Heute

Posted by admin on 31. Juli 2022

Smørrebrød, Smørrebrød, Rømm pømm pømm pømm

Hat jedenfalls der schnauzbärtige Koch in der Muppet-Show gesungen. Und dann irgendwas ganz anderes produziert. Das war enttäuschend.
Ich finde überhaupt, dass der Smørrebrød-Anteil in Dänemark abgenommen hat. Früher (früher war zur Zeit meiner Jugend, also im letzten Jahrtausend) früher konnte man ohne weiteres in nahezu jedem Restaurant der Dänen zur Mittagszeit die wunderbarsten Kompositionen dieser Delikatesse bestellen. Bestellen kann man sie theoretisch immer noch. Man bekommt sie bloß nicht. Unter dem Fluch der Globalisierung scheint es einfacher, bei unseren dänischen Nachbarn Sushi, Cheeseburger, Pizza oder Döner zu erhalten. Auf mein diesbezügliches Gejammer bekam ich zu hören: „Wer will denn so was Langweiliges wie Butterbrote?“ Das ist barbarisch. Gut, letztendlich und bis auf den Grund des Tellers ist ein Smørrebrød tatsächlich ein Butterbrot. Aber was für eins!  Das geduldige Brot (meistens Roggenbrot) wird mit den herrlichsten Sachen belegt, bedeckt, garniert, von lauwarmer Leberpastete über paniertes Schollenfilet bis zu gekochten Kartoffelscheiben. Und  das ist nur die Grundlage – darauf häufen sich Sachen wie Spargel, grün oder weiß, Kaviar, rosa Krabbentierlein jeder Größe, Pilze, Speck, rote Beete, Gurke, Tomaten, Zwiebel , Eier – von hartgekocht über zum Spiegel gebraten bis zu rohem Eigelb – Saucen vom Mayonnaise bis zu Meerrettichcreme – und schließlich obenauf einem dänischen Dillbüschel. Ja. Ganz, ganz beinah hätten der Löwe und ich – gut, und von mir aus Ernst – beim letzten Dänemark-Urlaub welche bekommen. Wir hatten bereits einen Tisch bestellt in einem entsprechenden extra Smørrebrød-Restaurant. Aber dann kam etwas dazwischen. Ich glaube, der Löwe ist zu weit gewandert, um ein Schloss zu besichtigen mit seltsamen Gesichtern an den Eingangssäulen. Und  dann wurde es nichts. Knapp dran vorbei … Glücksfaktor. Im Herbst sind wir wieder in Dänemark!                    
Posted by admin on 28. Juli 2022

Am 28. Juli 1912 knackste die Binzer Seebrücke auf Rügen ein

Sie war zehn Jahre vorher entstanden, 1902, eine schlanke Landungsbrücke in die Ostsee, an ihrem Ende in sechs Meter Wassertiefe stehend. So konnten auch größere, schwere Schiffe dort anlegen, Passagiere und Gepäck von- oder an Bord gelangen. Mehrere Laternen mit ganz moderner Elektrizität beleuchteten die Brücke.

Um ganz ehrlich zu sein – relativ kurz nach ihrem Entstehen, Im Dezember 1904, zerkaute ein Sturmhochwasser das stolze Bauwerk. Die Binzer holten tief Luft und bauten ihre Seebrücke neu. 1906 war sie wieder fertig. 

Das Jahr 1912 hatte im April noch einmal sehr deutlich gemacht, dass Wasser keine Balken hat: Als nämlich die Titanic sank. Was die Brücke im Seebad Binz auf Rügen anging, die hatte Balken, denn sie bestand ganz aus Holz, rund 590 Meter lang.

An diesem frühen, warmen Sonntagabend drängelten sich hier an die tausend Leute. Um 18:30 legte  der Dampfer Kronprinz Wilhelm an, ließ Passagiere von Bord und wollte gerade neue aufnehmen – als die Brücke an dieser Stelle trichterförmig einbrach. Ungefähr fünfzig Menschen rutschten mit Gekreisch nach unten, in das ziemlich tiefe Wasser. Siebzehn ertranken, der Rest wurde gerettet.

Die Anzahl der Deutschen, die mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts schwimmen konnten, war erstaunlich gering – ungefähr zwei bis drei  Prozent der Bevölkerung! Wer damals ins ‚Bad‘ fuhr, der wandelte am Rand der Brandung entlang, das war Erfrischung genug. Viele Seeleute übrigens verzichteten ganz bewusst darauf, schwimmen zu können; sie waren überzeugt davon, im Fall eines Schiffbruchs ihr Leiden unnötig zu verlängern, falls sie fähig wären, sich über Wasser zu halten.

Die meisten der ins Wasser Gefallenen konnten also nur schreien und zappeln.

Eine Augenzeugin  erzählte: „Es wurde als beschämend empfunden, dass kaum jemand bereit oder fähig war, zu retten oder Erste Hilfe zu leisten und Wiederbelebungsversuche zu machen.“

Ich möchte als wohltuend hinzufügen, dass auch keiner in der Lage war, mit dem Handy zu fotografieren oder zu filmen.

