, von einem Jahr in andere zu gelangen, wünsche ich meinen Freunden lieber ein besonders schönes 2021, voller Freude, Liebe und Gesundheit und mit genau der richtigen Menge Tiefsinn und Leichtigkeit! Glücksfaktor: Sich klarzumachen, wofür man dankbar sein kann …
Posted by admin on 29. Dezember 2020

Wer war denn nun bloß Martje Flor?

Bin ich verschiedentlich gefragt worden und das war ja vorauszusehen.

Martje Flor also – ein kleines Mädchen, das es wohl wirklich gegeben hat und das in die Literatur eingegangen ist. Ich kenne drei Beispiele – aber vermutlich gibt es noch mehr.

Theodor Storm (Eine Halligfahrt):

Die Geschichte aber, welche demselben zugrunde liegt, verdient es, auch in weiteren Kreisen erzählt zu werden. Als nämlich Tönning, die große Stadt der Landschaft Eiderstedt, einst von den Schweden belagert wurde, hatte eine Gesellschaft feindlicher Offiziere in dem benachbarten Kathrinenbad Quartier genommen und trieb dort arge Wirtschaft; sie ließen sich Wein auftragen, zechten und lärmten, als seien sie die Herren hier. Martje Flor, die zehnjährige Tochter des Hauses, stand dabei und sah unwillig dem Gelage zu, denn sie gedachte ihrer Eltern, die das unter ihrem Dache dulden mußten. Da reichte einer der Trinker ihr ein volles Glas und rief, was sie so trübselig dastehe, sie solle lieber auch eine Gesundheit ausbringen! Und Martje trat mit dem Glase an den Tisch, wo die feindlichen Kriegsleute saßen, und sprach: »Dat et uns will ga up unse ole Dage!« – Und auf dieses Wort des Kindes wurde es still.

Seitdem versteht es jeder bei uns zu Hause, wenn am Schlusse des Mahles der Wirt es seinen Gästen zubringt: »Und nun noch – Martje Flors!«

 

 

Detlev von Liliencron (Martje Flors Trinkspruch)

Vor Tönning, auf Katharinenherd,
Zechen Steenbocks Offiziere.
Sie haben fleißig die Humpen geleert,
Der Weiser zeigt auf früh viere.

Durchs Fenster glüht das Morgenrot
Auf die trunknen Cavaliere,
Auf ihre Sturmhauben á la Don Quixote,
Die verschobnen Bandeliere.

Auf im Nacken schwankenden Federhut,
Auf Koller und spiegelnde Sporen,
Auf ihr in Hitze geratnes Blut,
Auf manchen “hochedelgeboren”.

Der eine hats Elend, der andere lacht,
Zwei haben den Pallasch gezogen,
Der stiert vor sich hin wie in Geistesnacht,
Der äfft nach den Fidelbogen.

Zwei andre halten Verbrüderungsfest,
“Herzbruder” schwimmt im Pokale.
Und der unten am Tisch säuft Rest aus auf Rest
Und denkt an keine Finale.

Da tritt ein kleines Mädchen herein,
Und steht mitten im wüsten Quartiere.
Martje Flor ists, des Wirtes Töchterlein,
Zehn Jahr’ nach dem Taufpapiere.

Sie nimmt das erste beste Glas
Und hebt sich auf die Zehe:
“Auf daß es im Alter, ich trink euch das,
Im Alter uns wohlergehe”.

Mit weit offnem Munde, mit bleichem Gesicht
Steht die ganze besoffne Bande
Und starrt entsetzt und rührt sich nicht,
Und steht wie am Abgrundsrande. –

In Schleswig denken sie heut noch erbost
An die schwedschen Klauen und Klingen
Und denken dankbar an Martjes Toast,
Wenn sie die Becher schwingen.

 

 

Kurt Tucholsky (Schloß Gripsholm)

»Das sind alles keine Trinksprüche, Daddy. Weißt du keinen andern? Du weißt einen andern. Na?«

Ich wußte, was sie meinte. »Martje Flor«, sagte ich.

