Heute

Posted by admin on 26. Juli 2019

Männer in kurzen Hosen

Ich hab ein Problem. Ich hab ein Problem mit Männern, die kurze Hosen tragen. Nein, ich finde sie nicht unsittlich. Nur albern.

Da wir neuerdings in den Tropen wohnen, wird es akuter.

Ich weiß, dass es falsch ist. Die Sache geht mich nichts an. Jeder kann sich kleiden, entblößen, stylen, rasieren, piercen oder lackieren wie er will, es ist mitnichten mein Problem.

Es ist mir aber eins.

Männer in langen Hosen beispielsweise können von mir aus gern Socken in Sandalen tragen, notfalls sogar Ringelsocken. Das tut mir weniger weh.
Doch kurze Hosen an noch so schönen Männerbeinen schmerzen mich. Okay, Fussballer und Boxer und solche Leute dürfen. Alle anderen nicht.

Ich fürchte, ich habe das von meiner Mutter übernommen, sowohl genetisch als auch die Angewohnheit der optischen Kritik. Dabei ging’s ihr nicht speziell um kurze Hosen (keine Ahnung, wie sie darüber dachte). Mama genierte sich nie, alles, was ihrem Schönheitssinn nicht in den Kram passte, laut und deutlich zu verurteilen. Notfalls sprach sie in aller Seelenruhe von einer ästhetischen Zumutung. Wer von ihr in dieser Weise abgekanzelt wurde, konnte im Grunde nur nach Hause gehen, das Outfit wechseln und sich erschießen.

So ausgeprägt ist das bei mir nicht. Ich äußere mein Missbehagen nicht laut, jedenfalls nicht den Tätern – nein, den Hosenträgern – gegenüber. Ich gucke nur waidwund.

Sofern ich einen Kurzhosenmatz näher kenne, kommt es allerdings schon mal zu einer Diskussion. Seit Jahrzehnten höre ich mir die Einwände geduldig an: Dass doch Frauen bei großer Hitze auch ‘was Leichtes’ tragen, beziehungsweise immer weniger. Dass es ab 28° Celsius unmöglich sei, die Beine zu bedecken.

Mein Standartargument lautet, Beduinen hingen bei 45° in der syrischen Wüste auch nicht in kurzer Hose auf dem Kamel, im Gegenteil. Sie sind so klug, sich mit langen, weiten, leichten Stoffen zu bedecken, weil zwischen denen und ihrer Haut die Luft kühlend zirkulieren kann.

Warum also muss jemand, der im Auto eine Klimaanlage anmachen kann, seine roten Knubbelknie zeigen?

Da ich zutiefst von der Überzeugung durchdrungen bin, es käme allein auf Innere Werte an, bemühe ich mich natürlich, einfach nicht hinzugucken. Das gelingt nicht immer.

Gestern wollte ich gerade den Supermarkt betreten, als mir flotten Schrittes ein Mann entgegenkam, ein besonders großer, schlanker. Gepflegtes weißes Haar, ein edles, sympathisches Gesicht, ein kurzer grauer Bart. Obenrum: ein kurzärmeliges Leinenhemd, sportlich-elegant. Untenrum: ein braunes Mittelding aus Shorts und Badehose sowie ungewöhnlich lange, spindeldürre, schneeweiße nackte Beine mit Krampfadern.

Der Mensch vor prallgefüllt mit inneren Werten, das konnte man deutlich erkennen.

Und es geht mich ja wirklich überhaupt nichts an.

Glücksfaktor: Augenblicklich gibt es in Europa immer noch so eine Art Winter …

Posted by admin on 22. Juli 2019

Ernst will auch eine Narbe

So wie Löwepapi. Der hat ja ein bewegtes Leben hinter sich. Und da ist mal wer mit dem Messer auf ihn los. Gottseidank ist alles gut ausgegangen. Jetzt hat er diese interessante Narbe.

Ernst findet die so cool! Wie bei Piraten. So eine möchte er bitte auch.

Nun würde ja niemand zu Ernst sagen, er ist ein Plüschtier. Aber die Mami versucht taktvoll zu erklären, dass eine Narbe auf seinem Körperchen ziemlich untergehen muss. Sofern er sich nicht dazu entschließt, sich täglich die Brust zu rasieren. Außerdem entstehen Narben aus Wunden. Und eine Wunde tut erstmal weh.

“Doll?”