Einer, der etwas tun konnte und auch wollte, war ein junger Soldat aus Westfalen, der sich ein (nicht ganz erlaubtes) Wochenende auf Rügen gegönnt hatte. Richard Römer, damals 24 Jahre alt, stand auch auf der Seebrücke, die vor seinen Füßen einbrach. Seine Ehefrau Clementine hat später  geschildert, wie Römer hastig Mütze und Jacke (an der sein Säbel befestigt war) von sich warf und ins Wasser sprang. Schwimmen konnte er – Rettungsschwimmen allerdings war damals eine noch nicht erfundene Kunst. So tauchte er jeweils unter eine der ertrinkenden Personen, und ‚döppte‘ sie, um nicht von ihr umklammert und mit in die Tiefe gerissen zu werden, schwamm dann zu den Helfern an den eingestürzten Balken und übergab ihnen die oder den Geretteten. Mit 12 Menschen schaffte Richard Römer das. Als er versuchte, den 13. zu retten, musste er erst mal selbst gerettet werden, weil ihm inzwischen die Puste ausging.

Er bekam übrigens später von Kaiser Wilhelm nicht nur die Rettungsmedaille, sondern die Rettungsmedaille AM BANDE! Die konnte man sich praktischerweise an den Anzug pappen.

Darüber hinaus wurde Sergeant Römer erklärtermaßen zum ‚Vater der DLGR‘. Denn die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft gründete sich im folgenden Jahr, speziell bezogen auf dieses Unglück. Damit es nie wieder so passieren konnte, sollten 1. viel mehr Menschen lernen, zu schwimmen und sollte 2. eine Form gefunden werden, mit der Ertrinkende so zweckmäßig wie möglich aus dem Wasser gefischt werden könnten. Inzwischen ist die DLRG die größte freiwillige Wasserrettungsorganisation der Welt. 

So kam es, dass allmählich immer mehr Menschen lernten, sich selbst und notfalls andere über Wasser zu halten. 

Da nach dem ersten Weltkrieg nahezu jede Art von Begeisterung in die Knie gegangen war, schwand auch für eine Weile das begeisterte Schwimmen und Retten.

Mit der Nazi-Zeit nahm es dann gewaltig Aufschwung. Die deutsche Jugend bekam riesiges Interesse an Muskeln und Gemeinschaft. Hitler wünschte sich im September 1935 in einer flammenden Rede vor 50.000 Jungen (die Mädchen machten vermutlich inzwischen irgendwo sauber; vielleicht schrubbten sie ein Schwimmbecken): Germaniens Nachwuchs möge so flink sein wie Windhunde, so zäh wie Leder und so hart wie Kruppstahl. So wasserfest wie Gummi fügte er nicht ausdrücklich hinzu, aber das verstand sich ja irgendwie von selbst. 

Der Erfolg war enorm; jeder anständige deutsche Junge und ja, doch, auch die Mädchen, lernten nicht nur zu rennen und zu turnen, sondern auch zu schwimmen und tauchen und retten. 

Meine Mutter, immer tapfer gegen den Strom unterwegs, verweigerte damals ihre Mitwirkung, hielt Sport sowieso für ’naziartig‘ und antwortete auf die Frage, ob sie schwimmen könnte: „Hab ich blonde Zöpfe?!“

Inzwischen können über 80 Prozent der deutschen Bevölkerung schwimmen, und das ist erfreulich. Allerdings beherrschten Ende der 1980er Jahre sogar 90 Prozent diese Kunst. Es lässt sich also nicht leugnen, dass die Wasser-Sportlichkeit hierzulande ein wenig nachlässt. Die Jugend ist nicht mehr ganz so flink, zäh und hart wie sie mal war.

Deshalb kann man überhaupt nicht dankbar genug sein für den DLRG-Adler aus dem Logo der Gesellschaft, der wachsam unsere Strände beobachtet …

Glücksfaktor: nicht unterzugehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Posted by admin on 24. Juli 2022

Alexandre Dumas der Ältere

ist der Verfasser so bekannter Romane wie Der Graf von Monte Christo oder Die drei Musketiere – um nur zwei zu nennen. Im Ganzen hat er mehr als 300 Romane und Theaterstücke geschrieben, sowie einige Kochbücher, denn er war ein großer Gourmet.

Am 24. Juli 1802 wurde Dumas in Frankreich geboren, Sohn einer Gastwirtstochter und eines Generals, Thomas Alexandre Dumas.

Sein Vater, der General, war ein ungewöhnlicher Mann. Dessen Vater, ein veramter französischer Aristokrat, (Marquis de la Pailleterie) hatte auf Haiiti, wo sein Bruder eine Plantage besaß, für einen hohen Preis eine bildschöne afrikanische Sklavin gekauft, Cezette Dumas, und mit ihr zwei Töchter bekommen sowie als jüngstes Kind Thomas Alexandre, den späteren General. Der Marquis, der offenbar ein kleines Problem damit hatte, vernünftig mit Geld umzugehen, verkaufte seine Familie – Cezette, die Töchter und den zwölfjährigen Thomas Alexandre – an einen anderen Plantagenbesitzer, weil er dringend Geld benötigte, um nach  Frankreich zu segeln und eine Erbangelegenheit zu regeln.