»Martje Flor!«

Das war jene friesische Bauerntochter gewesen, die im Dreißigjährigen Kriege von den Landsknechten an den Tisch gezerrt wurde; sie hatten alles ausgeräubert, den Weinkeller und die Räucherkammer, die Obstbretter und den Wäscheschrank, und der Bauer stand daneben und rang die Hände. Roh hatten sie das Mädchen herbeigeholt – he! da stand sie, trotzig und gar nicht verängstigt. Sie sollte einen Trinkspruch ausbringen! Und warfen dem Bauern eine Flasche an den Kopf und drückten ihr ein volles Glas in die Hand.

Da hob Martje Flor Stimme und Glas, und es wurde ganz still in dem kleinen Zimmer, als sie ihre Worte sagte, und alle Niederdeutschen kennen sie.

»Up dat es uns wohl goh up unsre ohlen Tage –!« sagte sie.

Glücksfaktor: Worte.

Posted by admin on 27. Dezember 2020

Ein Weihnachtsspaziergang auf dem Friedhof

muss weder makaber noch düster sein, vor allem, wenn die Sonne scheint.

Der Löwe und ich haben Mamas Grab in Tornesch besucht und sind anschließend ein wenig herumgewandert. Das haben wir schon öfter gemacht, zu verschiedenen Jahreszeiten, Ostern zum Beispiel oder an ihrem Geburtstag im März. Manchmal nimmt der Löwe eine Gießkanne, die um die Ecker hängt, und begießt die Mama. Sie hat ihn ja, so lange sie lebte, nie kennengelernt. Nun macht er sich ein bisschen beliebt.

Danach kann man gut umherlaufen und sich die Gräber anderer Leute angucken. Einige Menschen sind unterwegs, die sich, soweit wir hören können, über Lockdowns und Impfungen unterhalten. Ein Rabenvogel, dessen Gefieder wunderbar blauschwarz in der Sonnen schimmert, stelzt nachdenklich umher und pickt hier und da versuchsweise ins Gras.

Und dann bemerken wir eine winzige Gestalt auf einem großen Stein. Ein Grabstein ist das nicht, er steht nur an einer Friedhofsecke herum. Und obendrauf sitzt etwas wie ein kleiner Buddha, der sich mit beiden Händen den Mund zuhält.

Er ist kleiner als meine Hand und verbirgt sich durch seine  bescheidene Farbe sehr gut auf dem Stein, selbst aus Stein. Wirft er Kusshände? Ist er erschrocken?

Glücksfaktor: Dass  die Welt voller Rätsel ist …

 

Posted by admin on 26. Dezember 2020

Richard Widmark wurde am 26. Dezember 1914 geboren

und zwar in Minnesota. In diesem amerikanischen Bundesstaat leben viele Schweden. Auch Widmarks Eltern stammten von dort. Er selbst, blond, etwas sommersprossig, mit hellen Wimpern,  tiefliegenden dunkelblauen Augen und hohen Wangenknochen, sah sein Leben lang so schwedisch aus wie Kalle Blomquist.

Richard Widmark passte in überhaupt kein Filmstar-Klischee. Bevor er sich für den Job eines Schauspielers entschied, studierte er Jura, Philosophie und Dramatische Kunst und promovierte in politischen Wissenschaften. Ehe er 30 Jahre alt war, unterrichtete er an einer Universität in Illionois Sprachen und Dramaturgie. Mit 32 war er bereits außerordentlicher Professor. Seine Ehe mit Jean Hazlewood, einer Schriftstellerin, galt als besonders glücklich und dauerte 55 Jahre, bis zu ihrem Tod. Er hatte offenbar nie das geringste Interesse daran, fremdzugehen – ziemlich ungewöhnlich für Hollywood-Verhältnisse. Ein richtiger, guter Steinbock eben.

Widmark begann seine Schauspiel-Karriere als Bösewicht. Er verfügte über das schmutzigste Kichern in der westlichen Hemisphäre sowie ein irres linksseitiges Grinsen und er spielte geraume Zeit immer nur kaputte Mörder, bevor er mal zu den guten Helden überwechselte. Seine erste Filmrolle (Im Film Kiss of Death) zeigt ihn als sadistischen Auftragskiller, der in Ermanglung des vereinbarten Opfers einfach dessen querschnittgelähmte Mutter am Rollstuhl festbindet und die Treppe runter schickt. Nach dieser Untat verlieh man ihm den Golden Globe als bester Nachwuchsdarsteller und nominierte ihn für den Oscar. Außerdem kam die Filmproduktionsfirma 20th Century Fox mit einem der berühmten Siebenjahresverträge angestürzt.