“Wenn es eine schöne Narbe werden soll, ziemlich doll. Darüber hinaus bin ich auch nicht wirklich dafür, dass jemand mit dem Messer auf meinen Ernst losgeht.”

“Upsi. Dann fürleicht lieber ein genarbtes Tatu?”

“Ernst, das sieht man genauso wenig, weil dein Pelz drüber ist. Außerdem tut ein Tatoo auch weh, wenn’s gepiekst wird.”

“Doll?”

“Da glaub mal dran.”

“Upsi. Och Mann …” (Jetzt zieht er schon wieder die Nase hoch.)

“Pass auf, ich hab eine Idee! Du zeigst deine inwendige Narben, mein kleiner Bär.”

“Wie geht das? Wie kriegt man die?”

“Indem man etwas auf sich nimmt und es bewältigt. Eine Schwierigkeit. Ein Problem.”

“Wie wenn kein Honig da ist?”

“Oder noch schlimmer. Das tut auch weh. Aber von innen.”

“Und wo kriegt man ein Problem her?”

“Die muss man sich nicht extra anschaffen, Liebchen. Die kommen von selber. Sind sehr zutraulich. Viele wollen gar nicht wieder weg. Aber du hast doch schon welche gehabt. Beispielsweise, als du so traurig gewesen bist, weil Minnie gesagt hat, es ist doof und nicht normal, zwei Papis zu haben. Erst hast du geweint. Und dann hast du dich entschlossen, extra happy darüber zu sein und alle beide lieb zu haben. Damit hast du das Problem bewältigt. Das hat eine besonders attraktive Narbe gegeben.”

“Ach. Und wo sieht man die?”

“Für die musst du dir nicht den Pelz rasieren. So eine Narbe EMPFINDET man. Sie gibt dir eine angenehme, sympathische Ausstrahlung. Aus jeder Perspektive und sogar im Dunkeln. Gelöste Probleme verleihen Reife. Man findet dich immer noch niedlich, spürt jedoch, dass du kein törichter kleiner Bär bist. “

“Oh, wie schön!”, sagt Ernst und lächelt verträumt.

Glücksfaktor: Innere Werte, schon wieder …

Posted by admin on 21. Juli 2019

Am Nebentisch

saß gestern ein Paar. Sie löffelte schon ihre Krabbensuppe, als wir noch auf die Karte warteten. Er trank aus seinem Bierglas.

Sie war ungefähr Mitte 40, aber deutlich jünger: ganz kurzes Haar, riesige Kulleraugen, Himmelfahrtsnäschen. Mit dem hellen Sommerkleid war sie ein wenig schlecht beraten, es gab zuviel Oberschenkel preis. Andererseits war es sicher ehrlich. Und bequem.

Ihn sah ich nur von hinten und manchmal im Profil. Ganz weißes Haar, Ruhe und Statik in den Schultern. Seine Stimme klang tief und gedämpft, nicht zu verstehen. Was sie sagte, hell und hastig, verstand das ganze Restaurant.

Er blickte sie hin und wieder an und häufig aus dem Fenster. Sie schaute nur in sein Gesicht – und in ihr Handy. Sie suchte, sie fand, sie zeigte: “Hier, das ist sie. Aber da war sie noch jünger, ist vielleicht drei Jahre her. Ja. Und hier – warte mal – nein, das ist kein gutes – ich weiß gar nicht – Hier! Das war auf Korsika!” Reichte ihm jedes Mal das Handy, suchte gleich darauf weiter: “Guck mal, da haben wir gewohnt, bis … Aber hier! Hättest du mich da erkannt? Ach, und auf diesem Bild ist Bosco. Das war ein Jahr, bevor er überfahren wurde. Dies da vorn ist mein Ex. Also der Lorenz. Hab ich dir ja erzählt. Und hier, guck mal …”

Beim Hauptgericht hatte sie erstmal alles gezeigt. Jetzt erzählte sie von Verwandten oder Kollegen. “… und ich so: ‘Warum muss denn das sein?’ Und sie so: ‘Das ist Vorschrift!’ – ich lach mich tot! ‘Vorschrift!'”

Sie wollte noch ein Eis, er trank Kaffee. Sie zupfte immer öfter an ihrem Haar, er schaute beinah nur noch aus dem Fenster. Dann fragte sie: “Ja, was meinst du, sehen wir uns demnächst mal?”

