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Posted by admin on 16. Oktober 2022

Eine italienische Scheidung

war über lange, lange Jahrhunderte unmöglich. Es ist eine erstaunliche Tatsache, dass es in diesem Land erst seit 1970 (!!) juristisch möglich ist, eine geschlossene Ehe wieder zu trennen – ohne den Tod dazu bemühen zu müssen.

Da gab es unter anderem 1961 den sehr amüsanten Film „Scheidung auf Italienisch“ mit Marcello Mastroianni, der sich voller Verzweilflung immer neue Todesarten für seine Gattin ausdenkt, um sie endlich loszuwerden und als Witwer neu anzufangen.

Vielleicht, weil in Rom nunmal der Papst wohnt, vielleicht, weil im Altertum gerade hier die Christen ganz besonders gepiesakt wurden: Italien schleppte seit Jahrtausenden besonders schwer an Segen und Fluch des Katholizismus, einschließlich der Unauflösbarkeit der Ehe.Vielleicht verdankt die wunderschöne, romantische Gegend es unter anderem dieser Tatsache, dass hier die tödlichsten, geheimnisvollsten, schwer aufzustöbernden Gifte angefertigt wurden.

(c) National Trust, Polesden Lacey; Supplied by The Public Catalogue Foundation[/caption]

Als die junge Caterina di Medici, Großnichte des damaligen Papstes, 1533 aus Italien nach Frankreich anreiste, um dort den König zu heiraten, da wusste Jeder: Die hat Ahnung vom Giftmischen! Zwar war das im 16.Jahrhundert sowieso eine gebräuchliche Art, sich lästige Mitmenschen aus dem Weg zu schaffen, doch speziell Italienerinnen verfügten über entsprechende  Rezepte. (Im Film ‚Die Bartholomäusnacht‘ ist sehr schön dargestellt, wie auch die Söhne Caterinas, die verschiedenen Prinzen und Könige, gelehrige Schüler der Mama, rundherum Gift verabreichen, etwa durchs Präparieren von Buchseiten oder Lippenpomade.) Trotzdem, dies sei Caterina zu Ehren gesagt, starb ihr Mann, der König, nachweislich an einer Turnierverletzung.

Knapp ein Jahrhundert später gab es in Neapel eine (oder mehrere) tüchtige Damen, bei denen ein scheidungswilliger Mensch erhielt, was ihn frei machte, nämlich Aqua Tofana. Das war eine klare, geruchs- und geschmacklose Flüssigkeit, von der wenige Tropfen genügten, um viele Probleme zu beseitigen.

Aqua Tofana, hieß es, sei der Geifer zu Tode gekitzelter, an den Füßen aufgehängter Menschen. Es bestand jedoch wahrscheinlich eher aus ziemlich viel Arsenlösung, etwas Bleizucker sowie einem Zusatz von Belladonna. 

Dem Brockhaus von 1837 konnte man entnehmen, dass ein Opfer, dem einige Topfen beigebracht wurde, je nach Dosierung, in aller Gemächlichkeit monatelang dahinsiechen oder am selben Nachmittag zu den Ahnen schweben konnte. Die Symptome zeigten sich durch großen Durst und zunehmende Melancholie. Sehr angenehm für die mordende Person dürfte die Tatsache gewesen  sein, dass der Vergiftete keine Schmerzen verspürte und deshalb nicht herumjammerte. Vielmehr verlor er außer dem Appetit auch die Lust am Leben, wurde immer schwächer und hinfälliger und  fiel schließlich in ‚Abzehrung‘. Sodann konnte er beerdigt werden und es war Zeit, in ein hübsches schwarzes Kleid zu schlüpfen.

Nachweisen ließ sich mit damaligen Mitteln überhaupt nichts. Die Richter waren auf Verrat, plötzliches Beichtbedürfnis oder durch Folter herausgequetschte Aussagen angewiesen.

