Lernen lässt sich alles (bloß Entspannen manchmal nicht)

Juni 11, 2020 admin No comments exist

Eigentlich hab ich in diesem Leben ziemlich viel gelernt.

In der Schule am wenigsten – für mich persönlich war Schule keine besonders gute Art der Wissensvermittlung. Allein das zwanghafte Jeden-Tag-hingehen-müssen hat mir die Sache restlos versaut. Ich hab geschwänzt, krank gefeiert und mich dem Unterricht verweigert, wo ich konnte. Lesen hatte ich mir lange vor Schulbeginn selbst beigebracht und von da ab alles geschmökert, was mich interessierte. Offenbar bin ich der geborene Autodidakt. (Etwas, das ich tatsächlich nur in der Schule lernte, war ein wenig Latein, da gefiel mir gut wegen seiner Geschichtsträchtigkeit.)

Abgesehen von meiner Berufsausbildung, in der ich gelernt hab, mit Sprache umzugehen, ist mir Kochen, Backen, Nähen, Stricken, Sticken, Autofahren und Gottesdienstehalten vermittelt worden, Lackieren, Möbel entwerfen und bauen, Sofas, Sessel und Lampenschirme beziehen. Ein bisschen Illustrieren und Aquarellmalen (danke, Harriet!), Tierhaltung von Mäusen über Hunde, Katzen und mehrere Aquarien: angefangen bei zermatschten Pflanzen und sterbenden Fischen bis zu kristallklarem Wasser und eigenen Züchtungen. Haare schneiden, jedem, Männlein wie Weiblein oder langhaarigen Hunden.

Ich hab Reiten gelernt, auf ‘englische’ und ‘Western’-Art, Radfahren (was meine Eltern beide nie beherrschten und deshalb sehr bewunderten), Schwimmen (keineswegs aus Begeisterung, sondern aus Prinzip, und da war ich schon ziemlich alt).

Ich kann notfalles aus dem Stehgreif Reden halten oder predigen – obwohl ich mich schon ganz gern vorbereite – ich kann Leute verhauen, das kann ja auch nicht jeder, Zuhören, Es-gut-sein-lassen (nicht immer, aber oft. Das ist eine der wichtigsten Voraussetzungen, gut mit Männern auszukommen.) Ebenso kann ich loslassen, eventuell auch eine Sache der Veranlagung. Loslassen, wohlgemerkt, von Menschen, Ideen, Sorgen, Sicherheiten.

Wie’s aussieht, gibt es drei Sachen, zu denen ich nicht in der Lage bin: Bügeln, Frühstück machen und mich entspannen.

Punkt eins ist modisch sowieso nicht mehr gefragt. Punkt zwei wird von anderen freundlichen und kompetenten Geschöpfen übernommen.

Punkt drei ist mir ein Problem.

Ich stehe unter ständiger Anspannung. Das ist in vielen Beziehungen nützlich und wünschenswert, aber manchmal zuviel. Ich kann mich noch so sehr anstrengen, mich zu entspannen, mit aller Kraft – es wird nichts.

Meine Mutter war ebenso straff gespannt, aber zufrieden damit. Sie liebte es, andere Leute zu scheuchen und wurde damit kerngesunde 99.

Ich würde gern mal entspannen, wirklich. Manchmal gelingt es mir. Was ich benötige, ist GUTER Tee, Barockmusik und eine volle Badewanne. Dann kann ich so was Ähnliches wie locker lassen. Für sechs oder sieben Minuten.

Meditieren? Wenn ich ab Morgen damit anfangen will, dann passieren eine Woche lang Sachen, die mich täglich davon abhalten, leider.

Dann klappt es aus irgendeinem Grund tatsächlich. Nichts hindert mich – obwohl ich misstrauisch darauf warte. Ich setze oder lege mich hin und schließe die Augen. Dann klappe ich sie wieder auf, weil mir etwas Wichtiges einfällt, das noch zu erledigen ist. So, aber jetzt! Tief atmen – was muss ich machen, wenn ich zuende meditiert hab? Darüber sollte ich jetzt nicht nachdenken. Wieviel Minuten hab ich schon meditiert? Anderthalb. Das ist, alles in Allem, ziemlich langweilig. Wie lange muss ich noch?

Manchmal kriegen meine Körperzellen in so einem Fall mit, dass plötzlich Ruhe herrscht. Kennen sie nicht. Sie gucken sich verdutzt an und begreifen dann: Hey, Pause! Dann schlafen sie allesamt ein, ich immer mit.

Was ich auf den Tod nicht ausstehen kann, ist das Modewort spannend. Ich kriege Zustände, wenn man mir einen ‘spannenden’ Abend wünscht oder einen ‘spannenden’ Urlaub oder ein ‘spannendes’ Neues Jahr. Danke, nein! Wünscht mir bitte einen ENTSPANNTEN Tag …

Glücksfaktor: Zuversicht. Entspannen lerne ich bestimmt eines Tages auch noch …

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