Nachdem Marquis de la Pailleterie das zu seiner Zufriedenheit geregelt hatte und finanziell besser ausgestattet  war, kam er kurz zurück nach Haiiti, um seinen Sohn zurückzukaufen und mit nach Frankreich zu nehmen. (Cezette und die Töchter konnte er offenbar nicht gebrauchen und ließ sie im Besitz des anderen Pflanzers zurück.)

Thomas Alexandre durfte bei seinem Papa leben und erhielt die exquisite Erziehung eines adligen Sprößlings. Allerdings zerstritt er sich, als er vierundzwanzig war, mit seinem Vater, nahm den Namen seiner Mutter an (der vielleicht gar kein Name war, sondern schlicht bedeutete ‚Du Mas‘ – also ‚des Bauernhauses‘, für eine Sklavin die Bezeichnung, zu wem sie gehörte). Er machte schnell, ungeachtet seiner Hautfarbe, militärische Karriere und erlebte viele interessante Abendteuer, die er sicher zum Teil seinem kleinen Sohn erzählte. (Denn der verarbeitete sie später gern und oft in seinen Romanen.)

Doch der General starb früh, der kleine Alexandre und seine Mutter blieben relativ mittellos zurück. Der Junge musste mit vierzehn Jahren die Schule verlassen und zunächst in Paris die Stelle eines Schreibers annehmen. Bald jedoch begann er, seine sprudelnde Fantasie und das Talent zu gelungenen Formulierungen zu nutzen und wurde Schriftsteller. Bevor er dreißig Jahre alt war, kannte ihn nicht nur ganz Paris, sondern halb Europa. Er schrieb historische Werke und Abenteuerromane, er betrieb praktisch eine Schreibfabrik, indem er Freunde und Mitarbeiter beschäftigte. Immer noch ist sein Name ein Begriff, sind einige seiner Werke sprichwörtlich, inzwischen mehr als dreißig Mal verfilmt.

Alexandre Dumas war berühmt, ein Erfolgsautor. Wegen seiner Hautfarbe und der krausen Locken angefeindet und brüskiert wurde er trotzdem. Beim Festmahl eines Adligen fragte einer der Gäste , ob es denn stimme, dass er ein Neger sei? Dumas antwortete: „Durchaus! Mein Vater war Mulatte, mein Großvater Neger, mein Urgroßvater Affe. Sie sehen also, dass mein Stammbaum dort beginnt, wo Ihrer endet.“

Als Dumas zweiundzwanzig war, produzierte er mit einer hübschen Näherin ein (uneheliches) Söhnchen, den später ebenso bekannten Autor Alexandres Dumas den Jüngeren. Der wurde am 27. Juli geboren, also auch ein Löwe wie sein Vater. Als der Kleine sieben Jahre alt war, entschloss Alexandre sich, ihn anzuerkennen, nahm ihn ziemlich brutal seiner Mutter weg und ließ ihm die bestmögliche Erziehung angedeihen. Für Letzteres war ihm der Junior aufrichtig  dankbar – Ersteres nahm er dem Vater übel. Er litt mit seiner Mutter und er wurde im Luxusinternat von Mitschülern verspottet, weil er unehelich war. Sein Leben lang behielt er Sensibilität für Frauen, denen Unrecht getan wurde.

Dumas der Ältere war zu einem riesigen Vermögen gekommen – das er bis auf den letzten Centime durchbrachte. Er ließ sich in der Nähe von Paris ein romantisches Schloss bauen, das er Monte Christo nannte, er besaß ein eigenes Theater, er gab Gesellschaften, zu denen er 600 Gäste einlud, er kaufte seinen Geliebten teuren Schmuck und reizende Wohnungen. Zum Schluss war er hochverschuldet und gezwungen, von Voraus-Honoraren für noch nicht geschriebene Romane zu leben.

Inzwischen hatte sein Sohn, der mit siebzehn zu schreiben begann, ebenfalls Karriere gemacht: Er verfasste die (praktisch selbsterlebte) traurige Geschichte einer Kurtisane, die sehr jung an Tuberkulose starb: Die Kameliendame. Daraus wurde ein Theaterstück, das Giuseppe Verdi zu seiner Oper LA TRAVIATA verarbeitete. Zu  seinen Lebzeiten war Alexandre Dumas der Sohn noch etwas berühmter als sein Vater, seine Haut sehr viel heller, die Locken, als Erbteil von Großmutter Cezette, krausgekringelt.

Der jüngere Dumas verfügte jedoch über mehr Vernunft. Er besaß die Gabe, erwachsen zu werden (über seinen Vater hatte er gesagt, er sei ihm immer ein Kind gewesen), er konnte mit Geld umgehen. Alexandre der Jüngere hatte geheiratet und lebte mit Frau und  zwei Töchtern in einer komfortablen Villa in der Normandie – als eines Tages sein Vater vor der Tür stand, ein kleines bisschen derangiert, gesundheitlich stark angeschlagen und völlig mittellos, um zu fragen, ob er ein Weilchen beim Junior bleiben und am liebsten bei ihm sterben dürfe.