Mehrere miteinander bekannte oder verwandte italienische Giftmischerinnen gaben sich das Rezept gegenseitig weiter oder vererbten es. Rund 600 Todesfälle (alle Opfer männlich) verursachte das klare Zeug im Fläschchen. Dadurch halfen sich ebensoviele zwangsverheiratete, häufig misshandelte, zu Unterordnung und Gehorsam verurteilte Frauen aus der hoffnungslosen Patsche.

Es gab einige Giftmord-Prozesse in Bezug auf Aqua Tofana sowie Hinrichtungen in der Mitte des 17. Jahrhunderts in Palermo und Neapel, später auch in Rom. Eine Dame namens Teofania di Adamo, offenbar Schöpferin des genialen Mittels, wurde 1697 durch Hängen (nur ein wenig, bis kurz vor dem Ersticken), Ausweiden (Öffnen des Leibes und Verteilen der Eingeweide auf dem Oberkörper) sowie Vierteilen (nach Durchtrennen der hindernden Sehnen ein Auseinanderreißen des Körpers durch vier Pferde)  hingerichtet. Teofania durfte stolz darauf sein, dass diese grausame Tötungssart sonst durchaus männlichen Schwerverbrechern vorbehalten blieb.

Trotzdem ging das geniale Rezept nicht verloren. Ebenfalls aus dem 1837-Brockhaus erfuhr der interessierte Leser, in Umbrien sei dergleichen noch zu erwerben.

Übrigens glaubte Wolfgang Amadeus Mozart am Ende seines Lebens felsenfest, jemand hätte ihn mit Aqua Tofana umgelegt …

 

Glücksfaktor: Dass man sich heutzutage nach Herzenslust scheiden lassen kann, sooft  man will! Und wer dazu keine Lust hat: Der Internet-Händler Etsy bietet in seinem Sortiment (Wir haben alles!) entsprechende Fläschchen an.

 

 

 

 

 

 

 

Posted by admin on 12. Oktober 2022

Keine Angst, mein Sohn will nur spielen …

Und man kann sagen, daran hat er sich konsequent gehalten. Hat sein Geld kaum je mit etwas Anderem verdient – als Schauspieler, als wandelnde Werbefigur, als Spiele-Erfinder, als Schach-Moderator. 

Es gab immer mal wieder Personen, die sich über diese Art, die Welt zu nehmen, Sorgen machten. Wie soll denn jemand, der nur herumtänzelt, jemals auf einen  grünen Zweig kommen und die erforderliche wirtschaftliche Sicherheit erringen? Das Leben, meinen sie beunruhigt, darf doch kein Spiel sein! 

Ist das so? Für manche scheint es eine fortdauernde Tragödie zu bedeuten, für andere eine Art Haftanstalt mit Ausgang. Ein Mensch muss ganz viel leisten und liefern, auch unbedingt das, wozu er eigentlich überhaupt keine Lust hat. Das ist gerade schrecklich aktuell und nennt sich  ‚die Komfortzone verlassen‘. Wer das nicht tut, macht angeblich was falsch.

Arne ist ein Spieler. Nein, nein, kein süchtiger Zocker, nicht so was. Aber das, was er am allerliebsten tut, das, was ihn glücklich macht, ist Spielen.

Er begriff als sehr kleines Kind sofort mühelos die Regeln jedes Gesellschaftsspiels, konnte sie sich merken – und gewann. Während mir ein Kartenspiel schon mal runterfiel, hielt er einen Packen großer Karten in seinen kleinen Händen und mischte sie souverän. 

Arne liebte es, sich Spiele selbst auszudenken. Als winzigkleiner Drops malte er gern verschlungene  Wege, nummerierte sie in Kästchen, die erwürfelt werden mussten und erfand Spielregeln – immer wieder neu, unermüdlich. 

