In der Nacht vom 13. auf den 14. Juli 1966 wurden acht Schwesternschülerinnen ermordet

Juli 14, 2021 admin No comments exist

 

In amerikanischen Filmen tragen die richtig Bösen meistens deutsche Nachnamen. (Das wissen wir oft gar nicht, denn wenn die Filme deutsch synchronisiert werden, dann macht der Übersetzer gern russische Namen draus.)

Der Mörder der Schwesternschülerinnen hieß Richard Speck. Natürlich wurde das in seiner Heimat S-pick ausgesprochen. Aber dass er deutsche Wurzeln hatte, war klar.

Specks Leben verlief offenbar ganz nett, solange sein Vater lebte, denn mit dem verstand er sich großartig. Leider starb Vater Speck an einem Herzanfall, als der kleine Richard eben sechs Jahre alt war.

Seine Mutter heiratete bald wieder. Richards Vater war freundlich, gemäßigt, sittsam und enthaltsam gewesen. Der Stiefvater soff wie ein Loch, misshandelte Richards Mutter, seine kleine Schwester und am meisten den Jungen – vor allem seelisch. Er zeigte ein großes Talent, Menschen zu demütigen, zu erniedrigen und zu entmutigen. Er verhöhnte den kurzsichtigen Stiefsohn, der eigentlich eine Brille benötigte, sich jedoch schämte, die zu tragen, nachdem der neue Vater ihm sagte, er sähe damit idiotisch aus. Richard hatte sowieso Probleme im Unterricht, weil er aus Schüchternheit kein Wort hervorbrachte. Zusätzlich erkannte er nun auch nicht, was an der Tafel stand. (Er verzichtete sein gesamtes restliches Leben auf die Brille.)

Richard Speck brach die Schule mit sechzehn ab – da war er bereits ein Kleinkrimineller. Er hatte mit 12 angefangen, Alkohol in großen Mengen zu trinken, war als 13jähriger zum ersten Mal, wegen Hausfriedensbruch, verhaftet worden und anschließend immer wieder, aufgrund der verschiedensten Vergehen.

Mit 19 begegnete er der 15jährigen Shirley, die nach drei Wochen schwanger war und geheiratet werden wollte. Im Juli 1962 kam Tochter Robbie Lynn Speck zur Welt. Ihr Vater saß gerade 22 Tage Haft wegen Prügelei unter Alkoholeinfluss ab. Doch weder läuterte diese Strafe sein Gemüt, noch erfreute die neue Familie sein Herz. Vielleicht hätte er gern alles richtig gemacht, wenn er gewusst hätte, wie.

Stattdessen nahm seine kriminelle Karriere Fahrt auf. Als er seinen zwanzigsten Geburtstag feierte, war er bereits 40 mal verhaftet worden. Auf einem Parkplatz attackierte er eine Frau mit einem Messer, türmte jedoch, als sie laut kreischte. Die Polizei war schnell zur Stelle und fing ihn ein. Er wurde zu sechzehn Monaten Gefängnis verurteilt, kam jedoch durch einen Irrtum nach sechs Monaten schon wieder frei.

Ab und zu versuchte er es auf ehrliche Art, aber es funktionierte nie: Mehrfach hatte er einen Job  schon so gut wie sicher – und dann zog man doch wieder einen anderen Anwärter vor. Er hasste das Schicksal, das Leben und vielleicht sich selber. Im Januar 1966 ließ Shirley Speck sich scheiden, während Richard im selben Monat bei einer Kneipenrauferei einen Mann mit dem Messer niederstach. Das wurde als schwere Körperverletzung bezeichnet – aber da Richards Mutter einen guten Anwalt besorgte, schließlich auf eine Anklage wegen Ruhestörung reduziert. Speck hatte 10 $ zu bezahlen und durfte seiner Wege gehen.

So, wie das Leben ihm keine solide Chance zu gönnen schien, so lächerlich gering waren viele Strafen, die er für seine Verbrechen erhielt . Beide Tatsachen schickten ihn immer steiler auf der Abwärtsspirale hinab. Er brach bei einer 65-jährigen Frau ein, die gerade 2,50 $ für’s Babysitten verdient hatte. Sie beschrieb ihn später als über 1.80 großen Weißen, der leise und höflich mit ihr sprach, sie mit einem Messer bedrohte und ihre Wohnung nach Bargeld durchwühlte. Als er keins fand, vergewaltigte er die alte Dame und schnappte sich die 2,50 aus ihrer Handtasche.