Ein Vierteljahr später war Alexandres Dumas der Ältere wirklich tot, mit 68 Jahren, literarische Legende, Genießer, Verschwender. Am Tag vor seinem Tod fragte er den Sohn: „Glaubst du, von mir wird irgendetwas übrig bleiben?“ Und der Jüngere antwortete überzeugt: „Papa, das schwöre ich Ihnen!“

Glücksfaktor: Recht hat er gehabt …

 

 

 

 

Posted by admin on 21. Juli 2022

Wie ich im betrunkenen Zustand Astrid Lindgren interviewte

Inzwischen wollen eine Menge Leute wissen, wie das passieren konnte. Vielleicht könnte ich anführen, ich war jung und brauchte Probleme?

Tatsache ist, ich hatte welche. Ich steckte damals in meiner ersten ernsthaften und gleichzeitig sehr komplizierten Beziehung. (Nebenbei bemerkt nicht nur die schwierigste, sondern eigentlich die einzige richtig problematische, die ich je hatte.)

Meine Freundin Ingrid war auch Journalistin, aber vor allem Fotografin und ich ihr bevorzugtes Modell. Sie fotografierte mich so andauernd, dass es mir schon nicht mehr auffiel. Ständig hörte ich ihr dunkle, etwas nölige Stimme: „Halt mal eben still, Kind – Kopf etwas höher – danke!“

Sie fotografierte mich mit Wind im Haar oder im Bemühen, mit einer Stadttaube auf einem Parkplatz ins Gespräch zu kommen – oder wie und wo immer. In jeder Lebenslage: „Halt mal eben still, Kind – danke!“

Und sie schnappschusste einen kleinen Hafen irgendwo in Dänemark, wo ich, auf einer Mole sitzend, nur als Accessoire  diente. Da waren wir beide bereits auf unserer Reise nach Schweden.

Ingrid wollte rauskriegen, ob ein gewisser Fred ein Mann zum Heiraten wäre.

Er hatte ihr – brieflich – einen Antrag gemacht. Sie kannte ihn aus Hamburg, inzwischen lebte er seit mehr als einem Jahr in der Nähe von Stockholm. Im direkten Kontakt hatte er sie nicht sehr überzeugt, im Briefwechsel beeindruckte er plötzlich. Genug, um auszuwandern? Das galt es  festzustellen. Sie bat mich, mitzukommen und sie zu beraten. Wie sie auf  die Idee kam, ich mit meiner verkorksten Beziehung könnte ein guter Ratgeber in Liebesdingen sein, weiß ich auch nicht.

Ingrid und ich arbeiteten beide für den Jahreszeiten-Verlag in Hamburg, ich hatte jedoch nebenbei Kontakte zu anderen Medien, schrieb auch schon für den NDR und manchmal, wenn ich Glück hatte, für den STERN, damals ein recht renommiertes Magazin. Als Ingrid mit ihrer Schwedenreise kam, fiel mir  ein, uns alles ein wenig finanzieren zu lassen. Ich fragte also eine befreundete STERN-Ressorleiterin, ob sie es nicht sinnvoll fände, wenn ich in Stockholm Astrid Lindgren interviewte?  Das fand sie sogar sehr sinnvoll, denn sie brachten gerade einen großen Beitrag über ‚Wie – und vor allem wann – sag ich’s meinem Kinde?‘ Da würde sich ein Kasten mit kurzem Statement der berühmten Kinderbuch-Autorin ausgezeichnet machen.

Irgendwie kriegte ich es hin, auch noch Ingrid in den Deal einzuarbeiten: Klar, ein schönes, aktuelles Porträtfoto war erwünscht. Wir konnten mit fetten Honoraren rechnen. Damals zahlten Zeitschriftenverlage noch sehr großzügig.

Der Oetinger-Verlag, der Lindgrens Bücher in Deutschland herausbrachte, arrangierte für mich tatsächlich innerhalb kürzester Zeit einen Interview-Termin mit der Schriftstellerin. 

An einem Montag Mitte Juni fuhren Ingrid und ich sehr früh am Morgen in ihrem uralten VW-Käfer los, nach Norden. Einen Tag würden wir für die Fahrt benötigen, drei Tage dort sein und einen Tag zurück fahren. Wir hatten die Absicht, gnadenlos durchzufahren, um am späten Abend in Schweden anzukommen.

Das schafften wir tatsächlich – wobei uns auffiel, dass in dieser Jahreszeit dort kein später Abend stattfand. Im Prinzip war es 22:00 Uhr, doch die Sonne schien verträumt weiter, etwas verschleiert und tiefgerutscht am Horizont.

Fred wohnte zwar tatsächlich am Rand von Stockholm, aber gleichzeitig – im Wald. Das ist über vierzig Jahre her und es mag sein, dass die schwedische Hauptstadt inzwischen nicht mehr von derart dichten Wäldern umgeben ist. Ingrid und ich zweifelten – völlig Navi-los, mit Karte auf den Knien – bis zuletzt, ob die Adresse stimmte. Wir waren die letzten Stunden praktisch nur durch hellen Birken- oder Buchenwald gefahren, auf einer einsamen Landstraße, die ununterbrochen scheinende Sonne immer links von uns.