In seine Würfel war die 6 fast programmiert; zur Geschicklichkeit gesellte sich das Spielerglück. Als wir gemeinsam alleinerziehend, auf Kreta einen Ferienclub besuchten, gewann mein siebenjähriger Sohn das Bingo. Er erhielt eine Riesenanzahl von roten und schwarzen Plastikperlen, die man ineinandersteckten konnte, die Währung im Club, und trug eine Woche lang mehrere Plastikketten um den Hals wie ein Hawaiianer seine Blumengirlanden. Ein feiner Zuwachs für das Sparschwein, als es vor Abreise in echtes Geld eingetauscht wurde.

Es gab immer mal Mitspieler, die ihm dieses Glück verübelten. Meine Mama, eine sauschlechte Verliererin, mochte ihm nie abkaufen, dass seine Würfel ihm derart zu Diensten waren und stets das Ergebnis lieferten, das er gerade benötigte.

Ich höre noch ihre beleidigte Stimme, wenn ich in der Küche oder am Schreibtisch beschäftigt war, während die beiden am Esstisch unter der Hängelampe saßen: „Arne schummelt schon wieder!“

Ich rief dann ziemlich ärgerlich zurück: „Er schummelt nicht!“ – aber sie konnte sich das nicht vorstellen. Schließlich fing er, etwa ein Jahr später, mit dem Schummeln an: Er ließ nun seine Omi in vernünftiger Frequenz gewinnen. Sie war sehr zufrieden damit, dass er ‚endlich ehrlich‘ spielte. Und Arne war immer ein gelassener Verlierer, keineswegs erpicht darauf, unbedingt Sieger zu sein.

Das halte ich übrigens für eine ungewöhnliche Zutat bei jemandem, dem Spielen so wichtig ist. In den Genen hätte es ihm schon sitzen können. Es gab in seiner – sehr zahlreichen – väterlichen Familie durchaus Personen, die den roten Mord in den Augen bekamen, wenn es darum ging, im Skat der König zu werden oder alle Mensch-ärgere-dich-nicht-Männchen komplett zuerst in die Garage zu scheuchen.

Schach brachte ich ihm bei, als er sechs Jahre alt war – und gewann nach wenigen Monaten nie wieder ein Spiel gegen ihn. Einige Jahre später verbrachte er gern seine Freizeit in einem Schachclub  und gewann auch Preise, etwa beim Blitzschach.

Selbstverständlich spielte Arne hervorragend Fußball – als ziemlich kleiner Junge eine Weile beim HSV – oder Volleyball und überhaupt jede Art von Ballspiel.

Er liebte Rollenspiele, er machte im Grunde am liebsten alles zu einem Spiel.

Und ich ging sehr früh dazu über, ihn durch Spielen zu erziehen. Das war ungeheuer effektiv. Als mein kleiner Junge ungefähr fünf Jahre alt war, gewöhnte er sich das Nagelkauen an. Sein Vater klappste ihm auf die Finger, wenn er es sah. Die Omi (meine Mama war immer bedachte auf äußere Werte) warnte ihn, er würde ganz hässliche Nägel bekommen, die zum Schluß auch gar nicht mehr länger wachsen könnten. 

Ich erfand das ‚Nägel-nicht-mehr-kauen-mit-Fürdich-Spiel‘.

Was ist ein Fürdich?

Wenn Klienten seines Vaters oder andere Bekannte uns besuchten, dann brachten sie unserem Kind meistens etwas mit, Spielzeug, etwas zu Naschen. Sie reichten es dem Kleinen, er tippte sich  strahlend mit dem Finger auf die Brust und fragte: „Für mich?“ – und erhielt die Antwort: „Ja, das ist  für dich!“

Ich besorgte also zehn schöne kleine Fürdichs. Mindestens fünf  Modellautos, die er sehr liebte, aber auch etwas wie einen Stift mit vielen Farben, einen Anspitzer, der ein grünes Krokodil war und so weiter. Ich verpackte jedes sehr hübsch, was ihnen reizvoll unterschiedliches Format gab und Überraschungen versprach. Alle zehn Fürdichs kamen oben auf Arnes Kommode  – und das Spiel, auf zehn Wochen angelegt, ging los.

