Im großen Netz verschwindet nichts, heißt es

April 2, 2018 admin No comments exist

Vor allem, wenn man gern hätte, dass es endlich nicht mehr zu sehen ist. Es bleibt und bleibt und bleibt, peinlicherweise. Scheinbar bis in alle Ewigkeit. Im Internet verschwindet nun mal nichts.

Ab und zu aber doch.

Ich hatte mal, irgendwann undeutlich zu Beginn dieses Jahrhunderts, ein Weilchen für Jürgen Hunkes Internet-Magazin ‘Guten Morgen Hamburg’ gearbeitet und dabei (gemeinsam mit vielen anderen Autoren, lebenden und toten – na ja, die Toten schon vorher) eine Liebeserklärung an Hamburg verfasst.

Die ließ sich immer wieder aufrufen, wenn ich sie mal wem zeigen wollte.

Und plötzlich – war sie weg! Das fand ich doch traurig.

Dann fiel mir Peter Jersch ein. Der hatte vor einigen Jahren nett gefragt, ob er diesen Sehnsuchtsbeitrag auf seinem eigenen Portal: Hamburg alive – Hamburg forever bringen dürfe. Also suchte ich nach dieser Seite – und entdeckte fast sofort meinen Artikel.

Nun hab ich ihn wieder und diesmal auch endlich gespeichert.

Danke, Peter Jersch! 

 

 


 Journalistin – Autorin – Prädikantin …. eine Freundin Hamburgs

 


»Es hat mich wieder erwischt« Eine Liebeserklärung an Hamburg von Dagmar Seifert

Früher sagte ich aus Überzeugung – meine Stadt

Was hatten wir alles miteinander erlebt, blutrote Sonnenuntergänge beim Osterfeuer am Elbufer, Schlittschuhlaufen auf der zugefrorenen Alster oder perlgrauer, dicht gewebter Nebel, der den Fernsehturm nur ab Bauchnabel zeigte und die Schiffe im Hafen heiser blöken ließ. 
Damals war ich so verliebt, auch in Hamburg. Aber es gibt ja nicht nur schöne Erinnerungen. Irgendwann kamen unerfreulichere Zeiten, das übertrug sich unwillkürlich auf die Kulisse. Wir lebten uns auseinander, die Stadt und ich. So was soll bei langfristigen Beziehungen vorkommen.

Wir sind fertig miteinander, hau ab! sagte ich.
Und weil das für eine Stadt schwierig ist, ging ich meinerseits. Nachdem ich den allergrößten Teil meines Lebens dort verbracht hatte, zog ich mit meinem Kind weit vor die Tore, in eine Gegend, in der schon die Autokennzeichen aussagen, dass hier Provinz-Idioten wohnen. Ich zählte Kühe, schnupperte Kartoffelfeuer, fand eine ganz große Liebe und wollte nie wieder zurück.
Wenn ich später meinen Sohn oder meine Mutter in der Hansestadt besuchte, guckte ich mich mit leichtem Naserümpfen um: Dieser Lärm! Dieser Parkplatz-Terror! Ah, einige Straßenschilder wurden immer unlesbarer, auf manchen Grünflächen wucherte Unkraut, der Senat musste wohl sparen. Der Standort wirkte auf mich ungepflegt, stoppelbärtig und triefäugig. Gut, dass ich nichts mehr mit ihm zu tun hatte. Meine Gefühle, dachte ich, sind mausetot (mit Ausnahme der Leidenschaft für den HSV, versteht sich.). 
Fuhr ich über die A23 zurück, atmete ich tief durch. Endlich wieder Gülle…

Aber jetzt, in diesem Jahr, hatte ich sehr häufig in Hamburg zu tun. Und langsam, ganz behutsam und nach und nach, hat es mich wieder erwischt.
Die Stadt ging subtil vor. Schien mich zunächst gar nicht weiter zu bemerken. Zeigte in ruhigem Selbstbewusstsein ihr Profil, die Kirchtürme und Elbkräne.
Purer Zufall, dass ich nach einer Lesung in der Galerie der Kramer Amtsstuben und einem guten Essen im Portugiesenviertel ausgerechnet in dem Augenblick unterm Michel vorbeischlenderte, als der Trompeter auf dem Turm in alle Himmelsrichtungen schmetterte.
Genauso aus Versehen begegnete ich am Baumwall einem Gedichte aufsagenden Nachtwächter, der Touristen dort herumführte. Ich durfte teilnehmen, obwohl ich mich eigentlich hätte anmelden müssen und ich war fasziniert von der Schönheit der Speicherstadt.
Auch die entstehende Hafencity interessierte mich. Die hatte es damals, als ich noch in Hamburg wohnte, nicht gegeben.
Im Karo-Viertel, in der Markt-Straße, staunte ich über die Entwicklung von Hippie zu hipper Einkaufsstraße mit phantasievollen Stöbergeschäften wie in Londoner In-Vierteln.