Eine Woche später beging Richard Speck seinen ersten Mord – vielleicht noch ungewollt. Er versetzte einer Bardame einen Schlag in den Unterleib, was die nicht überlebte, weil ihre Leber riss. Zwar wurde er als Verdächtiger verhört, doch vor einer zweiten Befragung rettete er sich in einen anderen Staat Amerikas zu seiner Schwester. Deren Mann hatte Mitleid mit dem Pechvogel von Schwager: er besorgte ihm einen guten Job auf einem Schiff. Das klappte ausnahmsweise mal sofort, Richard nahm Abschied von der Familie, packte und freute sich darauf, ein neues Leben anzufangen und neue Länder kennenzulernen. 

Drei Tage später holte ihn allerdings ein Hubschrauber von Bord, denn er litt unter fürchterlichem Bauchweh und musste sofort von seinem Blinddarm befreit werden. Das Schiff fuhr ohne ihn weiter – und alle anderen Jobs dieser Art, die sein Schwager ihm zu besorgen versuchte, klappten nicht mehr.

Im Krankenhaus hatte Richard eine nette junge Lernschwester kennengelernt und erfahren, dass sie mit anderen Mädchen in einem Schwesternwohnheim lebte. Ursprünglich, sagte Speck später vor Gericht, wollte er die Mädchen nur ausrauben. Aber er hatte den ganzen Tag getrunken, er war wütend und er hatte sein Messer und eine Pistole bei sich. Es schien ihm zu gehen wie dem Fuchs im Hühnerstall, den der Blutrausch überkommt .

Er drang nachts in das Wohnheim ein, fesselte die neun Mädchen und holte sie, eine nach der anderen, in ein Nebenzimmer, um sie zu quälen und zu töten. Die letzte vergewaltigte er, bevor er sie ermordete. Acht junge Lernschwestern verloren so ihr Leben. Die neunte schaffte es, sich trotz ihrer Fesseln unter ein Bett zu schieben und dort zu verstecken. Vielleicht hatte Richard nicht mitgezählt – er vergaß jedenfalls die neunte Schwester und verließ das Haus. Das war für ihn fatal, denn die Überlebende konnte ihn genauestens beschreiben, vor allem die Tätowierung auf seinem Unterarm: Born To Raise Hell – Geboren, um die Hölle zu entfachen.

Drei Tage später wurde ein Selbstmörder in eine Klinik eingeliefert, der versucht hatte, sich die Pulsadern an beiden Armen aufzuschneiden. Der behandelnde Arzt meldete der Polizei, was auf einem der zerschnittenen Unterarme zu lesen stand.

Diesmal kam Richard Speck verständlicherweise nicht so billig davon. Er wurde zum Tod auf dem elektrischen Stuhl verurteilt. 

Jedoch ein weiteres Mal schien das Schicksal kein besonderes Interesse an ihm zu haben. Kurz vor der Hinrichtung erklärte nämlich der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten die Todesstrafe für verfassungswidrig. Specks Strafe wurde umgewandelt in Gefängnisaufenthalte für mehr als 150 Jahre. Aber so lange blieb er nicht dort. Er starb, wie sein Vater, an einem Herzanfall, einen Tag vor seinem 50. Geburtstag.

Übrigens wurde er lange als typischer Vertreter eines verbrecherischen, brutalen, bösartigen Mannes mit zwei Y-Chromosomen (XYY-Syndrom) gehandelt.

Das war die Theorie, dass toxische Kerle ganz besonders toxisch wären, je mehr Männlichkeit sie beherbergten. Doch später stellte die Wissenschaft eindeutig  fest, dass Richard Speck nur die gehörige Anzahl normaler Chromosomen in seinem Blut besaß. Er war einfach ein unglücklicher Mensch, der sich sein Leben lang praktisch damit beschäftigte, andere Menschen noch unglücklicher zu machen. Wenn es möglich gewesen wäre, ihm rechtzeitig zu helfen, hätten eventuell viele Andere gerettet werden können. Aber vielleicht ist so etwas nicht möglich.

Glücksfaktor, manchmal: rechtzeitig ein Versteck zu finden …

 

 

 

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.