Paris und der Apfel

Februar 15, 2021 admin No comments exist

Nein, nicht die Stadt, sondern der griechische Hirte.

Die Geschichte spielt im antiken Griechenland und fängt so an: König Peleus lud zu seiner Hochzeit mit der Nymphe Thetis alle Götter des Olymp ein. Alle bis auf eine, nämlich Eris, die Göttin der Zwietracht. Nun ist vielleicht einzusehen, dass jemand auf seiner Hochzeitsfeier am liebsten nur Friede, Freude und Tortenschichten haben möchte – aber ausgerechnet diese Göttin zu brüskieren, war nicht sehr geschickt.

Eris, zutiefst verärgert, schlich sich zum Palast des Peleus, lauschte einen Moment dem Gerede, Gelächter, Gläserklirren und der Musik, fühlte sich total gemobbt und kollerte einen goldenen Apfel über den Marmorboden unter die Gäste. Dann ging sie, böse lächelnd, nach Hause.

Natürlich wurde der Apfel aufgehoben, natürlich las man die Inschrift: Für die Schönste. Ein Hochzeitsgast reichte Göttermutter Hera mit galantem Lächeln das Obst und meinte, das gehöre ja wohl ihr. Aphrodite kam angefegt und fragte, ob sie bitte ihren goldenen Apfel haben könnte. Athene griff über deren Kopf danach, rückte ihren Helm zurecht und machte eine spitzfindige Bemerkung der Art, dass wahre Schönheit mit Intelligenz einherginge und die Trophäe deshalb ihr zustünde. Schon herrschte nicht nur Zwietracht, sondern gleich Trietracht.

Alle drei marschierten zum schmausenden, plaudernden Göttervater Zeus und verlangten auf der Stelle ein Machtwort: Wem gebührte der Apfel? Wer war hier die Schönste? Die Hochzeitsgäste und das Brautpaar standen verlegen drumrum.

Zeus war ja nicht blöd. Jetzt zu antworten hätte bedeutet, es sich mit zwei Frauenzimmern zu verderben, außer, er würde irgendeinen Honig zusammenkleistern, dass einfach jede von ihnen die Schönste sei oder so … Und dann wären alle drei beleidigt gewesen. Nee nee. Also erzählte er etwas in der Art, er stünde den dreien zu nahe, um das beurteilen zu können (mit einer war er verheiratet, die zweite hatte er adoptiert und die dritte war nach einem Anfall heftiger Migräne seinem Haupt entsprungen). Er fand, ein unschuldsvoller Sterblicher sollte darüber so ganz spontan und aus dem Bauch entscheiden, delegierte den Fall damit an den Hirten Paris und widmete sich erleichtert wieder der Hochzeitsfeier.

Hera, Aphrodite und Athene schnappten sich den Streitapfel, verließen die Party, begaben sich auf die Weide, wo Paris, Prinz von Troja, seine Ziegen oder Schafe (in manchen Darstellungen sogar Schweine!) hütete und informierten ihn über seine aktuelle Aufgabe.

Paris war platt. Immerhin sammelte er sich so weit, dass er anregte, die drei Damen möchten bitte ein wenig ablegen, damit er auch wirklich über jeden Zentimeter entscheiden könnte. Und während die Göttinnen sich freimachten, schafften es jede der drei, sich den jungen Schiedsrichter für einen Augenblick alleine zu greifen und ihm dies und das in Aussicht zu stellen – vorausgesetzt, er hätte ein Auge für wahre Schönheit.

Hera, im Falle ihrer Wahl, versprach Paris Ruhm und Einfluss, kurz gesagt die Weltherrschaft. Ein politisch denkender, ehrgeiziger Machtmensch hätte zugegriffen.

Athene lockte mit unendlicher Weisheit, dem Enträtseln aller Mysterien. Ein Denker, ein Sinnsuchender hätte ihr den Apfel zugeworfen.