Seine dunkle Stimme blieb zu leise, um sie zu verstehen. Ihr Gesicht zeigte, dass er in der nächsten Zeit irrsinnig viele Termine hätte. Vielleicht verreisen musste. Eventuell operiert wurde. Und dass er sich melden würde, wenn das vorbei sei.

Sie sah jetzt etwas müde aus, eher wie Anfang fünfzig, eine Spur verbittert. Er zahlte und sie gingen. Gleich darauf kam ein anderes Paar an diesen Tisch, etwa im selben Alter. Sie spielte mit einer Rose, die sie neben ihren Teller legte. Er küsste ein paarmal ihre Hand. Beide sprachen ganz wenig, sahen sich jedoch dauernd gegenseitig an. Von ihr konnte ich nur den Hinterkopf erkennen, grau gesträhntes, aufgestecktes Haar. Wie er aussah, weiß ich nicht genau. Er wirkte schön, weil er die ganze Zeit, vor allem mit den Augen, lächelte …

Augenblicklich leben in unserem Land ungefähr 17 Millionen Singles zwischen 18 und 65. Jeder fünfte ist seit mehr als zehn Jahren alleinstehend. Kaum 20% sind zufrieden mit diesem Zustand. Der Rest hofft oder sucht aktiv nach einem Partner.

Glücksfaktor und wirklich einfach nur Glück: dem richtigen Menschen zu begegnen …

Posted by admin on 18. Juli 2019

Nostalgie

Der erste Hintergrund, vor dem ich den Löwen jemals gesehen hab, war der Hamburger Hauptbahnhof. Diese Kulisse ist uns damals eine ganze Weile geblieben. Aber dann waren wir lange nicht mehr auf einem Bahnsteig. Heute Morgen hatten wir eine Portion Erinnerung.

Der Löwe seinerseits bekommt noch mehr davon: Er besucht die Gegend, aus der er stammt, er wird wandern und alte Klassenkameraden treffen. Übrigens liegt er da zufällig sehr im Trend – Nostalgie ist wieder mal groß angesagt. Alle singen drüber.

Johannes Oerding in seinem Lied ‘Hundert Leben’ beispielsweise davon, wie sie damals entdeckten, ‘dass Leben hinterm Ortsschild ist’. Er schildert, wie Christian seinen Sohn ins Bett bringt, Ben und er selbst eigentlich wenig Zeit haben, Melle schon lange weg sei – und einer seiner Freunde zu ihm sagt, er sähe aus wie sein Vater, nur mit Bart.

Bei Max Giesinger heißt es ‘Die Reise’ und der erzählt, Tim lebe jetzt in Freiburg, Tobi in Berlin, Philipp ist Anwalt geworden und Manu, der doch immer Tänzer werden wollte, macht inzwischen also BWL.

Sänger Bosse schaut in die Vergangenheit mit ‘Hallo Hometown’, er singt über den Bahnhof, den er liebt und die Luft, die er wiedererkennt, über die Teenagerträume, die noch in jeder Ecke hängen.

Und Mark Forster erlebt im Geiste noch ‘Einmal’, wie sein Herz wild über Laura pochte, weil sie ihn wirklich mochte, wie er mit Freunden zu dritt an die Ampel kotzte und bei Oma auf der Kante saß: Das alles kommt nie zurück, doch er war da zum Glück.

Das Thema ist Trend, noch viel mehr mitteljunge Männer erinnern sich. Die Liedermacher stammen fast alle aus deutschen Kleinstädten wie Waldbronn, Busenbach, Hemkenrode oder Winnweiler. Inzwischen haben sie es geschafft, irgendwie irgendwo in einer Großstadt und erfolgreich. Die meisten sind in den 80ern geboren, noch nicht ganz 40, und wundern sich, wie die Zeit vergeht, dass sie nun älter sind und doch vor Kurzem noch jung waren und überhaupt, damals …

Man dreht sich um und blickt gerührt zurück. Wie schön war das seinerzeit! Oder vielleicht war es auch gar nicht so schön. Nostalgie hat einen Weichzeichner.

Glücksfaktor: Wurzeln, wahrscheinlich. Ich hab keine.





Posted by admin on 14. Juli 2019

Manhattanhenge

Die berühmte 42. Straße liegt in New York City.

