Lies mich! oder Der verlorene Sommer

Dezember 14, 2018 admin No comments exist

 

Eines Morgens im Februar wachte mein Bruder auf und meinte, er sei Jesus. 

Mein Vater war ziemlich verstört, als er das erfuhr – nicht, weil er in Konflikte geriet, ob er sich nun für Josef oder für den Heiligen Geist halten sollte, sondern weil er meinem Bruder soeben eine teure Umschulung zum Gebrauchsgraphiker bezahlt hatte. Mit der Ausbildung hatte Tim gerade angefangen. Nun erklärte er, er müsse umherziehen und das Leid aller Menschen auf sich nehmen.

Mein Vater erzählte mir später, dass er einen Wutanfall bekam, während Tim sanftmütig vor ihm stand und ihn segnete.

Ich hätte meinen kleinen Bruder vielleicht überreden können, noch mal über seine Identität nachzudenken. Bedauerlicherweise befand ich mich jedoch genau an diesem aufregenden Dienstagvormittag beim Anwalt in Hamburg.

Ich machte gerade die schmerzliche Endphase meiner Ehe durch (leider schon der zweiten) und hatte Ruhe und Trost am väterlichen Herd gesucht. Beides war dünn gesät: als ich mittags nach Hause kam, betrachtete ich sprachlos die zertrümmerte Küche.

Mein Vater erklärte, dass Tim so außer sich geraten war, nachdem es an der Tür klingelte. Dabei wollte der Postbote eigentlich nur fragen, ob wir ein Päckchen für die Nachbarn annehmen könnten. Mein Bruder, eben noch milde und abgeklärt, regte sich plötzlich fürchterlich auf. Papi war außerstande, ihn zu bändigen und rief in seiner Verzweiflung den Notruf an. Er hatte Angst, Tim würde den Rest des Hauses verwüsten und sich womöglich dabei wehtun.

Er schilderte mir, wie zwei riesengroße Krankenpfleger Jesus abholten. Auf dem Gartenweg hätte Tim noch gebrüllt, er würde Feuer und Schwefel regnen lassen …

Glücksfaktor: einer der besseren Romane meiner geschätzten Kollegin Diana Seidel …

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