Waldfriedhof in Hanerau

Oktober 9, 2019 admin No comments exist

Immer, wenn ich nach Eiderstedt hochgefahren bin, sah ich das Schild: GESCHLECHTERFRIEDHOF. Und hab drüber nachgedacht, was für Körperteile da wohl begraben liegen.

Da sagt Maren kürzlich zu mir, sie will zum Geschlechterfriedhof, auf dem ihre Eltern und weitere Vorfahren liegen, und dort Ordnung machen! Und ob ich mitkommen möchte, helfen.

Das ist übrigens ein anderer als der auf dem Schild. Aber nicht weit entfernt davon: der eine liegt in Lunden, der, zu dem wir gefahren sind, in Hanerau.
Der in Lunden heißt so, da dort alte Bauerngeschlechter ruhen. Und der Waldfriedhof in Hanerau, weil die Toten sittsam getrennt bestattet sind:

Ich bin morbide. Ich mag Beerdigungen und Grabsteine und so was. Theodor Storm hatte übrigens auch Sinn dafür. Er liebte das Fleckchen und sitzt immer noch am Eingang des Friedhofs, lebensgroß in Bronze.

An diesem herbstlichen Tag mit Blättern auf den Schultern und einem großen Tropfen an der Nase.

Wer hier liegen möchte, muss viele strenge Vorschriften beachten, sonst wird er wieder entfernt:

Manchmal kennt man Menschen schon eine ganze Weile und erfährt auf einmal Neues über sie. Mir wurde plötzlich bewusst, dass Maren blaues Blut hat, baronisches, vonseiten ihrer Mama. Und da liegen alle ihre adeligen Ahnen, beispielsweise Onkel Rudolf-Heinrich, der Rittmeister …

Wir waren emsig, denn Maren hatte sich für zwei oder zweieinhalb Stunden Regenpause ausgebeten und in dieser Zeit waren drei Gräber zu begöschen. (Begöschen: Norddeutsch, besorgen, beschwichtigen, in Ordnung bringen)

Wir glitschten auf dem lehmhaltigen Friedhofsweg wie auf eisigen Winterpfützen. Rupften altes Grünzeug und Moos raus und pflanzten neues Grünzeug rein. Im Lauf der Arbeit bekam ich ein vertrauteres Verhältnis zu Marens Verwandtschaft. Am Anfang sagte ich noch: “Die alte Frau von Kalben benötigt mehr Immergrün neben dem Stein!” – später dann: “Omi könnte doch die kleinen gelben Blumen in die Mitte kriegen?”

Eine große, schöngemusterte Kröte hüpfte in unsere Nähe. Nun konnte sie so schöngemustert sein wie sie wollte, sie war immer noch eine Kröte. Oder eher ein Kröterich, so, wie er uns anschaute. Wir versicherten ihm, dass wir keinen Bedarf an Prinzen hätten, worauf er resigniert im Grünzeug verraschelte.

Es regnete wirklich zweieinhalb Stunden lang nicht, bis wir fertig waren. Maren hatte mir erzählt, wie unendlich ruhig dieses Plätzchen sei – aber das kann ich nicht bestätigen. Die gesamte erste Stunde unserer Grabpflege wurde in der näheren Umgebung fortgesetzt laut geschossen. Außerdem kreiste ein Hubschrauber minutenlang dicht über unseren Köpfen: Kriegsgeräusche. Ich könnte es den Toten nicht verdenken, wenn sie sich (falls diese martialischen Töne öfter vorkommen) geschlossen aus ihren Gräbern erheben und ein ruhigeres Plätzchen suchen würden.

Wir unsererseits suchten uns nach getaner Arbeit ein schönes Restaurant. Man verliert ja beim Buddeln immer so viel Kalorien …

Glücksfaktor: In Schleswig-Holstein zu leben, finde ich. Solange es durch die steigenden Meeresspiegel noch nicht abgesoffen ist …

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