In der ersten Woche klebte ich ein Pflaster um sein rechtes Däumchen. Die Spielregel lautete: Arne durfte ungehindert an den neun anderen Fingernägeln kauen. Sollte jedoch das Pflaster vom Daumen abgehen, musste er das sofort melden, um ein neues zu erhalten und durfte auf keinen Fall das kleineste Stück Nagel davon abbeißen.

Das funktionierte gut, Arne konnte sich ein Fürdich aussuchen. Mit dem Anfang der zweiten Woche war dem beschützten Daumen ein gutes Stück Nagel gewachsen und wurde glatt gefeilt. Nun erhielt der Zeigefinger ein Pflaster und die Regel hieß: Acht Nägel blieben zum Kauen übrig. Weder der heile Daumen noch der umklebte Zeigefinger durften angebissen werden.

Ich glaube, das Spiel dauerte keine zehn Wochen. Nach sieben oder acht heilen, gerade gefeilten Nägeln hatte sich die Angewohnheit beruhigt. Arne erhielt die letzten Fürdichs und bekam in Zukunft  einmal in der Woche seine Nägel ein wenig gefeilt. Er hat bis heute schöngeformte Nägel und nie wieder dran gekaut.

Warum soll das Leben kein Spiel sein, solange es funktioniert?

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Söhnchen!

 

 

 

 

Posted by admin on 7. Oktober 2022

Am 7. Oktober 1910 trat in der Schweiz das Verbot von Absinth in Kraft

Dabei stammte das Rezept für diesen Schnaps – „WER hat’s erfunden?!“ – ganz genau, aus der biederen Schweiz. Ausgerechnet …

Der berüchtigte Absinth, grünes Gebräu der Sünde, Droge von Bohemiens und Kreativen, geheimnisvoll und gefährlich – ein Schweizer?! Das hätten wir jetzt aber nicht erwartet.

Bekannt ist Absinth dafür, ab Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem in den Künstlerkreisen von Paris Malern wie Vincent van Gogh, Paul Gauguin, Henri de Toulouse-Lautrec und Dichtern wie Charles Baudelaire, Ernest Hemingway und Oscar Wilde die Rübe vernebelt zu haben.

Vincent van Gogh, Cafétisch mit Absinth, 1887

Sie malten sich gegenseitig, Absinth schlürfend, oder gleich den Absinth alleine, sie beschrieben den Schnaps und seine Wirkung in ihren Werken – Absinth war berühmt und verrufen.

Porträt von Vincent van Gogh, gemalt von Henri Toulouse-Lautrec, 1887

(Wenn man scharf hinguckt, entdeckt man auf dem Tisch vor Vincent das Glas mit Absinth.)

Viktor Oliva: Der Absinthtrinker, 1901

Das milchige hellgrüne Zeug – klar grün, bis Wasser und Zucker dazu kommen, dann verschleiert – wurde zum Mythos.

Angefangen hatte es (und das glauben wir der Schweiz schon eher) als Heiltrank. Es besteht in aller Unschuld aus Wehrmutkraut, Anis, Fenchel und natürlich Alkohol, um die guten Kräuter stabil zu halten. Zwischen 45 und 89 Volumenprozent Alkohol, das ist eine Menge Stabilität.

Die Leber freut sich, das wissen wir, über bittere Noten. Also eine Art Magenbitter. Artemisia, das heißt auf Deutsch Beifuß, ist tatsächlich ganz ungewöhnlich gesund. Schon Hildegard von Bingen konnte sich gar nicht beruhigen über die gute Wirkung von Artemisia – wirksam gegen Würmer, Morbus Crohn und überhaupt.