Nicht wenig Leute mögen diese Stadt sowieso für den Nabel der zivilisierten Welt halten, die Großstadt an sich, pulsierender, hektischer, spannender als jede andere. Wenn du es HIER schaffst, sang Frank Sinatra, dann schaffst du es überall …

Der Nabel von New York City, zumindest der energetische, ist zweifellos Manhattan. Hier spielt die Musik, hier gibt es einige der höchsten Gebäude und der berühmtesten Theater (natürlich und vor allem am Broadway), den Central Park, das Museum of Modern Art, die Wall Street. Hier gab es die Zwillingstürme des World Trade Centers, die Stelle ist inzwischen neu und anders bebaut.

Eine der wichtigsten und bekanntesten Straßen in Manhattan ist die 42. Über sie wurde ein Film gemacht (1933) sowie ein Musical (1980), sie ist gewissermaßen der Nabel des Nabels des Nabels. Ich habe hier mal einige Nächte in einem Hotel verbracht und litt schließlich an dem Gefühl, ununterbrochen vor Spannung zu vibrieren wie ein Presslufthammer.

Neben vielen anderen gibt es in dieser 42. Straße ein Phänomen, das ‘Manhattanhenge’ genannt wird, in Verwandtschaft zu Stonehenge im alten Britannien, dem berühmtesten Steinkreis der Welt, einem uralter Kultort.

In Stonehenge stehen viele Hinkelsteine (so etwa 42, aber das ist eine Vermutung), derart sortiert, dass an den Sonnenwendtagen das Himmelsgestirn durch eine bestimmte Steinlücke guckt. Es wird noch viel daran geforscht und es gibt noch viel zu entdecken und zu deuten. Auf jeden Fall ist es ein mystischer Ort, an dem spirituelle Feste gefeiert wurden – und immer noch werden. England glaubt gern an das Übernatürliche und ist gut Freund mit Geistern und Mirakeln.

Manhattanhenge wird zweimal im Jahr angestaunt, drei Wochen vor dem längsten Tag, Ende Mai und Mitte Juli. In diesem Jahr war das vorgestern, ab ungefähr halb neun Uhr abends. Die New Yorker nennen es inzwischen den Instagram-Urlaub, weil der Anblick so viele Touristen anlockt, die es fotografieren und die Bilder natürlich posten wollen. Auf Instagram.

Da es freundlicherweise nicht regnete, durften die erwartungsvoll mit Handy und Kamera Herumstehenden ihn genießen: den Sonnenuntergang. Kein Schatten von irgendwoher, was daran liegt, dass diese Straße (so wie ihre Parallelstraßen) exakt von Ost nach West verläuft, ohne die kleinste Krümmung. Man blickt von dort über den Hudson River bis nach New Jersey und kann die Sonne, orangerot, schnurgerade zwischen den Häuserschluchten hinunter in ihr Bett rutschen sehen.

Der typische New Yorker glaubt ziemlich wenig an das Übernatürliche oder an Mirakel. Wenn merkwürdige Sachen passieren oder wenn es eigenartige Übereinstimmungen gibt, dass dürfte er das für Zufall halten.

So ergab es sich zufällig, dass vor ganz genau 42 Jahren, am 13. Juli 1977, am Tag nach Manhattanhenge, in New York City das Licht ausging. Komplett. Die Metropole lag im Dunkeln. Keine Straßenlaternen, keine Fahrstühle, keine Verkehrsampeln, keine U-Bahnen. Klimaanlagen und Tiefkühltruhen nahmen frei, und das war bitter, mitten in einer Hitzewelle. Krankenhäuser schalteten auf Notstrom um. Im etwas preiswerteren Bellevue Hospital gab es den auch nicht mehr und Ärzte und Schwestern bepumpten die Beatmungsgeräte per Hand, um ihre Patienten am Leben zu erhalten.

Damals marodierten viele Bürger. Sie brachen im Schutz der Dunkelheit in Geschäfte ein und bedienten sich. Sie setzten schließlich sogar Häuserblocks in Brand.

Gestern Abend war das nicht so schlimm. Zwar verabschiedete sich wieder – zufällig – am Tag nach Manhattanhenge der Strom, Fahrstühle und Klimaanlagen und so weiter machten Pause, die City lag in Finsternis. Doch die einzig wirkliche Unruhe entstand offenbar durch die Freudenschreie der New Yorker, als das Licht gegen Mitternacht wieder anging. Bis dahin waren alle lieb miteinander umgegangen. Die Darsteller von Broadway-Shows boten sogar Gratisauftritte auf den Straßen, und Bars und Restaurants zündeten Kerzen an …

Glücksfaktor: Ein gesundes Stromnetz