Neben diesen schillernden Neuheiten fand ich Vertrautes, Bleibendes.
Zum Beispiel die flachen weißen Fleetendampfer, auf denen ich schon als kleines Mädchen mitfuhr, respektvoll Schwäne, Trauerweiden und die gelblich-weiß schäumende Bugwelle betrachtend.
Ich stand, erneut beeindruckt, vor der majestätischen Fassade des Rathauses, fuhr an der Laeiszhalle vorbei, die schon von außen Musik ist, grinste unwillkürlich den steinernen Bismarck am Elbpark an.

Plötzlich empfand ich wieder, wie früher schon, die Vielseitigkeit dieser Stadt. Das Interessante, Geheimnisvolle, das Liebevolle, Mütterliche, das Erztraditionelle und die Bereitschaft zum Neuen. Sozusagen ihr großes, stolzes, warmes Herz.

Schließlich ging ich an einem diesigen Herbstabend durch die Alte Rabenstraße runter zum Alsterufer. Ein langes Ruderboot wurde mit Gongschlägen an mir vorbeitrainiert, etwas entfernt verjodelte ein Peterwagen, unten an der Böschung quakte eine Ente ihr Abendgebet, dann war es ganz still bis auf das Glucksen der Wellen und das leise, stetige Dröhnen der Großstadt am Abend.

„Na?“, sagte Hamburg und zwinkerte mich an, wozu es sich des Abendsterns über der Außenalster bediente. „Wie war das – stoppelbärtig und triefäugig, hm?“

„Oh – nein!“, sagte ich. „Das war dumm von mir. Du bist atemberaubend. Du bist die Schönste, immer noch.“

„Sieh an. Sagtest du nicht vor einigen Jahren, London sei viel uriger und gemütvoller und Toronto sauberer und moderner? Ach richtig, und Kopenhagen hast du als schnuckeliger bezeichnet und Venedig als romantischer und malerischer.“

„Das hast du gehört? Dummes Gerede, vergiss es. Soviel Wasser und soviel Grünzeug so hübsch angeordnet wie bei dir hat keine andere und soviel Geschichtliches und Modernes harmonisch nebeneinander. Du bist unvergleichlich, du weißt doch, weltoffen und arrogant und zärtlich zu deinen Kindern; alleine, wie du sie mit kostenlosen Veranstaltungen verwöhnst! Du bist Kultur- und Pressestadt…“

„Na, ich weiß nicht. Da rutscht doch einiges zu diesem Berlin ab in der letzten Zeit …“

„Vieles bleibt doch und Neues kommt. Berlin ist sicher interessant, aber man merkt ihm seine nervenaufreibende Geschichte an, es wirkt viel hektischer, weißt du?“ 

„Wirklich? Du schmeichelst mir“, sagte die Stadt wohlwollend, dehnte sich behaglich und knipste ihre Lichter auf der Lombardsbrücke an. „Sagtest du eben, ich sei arrogant?“

„Nicht direkt – ein bisschen zickig vielleicht. Du schmeißt dich nicht jedem an die Brust, du weißt ja, was du wert bist, ich meine, du brauchst keine Orden und so was…“

„Ich verstehe. Und ich sehe, du verstehst mich. Also ist alles wieder gut zwischen uns? Dann verzeihe ich dir. Wirst du wieder hierher ziehen? Ich wüsste in Eimsbüttel eine nette Wohnung…“

„Danke, aber – ich finde es viel schöner, dich oft zu besuchen, wieder wegzufahren und mich auf dich zu freuen. Und wenn ich nicht hier bin, hab ich Sehnsucht nach dir. Heimweh nach Hamburg. Wie findest du das?“

Damit schien die Stadt einverstanden zu sein. Wir schwiegen eine Weile, während die Dämmerung violett wurde und mein Magen zu knurren anfing.

„Außerdem“, fügte ich also meiner Lobliste hinzu, „hast du so viele schöne Restaurants. Ich such mir dann mal eins. Ach – und Danke, dass du mir verzeihst!“

„Och, da nich’ für“, meinte Hamburg.

 

Zu finden auf Hamburg alive – Hamburg forever

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