Damit die Sache nicht zu bitter schmeckte, entwickelte sich ein liebes kleines Ritual. Dem Absinth wurde nicht nur Wasser beigemischt, sondern auch langsam durch einen speziellen, breitgetretenen, durchlöcherten Löffel tropfender Zucker, manchmal nur angefeuchtet, manchmal verbrannt. Auch durch diese hübsche Zeremonie wurde Absinth-Trinken zum Kult, wer elegant sein und dazugehören wollte, der nahm ihn zwischen 17 und 19 Uhr zu sich. 

Durch den Zucker milderte sich die Bitterkeit. Eigentlich schmeckt Absinth wie ein freundlicher Lakritzdrops. Da trinkt man gern einen mehr, die Welt wird angenehm verschwommen. Die Leber hört allerdings auf, sich zu freuen, so gesund Artemisia auch sein mag.

Irgendwann betrachtete die menschliche Gesellschaft das grüne Zeug mit Misstrauen. Es machte nicht nur geniale Gedanken, sondern auch anhängig – oder? Es war nämlich überhaupt nicht heilsam, sondern ganz furchtbar schädlich! (Zumindest, wenn man irre Mengen davon konsumierte.) Und es machte mordlustig!

Im August 1905 fiel gewissermaßen der letzte Tropfen flüssigen Zuckers durch den Löffel und brachte das Fass zum Überlaufen. Am Genfer See nämlich aß ein Weinarbeiter, Jean Lanfray, zum Mittag ein Butterbrot, das er mit sieben Gläsern Wein hinunterspülte, trank zwei Liköre zur Verdauung, einen Kaffee mit Weinbrand – und zwei Gläser Absinth. Anschließend ging er nach Hause, fing Streit mit  seiner schwangeren Frau an und schoss ihr mit seinem Vetterli-Gewehr in den Kopf. (An dieser Stelle verließ sein Vater, der zu Besuch weilte, eilig das Haus – wie sich später herausstellte, um tatkräftig Hilfe zu holen.) Inzwischen erschoss Lanfray seine beiden kleinen Töchter, zwei und vier Jahre alt, und ballerte schließlich sich selbst in den Unterkiefer, so ungeschickt, dass er der einzige Überlebende blieb.

Sein Rechtsanwalt plädierte auf Absinth-Wahn (unterstützt von einem führenden Schweizer Psychologen, Dr. Albert Mahaim, der beteuerte, dass Lanfray an einem „klassischen Fall von Absinth-Wahnsinn“ gelitten hatte) und kam damit durch: Lanfray entging dem Todesurteil. Er wurde zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt. Davon saß er jedoch nur drei Tage ab, dann erhängte er sich in seiner Zelle.

In den folgenden Jahren sprachen eine ganze Reihe europäischer Staaten und Amerika ebenfalls Verbote gegen des grüne Gift aus. Ob sich das im Ganzen günstig auf die allgemeine Volksgesundheit auswirkte ist schwer zu sagen, weil 1914 der erste Weltkrieg ausbrach, der ebenfalls ungünstig für die allgemeine Volksgesundheit  war.

Mit dem Ende des 20.Jahrhunderts überdachte die medizinische Wissenschaft die ganze Angelegenheit noch einmal und kam zu dem Schluss, die Gefährlichkeit des Absinth sei hauptsächlich darin zu suchen, dass er gern in unmäßigen Mengen genossen wurde,

Seit 1998 ist der grüne Schnaps in den meisten europäischen Staaten wieder erlaubt, seit 2005 sogar in  der Schweiz …

Glücksfaktor: Nur einen wönzigen Schlock.

 

 

 

Posted by admin on 5. Oktober 2022

Eine Woche Dänemark mit Ninety Shades of Grey

Ernst wollte natürlich unbedingt mit.