Aphrodite aber erklärte, sie könne Paris die schönste Frau der Welt beschaffen – und schwupps, wurde sie von ihm zur Siegerin erklärt. Denn der trojanische Königssohn war ein Liebesmann, ein Romantiker, ein sinnlicher, leidenschaftlicher Mensch. Um ehrlich zu sein: Bis zu diesem Zeitpunkt war er heiß verliebt in eine Nymphe namens Oione. Die interessierte ihn auf der Stelle nicht mehr, weil nun etwas noch Begehrenswerteres kommen sollte.

Übrigens hat Shakespeare in seinem Drama Romeo und Julia auch so einen ‚Liebesmann‘ dargestellt. Unser Romeo, vielbesungen als treu bis in den Tod, liebt am Anfang des Dramas bis zur Verzweiflung und indem er seine Freunde damit anödet, eine Rosalinde. Er ist glatt bereit, für sie zu sterben – bis er Julia begegnet. Von da ab weiß er nicht mehr, wer Rosalinde ist, jetzt stirbt er bereitwillig und buchstäblich für Julia. Er lebt konsequent seine Natur.

Aphrodite verspricht Paris keine erfüllte Liebe, kein Miteinander-alt-werden, keine entzückenden Kinder oder auch nur ‚Ihr werdet euch gut verstehen und selten Zoff miteinander haben.‘

Aber vielleicht ist gerade für den leidenschaftlichen Romantiker die hoffnungslose Liebe die erstrebenswerteste? Der köstliche Schmerz der Vergeblichkeit, das süße Feuer der ungestillten Sehnsucht? Würde die Erfüllung alles bieder und langweilig machen?

Bruce Springsteen hat das so schön in einem Lied deutlich gemacht:

At night I wake up with the sheets soaking wet
And a freight train running through the middle of my head
Only you can cool my desire
Ohohoh, I’m on fire

Tatsächlich war Helena, diese Schönste aller Schönen (nein, die bekam keinen Apfel, weil eine Sterbliche und deshalb außer Konkurrenz) seit einer Weile verheiratet. Wie bei Romeo und Julia von Anfang an: Against all odds. Paris musste sie aufwendig entführen und was dabei rauskam war der Trojanische Krieg, zehn Jahre lang.

Was außerdem dabei rauskam war eine unendliche Flut von Gemälden, jahrhundertelang. Drei nackte Göttinnen, die den jeweiligen Schönheitsbegriffen entsprachen, bei Peter Paul Rubens etwa mit Cellulite-Popos, im Barock das coolste, was ein Weib bieten konnte. Jeder Maler gab sich bestimmt Mühe, das Hinreißendste an weiblichen Reizen darzustellen, was ihm aus dem Pinsel floss. Aus unserer derzeitigen Perspektive könnten einige Darstellungen wie Fälle für Brustimplantate und Fettabsaugung wirken. Ideale sind wechselhafte Geschöpfe.

Hätte Paris sich anders entscheiden sollen? Hätten wir es anders gemacht?

Vielleicht bekommen wir alle, bevor wir aus dem Jenseits auftauchen und uns verkörpern, ganz ohne Apfel und Schönheitswettbewerb, einfach nur so, die Frage gestellt, was unser Lebensinhalt sein soll.

Wollen wir Macht und Ruhm? Ist Weisheit das Wichtigste? Oder würden wir uns ebenfalls für unser Leben Romantik und Leidenschaft wünschen? Darf man nur eine Option wählen? Ist jemand so dreist, alles auf einmal zu bestellen? Möchte ein anderer ganz bescheiden nichts von alledem, sondern lieber seine Ruhe? Zufriedenheit – oder Aufregung?

Und wenn wir in der Mitte unseres Lebens sind und uns umblicken – bereuen wir dann unsere Wahl? Wollen wir darum bitten, den Kurs ändern zu dürfen? Das ist die Geschichte von der unglücklichen Erbin, die alles hat, um sich die Welt zu kaufen, aber keine wahre Liebe. Oder Dr. Faustus, der  studierte, was sich nur studieren lässt und nun zwar fast allwissend ist, doch nicht klug genug, um sich der teuflischen Versuchung zu entziehen, als straffer junger Kerl in Verliebtheit und Erotik einzutauchen.

Glücksfaktor: Wenn man mit dem Lauf des eigenen Schicksals zufrieden sein kann …

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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