Kann man Corona lieben?

Januar 14, 2022 admin No comments exist

Also Goethe konnte Corona gut leiden. Und das war ja auch kein Wunder, denn sie war nicht nur eine hübsche Person, sie sang auch wie eine Nachtigall – unter anderem.

Corona Schröter wurde am 14. Januar 1751 geboren als älteste Tochter eines Regiments-Oboe-Spielers, der seine vier Kinder mit Vehemenz zu Musikern erzog. Papa, aus bescheidenen Verhältnissen, aber ehrgeizig, feilte unermüdlich und unerbittlich an Coronas Stimme herum, die er unbedingt zu einem Organ der Superklasse schulen wollte. Bis er sie, nach Meinung zeitgenössischer Experten, einigermaßen versaut hatte, indem er das Mädchen zwang, zu jung zu viel zu hoch zu singen. Ihr erster Bühnenauftritt fand 1746 in Leipzig statt, da war Corona 13 Jahre alt. Ein Zeitgenosse beschreibt sie als ‚Schön von Angesicht und von Gestalt, liebenswürdig und klug, vielfach gebildet, mit mannigfaltigen Talenten gesegnet.‘

Auf diesem Portrait ist sie sichtlich ein wenig älter als dreizehn.

In Leipzig lernte Corona Johann Wolfgang von Goethe kennen, zwei Jahre älter, ebenfalls mordsmäßig attraktiv, ebenfalls ungewöhnlich und vielseitig begabt: Er galt später als Universalgenie, auch, weil er so viel wusste. Inzwischen heißt so was Multitalent oder Überflieger und kriegt irgendeinen Nobelpreis. Corona war natürlich kein Universalgenie – die gab es nicht in weiblicher Fassung. 

Dabei hatte die junge Dame einiges zu bieten. Sie beherrschte vier Sprachen, sie zeichnete und malte professionell (als sie Mitte zwanzig war, gab es in Weimar eine vielbeachtete Ausstellung ihrer Werke) sie spielte mehrere Instrumente, darunter Chembalo und Gitarre vollendet, sie komponierte und sie muss eine ungewöhnlich brillante Schauspielerin gewesen sein. Sie zeigte eigene modische Ideen und kleidete sich bereits ein wenig (Jahrzehnte ihrer Zeit voraus) im ‚griechischen Stil‘, was heißt, sie tat sich kein Korsett an. Wahrscheinlich, weil sie sich’s leisten konnte, von losem Stoff umschlabbert zu werden und immer noch stromlinienförmig zu wirken.

Als ihre Singstimme mit Anfang zwanzig deutlich nachließ, vermittelte ihr Freund Johann Wolfgang Goethe, (inzwischen dicke mit dem Herzog Carl August von Weimar und nicht nur dessen Minister, sondern auch Leiter des Hoftheaters), ihr einen Job auf ebendieser Bühne. Sie wurde für fast ein Jahrzehnt der Star des Theaters.

Goethe bedichtete sie schmeichelnd in einem Poem, eigentlich einem Nachruf auf einen verstorbenen Schauspieler:

Ihr Freunde, Platz! Weicht einen kleinen Schritt!
Seht, wer da kommt und festlich näher tritt!
Sie ist es selbst – die Gute fehlt uns nie –
Wir sind erhört, die Musen senden sie.
Ihr kennt sie wohl! sie ist’s, die stets gefällt:
Als eine Blume zeigt sie sich der Welt;
Zum Muster wuchs das schöne Bild empor,
Vollendet nun, sie ist’s und stellt es vor.
Es gönnten ihr die Musen jede Gunst,
Und die Natur erschuf in ihr die Kunst.
So häuft sie willig jeden Reiz auf sich,
Und selbst dein Name ziert, Corona, dich.

Außerdem schrieb er die „Iphigenie auf Tauris“ für sich selber als Orest und Corona in der Titelrolle, 1779 uraufgeführt. Hier haben wir ein Portrait der beiden von Georg Melchior Kraus, gewissermaßen ein Standfoto der Premiere. Von Corona erkennt man nicht übertrieben viel, das Universalgenie zeigt sich mit gelöstem Zopf und nackerten Beinchen und es sieht so aus, als weiche er ein wenig vor ihr zurück.


In Wirklichkeit war es eher umgekehrt. Der Meister verknallte sich nicht ungern in hoffnungslose Fälle, ein vorsichtiger Jungfrau-Geborener. Eigentlich gehörte sein Herz in dieser Zeit Charlotte von Stein, Hofdame der Frau des Weimarer Herzogs. Die war schön und kühl und beherrscht, Steinbock-Frau halt. Zwischendrin also Corona, auch Steinbock, die er ‚Crone‘ nannte und von der er ausgerechnet Charlotte von Stein klagte: „Die Schröter ist ein Engel – wenn mir doch Gott so ein Weib bescheren wollte, dass ich Euch könnt´ in Frieden lassen.“ Denn Frau von Stein war verheiratet, das ging also nicht und gestaltete sich platonisch. Corona war zwar nicht verheiratet, wollte aber nicht: auch platonisch. 

Goethe konnte bei der einen wie bei der anderen in aller Ruhe gefahrlos leiden, seine Leidenschaft sublimieren und seinem Tagebuch anvertrauen: „Bis 10 Uhr bei Cronen. Nicht geschlafen. Herzklopfen und fliegende Hitze“. 

So was in der Art erlebten verschiedene Herren in Frau Schröters Gegenwart. Sogar Herzog Carl August selbst – hier in der Mitte zwischen Corona und Goethe – war entflammt. Das nützte ihm

genau so wenig. Darüber wurden ganze Abhandlungen geschrieben – wie kam es nur, dass sie so kühl und konsequent sämtliche männlichen Bewerber, ob ehrenhafte oder schmuddelige, ablehnte? Keiner konnte es begreifen.

Im 21. Jahrhundert sind wir schlauer und wissen sofort, was los war. Coronas große Liebe hieß Wilhelmine Probst. In deren Armen starb sie 1802 an Tuberkulose, erst 51 Jahre alt. Goethe widmete ihr einen kurzen, etwas schmallippigen Nachruf, inzwischen verheiratet mit Christiane Vulpius und offenbar fertig mit dem nutzlosen Rumgeschwärme.

Glücksfaktor: Wenn man einfach sagen kann, ‚dein Name ziert, Corona, dich‘ …

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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