„Ernst – wir wollen uns einfach nur entspannen. Das wird völlig unwitzig. Das Wetter soll mies sein – Regen und Sturm, alles Grau in Grau. Vielleicht müssen wir die ganze Zeit im Haus bleiben. Wir wollen keine Ausflüge machen. Der Löwepapi und ich werden viel miteinander reden oder sogar viel miteinander schweigen.“

Ernst will immer noch mit. Er kann prima schweigen. Manchmal eine halbe Stunde lang!

„Und wir fahren in der kleinen Trixi. Das wird mehr als eng! Vielleicht muss ich auf dir sitzen die fünf Stunden lang …“

Nun, er hat es nicht anders gewollt. Nimmt sich aber eine Menge zu lesen mit, vernünftigerweise. Natürlich keine Bücher, da brauchten wir einen Anhänger. Sondern sein Kindle.

Das Haus liegt im selben Bezirk wie das, in dem wir schon im Frühling eine Woche verbracht haben. (Wir wir erstaunt merkten, mehr als eine Stunde zu Fuß entfernt.) Ein Waldgebiet dicht an der Ostsee. Ein Pool ist da, ein Whirlpool – den wir gar nicht benutzen – und natürlich die Sauna. Was mehr als alles andere da ist: Ruhe. Falls es stürmt, hört man das und leise die Brandung. Falls es regnet, Getrommel auf dem Dach. Sonst nichts. Hin und wieder fällt eine Kastanie runter. Einmal turnt ein Eichhörnchen hinterher. Ernst erinnert sich wirklich an sein Versprechen und hält überwiegend die Klappe. Er hat einen kleinen Sessel im Haus, der ihm sehr behagt (und wir ahnen, was er sich dieses Jahr zu Weihnachten wünscht). Meistens liest er. Manchmal sitzt er wirklich da und beschäftigt sich mit Schweigen!

Vielleicht wäre das für viele Menschen ein versauter Urlaub, aber wir haben es gut. Blauen Himmel und Sonne kann jeder. Ich begeistere mich an den verschiedenen Grau- und Silberschattierungen, die der Himmel vorgibt und die das Meer variiert. 

Ruhiges Grau, nachdenkliches Grau, dazu ganz stille See. Irgendwie tut das meinen Nerven viel besser als ‚Schönes Wetter‘!

Es gibt auch bedrohliche Horizonte, dunkles Blau- oder Schwarzgrau, bevor der nächste Wolkenbruch kommt.

Wir haben uns die richtigen Klamotten mitgenommen, nass werden von außen ist kein Problem, das perlt ab. Und hinterher zusammensitzen und Tee trinken ist eigentlich viel schöner, wenn der Regen an die Scheiben prasselt.

Es war ein gutes Gefühl, dass die kleine Trixi auch ein Dach über dem Kopf hatte!

Aber einen Tag gab es, da hat der Wind alle grauen Wolken weggepustet. Der Strand sah völlig anders aus, zumal Massen von Seetang angespült wurden …

Die Möwen hatten Spaß, standen segelnd still in der Luft. Wir hatten auch Spaß: Ich hab sehr  flache Steine gesammelt, die der Löwe über das Wasser flitzen lassen kann. Auch bei Brandung noch fünf- sechmal!

Ich kann das nicht. Egal, aus welcher Richtung ich sie werfen, sie sagen egalweg nur Plutsch und  sind weg.

Bevor wir zurück zum Haus gingen, hätte ich gern ein kleines Eis gehabt. Ich und Zucker?! Ja, nur ein ganz kleines Eis. Weil die Dänen so ein entsetzlich leckeres Zeug obendrauf machen, das heißt  ßaum. Oder so ähnlich. Auf jeden Fall ist es bestimmt wahnsinnig ungesund …

Wir bestellten also, wortgewandt, wie wir sind, zwei kleine Waffeln mit ganz kleinem Eis, denn der Löwe wollte mich mit so was Giftigem nicht allein im Stich lassen und tat es sich also auch an.

