Heute

Posted by admin on 24. August 2019

Böhmische Dörfer

Wo liegen die eigentlich? Abgesehen davon, dass der Ausdruck bedeutet: ‘Dies ist völlig unverständlich für mich, davon hab ich keine Ahnung’.

Böhmische Dörfer liegen überhaupt nicht mehr. Sie lagen, als die Redewendung entstand, im Gebiet des heutigen Tschechien. Damals setzte Böhmen sich aus Mähren und einem Teil Schlesiens zusammen. Die Gegend hieß auch mal ein kleines Weilchen, etwa Tausend Jahre lang, (1939 bis 1945) Reichsgau Sudetenland.

Aber das ist Erdkunde. Was ich wissen möchte, ist: Wieso werden mir manchmal im Internet wilde bunte Kleider mit Fransen unter der Bezeichnung ‘Böhmische Kleider’ angeboten? Da würde ich doch eher eine biedere deutsche Tracht mit Schürze erwarten? Doch auf Englisch steht über dem farbiggewaltigen Fransenfrack: Casual Bohemian Style.

Daran haben die Franzosen Schuld. Bereits seit dem 15. Jahrhundert nannten sie die häufig aus der Tschechei, also Böhmen, zu ihnen kommenden Roma ‘Bohemiens’. Zunächst ein Name für Zigeuner, später für alle unordentlichen, schmuddeligen, unbürgerlichen Leute, vor allem Künstler. Und in England übernahmen sie die Bezeichnung Bohemian für solches Pack.
Wikipedia erklärt: Bohème, Subkultur von intellektuellen Randgruppen. Demnach wild, aber nicht ganz dusselig. Gewissermaßen die Hippies der damaligen Zeit. Giacomo Puccini hat das Thema zu einer wunderschönen, erztraurigen Oper verarbeitet, in der man betrachten (und sich anhören kann) dass es romantisch, aber furchtbar unkomfortabel und der Gesundheit wenig zuträglich ist, zur Bohème zu gehören. Zumindest, solange Künstler nicht in einem Sozialstaat leben.

Und nachdem ich das alles gelernt habe, begreife ich, was die Anbieter der bunten, fransigen Mode mir sagen wollen: Das ‘lässige Bömische Kleid’,
Casual Bohemian – ist (ein bisschen nachlässig aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt) ein Solches im Zigeunerstil! Stimmt, so sieht es auch aus.

Glücksfaktor: Das nahezu unerschöpfliche Wissen des Internets …

Posted by admin on 21. August 2019

Prinz Eugen, der edle Ritter

heißt ein altes Lied, dass den Helden einer Schlacht besingt.

Der tapfere Prinz war ein Feldherr der Habsburger. Sein Name lautete Eugen Franz von Savoyen-Carignan.

Und wer sich den edlen Ritter in schimmernder eiserner Rüstung und mit Federbusch-Helm vorstellt, der liegt (verständlicherweise) falsch. Eugen lebte keineswegs im Mittelalter, sondern im Barock. Was bedeutet, er trug zwar in der Schlacht einen Panzer vor der Brust, doch im Übrigen eine ellbogenlange Lockenperücke, Spitzen- und Rüschenbesatz an den Ärmeln und bestickte Brokatjäckchen. Darüberhinaus war er ein winzig kleines, schmächtiges Kerlchen und sein Leben lang keiner Dame zugeneigt. Er bevorzugte hübsche Pagen.

Ausgerechnet der soll ein berühmter Feldherr gewesen sein?!

Oh ja. Aber sowas von! Der kleine, zarte Prinz verfügte über ein geniales strategisches Denken und errang unzählige Siege. Besonders tat er sich im Venezianisch-Österreichischen Türkenkrieg hervor, 1716 bis 1718, in dem er die Festung Belgrad zurück eroberte, womit er Habsburg die Macht in Südeuropa sichern konnte.

Die Türken hatten den Angriff der Österreicher von vorn, vom Land her, erwartet, und das war vernünftig: Von hinten her konnten sie unmöglich kommen, da floß nämlich in ganzer Breite die Donau.

Doch der gewitzte Eugen ließ in aller Eile eine Pontonbrücke auf dem Fluß bauen und sein Heer über den schwankenden Grund hinweg antreten und anggreifen. Sie besiegten die verdutzten Türken

Ein bewundernder Zeitgenosse machte darauf ein Lied, das die kühne Tat feierte, und das bis auf den heutigen Tag bekannt ist:

Prinz Eugen, der edle Ritter,
wollt’ dem Kaiser wied’rum kriegen
Stadt und Festung Belgerad.
Er ließ schlagen einen Brukken,
daß man kunnt’ hinüber rukken
mit d’r Armee wohl in die Stadt …

In dem Lied wird übrigens auch behauptet, diese Schlacht hätte am 21. August stattgefunden. Das ist jedoch vermutlich nicht ganz richtig …

Glücksfaktor: Keine Schlachten, weder siegreiche noch verlorene. Frieden.