„Hier sollte es sein!“, sagte Ingrid zweifelnd. Und das stimmte tatsächlich. Als wir um die nächste Kurve bogen, standen dort auf einer Lichtung zwei Häuser. Davor, wartend und rauchend am Wegesrand, zwei junge Männer mit einem wuscheligen Hund.

Einer der drei war Fred, schnauzbärtig, kurzbeinig, fröhlich. Daneben sein Hund Geronimo. Mit dem Dritten hatten wir überhaupt nicht gerechnet. Fred hatte völlig vergessen, ihn in seinem Briefwechsel mit Ingrid zu erwähnen.

Das war Beat.

Aus irgendeinem Grund hielt das Schicksal es für notwendig, ihn mit schrägstehenden dunkelgrünen Augen, hohen Wangenknochen und dunklen Locken auszustatten. Ich wollte doch von meinen Problemen wegfahren und hatte schon wieder eins, bevor ich auch nur aus dem VW krabbelte.

Die beiden servierten uns ein nettes, gemeinsam gekochtes Abendessen und machten uns mit den näheren Umständen vertraut. Da sie gemeinsam in einem Architektenbüro arbeiteten, wohnten sie hier zusammen, in zwei ursprünglich simplen Ferienhäusern, die sie nach Belieben ausgebaut hatten mit viel Holz und Glas. Die City von Stockholm, so unglaubwürdig es klang, lag wirklich nur eine knappe Stunde mit dem Wagen (oder, in ihrem Fall, mit Motorrädern) entfernt.

Fred vor allem erzählte. Beat wirkte zunächst ungewöhnlich schweigsam. Zudem litt er an einem Sprachfehler: Er war Schweizer. Bevor er etwas sagte, dachte er lange nach und trennte sich schließlich umständlich und ungern von den Silben. Dafür starrte er mich ununterbrochen quer über den Tisch aus seinen bemerkenswerten Augen an. Später stellte sich heraus, dass er absolut gesprächig war. Nach ein paar Stunden verstand ich ihn sogar. 

Wir waren spät angekommen, hatten spät gegessen und lange geredet. Nach einer Weile machte die Sonne am Horizont einen Knicks und stieg, nach rechts, wieder hinauf. Wir  trennten uns, um zur Abwechslung mal zu schlafen – Ingrid und ich im rechten Haus, das Fred gehörte. Fred, Beat und der Hund im linken Haus.

Am Vormittag trafen wir uns wieder zum Frühstück im Garten. Unsere Gastgeber hatten sich für uns einen Tag frei genommen. Natürlich wollten Ingrid und Fred viel und ausführlich miteinander sprechen – es ging ihm schließlich darum, sie zu überreden, ein für alle Mal in sein Holz-und-Glashaus zu ziehen.

Das warf gewissermaßen Beat und mich auf uns zurück. Er fuhr in Ingrids Auto mit mir in der Gegend herum, lud mich zum Essen in ein uriges Restaurant ein, zeigte mir einen märchenhaften See in der Nähe – und erzählte und erzählte. Tatsächlich war er redelustiger als die meisten Menschen, und was er sagte, war durchaus interessant und gefiel mir. Er gefiel mir überhaupt ganz über Gebühr. Ich erwähnte vorsichtshalber des Öfteren meinen schwierigen Freund  zu Hause – dass wir eine Wohnung suchten, um zusammen zu ziehen. Dass wir praktisch so gut wie verlobt wären. Beat  hörte sich das ruhig an und schlug vor, ich sollte stattdessen lieber bei ihm in seinem Holz- und Glashaus bleiben. Er meinte, er hätte sein Leben lang (er war 27) auf mich gewartet.

Schweden kann, wenn es sich richtig anstrengt, ungefähr so romantisch sein wie Venedig. Diese ständige Sonne hat was, die Einsamkeit, die Wälder, der verzauberte See bei Nacht – ohne Nacht. Da hörten wir einen klagenden Ruf – mehrere Rufe – Wölfe?! Nein, sagte Beat, das sind Seetaucher. Später hörte ich ihre Stimmen in Kanada wieder. 

Und genau wie Kanada beherbergt Schweden Milliarden von Mücken. Ich blickte in Beats dunkelgrüne Augen, sehr dicht vor mir – und hörte ein bösartiges Sirren direkt an meinem Ohr. Das ruinierte die Romantik. Bevor es zu ernsthaften Tätlichkeiten kommen konnte( von wem auch immer, Schweizer oder Mücke), wollte ich zurück ins Haus, und zwar sofort.

In  der ersten Nacht hatten Ingrid und ich nur geschlafen, total erschöpft von unserer Reise. In der zweiten redeten wir. Sie war sich inzwischen ganz ohne meine Ratschläge klar darüber geworden, dass sie Fred gern als Brieffreund  behalten – aber auf keinen Fall heiraten wollte.

Was mich anging, mir war überhaupt nichts klar. Ich fühlte mich, eigentlich ungewöhnlich für mich, völlig durcheinander. Normalerweise wusste ich sehr genau, was ich wollte und was ich nicht wollte. Augenblicklich hatte ich diesbezüglich keinen Schimmer. Das war ich nicht gewohnt und es machte  mich ganz wuschig.