Wir haben auf Deutsch angefangen, mit Englisch weitergemacht und etwas Dänisch versucht, aber irgendwie ist uns das mit dem ganz klein nicht wirklich gelungen.

Also haben wir uns erst mal hingesetzt und uns bemüht, der Sache Herr zu  werden. Ich meinte, nun sei unsere Diät und der Versuch, etwas abzunehmen, im Eimer. Der Löwe sagte, unter Umständen könne man derart viel Eis essen, dass einem schließlich übel wird und man die gesamte Tagesration, vom Frühstück angefangen, von sich gibt. Das wäre dann wieder gut für die Figur. 

Ich hab eine Freundin, die ganz oft von allen Seiten ihren Eis essenden Mann fotografiert. Also ich jetzt auch mal!

Der tapfere Löwe hat das Rieseneis tatsächlich aufgegessen. Ich hab irgendwann kapituliert und meinen Rest den Möwen gespendet. Die waren nicht im mindesten irritiert, es wirkte, als wären sie daran gewöhnt: „Hey, da kommt wieder so ein Eis! Weg da, das ist meine Waffel …“

Ernst übrigens hat an diesem Nachmittag geschlafen. Wir haben davon abgesehen, ihm von dem Eis zu erzählen …

Und  am nächsten Tag war wieder alles Grau.

Glücksfaktor: Genau die Art von Urlaub, den man persönlich als erholsam empfindet!

Posted by admin on 2. Oktober 2022

Am 2. Oktober 2006 wurden fünf kleine Amish-Mädchen erschossen

und fünf weitere durch Schüsse schwer verletzt. Das geschah im US-Staat Pennsylvania, in der kleinen Amish-Gemeinde Nickel Mines.

Amish – so nennt sich eine Religionsgemeinschaft, die in ungefähr tausend Siedlungen verteilt in Amerika und Kanada lebt. Sie lehnen moderne Technik ab, verzichten auf Telefone, Autos und natürlich Computer und Handys. Sie fahren Pferdewagen, verweigern strickt den Wehrdienst oder jeden Eid und leben nach altmodischen Geschlechterrollen. Die Amish-Männer tragen Hüte und Bärte, (außer unter der Nase, weil das als militärisch gilt), die Frauen weiße Häubchen und schlichte Kleider, niemals lange Hosen. Sie sprechen eine eigene Sprache, im weitesten Sinne pfälzisch geprägtes Deutsch, denn sie stammen von Auswanderern aus Südwestdeutschland oder der Deutschschweiz ab. Von dort sind sie im 17.Jahrhundert in die Neue Welt ausgewandert.

Die Amish leben ganz für sich, von den ’normalen‘ Amerikanern separiert, sehr bewusst im christlichen Glauben. Wichtige Stützpfeiler ihrer Überzeugung sind Demut und Gelassenheit.

In diese weltferne Idylle platzte an einem milden Herbsttag das Böse.

Der Täter war ein 32jähriger Milchwagenfahrer, Charlie Roberts, glücklich verheiratet, liebevoller Vater von drei Kindern. Er war kein Amisher, hatte ihnen jedoch Milch geliefert. Insofern kannte er besonders gut die winzige Einklassen-Schule, in der ausschließlich Amish-Kinder unterrichtet wurden.

Roberts war weder vorbestraft noch wusste man von einer psychischen Erkrankung. Seine Kollegen erzählten allerdings, er hätte sich einige Wochen vor der Tat merkwürdig verändert, sei plötzlich mürrisch und wortkarg und finster geworden.

Einige Minuten vor der Tat rief er seine Frau an und erzählte ihr, er habe, als er zwölf Jahre alt  war, zwei kleine Kusinen sexuell belästigt und er könne das Verlangen nicht unterdrücken, so etwas wieder zu tun.