Über mehr als 40 Jahre spielte Widmark erfolgreich recht unterschiedliche Rollen in sehr verschiedenen Filmen, manchmal auch mal wieder als Ekel, meistens jedoch als Held. Wenn es ihm zusagte, verschmähte er keine Nebenrolle. Er war Gesetzeshüter und Gesetzesbrecher, Wikinger, Dauphin, U-Boot-Kommandant und besonders gern im wilden Westen unterwegs, weil er Dreharbeiten in der Natur schätzte und Pferde liebte. Waffen übrigens, obwohl er sie in Gangster- und Wildwest-Filmen gebrachte, verabscheute er und setzte sich immer wieder für ein verschärftes Waffenrecht in Amerika ein.

Im Alter zog er sich mehr und mehr auf seine Farm in Connecticut zurück. Mit 82, zwei Jahre, nachdem seine Jean gestorben war, heiratete er noch einmal, die damals 68jährige Susan Blanchard. (Die dürfte das als Erleichterung empfunden haben, denn sie hatte das Pech, bereits mal mit Henry Fonda verheiratet gewesen zu sein. Der war zwar schön von Angesicht – auch Geschmackssache – besaß jedoch offenbar einen reichlich verbogenen Charakter.) Diese Ehe hielt bis zu Widmarks Tod. Er wurde 93 Jahre alt.

Mir persönlich fällt zu Richard Widmark immer sofort ein besonderes Merkmal ein, das meine Freundin Ute und ich irgendwann Ende der 70er entdeckten. Ich besuchte sie eines Abends und sie hatte mit ihrem Videorecorder einen alten Schwarzweiß-Film aufgenommen, in dem der Schauspieler eine Hauptrolle spielte. Der Film – von 1953 – hieß Pickup on South Street und hatte den ungewöhnlich idiotischen deutschen Titel erhalten: ‘Polizei greift ein’. Richard Widmark spielte einen Taschendieb, der gleich zu Beginn auf durchaus nicht unerotische Art während einer U-Bahn-Fahrt in  der Handtasche einer hübschen jungen Dame, die nichts davon bemerkt, herumstöbert. Was er erwischt, ist ein Microfilm – denn es geht um Spionage im Kalten Krieg. Später bricht sie in sein Hausboot ein, um das Ding zurückzubekommen und wird von ihm niedergeschlagen. Nachdem er  erkennt, wer der Einbrecher ist, massiert er ihr das misshandelte Kinn und geht schließlich dazu über, sie zu küssen.

Als die Szene zuende war – für Interessenten: die Küsserei befindet sich auf ca. Minute 35 des Films, und den kann man auf YouTube in ganzer Länge sehen – sagten Ute und ich im Chor: “Nochmal!” Da sich der Film erfreulicherweise auf dem Videoband befand, war das kein Problem. (In einer späteren Szene übrigens wurde noch mehr geküsst.)  Wir kamen zu dem Schluss, dass dieser Richard Widmark der beste Küsser aller Zeiten sei. Nachdem wir den Fall studierten und weitere alte Filme mit dem Darsteller auftrieben, bestätigte sich diese Theorie.

Glücksfaktor: Kommt drauf an, was man wichtig findet …

 

 

35. Minute

 

Posted by admin on 25. Dezember 2020

Am 25. Dezember 1995 starb Dino Crocetti

weltweit bekannt als Dean Martin, Entertainer, Lieblingssänger meiner Mutter und vieler Mädels ihrer Generation. Er wurde 78 Jahre alt, was gar nicht mal so schlecht ist für einen Kettenraucher.

Dino war das Kind italienischer Einwanderer. Es heißt, alle Italiener können singen, weil sie bereits singen, wenn sie sprechen. Martin imitierte so haargenau wie möglich Bing Crosby und entwickelte später daraus seine eigene Note. Seine Stimmlage war Bariton. Genau wie Crosby oder Frank  Sinatra galt Dean Martin als ‘Crooner’. Crooning ist ein Gesangstil, der ohne Mikrofon nicht möglich wäre (außer vielleicht mit einer einzigen Zuhörerin), denn er verzichtet auf Lautstärke. Stattdessen schnurrt und gurrt er und vermittelt das Gefühl großer Intimität. Man könnte auch schlicht  sagen, Crooner klingen besonders sexy: sie singen nicht ins Ohr, sondern im Ohr.