Wir frühstückten spät und diesmal allein, weil die Architekten früh in ihr Büro gefahren waren. Ich konnte kaum etwas essen, ich wurde immer verwirrter, je mehr ich versuchte, Klarheit zu bekommen. Würde ich anstelle von Ingrid in einem schwedischen Wald im Glas- und Holzhaus bleiben? Und wie verliebt war ich eigentlich in wen?

Ingrid, immer hilfreich, bot mir einen Schluck aus ihrer kleinen silbernen Taschenflasche an: Whisky hatte sie grundsätzlich bei sich. Sie meinte, das würde mich beruhigen.

Ich trank hoffnungsvoll ein Schlückchen und noch ein Schlückchen während wir redeten und mein Problem von allen Seiten beleuchteten.

Schnaps schien mich wirklich zu beruhigen, deshalb nahm ich, nachdem die kleine Taschenflasche leer war, Cognac aus Freds Hausbar zu mir – noch ein Gläschen. Und noch eins.

Irgendwann fiel uns ein, dass wir am frühen Nachmittag bei Astrid Lindgren sein wollten: 14:00 Uhr war unser Interview-Termin. Ich stand energisch auf – und fiel fast in die nächste Vitrine. Solange ich gesessen hatte, war es mir nicht aufgefallen. Nun plötzlich begriffen wir beide erschrocken: Ich war stockbesoffen!

Ingrid, bedeutend trinkfester als ich (sie trug, wie gesagt, ihren Whisky immer bei sich), hatte nicht darauf geachtet, was ich alles in mich hineintankte. Sie ließ mich ein großes Glas Wasser trinken in der Hoffnung, den Alkohol in mir zu verdünnen. Das brachte wenig. Außerdem mussten wir wirklich aufbrechen.

An der frischen Luft verstärkte sich mein Zustand. Immerhin war ich inzwischen nicht mehr verwirrt, sondern absolut heiter. Ich kicherte fortgesetzt, vor allem darüber, dass es mir nicht gelang, in den VW zu kommen. Ich verfehlte mehrmals die Autotür, Ingrid musste wieder aussteigen und mich in den Wagen setzen.

Wir fuhren also nach Stockholm, ich kichernd, meine Freundin besorgt. Unterwegs kaufte sie an einem Imbiss ein fetttriefendes Würstchen mit Brötchen und zwang mich, beides zu verschlucken. Erfreulicherweise wurde mir nicht übel, aber es änderte im Übrigen nichts an meinem Zustand. In einem letzten Versuch, den zu vertuschen, besprühte Ingrid mich mit Kölnisch Wasser und zerrte mich dann die Treppe hinauf in der Dalagatan 46, gegenüber dem Vasapark.

Wir klingelten, ich holte tief Luft, konzentrierte mich über alle Maßen, stoppte meine Kicheranfälle und bemühte mich um ein nüchternes Gesicht. Astrid Lindgren öffnete uns selbst. Sie war kleiner, zierlicher und sehr viel seriöser und zurückhaltender als erwartet . 

Sie setzte uns auf ein Sofa, nahm uns gegenüber Platz, und wir begannen mit dem Interview. Ich hatte mir schon zu Hause in Hamburg meine Fragen auf einem Block notiert – gottseidank. Ich konzentrierte mich unendlich darauf, klar und deutlich zu reden, ohne so zu wirken, dass es mich anstrengte, klar und deutlich zu  reden.

Frau Lindgren sprach fließend Deutsch.

Ich verzichtete darauf, wie eigentlich geplant, ihr anzuvertrauen, dass ich mir anhand von ihrer Pippi Langstrumpf selbst mit knapp vier Jahren Lesen beigebracht hatte. (Ganz am Anfang von Pippi, in der zweiten Zeile, steht zweimal das Wort GARTEN, das erste Wort, das ich erkennen konnte, weil meine Eltern es mir so oft  vorgelesen hatten, dass ich es auswendig wusste. Das zweite Wort, ebenso identifiziert, war HAUS, ebenfalls zweimal, in der Zeile direkt darunter. Mit diesen beiden Schlüsseln lernte ich, wie Buchstaben geformt sein müssen, um Laute widerzugeben.

Übrigens ermutigte Astrid Lindgren gar nicht zu Vertraulichkeiten oder langem Geplauder. Eigentlich wirkte sie am ehesten so, als hätte sie es gern schnell hinter sich. Und das war ja in diesem Fall ganz in meinem Sinne.

Ich stellte so knapp und sachlich wie möglich meine Fragen, sie antwortete ebenso. ( Nein, ich glaube nicht, dass ich irgendwie betrunken wirkt und dass es damit zu tun hatte.)

Vielleicht hatte sie an diesem Tag ihre eigenen Sorgen? Vielleicht war sie von Natur aus eher zurückhaltend? Ingrid und ich stimmten hinherher überein, dass wir eine humorvolle, herzliche, extrovertierte Person erwartet hatten, ausgehend von ihren Büchern. Doch sie lächelte nicht einmal. Ihr schmales kleines Gesicht unter dem kurzen Pony wirkte die ganze Zeit ernst und sorgenvoll.

