Syphilis, das unmoralische Übel

April 6, 2020 admin No comments exist

Das ist keine Krankheit, mit der sich angeben lässt oder auf die man stolz sein kann. Deshalb sind immer die anderen dran schuld. Die Italiener nannten sie ‘Morbus Gallicus’, die Franzosen ‘Italienische Krankheit’. In Polen behauptete man, die peinliche Seuche stamme aus Deutschland.

Aber weil genau ab 1493, kaum, dass Columbus mit seiner Mannschaft vom frisch entdeckten Amerika zurück war, die vermeintlich ersten Fälle in einigen Hafenstädten auftraten, wusste man, woher das Übel kam: von den Indianern, diesen Ferkeln!

Ruy Diaz de Isla, ein spanischer Arzt, war zutiefst überzeugt davon. Er beschrieb 1515, wie er ein paar Leute von der Schiffsmannschaft des Columbus im Jahr 1493 behandelt hatte und dass er nie vorher etwas gesehen habe wie ihre syphilitischen Geschwüre, unzweifelhaft Reisemitbringsel.

Andererseits kann das so nicht stimmen. Der Arzt Hippocrates, der nachweislich nicht mit an Bord war, als Columbus die Neue Welt entdeckte, sondern um 400 vor Christi in Griechenland praktizierte, wusste bereits von diesem delikaten Leiden und hat es ausführlich beschrieben.

Außerdem wurden englische Mönche des 13. Jahrhunderts ausgebuddelt, deren Skelette offensichtlich von der Lustseuche gezeichnet waren. Was dafür spricht, dass die frommen Männer erstens die Sache mit der Enthaltsamkeit nicht so genau nahmen – und es zweitens die Syphilis schon gab. Ganz ohne indianische Hilfe.

Die Vermutung geht dahin, dass der Erreger um 1495 herum aus irgendeinem Grund mutierte und sehr viel aggressiver wurde. Denn tatsächlich gab es bald kaum noch eine prominente Seele (von unbekannten Personen ganz zu schweigen), die sich nicht ansteckte und über kurz oder lang voll hässlicher Geschwüre herumlief.

Syphilis ist ungewöhnlich ansteckend. Und ja – man kann sich auch anders anstecken – durch kleine Wunden an sittsamen Stellen – es gibt die merkwürdigsten Zufälle. Doch wenn wir ganz ehrlich sind, wissen wir genau, wie dieses Leiden normalerweise übertragen wird. Es gehört nun mal zur großen, glücklichen Familie der Geschlechtskrankheiten.

Ausgerechnet 1494, Columbus war kaum aus Amerika wieder da, hatte der französische König Karl VIII. den Einfall, sich Neapel einzuverleiben. Seine Streitmacht bestand vor allem aus bunt zusammengewürfelten Söldnern, Männern von überallher, die für Geld kämpften und nicht aus politischer oder vaterländischer Überzeugung: ‘This Gun’s for hire’. Das war ein ganz bestimmter Menschenschlag – kurz gesagt keine sensiblen Asketen. Während der Belagerung und Besatzung Neapels gab es sehr bald kaum noch einen wackeren Soldaten ohne Erstsymptome. (Und wer sich fragt, wie sich der Erreger verteilte: Es lebten viele Marketenderinnen und Wanderhuren bei so einem Heer.) Eine wunderbare Brutstätte. Von hier aus überzog die Syphilis zuerst Mittel- und Norditalien und dann sämtliche Herkunftsländer der Söldner. Für rund fünfzig Jahre, bevor sie sich ein wenig beruhigte, tobte die Seuche sich in Epidemien ungebremst in Europa aus und hatte Spaß. Die Patienten hatten erst Spaß und dann die Seuche.

Astrologen zumindest wussten sofort, woran es lag. 1484 war wieder mal diese seltene Konjunktion von Saturn und Jupiter entstanden, ausgerechnet im Skorpion, zuständig für das Geschlechtliche!

Die Kirche wusste ebenfalls, was der Grund war. In diesem Fall ja wohl wirklich laut und deutlich die Sündhaftigkeit der Menschen!

Durch diese scharfe Verurteilung übrigens traute sich die Wissenschaft über lange Zeit nicht so recht, daran herumzuforschen. Schließlich waren die Patienten alle selbst schuld. Vielleicht auch deshalb dauerte es ewig, bis die Menschheit sich aus dieser Patsche helfen konnte.

Lange existierte keine vernünftige Behandlungsmethode. Die Ärzte verabreichten den Erkrankten jahrhundertelang Quecksilber, weil sie hofften, damit die Symptome auf der Haut zu lindern. Durch die Schwermetallvergiftung bekamen die Patienten blaues Zahnfleisch – Zahnausfall – Durchfall – Nierenfunktionsstörungen bis zum Nierenversagen – Sprachstörungen – Sehstörungen und unkontrollierbares Zittern. Eigentlich schien der Zustand unter Behandlung nicht erheiternder als ohne. Da war es eventuell besser, sein Leben enthaltsam zu verbringen. Oder jedenfalls nicht zum Arzt zu gehen …

Über Jahrhunderte folgte der Sünde die Strafe. Bestraft waren beispielsweise Papst Alexander VI (und etliche andere Päpste), Beethoven, Chopin, Dürer, Gauguin, Heine, Katharina die Große, Maupassant, Nietzsche, Paganini, Rembrandt, Schopenhauer, Schubert, Schumann, Toulouse-Lautrec, Wallenstein und Oscar Wilde … Es ist kaum möglich, alle aufzulisten, die sich angesteckt haben.