Zehn Jahre lang, zwischen 1946 und 1956, war Dean Martin Teil eines Comedy-Duos, Martin& Lewis. Er stellte dabei den erwachsenen, hübschen, zurückhaltenden (und immer mal wieder singenden) Mann dar – sein Partner, der neun Jahre jüngere Jerry Lewis, das überdrehte Kind (oder, wie manche Leute meinten, die Weibchen-Rolle) mit einem ständig derart zerknautschtem Gesicht, dass kaum je auszumachen war, wie es in Ruhestellung aussehen mochte. Damals wurde den beiden hinter vorgehaltener Hand ein homoerotischer Touch nachgesagt und das war sehr gewagt. Inzwischen ist es langweilig. Selbst wenn – na und?

Als sich die beiden trennten, sprachen sie jedenfalls nicht mehr miteinander. Später dann wieder ganz positiv ÜBEReinander; zumindest Jerry Lewis über Dean.

Dino sprach eigentlich sowieso eher wenig. In seiner Bühnenpräsenz wirkte er heiter, aber unendlich entspannt, manchmal eher uninteressiert. Elvis Presley, der seinen Gesangstil sehr schätzte, nannte ihn – wie viele andere Kollegen – ‘King of Cool’. Martin pflegte dieses Image, er sang mit einer Hand in der Hosentasche oder indem er ein Whiskeyglas hielt. Letzteres wurde auf die Spitze getrieben durch den Drunk Act, mit dem er in Las Vegas auftrat. Angekündigt mit den Worten: “Direkt von der Bar – Dean Martin!” kam er etwas stelzbeinig und wackelig auf die Bühne, schien nicht zu wissen, was eigentlich lief und warum, suchte vergeblich das Publikum, indem er mit dem Rücken zu ihm stand und verwechselte seine Songtexte. Allerdings war das reine Show – wie er selbst erklärte: “Sie zahlen einem nicht ein hohes Honorar, wenn man nicht weiß, was man tut.”

Und doch enthielt seine gelangweilte Attitüde einige Wahrheit. Dean Martin hatte keine besondere Lust, Dean Martin zu sein. Nahezu regelmäßig begann er auf der Bühne einen Song und brach ihn vor dem Ende mit einem Witz ab, demonstrierend, dass ihm nichts daran lag. 

Kaum jemand kam ihm wirklich nahe. Er gehörte zum ‘Rat Pack’ um Frank Sinatra und trat auch gemeinsam mit ihm auf. Trotzdem war es immer wieder Sinatra, der sich bei Dino melden und den Kontakt aufrecht erhalten musste, was ihn am Ende, verständlicherweise, beleidigte. Zur Riesenfeier von Frank Sinatras 80. Geburtstag wurde Dean Martin nicht mehr eingeladen.

Einem Filmproduzenten, der ihn bei einem gemeinsamen Essen ‘kennenlernen’ wollte, ließ er ausrichten: “Mich lernt man nicht kennen.” Er hatte keine wirklichen Freunde und war am liebsten allein.

Tatsächlich sagte bereits sein Familie, er sei als Kind völlig verschlossen gewesen, nahezu unfähig zur Kommunikation.

Martin war dreimal verheiratet und hatte acht Kinder, ein adoptiertes und  sieben selbstgemachte – die ihn auch nicht so richtig kannten. (Trotzdem litt er jahrelang unter Depressionen, als sein Sohn Dino durch einen Unfall starb.) Seine zweite Frau Jeanne war vermutlich für ihn das, was bei anderen Leuten unter ‘große Liebe meines Lebens’ läuft. Sie waren 24 Jahre lang verheiratet und lebten nach der Scheidung und seiner kurzen Ehe mit einer anderen Frau noch einmal 15 Jahre zusammen, bis zu seinem Tod. Trotzdem meinte Jeanne hinterher, sie hätte ihn eigentlich nie kennengelernt.

Glücksfaktor für manche Menschen: Distanz. 

 

 

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