Sie ließ sich geduldig von Ingrid fotografieren, sie hatte mir einen sehr klugen Text zur Frage: ‚Wann sollten Kinder aufgeklärt werden?‘ (so früh wie möglich, jedoch völlig individuell verschieden von Kind zu Kind) geliefert.

Nach weniger als zwanzig Minuten verabschiedeten wir uns. Die Wohnungstür schloss sich, wir standen allein im Treppenhaus. Ich holte noch einmal tief Luft, hörte auf, mich anzuspannen und fiel ein Stück die Treppe hinunter. Als Ingrid herbeistürzte, um mir aufzuhelfen, kicherte ich schon wieder.

Am Abend bemühte Ingrid sich, Fred so nett und taktvoll wie möglich ihre Absage klarzumachen. Er reagierte gekränkt und patzig. Dann knöpfte er sich meine Person vor – als ich gerade allein in seiner Küche saß und Kartoffeln schälte, inzwischen allmählich nüchtern – und hielt mir eine Predigt: Offenbar hätte ich die Absicht, mit seinem Freund Beat ‚zu spielen‘ durch meine typisch weibliche Wankelmütigkeit! Was er verhindern würde!

Ich hörte erstaunt zu. Seine Worte erleichterten mir – ganz ohne, dass ich noch einmal mit dem Schweizer sprach – die Entscheidung, ob ich in Schweden bleiben sollte oder nicht.

Wir vier aßen unter beklemmendem Schweigen zusammen. Beats interessante grüne Augen schauten konsequent an mir vorbei. Sogar Geronimo, der Hund, hatte Ingrid angeknurrt und sah völlig beleidigt aus.

Am nächsten Tag erklärten die beiden Architekten uns, sie müssten unvermutet zu einer Grundstückbesichtigung in Gustavsberg (oder so ähnlich) und würden erst spät am Abend zurückkommen. Um uns zu bespaßen hatten sie einen dicklichen, uninteressanten Anders rekrutiert. Dieser Anders zeigte uns touristische Höhepunkte von Stockholm und der Umgebung, kaute dabei  Kaugummi und guckte ab und zu auf seine Armbanduhr, ob der Tag nicht bald vorbei wäre. Aus irgendeinem Grund kam es Ingrid und mir so vor, als hätten sämtliche Schweden, die wir sahen, griegrämige und gnatzige Gesichter.

Wir schickten Anders bereits am späten Nachmittag mit vielem Dank nach Hause, fuhren zurück zu den Glas- und Holzhäusern im Wald und packten schon mal, um bloß am anderen Morgen früh wegzukommen.

Als wir losfuhren, sahen wir im Rückspiegel die beiden Waldbewohner, die uns, neben dem Wuschelhund am Straßenrand stehend und rauchend, vorwurfsvoll hinterher schauten. 

Für unsere Rückreise nahmen wir uns mehr Zeit. Eigentlich hatten wir zum Wochenende zurück sein wollen. Jetzt realisierten wir, dass schließlich Wochenende war und es keinen Grund gab, uns zu beeilen. Der alte VW zeigte sich ausgesprochen dankbar dafür, an diesem heißen Tag langsamer fahren zu dürfen. Wir kratzten unser letztes Geld zusammen und übernachteten in einem netten kleinen Hotel im bezaubernden Kopenhagen.

Ja, so war das, als ich vor langer Zeit, stark alkoholisiert, Astrid Lindgren interviewte. Ich wusste nicht, dass Trunkenheit sich tatsächlich – zumindest eine Zeitlang – durch Konzentration beherrschen lässt. Aber es ist möglich …

Glücksfaktor: Erinnerungen.

 

 

 

 

 

Posted by admin on 18. Juli 2022

Inflation in Deutschland

Im Herbst 1923, also vor ungefähr hundert Jahren, war sie fast auf dem Höhepunkt.

Meine Mama, die kleine Ursula, acht Jahre alt, Berliner Großstadtkind, erlebte mit, wie ihre Mutter sich täglich bemühte, Lebensmittel zu kaufen, bevor die noch teurer wurden.

Mein Vater, der kleine Paul, war zwölf Jahre alt und saß in einem Jungeninternat in Thüringen. Da wurden die Rationen im Speisesaal schmaler und die Gesichter der Kinder ebenfalls. Er hat mir erzählt, wie ihn damals ein Onkel besuchte – sein verrückter Onkel Ernst, gerade zum vierten Mal verheiratet – auf seinem Motorrad, mit Lederhelm und dicker Schutzbrille. Sein Freund Curd und dessen Mops saßen mit grünen Gesichtern im Beiwagen (Onkel Ernst fuhr einen flotten Reifen) – und weil’s dem Onkel vorher nicht eingefallen war, dass er Paulchen doch ein bisschen Taschengeld spendieren wollte, fragte er Curd jetzt aus einem Mundwinkel: „Du, kannst du mir eben ein oder zwei Milliarden leihen?“

Für ein oder zwei Milliarden konnte mein Vater sich eine Tüte Lakritzlutscher kaufen. 

Wer damals mit seinem Geld auskommen wollte, der musste gut rechnen können. (Ich wäre geliefert gewesen.) Als die Inflation sich noch mehr beeilte, wurde schließlich kein neues Geld gedruckt, sondern die Geldscheine erhielten rote Stempel mit dem – zu dieser Stunde – aktuellen Wert.