Gegen halb elf am Vormittag, zur Unterrichtszeit, betrat Roberts den Klassenraum und bedrohte Lehrerin und Schüler mit einer Pistole. Er verlangte von einigen Schülern, verschiedene Gegenstände von seinem Wagen in den Unterrichtsraum zu holen. Das war eine ganze Menge: weitere Waffen, Baumaterial wie Holz und Handwerkszeug, Kleidung zum Wechseln (offenbar hatte der Täter die Absicht, etwas länger zu bleiben), Klebeband, Schnüre, Kerzen – und Gleitgel.

Roberts forderte alle Erwachsenen – einige mit Kleinkindern auf dem Arm – eine schwangere Frau und alle männlichen Kinder auf, den Klassenraum zu verlassen. Ein neunjähriges Mädchen verdankte vielleicht ihr Leben der Tatsache, dass sie kein Englisch verstand. Sie meinte, sie solle ebenfalls gehen und folgte ihrem Bruder Peterli nach draußen, was der Täter vermutlich nicht bemerkte.

Er blieb mit zehn Mädchen zwischen 6 und 13 Jahren zurück. Die Lehrerin bemerkte im Hinausgehen, dass Roberts den Kindern die Beine fesselte. Sie rannte, zusammen mit einer der  Mütter, zu einer benachbarten Farm und benutzte dort – das Telefon, um die Polizei zu rufen.

Inzwischen hatte Roberts mit seinem Baumaterial die Klassentür verbarrikadiert. 

Schon um zwanzig vor elf trafen die ersten Polizisten vor der Schule ein, um 11:00 waren es zwanzig Beamte, Sanitäter und Einwohner. Auf die Aufforderung, sich zu ergeben und hinauszukommen, erwiderte Roberts, wenn nicht alle sofort verschwänden, würde er die Mädchen erschießen. Damit begann er dann einige Minuten später. Er schoß aus nächster Nähe mit seiner Pistole und einer Schrotflinte auf jedes der Mädchen – schließlich, als er meinte, alle Kinder wären tot, sich selbst in den Kopf. Was auch immer er mit den Mädchen vorgehabt hatte, konnte er offenbar nicht verwirklichen, weil er viel früher als geplant gestört worden war.

Zwei der kleinen Mädchen, 11 und 13  Jahre alte Schwestern, baten ihn gleich zu Anfang, sie zu erschießen und dafür die anderen laufen zu lassen. (Marian wurde getötet, Barbara überlebte.)

Amokläufe und Schulmassaker sind in den Vereinigten Staaten keine Seltenheit. In dieser Kulisse waren sie allerdings noch nie passiert.

Wirklich interessant ist die Reaktion der Amish-People.

Sie unterstützten die Familie des Täters. Ein Mitglied der Gemeinde sagte: „Ich glaube nicht, dass es hier jemanden gibt, der anderes will als vergeben, der nicht nur denen helfen will, die einen solchen Verlust erlitten haben, sondern auch der Familie des Mannes, der diese Taten begangen hat.“

Der Großvater eines Opfers meinte, es sei falsch, den Täter zu hassen. Stattdessen gründete die Gemeinde einen Wohltätigkeitsfonds und sammelten Geld für die Familie Roberts. Ein großer Anteil der Gemeinde nahm an der Beerdigung  des Mörders teil. Außerdem luden sie  seine Witwe zu den Beerdigungen ihrer Töchter ein.

Die schrieb daraufhin ihrerseits einen offenen Brief, in dem sie den Amischen für ihre Barmherzigkeit dankte. Ihr Verhalten habe nicht nur ihr geholfen, es könne die Welt ändern …

Die Amish rissen das Gebäude der West Nickel Mines School ein paar Tage später vollständig ab. An anderer Stelle wurde eine neue, die ‚New Hope School‘ hingestellt und ein halbes Jahr später eingeweiht. Und diese neue Schule baute man bewusst so verschieden wie möglich vom alten Schulgebäude.

Glücksfaktor: Ein aufgeklärter Verstand, der sich nicht mit solchem Firlefanz wie Religion abgibt.