Im Zwickelerlass

September 28, 2018 admin No comments exist

vom 28. September 1932 wurde gesetzlich vorgeschrieben, dass Badeanzüge für Personen beiderlei Geschlechts das Geschlecht zu verbergen hatten, indem ein eingenähtes Stück Extrastoff, der sogenannte Zwickel, auch im nassen Zustand derartige Tatsachen gnädig verhüllte.

Vorher hatte es häufig Badeanzugmodelle gegeben, die aus labberigem weichen Stoff bestanden und, hemmungslos zwickellos, nach dem Bade jeden Zentimeter untendrunter modellierten. Wer hinguckte, wurde womöglich schamrot. Am besten war, gar nicht hinzugucken. Oder heimlich. (Diese Art der Badebekleidung zeigte sich bedeutend unanständiger als die der fünfziger oder sechziger Jahre. Da gab’s zwar mehr Haut zu  sehen, aber die ganz persönlichen Sachen vertuschte inzwischen der Zwickel.)

Mit ‘ist doch alles natürlich’ kam man nicht weiter. Das erfuhr bereits 1919 Friedrich Ebert, der erster Reichspräsident der Weimarer Republik. Er hatte gemeinsam mit seinem Reichswehrminister Gustav Noske nach der Besichtigung eines Kinderheims in Haffkrug ein kleines Bad in der Ostsee genommen. Nicht nur ohne Zwickel, sondern sogar ‘oben ohne’ statt im Ganzkörper-Badeanzug.

Den kurzen Moment, in dem der nette Zeitungsreporter auf den Auslöser seiner  Kamera drückte, bereute Ebert für den Rest seines Lebens.

Seine zahlreichen politischen Gegner überkugelten sich vor Entzücken über diese Steilvorlage, die Sozialdemokraten lächerlich zu machen.

Das Volk, bis vor Kurzem noch mit einem Kaiser begabt, der sich in der Kunst der Selbstdarstellung auskannte, erfolgreich sein zu kurzes Ärmchen versteckte und sich stets in Hunderten prachtvoller Uniformen zeigte, erblickte schockiert zwei Herren in den besten Jahren, die aussahen, als stünden sie in nassen Unterhosen da. Deutlich ohne Zwickel …

Das sollten die Führer des Vaterlandes sein? Um Himmels Willen! Die Amtswürde nahm schweren Schaden.

Reichspräsident Ebert führte nahezu zweihundert Prozesse gegen Beleidigungen  und Verleumdung. In gewisser Weise starb er schließlich sogar daran. Denn trotz einer Blinddarmentzündung wollte er mit der Operation warten, bis ein Revisionsprozess vorbei war …

 

 

 

 

 

 

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