Wie konnte es zu derart albernen Summen auf den Geldscheinen kommen?

Es hatte mit dem Krieg zu tun, dem Ersten Weltkrieg.

Niemand will eigentlich Krieg. Außer vielleicht die Leute, die wirklich einen Gewinn daraus ziehen. Möglichst, indem sie selbst nicht mitkämpfen müssen. Ansonsten wird jeder vernünftige Mensch sagen, Frieden und Harmonie sind netter.

Aber … Seit Eva vom Baum der Erkenntnis genascht hat, wissen wir unglücklicherweise, was Gut und was Böse ist. Der Fluch ist, dass wir uns ständig gezwungen sehen, alles in Gut und Böse einzuteilen. Im Prinzip ja einfach: Wir sind gut, die da drüben sind böse. Da sie böse sind, verdienen sie weder Verständnis noch Mitgefühl.

Die Deutschen waren sich 1914 in keiner Weise bewusst, dass sie den Krieg angezettelt hatten. (Inzwischen, nachdem fast hundert Jahre lang alle dran glaubten, die ‚Hunnen‘ allein – also unser Volk – wärn’s gewesen, ist das sowieso recht umstritten. ) Auf jeden Fall waren sie sicher, im Namen der Gerechtigkeit unterwegs zu sein. Das ist fast noch gefährlicher als an gut und böse zu glauben.

Weil alle Menschen, die sich auf einen Krieg einlassen, davon überzeugt sein müssen, schließlich zu siegen, wurde der Erste Weltkrieg (und so was ist nicht selten) von Deutschland auf Pump geführt. Lieber Schulden machen als Steuern erhöhen, sagte sich die Regierung. Wenn wir erst die Russen und die Franzosen besiegt haben, dann müssen die für alles bezahlen! The Winner Takes It All. Zwischen 1914 und 1918 gab das Land neun Kriegsanleihen aus und erzielte daraus 98 Milliarden Mark. Weit mehr als die Hälfte der Kriegskosten – ungefähr 60 % – konnte dadurch gedeckt werden.

Warum stopfte das Volk seine Ersparnisse, sein mühsam verdientes Geld in solche Anleihen? Erstens galt der Kauf von so einem Papier als patriotisch. (Wir würden heute lieber sagen ’solidarisch‘.) Zweitens benötigte der Staat schließlich dringend das ganze Geld für Kanonen und Patronen. Je mehr Kriegsgerät angeschafft wurde, umso höher stieg die Chance, zu siegen. Dafür konnte man ruhig mal ein Weilchen hungern und frieren. Drittens, wie gesagt: Wenn der Krieg erst gewonnen war, dann brachte diese Anleihe noch größeren Gewinn!

Leider jedoch verlor das Land. Sämtliche Sieger rundherum wollten nun, dass die Verlierer die Kosten für alles, was kaputt gegangen war, aufbrachten. Und das war nicht gerade wenig.

Doch Deutschland besaß überhaupt kein Geld mehr. Es war gewissermaßen nach Innen ebenso verschuldet wie nach Außen. Darüber hinaus war der Kaiser getürmt und das Reich formte in großer Hast eine Republik. Eine Republik, die von vornherein restlos pleite war.

(Um es kurz zu machen – wir haben es schließlich geschafft. Hat ein bisschen gedauert, aber am 3. Oktober 2010 haben wir die letzte Rate unserer Kriegsschulden für den Ersten Weltkrieg, 200 Millionen Euro, überwiesen.)

Die Siegermächte also erhielten nach und nach ihre Knete. Die Käufer der Kriegsanleihen hatte mehr Pech … 

Weil kein Geld vorhanden war, druckte der verzweifelte Staat immer mehr davon. Weil immer mehr Geld gedruckt wurde, war es immer schneller nichts wert. Unternehmer oder Landwirte, die materielle Werte ihr eigen nannten, kamen gut dabei weg. Menschen mit ‚festem Einkommen‘ oder Ersparnissen rannten bald den Millionen und Milliarden hinterher. Sobald sie ihren Lohn, ihr Gehalt, ihr Honorar erhalten hatten, flitzten sie los und stellten sich an eine der Schlangen vor den Lebensmittelgeschäften an.

Im Januar 1923 kostete ein Brot 163 Mark. Bereits im November desselben Jahres musste der Käufer dafür 233 Milliarden Mark hinblättern. 

Ende November 1923 löste die Rentenmark, ab August 1924 die Reichsmark die kaputte Währung ab. Der Schalter wurde praktisch auf Null gestellt. Alles fing von vorne an. Zwar gab es immer noch ganze Massen restlos verarmter Bürger. Zwar vegetierten immer noch ganze Massen ziemlich unerwünschter, oft unappetitlicher Kriegsversehrter umher, meistens bettelnd auf den Straßen.

Trotzdem: Nach und nach konnte dieser oder jener sich wieder was leisten. Und was dann vor lauter Erleichterung losging, waren die überdrehten ‚Goldenen 20er‘.

Glücksfaktor: Inflation. Also falls man gerade hochverschuldet sein sollte …