Posted by admin on 9. August 2019

Kulturgut Stierkampf

Ist das nicht eine gute Nachricht? Ab heute, dem 9.8.2019, dürfen auf den Balearen wieder Stiere zu Tode gequält werden!
Das spanische Verfassungsgericht hat das Tötungsverbot bei Stierkämpfen aufgehoben.
Stierkampf sei ein nationales Kulturgut, heißt es. So etwas ist schließlich sehr wichtig.


Es ist KEIN Kulturgut, wenn ein Stier im Schlachthof einen Bolzenschuss vor den Kopf bekommt, der ihn (im günstigen Fall, wenn auch nicht immer) jedenfalls rasch tötet. Da handelt es sich um eine ernährungstechnische Notwendigkeit: Was sollen die armen Menschen denn sonst essen?


Aber die Corrida, dieses noble Schauspiel!
Der Stier, von Natur aus eher faul und friedlich, wird gleich zu Anfang gereizt, gequält und unter Stress gesetzt, damit er in die kulturell so wichtige Stimmung kommt. Man sägt gern seine Nackenmuskel an, das bereitet große Schmerzen, wenn er den schweren Kopf mit dem Gehörn zu heben oder gar damit zuzustoßen versucht. Auf die Art erwischt er hoffentlich weniger leicht den eleganten, schlanken Torrero, diesen todesmutigen Helden.

Durchschnittlich zwanzig Minuten lang wird das Tier zum öffentlichen Vergnügen gefoltert, ungefähr sechs Stiere pro Vorstellung. Immer mehr lustige bunte Stangen mit Widerhaken bohren sich in seinen Nacken. Er verspürt wahnsinnige Schmerzen, er hört das Gejohle der kulturbeflissenen Menschen, er darf keineswegs mit einem weißen Tuch wedeln und den Kampf aufgeben. Er hat Angst und weiß überhaupt nicht, was ihm geschieht.


Vor den Kassen in Palma haben sich in den vergangenen Tagen lange Schlangen gebildet. Endlich wieder Kultur!


Der bekanntste Torrero wird El Juli sein, der seinen ersten Stier mit 14 Jahren umbrachte. Er besitzt 2668 abgeschnittene Stierohren und 92 Stierschwänze – bis jetzt.
El Juli hat gesagt: “Ein Mann, der sein Leben im Kampf mit einem wilden Tier riskiert, der es überwältigt – das ist eine einzigartige Kunst.”
Nun hat den kühnen Menschen schon einmal ein wildes Tier in der Arena erwischt und ein bisschen seinen linken Hoden zermanscht. Doch das konnte erfolgreich operiert werden.

Ich wünsche ihm und allen seinesgleichen – nein, das wünsche ich mir ganz still für mich …

Glücksfaktor: Nein, wirklich nicht.

Posted by admin on 29. Juli 2019

Tutu

Die Tänzerin Marie Taglioni war der erste Star des romantischen Balletts. 1832 tanzte sie ‘La Sylphide’ in einem weißen Kostum mit wadenlangem Tüllrock, Tutu genannt. Das ist heute immer noch eins der gebräuchlichsten Kostüme einer Ballerina.

Bis dahin tanzten die Mädels meistens in langen Reifröcken. Das Tutu ermöglichte natürlich viel mehr Beinfreiheit, war jedoch im 19. Jahrhundert eine gewagte Angelegenheit, weil die Zuschauerinnen und sogar die Zuschauer nun ernsthaft Beine sehen konnten, manchmal so richtig im Ganzen!

Inzwischen leben wir ja in unzimperlichen Zeiten. Ballett ist zwar immer noch eine klassische Angelegenheit, aber die Kostüme sind manchmal doch ganz bequem geschnitten. Über Mangel an Beinfreiheit muss nicht mehr geklagt werden …

Glücksfaktor: Weiterentwicklung

Posted by admin on 27. Juli 2019

Die Schlacht von Visby

fand am 27. Juli 1361 statt.

Im Mittelalter spielte sich der Handelsverkehr überwiegend im Ostseeraum ab. Auf der schwedischen Insel Gotland gab es die reiche Hafenstadt Visby, Mitte des 12. Jahrhunderts der führende Handelshafen. Man nannte die Stadt Regina Mares: Königin des Meeres. Hier lebten viele höchst vermögende (meist deutsche) Kaufleute.

Visby bildete eine eigene Republik, losgelöst vom Rest der Insel. Es beinhaltete fünfzehn Kirchen und drei Klöster. Wer hier wohnte, verfügte über den Luxus gepflasterter Straßen und eines eigenen Abwassersystems, in extremer Separation vom Umland. Mit den ‘primitiven’ schwedisch sprechenden Bauern wollten Visbys Bürger nichts zu tun haben. Um das zu verdeutlichen, baute man eine wehrhafte Mauer, dreieinhalb Kilometer lang und bis zu zwölf Meter hoch, samt vieler trutziger vorspringender Türme.