Die dänische Schriftstellerin und afrikanische Kaffeefarmerin Karen (Tanja) Blixen hatte eine besondere Beziehung zur Syphilis. Ihr Vater infizierte sich mit der Geschlechtskrankheit und erhängte sich, nachdem er die Diagnose erhielt – da war Karen zehn Jahre alt. Sie verliebte sich als junge Frau unglücklich in ihren Kusin Hans von Blixen und heiratete 1914, sozusagen als Ersatz, dessen Zwillingsbruder, etwas wie einen Schatten des Mannes, der sie eigentlich interessierte. Sein Vorname war Bror, das heißt auf Dänisch Bruder, und es scheint, als hätte er tatsächlich überwiegend aus Schatten bestanden. Karen schilderte ihn später als charmant und witzig. Doch er war vor allem leichtsinnig und verantwortungslos. Baron Bror von Blixen überließ seiner Frau praktisch insgesamt die Arbeit auf der Kaffeefarm. Er widmete sich inzwischen der Jagd und anderen Frauen, gern auch Prostituierten. Sie waren noch kein Jahr verheiratet, da holte er die Syphilis ins Haus. Karen ließ sich in Dänemark mit den damals verfügbaren Mitteln behandeln, Quecksilber und Salvarsan (eine Arsenverbindung) – also beides Gifte mit schweren Nebenwirkungen. Zwar wurde die Krankheit im zweiten Stadium zum Stillstand gebracht, aber nicht völlig geheilt. Ihr Rückenmark war angegriffen und sie litt ihr Leben lang unter heftigen Schmerzen, Krämpfen und Verdauungsbeschwerden. 1946 und 1955 unterzog sie sich jeweils einer Chordotomie; dabei wurde eine schmerzleitende Nervenbahn zwischen Rückenmark und Magen durchgetrennt. Das brachte eine gewisse Erleichterung.

Syphilis, wenn unbehandelt, verläuft genießerisch in verschiedenen Stadien und macht dazwischen Kunstpausen. Es fängt mit schmerzlosen Geschwüren an, die dort sitzen, wo gesündigt wurde. Dazu schwellen die Lymphknoten drohend an. Wochen oder erst Monate später kommt es zu Hautausschlägen, die den ganzen Körper bedecken können. Manchen Patienten fallen die Haare aus oder sie bekommen Augenentzündungen. Das dauert vielleicht vier Monate, dann erfolgt die nächste Pause, ein Stillstand womöglich für Jahre. Inzwischen verbreiten sich die Erreger im ganzen Körper. Sie befallen alle inneren Organe, Blutbahnen und Lymphknoten, Magen, Leber, Knochen und Muskeln. Gummiartige Knoten bilden sich an Haut und Schleimhaut, auch große Geschwüre. Im Gaumen entsteht gern ein immer weiter werdendes Loch, ein Zugang zur Nasenhöhle. Dann kommt es zu Entzündungen im zentralen Nervensystem, im Gehirn und Rückenmark. Die Beine gehorchen nicht mehr (in der Literatur des 19. Jahrhunderts werden gern Spätsyphilitiker beschrieben, die ungewollt nach hier und dort torkeln). Die Schließmuskeln geben auf, was Windeln erfordert. Das Sprachzentrum ist gestört – und zuletzt weiß man Gottseidank sowieso nicht mehr, was los ist …

Aber dann kam der schottische Bakteriologe Alexander Fleming! Im September 1928 entdeckte er durch Zufall, dass Schimmelpilze der Gattung Penicillinum, die aus Versehen in eine Staphylokokken-Kultur geraten waren, den Bakterien gar nicht gut taten. Er erforschte die Sache gründlich – und landete beim ersten Antibiotikum, dem Penicillin. Wofür Fleming 1945 sehr zu Recht den Nobelpreis bekam.

Dazu wäre zu sagen: Peniccillus gehört zur Gattung der Schlauchpilze. Diese Mikroorganismen besitzen Fortpflanzungsorgane, doch, wirklich! und haben Sex. Sie bilden ziemlich niedliche Geschlechtszellen, die Gameten heißen, und können gewissermaßen mit einer Pilzin Nachwuchs anfertigen. Kein Wunder also, dass ausgerechnet solche Geschöpfe Sinn dafür haben, die Syphilis zu bekämpfen.

Immer noch ist die Seuche weltweit verbreitet. In Industrieländern sind vor allem die Großstädte betroffen und hier besonders homosexuelle Männer. Die WHO schätzt die Zahl der Neuerkrankungen auf ungefähr zwölf Millionen Fälle jährlich. Die meisten Ansteckungen gibt es in Entwicklungsländern.

Im Ganzen kann man jedoch sagen, dass Flemings Entdeckung ein ungeheurer Segen für die sündhafte Menschheit war …

Glücksfaktor: Pilze mit Verständnis für Leidenschaft und Romantik!

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