Dann kam Dänenkönig Waldemar IV., der den Beinamen Atterdag trug, (noch-ein-Tag, denn er war Tag für Tag hungrig auf neue Eroberungen). Nachdem sein Vater Christoph II. eine ziemliche Lusche gewesen war, dem Dänemark mehr oder weniger abhanden kam, hatte Waldemar sich in den Kopf gesetzt, den Rest der Welt unter dänische Herrschaft zu bringen – na, zumindest Skandinavien und das Drumrum. Jetzt verspürte er Appetit auf die Königin der Meere.

Zunächst verleibte er sich das umliegende Gotland ein, das war einfach. Er besaß ein gut ausgebildetes und ausgerüstetes Heer, ungefähr 2500 Söldner. Die konnten sich unschwer innerhalb weniger Tage in zwei Schlachten gegen die hastig aufgestellte ungeübte Bauernstreitmacht durchsetzen.

Am 27. Juli, einem heißen Tag, sammelte sich der verzweifelte Rest der Inselbewohner direkt vor Visby. Die Zivilbevölkerung klopfte an das große Stadttor und schrie um Hilfe – die kämpfenden Bauern bemühten sich inzwischen, die dänischen Krieger noch eine Weile zurückzuhalten, so lange möglichst, bis die große hölzerne Tür sich öffnete, um sie alle in die gut befestigte Stadt zu lassen.

Doch das Tor blieb verschlossen. Die Stadtbewohner schauten von oben auf ihrer Mauer zu, wie die primitiven, schwedisch sprechenden Bauern niedergemetzelt wurden.

Ein steinernes Kreuz steht auf Gotland und erinnert an die fast zweitausend Menschen, die in dieser Schlacht den Tod fanden. Spätere Ausgrabungen zeigten Unmengen von Schädeln und Gebeinen, beinah ausschließlich von Frauen, Kindern und Greisen.

Historiker sagen, dass Visby sich bald darauf ergab, jedoch annehmbare Bedingungen vereinbarte und im Ganzen heil davonkam – von da ab eben dänisch, das machte nicht viel aus.

Die Sage jedoch geht anders. Es wird erzählt, Waldemar Atterdag sei ein stattlicher Herrscher gewesen, damals etwa vierzig Jahre alt, mit dunklen Augen und braunem Bart, herrisch und doch bezaubernd, wenn es ihm darauf ankam. Visby war eben praktisch uneinnehmbar, so dass der König seine liebenswürdige Seite hervorholte und eine Jungfrau umgarnte, Sigrid, die Tochter eines Visbyer Kaufmanns, die gerade in Roskilde weilte. Er gewährte ihr sichere Heimkehr in die Vaterstadt, sie gewährte ihm auch so dies und das, vor allem jedoch besorgte sie ihm den Schlüssel zu einem Seitentor.

Auf diese Art gelangte Waldemar mit seinem Heer bei Nacht in die Stadt, geht die Sage weiter. Er übernahm sie ganz kampflos, ließ drei große Holzfässer aufstellen und gab den Einwohnern Gelegenheit, ihr Leben zu retten, wenn sie alle drei Fässer mit Gold, Silber und anderen Kostbarkeiten füllten, die sie besaßen.

Was Sigrid anging, so hatte ihr der König erklärt, es wäre besser für sie, wenn niemals jemand erfuhr, dass sie sich kannten. Er seinerseits verhielt sich entsprechend – aber sie vermochte ihre Liebe zu ihm nicht zu leugnen. Worauf die wütenden Bürger, da konnte ihr Vater ihr auch nicht helfen, sie bei lebendigem Leib in einem der Türme einmauerten.

Der schwedische Maler Carl Gustaf Hellqvist hat 1882 ein Gemälde geschaffen, dass den Titel trägt: Valdemar Atterdag brandschatzt Visby. Brandschatzen ist die Bezeichnung für die Drohung, Feuer zu legen, wenn keine Bezahlung erfolgt. Über dieses Gemälde und seine Hintergründe hat übrigens Selma Lagerlöf eine ganze Geschichte geschrieben.

Als sei die Königin des Meeres vor Entsetzen über die furchtbaren Morde vor ihren Toren in einer Momentaufnahme erstarrt – so kann man sie immer noch, nach fast 670 Jahren, besichtigen. Sie steht von oben bis unten unter Denkmalschutz. Das mittelalterliche Stadtbild mit rund 200 Gebäuden ist erhalten, die kilometerlange Stadtmauer so gut wie neu.

Und Touristen wird jeden Sommer in der ‘Mittelalterwoche’ allerhand geboten. Praktisch ganz Visby läuft im historischen Fummel herum, das Programm reicht vom Ritterturnier bis zum Jungfrau-Einmauern, gruselig und bestimmt sehr amüsant.

Glücksfaktor für mich: Geschichte!